(Dave Matthews)
Anfang März hatte Musicheadquarter die Gelegenheit Dave Matthews vor seinem Konzert in Frankfurt zu einem ausführlichen Gespräch zu treffen. Er gibt darin Auskunft über seine Erfahrungen in Europa, verschollene Songs, wie eine von ihm geführte Supergroup wohl aussehen könnte und noch über vieles andere mehr. Das Interview führte unser Redakteur Sascha Knapek.

Dave, eure aktuelle Europatournee nähert sich ihrem Ende. Heute steht das elfte von 18 Konzerten an und es ist euer letztes in Deutschland. Bist du mit den Zuschauerzahlen bisher zufrieden und wie läuft die Tour allgemein denn so?
Dave Matthews: Na ja, es ist immer schön, für ein neues Publikum zu spielen. Ich denke, dass wir in den letzten Jahren in Deutschland und anderen Teilen Europas gut vorangekommen sind, besser als in der Vergangenheit. Vieles hat mit Timing zu tun, so verlief auch unsere Karriere in den Vereinigten Staaten. Bislang ist es eine großartige Tour, wir spielen vor unserem größten eigenen Publikum, das wir hier jemals hatten. Ich bin sehr zufrieden, aber traurig, dass heute unser letztes Konzert in Deutschland ist. Allerdings haben wir diesmal mehr Konzerte in Deutschland gespielt als jemals zuvor. Das ist eine gute Sache und es lief auch alles hervorragend. Es läuft alles in die Richtung, in die wir in Europa wollten und wir hoffen, dass wir den Leuten einen Grund zum Wiederkommen geben, wenn wir das nächste Mal rüberkommen.
Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, dass ihr 2001 eine Tour durch Deutschland geplant hattet, die aber wegen des 11. Septembers abgesagt habt. Warum habt ihr euch danach mit einem neuen Versuch fast neun Jahre Zeit gelassen?
Dave Matthews: Unsere Karriere ist in den Staaten nach dem Prinzip der Mundpropaganda ins Rollen gekommen. Alles was wir erreichten gelang uns durch Mundpropaganda. Und obwohl wir mittlerweile oft im Radio laufen, und manchmal sogar im Fernsehen, kamen all diese Dinge erst, nachdem uns die Mundpropaganda größer werden ließ. Es waren die ständigen Tourneen, das Spielen vor Publikum und unsere physische Präsenz vor einem Publikum, was die Leute für die Art von Musik, die wir spielen, geöffnet hat. Diese Zeit haben wir hier nie investiert. Um hier erfolgreich zu sein, müssen wir das allerdings. Und um auf das Jahr 2001 zurückzukommen. Einerseits war das ein sehr hoffnungsvolles Jahr, aber es war auch ein schweres Jahr in unserer Karriere, eine schwere Zeit für die Band. Wir haben zu lange gebraucht, um zurückzukommen, aber ich denke, dass wir diesmal in einer sehr guten Ausgangsposition sind. Wir kehren zum Kern zurück, warum wir überhaupt Musik machen und deshalb ist es für uns auch so wichtig wieder für Leute zu spielen, die uns vielleicht noch gar nicht kennen. Es ist nicht selbstverständlich, wie in den Staaten, gut anzukommen und sich dann von alleine zu vergrößern. Für uns ist es anders, wir möchten jetzt alle die gleiche Herangehensweise an den Tag legen und uns unserem Publikum auf der ganzen Welt in gleicher Weise empfehlen. Ich denke, dass wir dafür jetzt offen genug sind und ich hoffe den Zuschauern geht es ähnlich.
In den USA spielt ihr manchmal Konzerte vor 50.000 oder 60.000 Menschen, hier spielt ihr jetzt im Schnitt vielleicht vor 4.000. Was ist der Unterschied für dich in Bezug auf die Anzahl der Zuschauer und wo ist der Unterschied zwischen dem europäischen und dem amerikanischen Publikum?
