(Carl Carlton And The Songdogs)
Würde man eine Liste anlegen wollen, mit wem Carl Carlton bereits zusammen Musik gemacht hat, man könnte wahrscheinlich gleich ein Buch darüber schreiben. In dieser Liste tauchen solch illustre Namen auf wie Herman Brood, Manfred Mann`s Earth Band, Udo Lindenberg, Peter Maffay, Joe Cocker, Mink DeVille, Mother`s Finest, Alannah Myles, Jimmy Barnes und, und, und. Seit 1999 wandelt der Ausnahmegitarrist mit seiner Songdogs-Band jedoch auch ebenso erfolgreich auf Solopfaden und hat gerade sein drittes Album "Songs For The Lost And Brave" veröffentlicht. Anlässlich dieser Veröffentlichung hatte Musicheadquarter die Gelegenheit zu einem Telefoninterview mit Carl Carlton. Im Gespräch mit unserem Redakteur Thomas Kröll äußert sich der 53-jährige ausführlich über das neue Album, seine Zukunftspläne, aber auch über private Schicksalsschläge oder seine Wahlheimat Dublin.

Carl Carlton & The Songdogs (v.l.n.r.): Zack Alford, Gary "Moses Mo" Moore, Pascal Kravetz, Jerry "Wyzard" Seay, Carl Carlton
Hallo Carl! Wo erreiche ich dich gerade?
Carl Carlton: Ich bin gerade in Berlin angekommen.
Alexandra Doerrie (Carl Carltons Promoterin von Another Dimension, d.Red.) hat mir erzählt, dass du bis vor kurzem noch für Tourproben in Spanien warst.
Carl Carlton: Ja, ich war in Spanien. Pascal Kravetz, unser Keyboarder von den Songdogs, lebt ja in Spanien. Und den besuche ich halt öfter. Ich habe auch mal eine Zeitlang in dem Dorf gewohnt, in dem er wohnt. Ich hab das dann aber aufgegeben, weil mir da doch der ganze Rummel irgendwie fehlt. Dafür bin ich viel zu sehr ein Kulturjunkie, muss ich sagen.
Lass uns über dein neues Album mit den Songdogs reden. Ich persönlich finde "Songs For The Lost And Brave" wirklich hervorragend. Es ist dein bereits drittes Studioalbum mit der Band. Wenn du das aktuelle Album mit den beiden vorherigen vergleichst, wie würdest du dann die Entwicklung beschreiben, die ihr seit dem ersten Album genommen habt?
Carl Carlton: Am Anfang hatte ich ja eigentlich überhaupt kein Budget, um sowas zu machen. Ich bin ja niemand, der sich irgendwelche teuren Stars einkauft. All die Leute, die um mich herum am ersten Album mitgearbeitet haben, waren Freunde oder Freunde von Freunden. Levon Helm, Ronnie Wood, der hat Bobby Keys und Ian McLagan mit ins Spiel gebracht... und daraus ist dann diese ganze Songdogs Community gewachsen. Ich wollte meine Musik nie in irgendwelchen industriellen Studios aufnehmen, mit Neonlicht und kühler Technikatmosphäre. Sondern ich wollte Musik so organisch machen, wie man es mit Leuten macht, die so spielen können und ihnen dabei Raum und Platz lassen, sich zu entwickeln. So dass man merkt, dass die Chemie zusammen passt, dass man abends gemeinsam kocht oder isst, mit dem Boot rausfährt und solche Sachen. Das klingt jetzt krank, aber es ist mehr so ein musikalisches Ferienlager. Es geht dann mehr in die Richtung, dass man wirklich gut lebt mit Musik, Essen und Freunden und nicht bewußt so ein Karrierealbum macht. Die beiden ersten Alben sind eigentlich relativ unschuldig entstanden. Wo man auch noch ein bißchen seine Hommage, die Einflüsse an verschiedene Bands wie Ry Cooder, Little Feat oder die Stones umsetzen wollte und man dann tatsächlich noch feststellte: Hör mal, das klingt ja wie Little Feat, ist das nicht geil?! Und das hat bei diesem letzten Album gar nicht mehr stattgefunden. Die Songs sind leider, aber es ist nun mal eine Tatsache so, eher aus der Härte des Lebens entstanden. Man hat aber jetzt einfach das Rückgrat und das Selbstbewußtsein, gerade durch die letzten Jahre mit Robert (Palmer, der 2003 verstarb, d.Red.) und daraus, wie Robert mit mir umgegangen ist. So groß wie ich bin, aber ich bin auch ein ziemliches Sensibelchen. Robert hat mir derart viel gesundes Selbstbewußtsein eingeflößt. Natürlich kann man seine Einflüsse nicht verleugnen. Das hat jeder Maler, jeder Künstler, jeder Schauspieler. Aber dass man jetzt bewusst noch irgendwie klingen will wie xy, das findet nicht mehr statt. Und ich finde, das hört man auf dem neuen Album. Klar hört man da Einflüsse, aber ich denke, dass wir inzwischen unseren ganz eigenen Songdogs-Sound haben. Ich finde, man merkt, dass die Band sich zehn Jahre entwickelt hat, auch wenn da viele Pausen dazwischen waren.
