Interview mit Doro Pesch, Philipshalle Düsseldorf

(Doro)

15.12.2007 von Ingrid Silvasi

Welch Weihnachts-Metal-Party... das Heavy Christmas Meeting in der Düsseldorfer Philipshalle neigt sich langsam dem Ende zu, die Fans sind bereits aus der Halle gebeten worden, die Aufräumarbeiten und das Abbauen der Bühne ist bereits voll im Gange. So ist es auch nach zwei Uhr früh, als mich Doro Pesch nach der Show zum Interview empfängt. Freundlich und neugierig begrüßt sie mich. Ich bin fasziniert von ihrer rauen Stimme, die nicht nur auf den Platten so charakteristisch für sie ist, sondern auch jenseits des Studios und der Bühne. Um sie herum herrscht reger Betrieb – ihre Mutter ist da, Freunde, Bekannte, Musiker – alle wuseln um Doro herum und bevor wir starten, begrüßt sie noch Fans, die ihr ein besonderes Geschenk überreichen.

Doro: Das kommt ins Schlafzimmer!

Hast du denn noch Platz für all die Geschenke von den Fans?

Doro: Ich habe ja zwei Wohnungen – in New York und in Düsseldorf. In Düsseldorf, in meinem Schlafzimmer, ich kann da nicht mehr schlafen; da sind nur Taschen, Klamotten und Geschenke und das ist auch noch auf dem Bett verteilt und dann schlafe ich auf zwei einsamen Matratzen vor dem Fernseher im Wohnzimmer. Bei meiner Mum ist der ganze Keller voll, die ganze Wohnung voll. Sie kann kaum mehr schlafen und schläft auch schon im Wohnzimmer, weil im Schlafzimmer schon alles voll ist. Drüben in New York, ey, alles voll! (lacht)

Ihr habt morgen frei! Hast du ein wenig Zeit den Tag mit Familie und Freunden zu verbringen?

Doro: Morgen ist der ganze Tag mit Interviews voll...

Ich überreiche Doro den MHQ-Shortcut zum Ausfüllen, bei ihr ist noch Multi-Tasking angesagt. Sie schnappt sich schnell das Handy und versucht noch jemanden zu erreichen, während sie mit dem Ausfüllen beginnt.

Hast du jemals Probleme mit deiner Größe gehabt, Doro?

Doro (ganz selbstverständlich): Nö.

Fühltest du dich nie benachteiligt oder bist du froh eine kleine Frau zu sein, weil es dir vielleicht eine bessere Position von Anfang an gab?

Doro: Ich war damals ein Sport-Freak, bin auch immer gut gelaufen. Bis ich so 8, 9, 10, 12 war, wollte ich gerne zur Leichtathletik und dann konnte ich unheimlich gut laufen. Irgendwann, wie ich dann so 14, 15 war, waren die dann alle so groß, Brecher um die 1,80 m und dann dachte ich mir 'aaaah, Scheiße'. Dann habe ich auch die Musik entdeckt und es gab kein Halten mehr. Ich hab´s immer so angenommen wie es ist. Auch unser Drummer, der Johnny, ist ganz klein. Und als ich nach Amerika gegangen bin, ist mir aufgefallen, dass alle Frauen viel kleiner sind als in Deutschland. Und da bin ich genau im Mittelmaß. Hier sind alle ganz groß, in Skandinavien noch größer. Benachteiligt also nicht, es sieht vielleicht manchmal lustig aus. Je nachdem...

Zum Beispiel Blackie... ich weiß noch bei der ersten Tour, da hat Blackie seine Riesen-High-Heels mit Plateau angehabt. Wir wollten Essen gehen, in London war das, und ich hatte meine Turnschuhe an – damals hatte ich immer Turnschuhe – und das sah so lustig aus! Viele Metal-Fans waren auch da und wollten Fotos machen.

Bedacht füllt sie den Shortcut aus, möchte auf jede Frage genau antworten. Mitten im Ausfüllen fällt ihr auf, dass sie von Englisch ins Deutsche gewechselt ist.

Doro: Soll ich in Deutsch oder in Englisch, by the way?