Dave Matthews: Na ja, es geht mir nicht um die Größe. Jetzt höre ich mich schon, wie eine Frau an (lacht). In den Staaten ist das Publikum zwar größer, aber das erwartet man auch. Manchmal, wenn wir in Südamerika auf Tour sind, ist das Publikum kleiner und wir versuchen uns neue Hörer zu erspielen, das ist immer eine neue Erfahrung. Die Anzahl der Leute ist egal, für uns macht das keinen Unterschied. Was unterschiedlich ist, ist, wie sich das Publikum verhält, das ist überall anders. Durch unsere 15-jährige US-Karriere kommen in den Staaten an jedem Abend viele Leute zu unseren Konzerten. Die verhalten sich dabei in einer Art und Weise, die wir kennen – die Art, wie sie singen, tanzen. Es gibt eine Art Fankultur, die sich nur mit unseren Tourneen beschäftigt. Das ist großartig, macht Spaß und natürlich bin ich dankbar dafür. Aber es ist auch schön mal an anderen Orten zu spielen, wo man nicht weiß, was einen erwartet. Die Zuschauer, die wir bisher in Europa kennengelernt haben – mit kleinen Unterschieden natürlich –, z.B. das deutsche Publikum, sind sehr aufmerksam, sie hören zu und sie freuen sich sehr auf die Konzerte. Sie verhalten sich einfach anders. In Amerika sind die Leute während der Songs fast lauter als zwischen ihnen. Hier bekommt man die Antwort auf einen Song, wenn er fertig ist, dann kommt der Applaus. Das ist ganz interessant, Unterschiede gibt es auf jeden Fall. Außerdem kommt es mir so vor als seien die Leute hier sehr aufmerksam, aber vielleicht ist das auch nur so, weil es neu ist. Jeder Ort in Europa und jedes Konzert ist unterschiedlich. Uns geht es darum, dass wir uns wohlfühlen und eine gute Zeit vor dem Publikum verbringen. Wenn das der Fall ist, können wir wieder fahren und das Gefühl haben, dass wir das erreicht haben, was wir wollten, einen Eindruck zu hinterlassen.

Ich bin mir sicher, dass viele eurer Studiosessions, die zu einem Album geführt haben, ein paar Songs abgeworfen haben, die es nicht aufs Album geschafft haben. Ich denke da an Songs wie "Get In Line", "#40" oder "Deed Is Done". Habt ihr schon mal daran gedacht ein Raritäten- oder Outtakes-Album zu machen?
Dave Matthews: Es gibt Gespräche darüber. In der Tat haben wir erst kürzlich darüber gesprochen. Das sind drei gute Songs, die sollte ich mir notieren, die hatte ich ganz vergessen (Dave nimmt sich meinen Stift und schreibt die drei Songnamen auf ein Blatt Papier, d. Red.). "Deed Is Done", den mochte ich schon immer, ich frage mich, ob ich den Song wieder rauskramen könnte und ob die Leute ihn dann wieder mögen würden. Ich mag ihn. Und "Get In Line", an die Nummer kann ich mich auch noch erinnern. Den würden wir auch irgendwie wieder hinkriegen. "#40" wird oft erwähnt, die Leute wollen immer dass ich das Ding spiele. Das sind großartige Songs. Für mich liegt die Motivation darin etwas Neues zu finden und das klappt nicht immer perfekt. Aber ich denke, dass unser neues Album ("Big Whiskey And The GrooGrux King", d.Red.) eine sehr erfolgreiche Platte für uns war und uns viel Hoffnung für die Zukunft gibt. Ich sage nicht "nie", aber ich tendiere dazu nach vorne und nicht nach hinten zu blicken. Aber das sind drei Songs, die nah an meinem Herzen sind. Mein Manager hat mir gerade eine Liste mit 40 Songs geschickt, die wir haben, aber noch nie aufgenommen wurden. Er hat gesagt, dass ich einfach mal drüber nachdenken soll. Interessant, dass du gerade diese Frage stellst.
Was ist mit dem sagenumwobenen "MacHead"?
Dave Matthews: Oh ja, ich muss kurz überlegen, wie der Song noch mal ging. Hast du ihn jemals gehört?
Nein.
Dave Matthews: Ich glaube, ich habe ihn nie live gespielt. Das ist noch ein Song, den ich aufschreibe. An den habe ich schon eine Weile nicht mehr gedacht.