Das Album klingt auf jeden Fall extrem entspannt, finde ich.
Carl Carlton: Ja, das war es auch. Ich weiß nicht, ob du auch die Bilder aus dem Studio kennst, wo wir es bei Levon aufgenommen haben...
Nein, die kenne ich nicht. Ich hatte nur ein Promo-Exemplar des Albums.
Carl Carlton: Das Cover ist sehr schick geworden. Dazu viele Fotos aus Woodstock. Vielleicht muss ich dir die mal schicken, das spricht Bände. Vielleicht begreifst du dann eher, warum es so klingt, wie es bei dir rüberkommt. Ich schick dir mal ein paar Fotos aus dem Studio. Diese Bilder sprechen Bände, deshalb ist es auch so wichtig ein Booklet zu haben. Es ist eine ähnliche Situation wie in Lafayette in Louisiana, wo wir die anderen Alben aufgenommen haben. Es war halt dieses alte Studio von Levon Helm von The Band, der da auch immer noch wohnt. Das war so dermaßen entspannt, weil man auch nicht auf die Uhr gucken oder Angst vor irgendwelchen Studiogagen haben musste, denn Levon hatte uns als Fan und Musikfreund das Studio quasi ohne Miete gegeben. Was natürlich toll ist. Wir haben vor dem Kamin gesessen in dieser riesigen, alten Scheune und dann hab ich so ein bißchen den Text vorgelesen und wir haben uns über die Songs unterhalten. Und dann haben wir akustisch drauflos gejammt, sind ans Gerät gegangen und haben den Song entwickelt. Und nach drei Stunden war das Ding auf Band. Dann kam mal ein Gast vorbei. John Sebastian kam vorbei und als Klaus Voormann da war in eigener Sache, ist er auch gleich eine ganze Woche geblieben und hat seinen Beitrag geliefert. Oder Tracy Chapman kam vorbei, weil sie Levons Frau besuchen wollte, fand den Song so klasse, hat ihre Geige ausgepackt und gespielt. So sind dann noch ein paar kleine Dekorationen obendrauf entstanden. Man hört auch den Raum eigentlich sehr schön, wenn man sich mal mit Kopfhörern hinsetzt. Der Raum hat das Album ein bißchen mitgeprägt, vom Sound her. Es ist zwar ein riesiger Raum, aber mit ganz viel Holzgebälk. Wenn wir etwas grösser haben wollten, haben wir einfach die Mikrofone weiter weg gestellt.
Du hast es selbst schon angesprochen, dass du auf dem Album ja auch viele persönliche Erlebnisse verarbeitest.
