(D-A-D)
„Wenn ich der Boss wäre würden wir jedes Jahr ein Album rausbringen!“
Am 26. Mai werden D.A.D. ihr neues Album „Scare Yourself“ endlich auch hierzulande veröffentlichen. Die vier Wikinger aus Kopenhagen können inzwischen bereits auf über 20 Jahre Bandgeschichte zurückblicken. Eine Geschichte, die Schlagzeuger Laust Sonne, Frontmann Jesper Binzer, Bruder Jacob an der Leadgitarre und Bassist Stig Petersen vom Underground-Kellerloch bis ganz nach oben in die Charts führte. Anfang April weilten Jesper und Stig für einige Tage in Berlin. Musicheadquarter hatte dabei die Gelegenheit zu einem Telefoninterview. Obwohl die beiden „Cow-Rocker“ erst spät am Abend zuvor eingetroffen waren, präsentierte sich zu morgendlicher Stunde ein bestens gelaunter Stig Petersen. Mit ihm sprach Thomas Kröll.

Lass uns zuerst über das neue D.A.D.-Album „Scare Yourself“ sprechen. Ich habe es mir angehört und muss sagen, das Ding rockt! Es hat mich richtig weggeblasen.
Stig Petersen: Das freut mich, denn wir haben fast zwei Jahre daran gearbeitet. Wir haben die Songs geschrieben und hatten die beiden besten schwedischen Tontechniker mit im Studio (Henryk Lipp und Michael Ilbert, d.Red.). Alle vier Mitglieder von D.A.D. waren am Songwriting und an der Produktion beteiligt. Wir haben das Album diesmal selbst produziert. Früher hatten wir immer einen Produzenten von außerhalb, aber diesmal dachten wir, es ist das neunte D.A.D.-Album, da sollten wir mal erwachsen werden. Das war eine sehr interessante Erfahrung.
„Scare Yourself“ klingt ein wenig so, als wärt ihr zu euren Wurzeln zurückgekehrt. Mit Wurzeln meine ich zum Beispiel frühere Alben wie „No Fuel Left For The Pilgrims“ oder „Riskin` It All“. Als wir 22 waren oder so schlugen diese beiden Alben wie Bomben in unserem Leben ein.
Stig Petersen (lacht): Ja, so ging es uns auch. Die Sache ist die... diese Art Songs kommt live sehr gut an, egal ob auf einem Festival oder in irgendeiner Halle. Es ist wie Eins, Zwei, Drei und dann geht die Post ab.
In Deutschland erscheint „Scare Yourself“ im Mai. In eurer Heimat Dänemark wurde es bereits vor fast einem Jahr veröffentlicht.
Stig Petersen: Das stimmt. Der Grund dafür ist, dass wir in Skandinavien eine andere Plattenfirma haben. Es gab ein bisschen Hin und Her, ob nun EMI das Album im Rest von Europa veröffentlichen sollte oder Sanctuary Records. Sanctuary hat gewonnen (lacht).
Entwickelt sich die Musik von D.A.D. in einer Art Bandprozess oder ist einer allein dafür verantwortlich?
Stig Petersen: Nein, wir schreiben die Songs zusammen. Wenn ich zum Beispiel ins Studio komme und habe ein neues Riff, dann sagen die anderen Jungs „Das ist zuviel hiervon oder davon“ oder „Das klingt zu englisch“ oder sowas. Dann arbeiten wir zusammen an dem Riff, bis es jeder spannend findet. Das ist ein sehr harter Prozess, der seine Zeit braucht. Manchmal diskutieren wir sehr viel. Aber ich glaube, es ist auch ein sehr gesunder Prozess. Wenn jemand in der Band eine schlechte Zeit durchmacht oder sich nicht danach fühlt Songs zu schreiben, ist immer jemand da der sagt „Hey, hör dir das hier mal an“. Ich denke, das ist es was eine Band stark macht. Und das ist auch der Grund, warum wir bereits seit so vielen Jahren zusammen sind. Jeder ist gleichberechtigt. Es gibt keinen Diktator (lacht).
Also läuft alles demokratisch ab.
Stig Petersen: Ja, sehr demokratisch. Manchmal fast schon zu demokratisch. Du musst über alles diskutieren (lacht).
Aber du bist derjenige, der die Texte schreibt. Im Labelinfo wirst du sogar als Cheflyriker bezeichnet.
Stig Petersen: Oh, danke! Ja, das ist eine sehr interessante Sache. Ich habe schon immer daran geglaubt, dass dies der beste Part in einer Band ist. Du kannst ein Poet sein. Das Problem ist, dass ich Däne bin und eigentlich kein Englisch spreche. Deshalb musste ich gut vorbereitet sein um englische Texte zu schreiben. Wenn Englisch nicht deine Muttersprache ist, dann ist es sehr wichtig, dass du die richtigen Worte findest. Damit es sich cool anhört.
D.A.D. werden oft als die „Dänischen Aerosmith“ bezeichnet. Empfindest du diesen Vergleich eher als Ehre oder ärgerst du dich manchmal darüber?