Deine Fans reden seit Jahren über den Song, und ob es ihn wirklich gibt, ob er zu "Bartender" geworden ist und allerlei andere Theorien.
Dave Matthews: Nein, nein, zu "Bartender" ist der Song definitiv nicht geworden. Dedudehdu (Dave macht ein paar rhythmische Laute und spielt ein wenig Luftgitarre, d.Red.). Ich kann mich ungefähr daran erinnern, wie der Song ging. Er war echt schön, aber wir haben ihn trotzdem verworfen. Das ist ein interessanter Song, noch ein guter, die waren allen gut. "MacHead" war ein richtig guter.
Stimmt es, dass er aus den"Before These Crowded Streets" Sessions stammt?
Dave Matthews: Ja, er ist aus den "Before These Crowded Streets" Sessions. Damals haben wir an ihm gearbeitet. Wir haben angefangen an ihm rumzubasteln und ihn dann entweder vergessen oder etwas anderes kam uns in die Quere. Ich kann mich daran erinnern, dass wir ihn mit auf die Tafel geschrieben haben. Das war ein guter. Kurzlebig, aber das sind ja viele Dinge.
Du bist bekannt dafür während eines Sets ein paar Songs zu teasen. In Köln und Amsterdam hast du zum Beispiel "Sugar Will" angedeutet. Willst du damit nur die Fans ein bisschen auf die Schippe nehmen oder denkst du in dem Moment wirklich darüber nach den ganzen Song zu spielen?
Dave Matthews: Nein, ich denke in dem Moment nicht daran, den ganzen Song zu spielen. Manchmal spielen wir einen Song drei Jahre lang nicht. Vielleicht gibt es Menschen mit so einem klaren Verstand, dass sie etwas, das sie drei Jahre lang nicht gespielt haben – auch wenn man es eigentlich beherrscht hat – auf der Stelle spielen könnten. Für uns wäre das in dem Fall ganz schön mutig, an manche Stellen erinnert man sich vielleicht gar nicht mehr. Aber das ist unser Problem. Wir mögen den Song alle, er ist großartig. Er fiel nur irgendwie aus der Rotation. Manchmal, wenn ich einen Song nur kurz anspiele, ist es, um die Jungs in der Band wieder an den Track zu erinnern. Heute Abend werde ich ihn vielleicht wieder kurz anspielen, aber bevor wir den ganzen Song spielen können, müssen wir ihn proben. Vielleicht spielen wir ihn noch auf dieser Tour, aber höchstwahrscheinlich nicht heute.

(Ich deute auf eine lange Liste mit Songtiteln, die auf dem Tisch vor uns liegt, d.Red.) Theoretisch könntet ihr jeden Song auf der Liste heute spielen?
Dave Matthews: So ungefähr. Ich suche sie aus. Manchmal ist es relativ klar welche wir spielen und manchmal mischen wir alles etwas durcheinander. Ich könnte jeden dieser Songs auswählen, die Frage wäre nur, wie gut unsere Umsetzung des Stücks wäre.
In den Staaten sind eure Setlisten immer voll von Wechseln und Änderungen im Vergleich zum vorherigen Konzert. Aber wenn man auf eure Setlisten in Deutschland guckt, sind die Änderungen eher minimal. Warum ist das so?
Dave Matthews: Einer der Gründe sind die neuen Fans. Wir spielen Songs, die automatisch einschlagen. Sie sind ein bisschen aggressiver. Aber ich muss die richtige Balance finden, mir ist klar, dass im Publikum auch viele langjährige Fans sind, die gerne etwas hören möchten, was wir bisher noch nicht gespielt haben. Aber das muss ich mit den neuen Fans abwägen, die die Songs von der neuen Platte hören möchten. Also versuche ich einen Weg zu finden, der beide Gruppen glücklich macht. Ich weiß, das ist nicht perfekt, aber ich versuche mein Bestes. Am Ende des Tages kann ich nur das tun, was ich für richtig halte. Wir werden sehen, was heute Abend passiert.
LeRoi Moore, ein Gründungsmitglied der Band, ist 2008 gestorben. Aus emotionaler Sicht, ist es hart für dich manche ältere Songs zu spielen, bei denen er eine große Rolle gespielt hat?