Carl Carlton: In diesem Fall ja. Bei den ersten Alben habe ich noch viele fiktive Dinge eingebracht oder lustige Momente. Dieses Album fing im Grunde mit Roberts Tod an. Robert war sehr wichtig für mich in meinem Leben. Einmal als ganz junger Mann, als Herman Brood mir 1973 das allererste Robert Palmer Album gab. Wo dann als Backingband auch noch The Meters und Little Feat mitspielten, die damals eine meiner Favoriten waren. Und dass ich dann später mit diesem Mann doch noch über fünfzehn Jahre zusammen spielen und drei Alben machen darf und enorm viel gelernt habe von diesem Musikprofessor, den die meisten leider nur seit seinen ganz grossen Hits in den Achtzigern kennen und nicht mit Jazz und Funk und so. Als Robert verstorben war, hatte ich plötzlich keine Familie mehr. Ich habe meine Eltern tragisch verloren. Ich habe jetzt meine Kinder, aber ich selbst habe so nie eine Familie gehabt. Ich hatte keine Geschwister und so bin ich eigentlich immer alleine durch die Welt gebummelt. Robert war ein bißchen der ältere Bruder, den ich nie hatte. Er war gleichzeitig auch Mentor und Lehrer. Sein Tod war ein enormer Schlag für mich. Das war auf einem ähnlichen Level, wie es war, als meine Eltern gestorben sind. Und dann kam es irgendwie hart auf hart. Ich habe die grosse Liebe meines Lebens nach dreizehn Jahren verloren und dann kamen gravierende wirtschaftliche Einbrüche. Also, alles kam zugleich. Das hat mich ganz schön zum Nachdenken gebracht. Fünfundzwanzig Jahre lang hatte ich immer viel Glück und viele Dinge, die ich besser mal verarbeitet hätte, habe ich nur so auf halber Strecke verarbeitet. Und alles holt einen dann plötzlich wieder ein. Alles kam in meinem Kopf zusammen. Vor allem wurde mir bewusst, dass ich in Deutschland mit Udo Lindenberg und Peter Maffay Sachen machte, um die es mir eigentlich gar nicht so ging. Das ist jetzt völlig wertfrei gemeint. Maffay ist Maffay. Wenn ich bei Maffay spiele, weil ich eben Knete verdienen will, dann ist das meine Sache und nicht die von Maffay. Aber ich fragte mich, worum gehts mir eigentlich. Es ist mir immer um Inhalt gegangen. Und da hatte ich das Gefühl, ich rolle von einem Projekt ins andere, gerade in Deutschland, und ich kümmere mich gar nicht mehr um den Inhalt. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich da verliere. In den Anfangsjahren mit Robert hat es mich immer gejuckt. Ich dachte, scheiße, du bist jetzt hier mit Robert Palmer zusammen und der macht gar kein neues Album. Und da hat er mir mal gesagt: Ich habe so viele Alben gemacht. Ich mache nicht nur ein Album um ein Album zu machen, wenn ich keinen Inhalt habe. Ich mache ein Album, wenn ich was zu sagen habe. Und das ist mir sehr bewusst geworden. An dieser Aussage bin ich auch gewachsen. Ich schreibe einen Song, das kann auch was lustiges oder oberflächliches sein, aber Hauptsache es hat einen Inhalt und steht für irgendwas.
Und aus diesem Gefühl heraus sind dann die "Songs For The Lost And Brave" entstanden.
Carl Carlton: Die ersten Songs die entstanden, waren doch eher die schwereren Sachen. "Mother Hardship", "Starcrossed" oder "Shadow Of The Wind". Da dachte ich, das wird ein extrem dunkles Album. Dann kam im Winter die Einladung von Levon nach Woodstock. Mit Schnee und Matsch und Schwarz-Weiß-Filter (lacht) und da dachte ich, das passt ganz gut. Aber das Album ist dann doch ganz anders geworden. Ich bin relativ früh rüber, weil ich auch mit Eric Burden, den ich sehr, sehr liebe, viel zu tun hatte. Ich hatte auch auf dessen letztem Album "Soul Of A Man" gespielt, das ich so toll fand und dabei hat sich so eine Freundschaft entwickelt. Ich war also bei Eric, um mit ihm an neuen Songs zu schreiben und dann kam schon wieder so ein bißchen Sonne ins Leben. Und dann hab ich mich mit Wyzard und Moses Mo getroffen, dabei kam dieser Song "Keep On Swinging" zustande, und so langsam kam die Sonne endgültig wieder durch. Als ich dann letztendlich nach zwei Monaten in Woodstock ankam, war das Repertoire fürs Album schon sehr extrem tief, aber ich hatte es ausbalanciert. Ich hatte festgestellt, dass mein Herz noch funktioniert, dass der Liebeskasper noch funktioniert (lacht). Ich war ganz glücklich, dass es sich dann so entwickelt hat. Und dann war die Plattenfirma am Motzen, dass es viel zu viele Songs wären. Ich habe das auch eingesehen und versucht das Album irgendwie zu kürzen. Ging aber nicht. Also haben wir gesagt, wem es zu lang ist, dem ist es eben zu lang. Irgendwie war das Gefühl so, dass es so wie es ist stimmig ist. Bei den ersten beiden Alben sind immer Songs rausgeflogen, wo ich dachte, das sind Füller, aber das hatte ich bei diesem Album überhaupt nicht. Jeder Song hat seine Berechtigung und seine Stimmung und seine Geschichte.