Wie geht es dir gesundheitlich, Doro? Eigentlich bist du ein wenig angeschlagen, wie mir berichtet wurde, hast dir jedoch – professionell wie du bist – während der Show nichts anmerken lassen.

Doro: Deswegen ziehe ich jetzt gerade den Schal an, gutes Stichwort! Ja, bin so am 'erkältet werden'. Durch die Kälte, heiße Bühne, dann wieder kalt.

Du hast uns eben mit einer wunderbaren Überraschung beschert, eine All-Star-Kombo hattest du plötzlich auf der Bühne zu „All We Are“. Wie ist es dazu gekommen?

Doro (schwärmend): Ja, ja! Also eigentlich ist es dazu gekommen, dass wir vor vier Jahren hier in der Philipshalle unser 20jähriges Jubiläum gehabt haben. Und das war eigentlich auch ganz spontan, es kamen ganz, ganz viele Gäste und haben mitgesungen und mitgemacht. Es war vorher gar nicht geprobt, es war unglaublich. Dann haben auch Saxon gespielt und Lemmy und Mikkey Dee von Motörhead war da.

Du hast die Gäste einfach angerufen und sie gefragt, ob sie dabei sein möchten?

Doro: Wir haben es so gemacht: wir haben einen Termin festgesetzt. Mit Saxon wollten wir eh eine Tour machen und dann war das schon mal klar, dass wir das zusammen machen. Lemmy und Mikkey habe ich angerufen, ob sie Bock hätten vorbeizukommen. Dann hatte sich das gerade so gut ergeben, es war der letzte Tourtag von denen und sie sind runtergekommen. Eine Nacht vorher haben wir das mal durchgespielt, das war „Love Me Forever“, den Song habe ich immer so geliebt! Wir haben ja zwei Duetts auf der Calling The Wild-Platte mit Lemmy gemacht. Und Lemmy ist sowieso ein Wahnsinns Idol von mir und liebe ihn so wie jeder Lemmy liebt! Dann habe ich meine alten Warlock-Bandmembers angerufen, ob sie nicht Bock hätten vorbeizukommen. Wir haben dann auch noch geprobt.

Zuerst wollten wir nur einen Song machen, dann waren wir hier auf der Bühne und die Fans wollten mehr und wir haben dann doch drei Songs gespielt. Zum Schluss sind nochmals alle auf die Bühne gekommen und wir haben „All We Are“ gesungen. Das war wirklich ein Wahnsinns-Event, schöner, als wir es uns ausmalen konnten. Wir haben es auf DVD veröffentlicht. Dann haben die Fans gesehen, dass Metalmäßig wieder etwas in der Philipshalle stattfindet und ein paar Leute meinte 'wer ist denn da als Gast da?' Da meinte ich 'Eigentlich ist es eine ganz normale Show, denn das 25jährige feiern wir erst nächstes Jahr'. Und alle fragten nur 'Echt? Ohne Gäste?'. Wenn die Leute sich alle schon drauf freuen, haben wir alle unsere Kumpels angerufen, Schmier und Mille, Tom Angelripper und die Edguys haben gesagt, dass sie eh kommen wollten. U.D.O., weil er heute gespielt hat, habe ich gefragt, ob er auch zu „All We Are“ Bock hätte. Und dann hat sich wirklich alles so entwickelt und ergeben.

Und Ji-In von Krypteria war auch dabei...

Doro: Genau, die Sängerin von Krypteria. Ich habe dann gesagt, es können alle auf die Bühne.

Und so einen Klassiker wie „All We Are“ können eigentlich alle auswendig.

Doro: Ja, ne? Und wenn sie ihn nicht kennen, dann spätestens nach einem Chorus!

Du hast ein tolles Oberteil heute angehabt!

Doro: Echt? Das habe ich ganz neu, das hat übrigens auch eine Düsseldorferin gemacht, die Ute Mazocha, sie macht mir die ganzen Sachen! Weil ich klein bin, passen auch manchmal die Größen beim Kaufen nicht. Live muss auch alles halten - andere Gesetzgebung! (lacht)

Es läuft momentan sehr gut für dich, „The Queen“ ist in die Charts eingestiegen...