Stig Petersen: Natürlich ist das eine Ehre, weil Aerosmith einfach eine grosse Band sind. Aber ich besitze kein Aerosmith-Album und ich glaube die anderen Jungs auch nicht. Wir kommen alle aus der Punkszene und begannen so 1979 oder 1980 in verschiedenen Punkbands. 1984 oder 1985 entschlossen wir uns dann eine gemeinsame Band zu gründen. Wir machten Countrypunk, so wie Gun Club oder andere Bands in dieser Zeit. Dann veröffentlichten wir „No Fuel Left For The Pilgrims“, bekamen diesen weltweiten Plattenvertrag, tourten in Amerika und Japan und alles lief gut. Inzwischen haben wir neun Alben veröffentlicht, das nächste wird also die Nummer Zehn sein. Wir haben vor, so eine Art Box-Set rauszubringen mit allen zehn Alben drin. So können sich die Leute noch mal alle vom Anfang bis heute anhören und sehen wie wir uns entwickelt haben. Ich glaube, die Qualität von D.A.D. besteht auch darin, dass wir versuchen jedes Mal verschiedenartige Alben zu schaffen. Nicht immer dieses „No Fuel Left For The Pilgrims“-Ding, auch wenn es ein grosser Erfolg war. Wir wollen unsere Chancen nutzen.
Sonst wird es ja auch irgendwann langweilig.
Stig Petersen: Ganz genau! Wir haben eine Webseite und da gibt es viele Fans, die über das neue Album diskutieren. Einige lieben es, andere sind überrascht. Aber was sich bei allen Diskussionen immer wieder zeigt ist, dass die Fans es großartig finden, nicht schon vorher zu wissen, welche Art Album sie erwarten können. Weißt du, wir müssen diese Songs auf Tour immer und immer wieder spielen. Und da ist es sehr wichtig, dass auch wir sie spannend finden.
Du hast eure Webseite angesprochen. Man kann dort alle eure Texte finden. Ich glaube, viele andere Bands vermeiden gerade das, um ihr Urheberrecht zu schützen. Offensichtlich habt ihr dazu eine andere Einstellung. Kann man das so sagen?
Stig Petersen: Ich meine, wovor sollten wir Angst haben? Du kannst heutzutage alles was du willst im Internet finden. Du musst nur lange genug danach suchen. Also gibt es keinen Grund irgendetwas zu verstecken. Die Texte sind eben da. Unseren Sänger Jesper verstehen die Leute ja sonst auch gar nicht, so wie der die Worte rausschreit (lacht). Schau dir die Texte an und hoffentlich findest du eine Bedeutung hinter all dem Verrückten.
Oh, ich habe mir die Texte genauer angeschaut. Nehmen wir beispielsweise „No Hero“ vom neuen Album. Ich denke, der Song handelt von den Unterschieden zwischen Arm und Reich und davon, dass es Wichtigeres im Leben gibt als Geld. Liege ich da richtig?
Stig Petersen: Das ist richtig. Wenn du ein Riff schreibst und es klingt nach Punk, dann sollten die Texte die Musik ergänzen. Die Musik und die Texte müssen zusammenpassen.

Nach eurem letzten Album „Soft Dogs“ habt ihr vier Jahre Pause gemacht. Wie kam es dazu?
Stig Petersen: Nun, eigentlich waren es dreieinhalb Jahre. Wir haben „Soft Dogs“ bereits sehr kurz nach „Everything Glows“, dem Album davor, veröffentlicht. „Everything Glows“ war ein grosser Erfolg in Skandinavien. Da haben wir gesagt „Okay, machen wir gleich noch ein Album“ und so entstand „Soft Dogs“. Weißt du, manchmal bist du einfach sehr erschöpft als Band. Du machst ein Album, gehst auf Tour und machst gleich wieder ein Album. Diesmal wollten wir ausgeruht ins Studio gehen und an „Scare Yourself“ arbeiten. Wir haben uns Zeit gelassen. Songs geschrieben und wieder verworfen, Songs auseinander genommen und wieder zusammen gesetzt. Sowas braucht einfach eine längere Zeit. Besonders wenn man ständig mit den drei anderen rumdiskutieren muss. Wenn ich der Boss wäre, würden wir jedes Jahr ein Album rausbringen (lacht).
Was ist wichtiger für dich? Im Studio zu sein oder auf der Bühne zu stehen?
Stig Petersen: Das sind zwei verschiedene Dinge. Ich persönlich spiele lieber live. D.A.D. hat sich zu einer Zeit gegründet, als die Punkszene sehr depressiv drauf war. Die Leute dachten über Selbstmord nach und nahmen zu viele Drogen. Die Szene in Skandinavien war sehr depressiv. Wir wollten wieder frischen Punk spielen, also vermischten wir das Ganze mit Country- und Westernelementen. Und plötzlich sagte jeder „Ja, der Spaß ist zurück“. Wir versuchten ihnen eine Live-Show zu bieten, die ihnen in den Hintern trat. Und es war genau das, was die Leute damals brauchten.