Also war "Songs For The Lost And Brave" für dich auch so eine Art Selbsttherapie. Kann man das so sagen?
Carl Carlton: Ganz bestimmt.
Mich persönlich hat das Album positiv überrascht. Ich muss zugeben, dass ich vorher überhaupt keine Solosachen von dir kannte, bis Alexandra mir dieses Album zugeschickt hat. Ich fand es vom ersten bis zum letzten Song stimmig. Es ist rund.
Carl Carlton: Das freut mich. Und zwar freut mich, dass ich das von vielen höre. Auch von kritischen Freunden, die früher nicht soviel damit anfangen konnten. Das baut einen natürlich auch auf. Das ist ein schönes Gefühl.
Auf dem Album gibt es mit "For What It`s Worth" ein Stephen Stills-Cover, bei dem auch dein Sohn Max (Buskohl, d.Red.) mitsingt. Nun ist dein Sohn ja auch im Musikbusiness unterwegs. Ich will jetzt nicht schon wieder auf diese "Deutschland sucht den Superstar"-Geschichte zurückkommen, aber wenn du ihn dir jetzt so anguckst, bist du dann eher stolz oder hast du Sorge, dass er da irgendwie untergehen könnte? Du kennst die Mechanismen im Musikbusiness ja selbst wahrscheinlich aus dem Eff-Eff. Was überwiegt da so bei dir?
Carl Carlton: Ich habe beides, aber ich merke einfach, dieser dumme Fehler mit dem DSDS war einfach nur sein jugendlicher Wahnsinn. Obwohl er wusste, dass sein Genre oder seine Band eine ganz andere Baustelle ist. Aber ich sehe halt wirklich ein Riesentalent. Vom Texte schreiben her, vom Songwriting generell. Was soll ich sagen? Ich sehe ihn, wie er jetzt arbeitet und richtig das Handwerk lernt und viel spielt mit seiner Kapelle, sich irgendwie durchbeißt. Natürlich leidet er ein bißchen unter diesem DSDS-Stigma, aber das ist eine andere Geschichte. Und da arbeitet er sich schon raus. Ich hab irgendwie das Vertrauen in sein Talent und hoffe, dass sich da jetzt auch ein gutes Management findet. Stefan Schulmeister, der Manager von Gentleman, der übrigens aus Köln kommt, ist ein grosser Fan vom Max geworden und will sich jetzt ein bißchen kümmern. Och Mann, der Junge ist grade mal 19. Die haben zuletzt im Proberaum bei uns in Berlin gespielt und da haben wir alle den Hut gezogen. Die haben sich enorm entwickelt. Natürlich macht man sich immer Sorgen, wie es weitergeht. Ich versuche ihm zu helfen, wo ich nur kann, was aber auch manchmal schwierig ist, denn er lässt sich natürlich auch nicht immer was sagen. Die Idee mit dem Song war ja Erics Idee. Ich war bei Eric zu Besuch im Joshua Tree National Park, das liegt in der Nähe von Los Angeles mitten in der Wüste. Und da habe ich ihm von meiner Begegnung mit Emmanuel Jal, diesem afrikanischen Rap-Musiker erzählt, der jetzt in London lebt. Und da gibt es diesen Film "War Child", den habe ich gesehen und Emmanuel kennengelernt und sprach dann mit Eric darüber. Und da kamen wir auf die Idee, der Stiftung von Emmanuel (Gua Africa, d.Red.) einen Song zu widmen. Wie es der Teufel will, lief da gerade dieser Buffalo Springfield-Song im Radio, also haben wir beschlossen, den zu nehmen. Und dann war es Erics Idee, dass Max auch noch mitsingt. Quasi drei Generationen in einem Song (lacht).
Wenn du die Idee zu einem Text hast, wie sieht der weitere Prozess aus, bis dann am Ende ein fertiger Song rauskommt? Wie muss ich mir diesen kreativen Prozess vorstellen?
Carl Carlton: Oft entstehen die Texte so in tagträumerischen Momenten oder im Halbschlaf morgens oder abends. Manchmal auch in der Nacht kurz vor dem Einschlafen. Dann schreibe ich diese Satzfetzen immer auf.
