(Buffalo Tom)
Gute neun Jahre war das US-amerikanische Trio Buffalo Tom nicht mehr live in Deutschland zu sehen. Zwischen den Alben „Smitten" (1998) und „Three Easy Pieces" (2007) gönnte man sich eine nur selten unterbrochene kreative Pause. Im laufenden Jahr erfreuten Tom Maginnis (Schlagzeug), Bill Janovitz (Gitarre, Gesang) und Chris Colbourn (Bass, Gesang) ihre Fans aber nicht nur mit einer neuen Platte, sondern auch mit diversen Liveauftritten. Am 29. November spielte die Bostoner Band zum ersten Mal seit 1998 wieder in Köln (einen Konzertbericht findet ihr hier) und hinterließ der Domstadt beim einzigen Deutschlandkonzert anderthalb denkwürdige Auftritte.
Zwischen einem kleinen Akustikgig bei ’Normal-Records’ und dem abendlichen Auftritt im ’Prime Club’ bot sich für Musicheadquarter die Möglichkeit zu einem Gespräch mit Chris Colbourn. Mit dem Buffalo Tom-Gründungsmitglied sprach Sascha Knapek.

Buffalo Tom (v.l.n.r.): Bill Janovitz, Chris Colbourn und Tom Maginnis.
Ihr habt als Band eine ziemlich lange Pause gemacht. Um was genau handelt es sich jetzt: ein Comeback, eine Reunion...? Offiziell hat Buffalo Tom sich ja nie wirklich aufgelöst.
Chris Colbourn: Ehrlich gesagt ist es ein bisschen was von allem. Einerseits ist sehr viel Zeit vergangen, andererseits ist es doch eine gewisse Kontinuität. Bis 1999 haben wir sechs Platten gemacht, dann brauchten wir einfach eine Pause. Gleichzeitig wollten wir allerdings noch Compilations veröffentlichen („A-Sides", „Besides"..., d. Red.) und waren mit diesen noch ein klein wenig auf Tour. „A-Sides" hat sich z.B. in England auch ganz gut verkauft. Hier und da haben wir auch noch ein bisschen was geschrieben. Eigentlich wollten wir mit Absicht eine Pause machen, aber nicht komplett aufhören. In gewissem Sinn ist es also eine Art Reunion. Außerdem muss man bedenken, dass wir alle in den letzten Jahren Kinder bekommen haben. Insgesamt vier Stück. Für uns selbst haben wir einfach mit dem ständigen Touren aufgehört. Aber weitergeschrieben und ein bisschen gespielt haben wir eigentlich immer. In Boston haben wir ziemlich regelmäßig gespielt.
Vor "Three Easy Pieces" hattet ihr ca. neun Jahre kein Album aufgenommen. Wie kann ich mir den Aufnahmeprozess vorstellen, musstet ihr euch erst wieder aneinander gewöhnen und erneut lernen wie ihr als Band im Studio funktioniert?
Chris Colbourn: Nicht bewusst. Jedes Mal wenn du eine neue Platte aufnimmst, ist das ein anderer Prozess. Im Studio ist eine andere Energie und man befindet sich an einem anderen Punkt in seinem Leben. Wenn ich an unsere mittleren Alben „Let Me Come Over" und „Big Red Letter Day" zurückdenke, dann waren wir damals ununterbrochen auf Tour. Also mussten wir unsere Ideen und Entwürfe schnell zusammenbekommen ohne viel darüber nachzudenken. Beim aktuellen Album war es das genaue Gegenteil. Kein Terminplan, keine Deadlines. Wir haben einfach ein bisschen was geschrieben und das dann an den Wochenenden aufgenommen. Wir müssen das entweder abends machen wenn unsere Kinder im Bett liegen oder an Wochenenden an denen sonst nichts anderes ansteht. Montags geht’s dann ja schon mit unserer regulären Arbeit weiter. Feiertage und Urlaub waren auch noch eine Alternative um ins Studio zu gehen. Außerdem ist es mittlerweile eine ganz andere Zeit als damals. Jetzt nehmen wir alles digital auf, das geht viel schneller als früher. Und viel Zeit zum Üben brauchen wir auch nicht mehr. Wir jammen einfach ein bisschen und schreiben die Songs dann relativ schnell. Es ist ein ziemlich anderer Prozess als früher, hört sich am Ende aber ähnlich an, denke ich.
Bei euren früheren Alben gab es immer eine Menge B-Seiten und Outtakes. Habt ihr diesmal auch Songs aufgenommen die es nicht auf „Three Easy Pieces" geschafft haben?