Doro (freut sich): Jaaaaa, ja! Vor allem zu Ehren für Regina! Es war eine Überraschung – ich hatte es ihr vorher gar nicht gesagt. Wir haben acht Wochen im Studio gesessen. (Doro verabschiedet Tobias von Edguy) Jetzt habe ich den Faden verloren... Der Song hat sich im Studio ganz toll entwickelt. Dann haben wir noch eine Akustik-Version gemacht. Dann sagte das ZDF, wenn Regina gewinnt, dann wird es als Siegerhymne mit Feuerwerk gemacht. Wir haben eine Single draus gemacht und ich bin auch ganz happy, dass es überhaupt in die Charts gekommen ist.

Live kommt der Song auch gut an! Du hast den Song heute als Absacker gesungen.

Doro: Ja, wir haben es heute mal zu Ehren Reginas zum Schluss gespielt.

Schade, dass es einige Fans nicht mehr ganz bis zum Ende ausgehalten haben... (A.d.R. Doro spielte bis 01.30 Uhr)

Doro: Ich habe gehört, dass es nichts mehr zu Trinken und zu Essen gab. (A.d.R.: vor Mitternacht war das Bier bereits alle...) Dann fährt die letzte Bahn, der letzte Bus. Viele Fans haben vorher gesagt, dass es etwas spät sei und dann ist es noch später geworden, weil der Umbau von den anderen Bands länger gedauert hat. Wenn man halt als letzter spielt, muss man damit rechnen. Das merke ich auch schon... die ersten Leute sind dann schon völlig platt oder sturzbetrunken.

Du nimmst augenblicklich deine neue Platte auf. Auf den letzten Scheiben hattest du immer wieder Gastmusiker dabei. Hat sich da schon im Hinblick auf die neue Scheibe etwas ergeben?

Doro: Wenn es sich so ergibt... Es muss eine Bewandtnis haben. Ich habe ein paar Leute angefragt, mit denen ich damals aufgewachsen bin und mich inspiriert haben.

Noch nichts Konkretes, über das du sprechen möchtest?

Doro (lacht): Das wollte ich noch nicht verraten, wenn´s dann nicht klappt sind alle enttäuscht... Wir haben auf jeden Fall ein paar Gäste angefragt.

Sind es deine Lieblingskünstler, die du anfragst?

Doro: Es sind immer Leute, die einem etwas bedeutet haben oder nach wie vor bedeuten. Manchmal hat man eine Tour zusammen gemacht und hat sich dann so gut verstanden, dass man daraus etwas macht. Zum Beispiel das Duett mit After Forever ist entstanden, weil ich Bas, den Gitarristen, vor vielen Jahren kennen gelernt habe. Er meinte, ob ich denn nicht mal etwas zusammen mit ihnen singen kann. Und später hat sich das dann so ergeben. Man kann es gar nicht forcieren, es muss einfach das richtige Gefühl haben und der andere muss Bock dazu haben. Aber wenn die Leute darauf Bock haben, haben sie auch Zeit und irgendwie klappt das dann schon!

Wird die Platte noch fertig, bis ihr in den Staaten touren werdet im März/April?

Doro: Nee, nee... noch ein gutes Jahr wird es dauern. Das habe ich bis jetzt immer gebraucht. Rechtzeitig zum 25jährigen, das wäre das Ziel. Vielleicht eine Single vorher. Aber wenn es dann nicht fertig wird – etwas halbfertiges rausbringen, das ist nichts... dann lieber später!

Du hast in den vielen Jahren mittlerweile so viel Erfahrung gesammelt – hättest du nicht Lust darauf mal selbst als Produzentin, vielleicht für eine Nachwuchskünstlerin, tätig zu werden?