Also hast du dann immer eine Kladde bei dir, wo du alles aufschreibst?
Carl Carlton: Ja, genau, ich habe immer eine Kladde bei mir. Manchmal kommen auch so Zufälle dazu. Manches geht schneller und manches dauert ein bißchen länger. Ich bin da sehr eigen. Wenn es nicht anders ging, habe ich früher auch einfach mal eine Zeile, die sich reimte mit reingepackt, aber das tue ich einfach nicht mehr. Bei mir muss jedes Wort auch wirklich stimmen und Sinn machen. Ich behandele das so wie ein kleines Kunstwerk. Komischerweise bin ich manchmal noch die Songs am korrigieren, obwohl das Album schon drei Jahre raus ist (lacht). Aber so entsteht das meistens. Dass ich Wortfetzen auffange und das mit meiner Geschichte paare, die ich erzählen will. Oder ich höre eine Geschichte, wie es auf dem letzten Album bei "He Gave The Names" war. Die Geschichte von einem weißen Apartheidskämpfer, der ein ganz skurriles Schicksal hatte und ich dachte, das möchte ich gerne mal erzählen. Dieses Album ist halt mehr autobiographisch, wo ich das dann gerne in der dritten Person verpacke. Ich bin dann immer der, der sich in den Songs als der Stärkere ausgibt (lacht), obwohl ich im Grunde genommen die andere Person bin.
Hast du nie darüber nachgedacht Texte auf Deutsch zu machen?
Carl Carlton: Nee, ich kämpfe ja auch jetzt wenn ich mit dir spreche immer ein bißchen mit der deutschen Sprache, obwohl es meine Muttersprache ist. Ich habe dreiviertel meines Lebens mit Englisch oder Holländisch verbracht und nicht mit Deutsch. Und das fällt mir sehr, sehr schwer, weil ich auch nur Englisch lese, ich träume auch Englisch oder gucke natürlich die Filme. Ich hab das mal probiert, aber das gelingt mir nicht so. Ich kann mich da nicht so ausdrücken. Ich weiß, es wäre natürlich in meiner Situation sehr, sehr viel besser, weil natürlich viele Hörer in Deutschland eher über ein Gefühl zur Musik kommen, als über den Text. Das ist vielleicht auch der Grund, warum zum Beispiel Elvis Costello hier nicht so der Star ist wie in England oder den USA, wo er wirklich ein Textgott ist. Das springt den Deutschen natürlich nicht so ins Gesicht. Ist klar, weil es eben nicht die Muttersprache ist. Ich weiß, dass das ein Handicap für mich ist, aber was soll man machen? Ich fänd das schon klasse, wenn ich mich so ausdrücken könnte wie Grönemeyer, Xavier Naidoo, Maffay oder Lindenberg. Aber soll nicht sein, fertig, aus.

Du hast in deiner Karriere schon mit unendlich vielen berühmten Leuten zusammen gearbeitet. Gibt es da noch jemanden, mit dem du gerne mal zusammen arbeiten würdest?
Carl Carlton: Ja, klar. Da bin ich wie so ein kleiner Junge. Ich würde gerne nochmal mit Tom Petty zusammen arbeiten. Ich kenne ihn und er hat mir auch einen Song geschenkt für das erste Album. Aber ich sehe das nicht. Wie soll ich mit den Heartbreakers zusammen arbeiten? Das müsste dann schon in einem Projekt sein, wo ich ihn frage, ob er mit mir was machen will. Viele sind auch schon tot, mit denen ich gerne mal zusammen gearbeitet hätte. Ich habe jetzt ein neues Projekt mit Klaus Voormann. Klaus ist anscheinend ein grosser Carl Carlton-Fan und seine Familie neuerdings auch ein grosser Max-Fan. Klaus macht jetzt, wo er 70 wird, mit Universal eine Neuaufnahme seiner musikalischen Lebensgeschichte. Klaus hat jetzt alle abgeklappert von Carly Simon über Paul McCartney, Ringo Starr, Dr. John, Van Dyke Parks und mit wem er nicht schon alles zusammen gespielt hat. Und er wollte mich und Max auch gerne dabei haben. Und jetzt haben wir in einer Mörderbesetzung einen alten Ringo Starr Titel aufgenommen, "Your Sixteen". Das ist eine sensationelle Besetzung mit Jim Keltner und Ringo am Schlagzeug, also zwei Drummer, Paul McCartney am Bass, Joe Walsh und meine Wenigkeit an der Gitarre, Van Dyke Parks an den Keyboards und Max darf singen. Ist auch nicht schlecht, ne? (lacht)
Wow! Wann soll das rauskommen? Dann achte ich da mal drauf.