Chris Colbourn: Das ist eine gute Frage, ich glaube nicht. Wir haben absichtlich immer nur Stück für Stück aufgenommen und hatten am Ende dann um die 14 oder 15 Songs. Es gab also auf jeden Fall ein paar übrig gebliebene Ideen. Bei den letzten Alben hatten wir noch mehr ungenutzte Ideen, aber die haben wir absichtlich außen vor gelassen. Wir hatten keine Lust halbgeschriebene und unfertige Songs von anderen Projekten noch mal aufzuwärmen. Obwohl, ich erinnere mich irgendwo gelesen zu haben, dass „Tatoo You" aus alten Songs der „Goats Head Soup"-Ära (zwei Alben der Rolling Stones, d. Red.) bestand. Und das ist eins unserer Lieblingsalben. Wir schließen so was also nicht kategorisch aus, aber bei diesem Album haben wir uns für einen anderen Weg entschieden.
Habt ihr vor nach dem Touren einen „Three Easy Pieces"-Nachfolger aufzunehmen oder ist eine erneute Pause wahrscheinlicher?
Chris Colbourn: Ich denke eine erneute Pause – auf die eine oder andere Art – ist relativ wahrscheinlich. Eigentlich denken wir aber: „Auf, lasst uns direkt zurück ins Studio gehen und ein bisschen was aufnehmen!" Wir haben keine Lust noch mal neun Jahre zu warten, glaube ich. Wer weiß aus welchem Loch man mich dann rausholen müsste (lacht). Theoretisch werden wir also gleich wieder ins Studio gehen. Es ist allerdings eine ganz andere Zeit heutzutage, die Plattenlabel sind ganz anders als früher. Wir waren daran gewöhnt mit unserer Plattenfirma Hand in Hand zu arbeiten und sowohl finanziell als auch mit großen Teams unterstützt zu werden. Jetzt sind wir oft auf uns allein gestellt. Wir arbeiten zwar mit Plattenlabeln zusammen, aber das sind nicht solche Labels wie früher. Es ist eine ganz andere Welt da draußen.
Vor ein paar Stunden habt ihr in einem Kölner Plattenladen ein kleines Akustikset gespielt. Wie wichtig ist es euch, dass eure Alben auch auf Vinyl erscheinen?
Chris Colbourn: Das ist eine ganz lustige Geschichte. Unsere Platten wurden eigentlich immer auch auf Vinyl veröffentlicht. Dieses Jahr habe ich da gar nicht dran gedacht. Ich sagte dann zu jemand von unserer holländischen Plattenfirma: „Es wäre echt genial wenn wir das Album auch irgendwann auf Vinyl rausbringen könnten." Und sie sagte: „Das haben wir bereits!". Dann zeigte sie mir eine große Box voll mit „Three Easy Pieces"-Schallplatten. Es bedeutet uns eine Menge. Allerdings muss ich gleichzeitig leider auch sagen – obwohl ich Alben liebe und mit ihnen aufgewachsen bin -, dass ich es vollkommen okay finde, dass das herkömmliche Konzept eines Albums tot ist und wir nach vorne schauen und uns auf etwas ganz neues konzentrieren. Das heißt vielleicht auch, dass es bald keine CDs mehr geben wird, dann veröffentlichen wir nur noch einzelne Songs. Das könnte was aufregendes sein, nur noch Songs auf den Markt bringen, gar kein Album mehr. Ich dachte schon immer, dass der Gedanke hinter einem Album etwas komisch ist. Bei Vinyl hatte man um die 35 Minuten Platz, mit der CD wuchs der Platz auf 75 Minuten, dass erschien mir nicht richtig.
Bei iTunes habt ihr einen Podcast den man sich abbonieren kann. Wie ist deine Meinung zur dieser Seite der Industrie (MP3’s, DRM, File-Sharing...)?
Chris Colbourn: Ich glaube Billy beschäftigt sich von uns damit am meisten und denkt wir sollen uns schneller in diese Richtung bewegen. Ich meine, so kaufen wir heutzutage unsere Sachen, speziell unsere Kinder. Es ist ein guter und aufregender Weg. Du lernst all diese neuen Bands kennen und kannst erst mal kurz reinhören. Man muss nicht mehr die große Investition von 20 Dollar für eine CD tätigen. Ich glaube das ist gut, es wird sich immer mehr in diese Richtung entwickeln.
Seit der letzten langen Buffalo Tom-Tour sind einige Jahre ins Land gezogen. Gibt es Sachen bei denen ihr denkt: „Wow, das hat sich wirklich geändert seitdem wir vor fast zehn Jahren mit „Smitten" auf Tour waren!"