Doro: Ich bin schon so eingespannt damit, unsere eigenen Platten zu machen, die Tourneen zu fahren... Auf der einen Seite ist es auch ganz wunderschön, endlich in Ländern zu touren, die früher gar nicht möglich waren wie Russland oder Tschechei. Das ist natürlich klasse, nimmt jedoch fast das ganze Jahr in Anspruch und auch eine Platte selbst zu machen – ich brauche meistens immer ein Jahr, dann noch Promotion-Tour, Proben mit der Band. Meistens kommt man gar nicht zum Schlafen. Also eine andere Band zu produzieren... zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Und ich muss auch sagen, dass es einem so viel Kraft nimmt. Da muss man schon jemanden haben, an den man wirklich glaubt und den man total mag.

Spielst du eigentlich ein Instrument?

Doro: Früher habe ich Klavier gespielt. Auch Singen und ein Instrument spielen live - auf der Bühne motiviere ich lieber die Leute als auch noch selbst ein Instrument zu spielen. Ich habe auch schon lange nicht mehr gespielt. Nur so für mich, wenn ich Balladen schreibe.

Im Film „Anuk – Der Weg des Kriegers“ hast du deinen ersten Ausflug ins Filmbusiness gewagt. Hättest du Lust nochmals eine Rolle anzunehmen?

Doro: Wenn es ein cooler Typ ist wie der Luke Gasser und ein Independent-Film mit ganz, ganz wenig Kohle, auch wirklich alles handmade – sogar die ganzen Häuschen wurden aus Holz geschnitzt, ein irre Aufwand – mit Luke würde ich jederzeit gerne noch was machen. Es muss halt so Underground-mäßig bleiben und viel Herzblut drin stecken. Nichts Kommerzielles.

Wie wirst du Weihnachten verbringen, Doro?

Doro: Ach, wir sind jetzt auf Tour bis zum 23. Dezember, dann falle ich bestimmt ins Koma und am 24. schlafe ich bestimmt! Meine Mutter hat dafür Verständnis, die kennt das bereits. Wenn ich von Tour komme, bin ich ein paar Tage gar nicht ansprechbar oder für ein-zwei Tage. Meistens kriege ich das Essen vorbeigebracht. Wenn man auf Tour ist, hat man die ganze Energie, aber sobald die Tour vorbei ist, dann macht der Körper auch nicht mehr mit und dann werde ich meistens total krank. Da ist also nicht mehr viel mit feiern. We take it easy!

Und die Wünsche für das nächste Jahr?

Doro: Eigentlich, dass es so weitergeht und ich möchte wieder eine wunderschöne Platte machen, das die Fans begeistert und überrascht und dann sind wir schon das 25jährige Jubiläum am vorbereiten. Ich möchte etwas tolles zusammenstellen, was die Fans auch freuen wird – wenn es denn schön wird! Und was sich jeder Mensch halt so wünscht: dass man gesund bleibt, Frieden und dass weltweit nicht so schlimme Sachen passieren.

Ich wünsche dir für das nächste Jahr alles, alles Gute, dass die Pläne, die du dir vorgenommen hast, so verwirklicht werden können ohne dass etwas schief läuft! Und wir sehen uns wieder hier in Düsseldorf am 13.12.2008 im ISS Dome, um dein 25jähriges zu feiern!

Doro: Ja, genau! Warst du schon mal da?

Leider noch nicht. Kapazität?

Doro: 14.000 bzw. 13.800.

Es werden sicherlich auch viele Fans aus dem Ausland dabei sein.

Doro: Ja, heute auch! Fans aus Belgien, Frankreich, England. Wir wollen vielleicht in ein paar Städten, wo die Fans besonders toll waren, unser 25jähriges machen. Aber Düsseldorf soll das Größte und Schönste werden.

Toi, toi, toi für die Pläne, Doro!

Doro: Dankeschön!

Wir schießen noch zwei Bilder miteinander, die sich Doro noch anschauen möchte, um zu beurteilen, welches veröffentlichbar ist. Sehr sympathisch! Für sie wird es heute noch spät, denn es warten noch weitere Interviewpartner...

Ein herzliches Dankeschön nicht nur an Doro für die Zusage des Interviews, sondern auch an das AFM-Team und an den Tourmanager.

Auf ein baldiges Wiedersehen mit der Metal Queen!

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