Carl Carlton: Ich hab keine Ahnung. Ich glaube im Herbst. Oder im Frühjahr. Ich weiß es gar nicht, aber ich meine, dass es dieses Jahr noch kommt. Ich glaube, da kommst du nicht drum rum, wenn das draußen ist. Das ist einfach eine so unglaubliche Besetzung mit Ringo und Paul. Und mein Sohnemann darf singen. Das ist doch unglaublich. Wahnsinn! (lacht)
Du lebst schon lange in Dublin. Ich war glaube ich vor zehn Jahren das letzte Mal in Dublin. Die Stadt hat eine sehr lebendige Musikszene, Irland ja sowieso. Was macht für dich das Besondere an Dublin aus? Warum hast du dich gerade dort niedergelassen?
Carl Carlton: Das ist richtig. Ich hätte auch in Woodstock sitzen können. Ich hatte damals eine Krise in meiner ersten Ehe und die war mehr oder weniger beendet. Also mit der Mama vom Max. Da war auch bei mir einiges im Umbruch. Ich hatte mit Robert Palmer ein Konzert in London und ich beschäftigte mich damals mit den Pogues und anderen irischen Sachen. Ich habe auch das "Irische Tagebuch" von Heinrich Böll gelesen. Ich war also mit Robert in London und im Vorprogramm spielte Little Richard als Gast von Ronnie Wood. Und da habe ich Ronnie kennengelernt. Mit dem war es auf Anhieb so, als ob man sich schon sein Leben lang kannte. Und der lebt ja in Kildare außerhalb von Dublin und hat mich eingeladen. Dann bin ich rüber und quasi geblieben. Das hat mir so gut gefallen. Ich hatte da natürlich auch eine gute Einführung mit Ronnie. Ich finde die Iren so klasse. Diese ganzen Zwänge, die man in Deutschland oder anderen Ländern hat, die gibt es da nicht. Die sind doch sehr funkig drauf. Ich nenne das auch immer das Jamaika des Nordens. Arbeiten ist nicht so wichtig, Hauptsache feiern und Kultur. Der Ire an sich ist ein unglaublich relaxter Typ. Wenn du da den durchschnittlichen Haushalt mal siehst, wie leger, milde ausgedrückt, Haus und Hof da so aussehen, das interessiert die alle nicht. Die haben alle viel Zeit und sind daher extrem locker drauf. Und dieses Überangebot von Clubs und Musik fand ich auch toll.
Ich fand Dublin damals auch sehr faszinierend. Leider habe ich es seitdem nicht mehr geschafft nochmal dort hinzukommen.
Carl Carlton: Ja, dann kommst du jetzt mal und besuchst mich.
Danke! Ich behalte es im Hinterkopf. Du hast jetzt schon viele Dinge genannt, aber welche Musik hörst du so privat? Gibt es irgendwelche aktuellen Sachen, die dich begeistern?
Carl Carlton: Aus der persönlichen und subjektiven Ebene heraus gibt es natürlich gute und schlechte Musik. Im Moment entdecke ich gerade Billie Holiday ohne Ende, die alte Blues- und Jazz-Sängerin. Die hat etwas sehr faszinierendes in ihrer Art und in ihrer Stimme. Dann bin ich ein Riesenfan von Kings Of Leon, die höre ich rauf und runter. Was höre ich noch so im Moment? Ach, wenn es sein muss, dann kommt man nicht drauf. Das neue Album von Lucinda Williams, in Arcade Fire habe ich mich ein bißchen verknallt. Dann auch immer wieder viele alte Geschichten. In den Untiefen des "richtigen Blues" finde ich immer wieder was. Ledbelly, die ich gar nicht so auf der Karte hatte, entdecke ich gerade. Auch alte Lou Reed Sachen habe ich gerade wieder auf dem Plattenspieler und The Doors. Von Tim Finn das neue Album, die Crowded House Brüder. Auch mal leichtere Kost zwischendurch wie die Neue von Sheryl Crow. Das ist sehr, sehr bunt. Wenn ich mal meinen iPod nehme und durchblättere, dann läuft da gerade Todd Rundgren, Helge Schneider (lacht), Bowies "Greatest Hits" haben wir da noch, Bob Dylan, Robert Palmer natürlich, Howlin`Wolf, John Lennon, Tom Petty, von Ryan Adams bin ich ein grosser Fan, guck mal, Carl Carlton ist da auch, Stones live, ich finde auch das neue Costello Album gut, so afrikanisches Zeug aus Mali... ach, tausend Sachen. Ich liebe Musik und ich höre auch gerne den ganzen Tag unterschiedliche Sachen. Man kann da ja auch ein bißchen seinem Bauchgefühl vertrauen. Ich habe Pink neulich gesehen und ich muss sagen, das fand ich richtig geil. Ich denke, man kriegt schon mit, was Hand und Fuß hat und was nicht.