Du bist zusammen mit Jesper in Berlin. Was machen Jacob und Laust in der Zwischenzeit?
Stig Petersen: Lass mich nachdenken. Sie arbeiten an einem DVD-Projekt. Wir haben letztes Jahr in Roskilde vor 80.000 Leuten und unsere eigenen Shows gespielt. Die beiden packen gerade diese Konzerte zusammen auf eine DVD. Sie soll zur selben Zeit in Skandinavien veröffentlicht werden wie „Scare Yourself“ hier in Deutschland. Aber wir hoffen, dass die DVD auch bald bei euch erscheint. Wir haben sie in diesem 5.1.-Sound aufgenommen. Wenn du also in deinem Wohnzimmer sitzt, wird es sich anhören als wärst du in der Konzerthalle. Alle Songs von „Scare Yourself“ werden auf dieser DVD live zu sehen sein. Kein Fake! Alles zu 100 Prozent echt (lacht).
Die aktuelle Tour startet im Mai in Arhus. Richtig?
Stig Petersen: Das ist korrekt. Wir kommen aber Anfang Mai auch nach Deutschland und spielen in Berlin (7. Mai im White Trash Fast Food, d.Red.) und Hamburg. Außerdem beim Dithmarscher Rockfestival (18. August in Marne, d.Red.). Mal gucken, ob es noch mehr wird. Vielleicht noch ein paar Festivalgigs, wenn es sich anbietet und einrichten lässt.
Das hört sich gut an. Aber das Leben auf Tour bedeutet auch immer eine Trennung von der Familie und Freunden. Wie gehst du damit um?
Stig Petersen: Gelegentlich bringen die anderen Jungs ihre Familien einfach mit. Oder du nimmst dir zwischendurch einen Flieger nach Hause. Aber wenn wir touren, sind wir vielleicht drei Wochen am Stück von zuhause weg. Dann wieder für einige Tage zurück und wieder drei Wochen unterwegs. Wir machen das jetzt schon so lange, da findest du irgendwann eine Balance. Es muss halt sein. Wenn du diesen Lebensstil nicht magst, solltest du dir einen anderen Job suchen. Und wenn wir im Studio sind, dann sind wir ja auch oft ein ganzes Jahr zuhause. Aber nur im Studio zu sein, ist dann auf die Dauer auch wieder ermüdend. Ab und zu muss man die Familie verlassen. Wobei ich im Moment sowieso solo bin. Die anderen haben Familie und auch Kinder.
Was machst du den ganzen Tag wenn du auf Tour bist?
Stig Petersen: Du gehst zur Konzerthalle, bastelst an der Bühne herum und am Nachmittag gibt es einen Soundcheck. Danach gehst du was essen, gibst vielleicht ein paar Interviews und dann spielst du den Gig. Anschließend legst du dich schlafen und wachst in einer neuen Stadt wieder auf. Dort geht das Ganze dann von vorne los. Ich mag das!
Lass uns noch mal kurz auf die Texte zurückkommen. Woher bekommst du die Ideen für deine Texte?
Stig Petersen: Die Ideen kommen meist aus mir selber. Oder aus der Tatsache, dass ich in einer Band bin, herumreise und dabei Erfahrungen sammele. Manchmal schreibst du über deine Gefühle. D.A.D. machen aber keine Liebeslieder, weil ich nicht glaube, dass die noch interessant sind. So viele Leute singen über Liebe. Ich versuche über alltägliche Dinge zu schreiben. Aber das hoffentlich auf interessante Weise und ohne diese Rockklischees zu verwenden. Du weißt schon, diese Zeilen, die die Leute schon tausendmal gehört haben. Ich experimentiere lieber ein bisschen. Aber keine Liebe und keine Politik (lacht)!
Wart ihr eigentlich jemals in Disneyland?
Stig Petersen: Ja, wir waren da. Ich glaube auf unserer ersten US-Tour irgendwann in den Achtzigern. Wir haben uns Disneyland angeschaut und dachten „Wow“. Es war dieses alte Disneyland in Anaheim. Das hatte Charme, weil es das allererste Disneyland war. Weißt du, die Amerikaner laufen da rum in ihren Touristenklamotten. Sehr lustig, aber auch sehr interessant. Der Grund warum wir ursprünglich Disneyland After Dark hießen war, dass Disneyland so typisch amerikanisch klang und After Dark typisch für den Punk. Es ist einfach ein witziger Name. Damals musste jede Band einen möglichst langen Namen haben. Später hat Walt Disney Productions uns dann die Verwendung untersagt. Also kürzten wir den Namen auf D.A.D. Anfangs waren wir besorgt, dass die Fans das nicht verstehen würden. Aber die Hardcore-Fans wissen eben, dass D.A.D. für Disneyland After Dark steht. So konnten wir unsere Identität behalten!
Vielen Dank für das sehr nette Gespräch, Stig!
Ein spezieller Dank geht hiermit auch an Yvonne Zymolka von Sanctuary Records für ihre freundliche Unterstützung!