Dave Matthews: Es ist mehr als das. Ich fühle seine Abwesenheit eher in kurzen Momenten in einem Song und unerwarteterweise. Manchmal höre ich etwas, das er hätte spielen können oder ich erinnere mich bei manchen Sachen an seine Herangehensweise. Er war ein ausgezeichneter Musiker, ein unglaublicher Typ und ein schwieriger Freund. Ich werde ihn immer vermissen. Du musst weitermachen, was aber nicht bedeuten soll, dass du dich entfernen sollst. Ich verzichte nicht bewusst auf Songs, weil sie mich an ihn erinnern könnten. Es sind die überraschendsten Momente, in denen ich an ihn denken muss.
1999 hast du mit Santana zusammengearbeitet. Du warst auf seinem Album "Supernatural" zu hören. Morgen erscheint die Legacy Edition des Albums und darauf wird ein weiterer Song mit dir und Carter Beauford, eurem Drummer, zu hören sein. Der Song heißt "Rain Down On Me" und DMB-Fans kennen ihn unter dem Titel "JTR".
Dave Matthews: Ja, ich glaube bei der Bridge gibt es einen kleinen Unterschied, aber im Prinzip ist es der gleiche Song. Den Großteil der treibenden Parts des Songs habe ich geschrieben, ich glaube deshalb ist er ursprünglich nicht auf der Platte gelandet. Es hat sich nicht nach Carlos Santana angehört, es hörte sich – bis auf die Bridge – nach uns, der Dave Matthews Band an. Ich bin gespannt, wie es sich anhört, ich kann mich nicht daran erinnern wie sie es abgemischt haben. Vielleicht holen wir den Song auch mal wieder raus.
Ende letzten Jahres drehte sich alles um eine Band namens Them Crooked Vultures. Eine Supergroup, die aus Dave Grohl, John Paul Jones und Josh Homme besteht. Wenn du eine Band aus lauter prominenten Musikern formen könntest, wen würdest du rekrutieren?
Dave Matthews: Ich bin von meiner Band ziemlich angetan. Ich habe die Chance mit ein paar unglaublichen Leuten zusammenzuspielen. Das sind meistens Leute, die eher in der Ecke und weniger im Rampenlicht stehen. Die Leute, die eher um den roten Teppich herumgehen, als über ihn. Ich hatte das Glück bisher in meiner Karriere schon mit vielen großartigen Musikern zusammen zu spielen, aber ich kehre immer wieder zu dieser Band zurück, weil ich ein Teil von ihr bin. Mein erster Gedanke wäre bei so etwas wohl eine Gruppe großartiger Musiker zusammenzutrommeln und meine eigene Supergroup aus Leuten zu gründen, von denen noch niemand etwas gehört hat (lacht). Ich weiß nicht, ob ich ein paar richtig bekannte Musiker nehmen und sie in eine gemeinsame Band stecken würde. Wenn ich an die Leute denke, die ich bewundere und die immer noch Musik machen, dann kommen Namen wie Joshua Redman, Neil Young oder Daniel Lanois. Es gibt so viele großartige Leute. Die, die ich gerade genannt habe, sind wahrscheinlich gar nicht so berühmt, wie ich denke. Okay, Neil Young ist berühmt. Das ganze Supergroup-Ding ist einfach außerhalb meiner Denkweise.
Wann werden die deutschen Fans die Dave Matthews Band wiedersehen?
Dave Matthews: Ich hoffe, dass wir jährlich wiederkommen werden. Vielleicht werden es auch nur Tim und ich sein, was aber auch ganz cool ist, finde ich. Es ist anders, aber trotzdem cool. Wie auch immer wir es machen werden, ich würde uns sehr gerne ein Publikum hier aufbauen. Ich denke, dass es genau das ist, was ein Musiker machen sollte. Reisen und Musikmachen. Solange ich kann, ist es das, was ich tun sollte.
Vielen Dank für deine Zeit, Dave!
Ein großes DANKESCHÖN an Kai Manke von networking Media, der dieses Interview für uns möglich gemacht hat!
Und HIER findet ihr den Bericht vom Konzert in der Frankfurter Jahrhunderthalle.