Wie sehen deine Pläne für die nähere Zukunft aus? Was hast du konkret vor in nächster Zeit?
Carl Carlton: Zunächst eine sehr ausgiebige Songdogs-Tour im nächsten Mai und Juni. Die wird richtig lang und will deshalb auch gut geplant sein. Aber das klappt. Das ist nur im Moment eine Menge Arbeit, denn das muss bis Ende Januar erledigt sein. Dann wollte ich jetzt an Weihnachten zurück nach Woodstock. Levon Helm hat mich eingeladen. Du kannst mal auf levonhelm.com gucken, der macht Veranstaltungen da in der Scheune, wo wir aufgenommen haben. Das ist total geil. Er hat irgendwann angefangen Freunde einzuladen, die in New York waren. Manhatten ist ja nur anderthalb Stunden weg und jeder kommt gerne zu Levon. Und die haben dann angefangen quasi so eine Art Hausmusik zu machen. Jetzt hat er seine eigene Band und zweimal im Monat machen er und seine Freunde ein Riesen-Barbecue und verkaufen so 200 Tickets. Mehr Leute passen da nicht rein. Und da kommen Leute vorbei wie Springsteen, wie Keith Urban oder Keith Richards. Das ist ganz grosse Klasse. Und das findet an Weihnachten auch wieder statt und er hat mich gefragt, ob ich da mitspielen wollte. Also gehe ich zurück nach Woodstock, verbinde das aber auch gleich mit ein bißchen Arbeit. Und wir haben so positive Resonanzen auf das Album bekommen aus Louisiana, das glaubst du gar nicht. So, dass ich da ein wenig wühlen will und Levon hat ein paar Kontakte für mich geknüpft zu Firmen, die grosses Interesse zeigen. Da will ich dann Ende November rüber neue Songs schreiben. Ich arbeite noch an einer Fernsehsendung in Deutschland. In Deutschland gibt es ja nirgendwo mehr ein vernünftiges Musikformat. Mein Freund Joolz Holland macht eine ähnliche Show. Und da hab ich gedacht, was Joolz Holland kann, das müsste ich doch auch können. Und ich habe so ein grosses Netzwerk an Musikern, die ich persönlich einladen könnte. Da kannst du mir mal die Daumen drücken. Das mache ich mit einem Freund von mir zusammen, der heißt Ray Cooper. Eine ganz legendäre Gestalt in England, unter anderem der Mitproduzent von all den Monty Python Filmen, aber auch ein wahnsinniger Percussionist. Er hat jahrelang zusammen mit Elton John getourt, nur die beiden. Bei der MTV Unplugged Geschichte mit Eric Clapton ist er auch dabei. Und er hat auch ein ganz, ganz tolles Adressbuch mit ganz vielen Leuten drin. Wir nennen das dann "Cooper und Carlton" und wir wollen die Sendung sehr offen halten, kein inhaltsloser Kram. Pink geht dann noch grade so und auf der anderen Seite kann dann auch gerne Tom Waits kommen. Das entscheidet sich jetzt am 19., das wird spannend. Das soll eine richtig schöne Revue werden, auch mal mit David Bowie, aber eben nicht wegen seiner Musik, sondern er stellt seine Bilder vor. Da hab ich Riesenbock drauf.
Carl, vielen Dank für das sehr nette Gespräch!
Mit freundlicher Unterstützung von Alexandra Doerrie (www.another-dimension.net)!