Chris Colbourn: Ich glaube nicht, dass sich beim Touren wirklich viel geändert hat. Das ist eine der Sachen die im Vergleich zu früher gleichgeblieben sind. Zumindest was uns betrifft. Wir benutzen keine Sampler oder anderen Schnickschnack, wir spielen Livemusik. Einfach wir Drei, genauso wie vor 25 Jahren als wir uns kennen gelernt haben. Das hat sich nicht geändert und viel Technik benutzen wir sowieso nicht. Ein paar Verstärker und Fußpedale haben sich ein bisschen geändert, aber im Prinzip spielen wir einfach als Trio, genauso wie die Stones früher. In gewisser Weise sind sie unser Vorbild. Es ist eine gute Art und Weise und der Grund warum das Touren oder ein Livekonzert zu besuchen, so eine großartige Sache ist. Obwohl, so eine große Videoleinwand im Rücken zu haben wäre schon schön. Einfach die Mittel zu haben um so was Cooles zu machen. Ich denke, live Musik zu spielen ist etwas das wir immer machen werden.
Stimmt es, dass ihr nächstes Jahr für weitere Konzerte nach Deutschland kommt?
Chris Colbourn: Na ja, was die Zukunft betrifft ist noch nichts sicher. Wir haben jetzt alle einen normalen Beruf und Kinder. Wenn wir unseren Buffalo Tom-Terminplan machen, müssen wir das alles im Hinterkopf behalten. Wir planen also nur vier oder fünf Monate im Voraus. Als nächstes geht’s nach Australien, ein Festival in Barcelona und ein paar Konzerte in den Vereinigten Staaten. Das sind die Sachen die feststehen. Wir versuchen jede Chance zu ergreifen die sich uns bietet, der Sommer ist eigentlich immer ganz gut für ein paar Festivals.
Neben Buffalo Tom habt ihr alle Neben- und Soloprojekte. Wie unterscheidet sich so was von Buffalo Tom?
Chris Colbourn: Ich glaube Tom (Maginnis, der Schlagzeuger von Buffalo Tom, d. Red.) spielt Zuhause mit seinen Freunden. Und das mache ich auch. Ich hab zwar ein Album mit einer Freundin von uns gemacht, aber das war nur ein sehr kleines Projekt. Bill hat da schon eher eine Art reguläre Band. Das wäre ein gute Frage für Bill, ich weiß nicht was für ihn der Unterschied ist, es könnte ein ziemlich großer Unterschied sein. Was mich anbetrifft, ich hatte nur ein kleines Projekt, das nur zwei Wochen gedauert hat und ziemlich anders war als Buffalo Tom. Ich hab mit einer Freundin von mir gearbeitet. Es war schön mal mit einer Frau zu arbeiten. Sie heißt Hilken Mancini, ist sehr talentiert und eine gute Freundin. Wir waren dann ein bisschen auf Tour, letztendlich als Trio, also ein wenig so wie bei Buffalo Tom. Aber weißt du, wenn du für fast 30 Jahre in einer Band bist sprichst du einfach eine gewisse Sprache. Man muss nicht lange rumdiskutieren und viel sagen. Man nickt und ändert hier und da mal ein paar Kleinigkeiten. Selbst auf Tour. Wir haben ziemlich viele Songs im Repertoire, viele davon spielen wir ohne sie vorher geübt zu haben. Wir gucken uns einfach an, sehen wie der Akkord geht und spielen den Song. Warst du beim „In-Store"-Auftritt vorhin?
Ja, hat mir sehr gut gefallen!
Chris Colbourn: Viele der Songs hatte ich vorher noch nie auf der Gitarre gespielt. Aber ich kenne sie, ich gucke schnell mal zu Billy rüber und schon läuft die Geschichte. Ich kenne einfach das schrammelige Gefühl der Buffalo Tom-Gitarren (grinst).
Auf der Stelle könntet ihr also die meisten eurer Songs live spielen?
Chris Colbourn: So ziemlich. Ich meine, es gibt natürlich ein paar Songs die wir ein- oder zweimal üben müssten. Aber viele – mindestens 50 oder 60 Prozent – könnten wir auf der Stelle spielen. Wir touren schon seit so langer Zeit zusammen, da funktioniert so was. Zu weit zurück gehen wir allerdings nicht was die Songauswahl angeht. Manchmal macht es Spaß und Sinn etwas in unserem Katalog zu stöbern, aber oft kennen die Leute diese Songs nicht. Die Zeit aus der die Stücke stammen ist schon lange vorbei. Wir beschränken uns hauptsächlich auf die Singles, viel vom neuen Album und eine Handvoll B-Seiten und Raritäten. Wir spielen vor allem viel von „Let Me Come Over", „Big Red Letter Day" und „Sleepy Eyed", wir lieben diese Platten.
Zu einer neuen Compilation namens „Give Us Your Poor" (mehr darüber erfahrt ihr auf http://www.giveusyourpoor.org/ , d. Red.) habt ihr den Song "Ink Falling (Father Outside)" beigesteuert. Kannst du uns was über das Stück und die Idee dahinter erzählen?
Chris Colbourn: Normalerweise beteiligen wir uns an solchen Benefizsachen nicht sehr oft, es gibt einfach so viele. Wenn wir nicht selbst involviert sind, dann beteiligen wir uns nicht sehr oft. Bei dieser Geschichte wurden wir gefragt einen besonderen Song beizusteuern. Nick Flynn, ein Autor und Dichter der das relativ bekannte Buch „Another Bullshit Night In Suck-City" geschrieben hat, hat das Gedicht „Ink Falling (Father Outside)" geschrieben und wir haben daraus einen Song gemacht. Flynn kommt aus Boston und schrieb über seinen auf der Straße lebenden Vater. Es bedeutete uns einiges; wir mussten kreativ sein und einen neuen Song schreiben. So kam das alles zustande. Gerade letzte Woche haben wir auf einer großen Benefizveranstaltung für „Give Us Your Poor" gespielt. Das war gut. Es war das erste Mal, bis auf die Aufnahmen im Studio, dass wir den Song live gespielt haben. Ihn zu schreiben ging relativ schnell.
Jon Stewart von der "Daily Show" ist ein großer Buffalo Tom-Fan. Hat er euch schon mal gefragt in der Show aufzutreten?
Chris Colbourn: Das ist eine lustige Geschichte. So in der Art haben wir ihn nämlich kennen gelernt. Auf MTV hatte er eine Sendung namens „The Jon Stewart Show", bei Youtube kann man sich das noch ansehen (hier kann man sich den erwähnten Auftritt ansehen http://www.youtube.com/watch?v=9x51ceXyhog , d. Red.). Wir spielten dort in der allerletzten Sendung. In seiner neuen Show hat Jon nicht oft musikalische Gäste. Wir gehen oft zu seinen Liveauftritten, es ist immer wieder schön ihn zu sehen, er ist ein witziger Typ. Gleiches Alter, gleiche Ära, es ist nicht überraschend, dass gerade er unsere Musik hört. Er ist wirklich witzig...und mittlerweile ziemlich berühmt.
Welche Alben anderer Künstler drehen sich gerade so in deinem Plattenspieler?
Chris Colbourn: Gute Frage... Tiny Vipers. Ihre Platte ist auf Sub-Pop erschienen (Chris nimmt sich ein „Hands Across The Void"-Exemplar vom Tisch der vor uns steht und betrachtet sich das Album genau), heute Abend sind sie unsere Vorband. Ziemlich „folky" und anders als Buffalo Tom. Eins meiner Lieblingsalben des gesamten Jahres. Es ist ihr erster richtiger Release, eine Art EP. Das Album dauert nur ungefähr 35 Minuten. Ziemlich dunkel und gespenstisch. Sie sind noch sehr jung und haben trotzdem tiefgehende Texte. Sehr „folky", ich mag Folk-Musik sehr. Ich hab sie live in Boston gesehen und mochte die Vorstellung, dass wir eine Vorband haben die sich sehr von uns unterscheidet. Aber ich höre auch viel altes Zeug wie Anne Briggs oder die Stones. „Sticky Fingers" habe ich mir zum Beispiel heute Abend auf meinem iPod angehört. Da liegen für mich die Wurzeln von Buffalo Tom. Die Stones von 1968 bis 1972.
Spricht man euch noch oft auf euren Gastauftritt in „Willkommen im Leben" („My So-Called Life") an?
Chris Colbourn: (lacht) Ja, manchmal. Die Songs die wir damals in der Serie spielten, spielen wir heute immer noch. „Willkommen im Leben" wurde vor kurzem auf DVD veröffentlicht, plötzlich redeten also wieder sehr viele von der Serie, das ist unglaublich. Mit einer besonderen Sache trifft man bei manchen Leuten einen gewissen Nerv, mit einem Film oder so was. Das bedeutet diesen Leuten dann sehr viel, so wie „Willkommen im Leben". Es hat uns damals sehr viel Spaß gemacht. Und bis heute gucken sich Leute diese Serie an, es ist verrückt, es geht weiter und weiter. Claire Danes (sie spielte damals die Hauptrolle, d. Red.) ist immer noch sehr berühmt und wir hatten eine großartige Zeit. Unsere damals aktuelle Platte („Big Red Letter Day", d. Red.) war eine große Platte für uns („Sodajerk" und „Late At Night" gaben Buffalo Tom in der zwölften Folge der Serie zum Besten, d. Red.). Ich arbeite mit vielen jungen Frauen zusammen und manchmal dauert es ein wenig bis sie eins und eins zusammenzählen, aber nach einer Weile fällt ihnen dann auf: „Oh mein Gott, du warst doch in Willkommen im Leben!". Das ist eine riesige Sache für sie, wichtiger als alles andere was wir jemals gemacht haben (lacht).
Vielen Dank für das Gespräch!
Mit freundlicher Unterstützung von Stephan Uersfeld (Ueberzahl)!