Interview mit Jordan Rudess (Dream Theater), Museumsmeile / Bonn

(Dream Theater)

16.06.2007 von Ingrid Silvasi

Soundcheck für Dream Theater zwischen dem Bonner Kunstmuseum und der Kunst- und Ausstellungshalle. Eine tolle Location und seit Jahren beliebter Austragungsort für Open-Air-Festivals über dem weißen Zelt. Den brauchen wir auch heute, denn zwischen Portnoys Drumsolos und LaBries Gesangsproben ziehen immer wieder Schauer über die Museumsmeile, abgewechselt von eitel Sonnenschein.

Gert und ich werden von einer jungen Roadrunner Records Mitarbeiterin durch die Gänge des Kunstmuseums vorbei an etlichen Security-Wachen geschleust. Zusammen erwarten wir den Keyboarder der Prog-Könige auf einer gemütlichen, roten Ledercouchecke. Das Interview verzögert sich und so schauen wir dem Treiben der Mitarbeiter an den Telefonen und Laptops zu.

Als Jordan von einer weiteren Roadrunner Mitarbeiterin hereingeführt wird, bietet er uns höflich etwas zu trinken an und kommt mit Wasser-Tetra-Paks zurück. Sehr aufmerksam! Nach einer kurzen Vorstellung geht es auch schon direkt an die Fragen, denn die Zeit sitzt uns im Nacken.

Interview mit Jordan Rudess (Dream Theater), Museumsmeile / Bonn

Nach Eurem letzten erfolgreichem Album „Octavarium“ und Eurer großartigen Tour, habt Ihr mit einem Konzert in der New Yorker Radio City Music Hall Euer 25jähriges gefeiert und dabei die Messlatte bei allem recht hoch gelegt. Hattet Ihr keine Angst, dass Ihr all das nicht mehr toppen könnt?

Jordan: Es war gut, dass wir nach dem großen Hype eine Pause eingelegt haben. Aber es gibt immer Musik zu machen und das Publikum verlangt von dir, dass du weiter machst. Was eine Herausforderung für uns wäre, ist eine bessere Location in New York als die Radio City Music Hall zu finden (lacht). Es ist noch nicht entschieden, wo wir als nächstes spielen. Das sind immer Herausforderungen, denen wir uns stellen.

Zwischenzeitlich habt Ihr Eure Plattenfirma gewechselt und seid nun bei Roadrunner Records. Was erhofft Ihr Euch von dieser Zusammenarbeit? Glaubt Ihr mehr erreichen zu können, als mit Eurer vorigen Plattenfirma Atlantic?

Jordan: Es ist keine Frage, wir haben schon einige großartige Sachen gemacht mit dieser Unterstützung – der Unterschied ist, dass wir nun eine Plattenfirma haben, die wirklich bei der Sache ist. Sie möchten ein Stück von dem Ganzen sein, den Erfolg wachsen sehen, geben viel Energie, viele Leute sind involviert. Neben der persönlichen Energie, investieren Roadrunner natürlich auch Geld. Wir merken, dass sie wirklich mit uns als Band zusammenarbeiten möchten und geben der Band den Vorrang. Da ist also viel Raum für Wachstum.

Läuft es also besser als vorher?

Jordan: Ja, eindeutig!

Habt Ihr mehr künstlerische Freiheit?

Jordan: Die hatten wir schon immer. Es geht jetzt mehr um Unterstützung auf dem Business-Level, unsere Musik zu vertreiben.

Seit einigen Jahren habt Ihr bereits komplette Kontrolle während Eurem künstlerischen Prozess. Wie weit könnt Ihr diesbezüglich gehen – aus kreativer und kommerzieller Sicht gesehen?

Jordan: Die Band hat freie Kontrolle über das kreative Schicksal, wir können so weit gehen wie wir nur wollen. Wir haben es so lange alleine durchgezogen und haben bereits Erfolg damit gehabt. Das macht Dream Theater ja auch so verlässlich.

Wie sieht es mit der Business Seite aus? Habt Ihr da auch gewisse Kontrollmöglichkeiten? Oder übernimmt die Plattenfirma diese Arbeit für Euch?

Jordan: Wir haben ein sehr gutes Management, ein Business Management Team, welches sich um die finanziellen Belange kümmert.

Lass uns nun über die neue Scheibe „Systematic Chaos“ reden. Hattet Ihr bereits eine Idee, was für eine Platte Ihr aufnehmen wollt, als Ihr ins Studio gegangen seid?

Jordan: Wir haben der Platte viel Spielraum gelassen, mehr als je zuvor. Es war interessant dies so durchzuziehen, denn einige der Bandmitglieder bevorzugen große Konzeptsachen. Du konntest richtig merken, dass sie mit sich kämpfen mussten nicht noch mehr an den Songs zu arbeiten, vor allem Mike. Wir sind also ins Studio gegangen und waren für alles bereit. Das Einzige, was uns jedoch ständig vorschwebte war, dass es ein dunkles und heavy Album werden sollte.

Mir scheint eher, dass Euch ein Schnitt durch Eure komplette Diskographie gelungen ist. Von all´ Euren Alben gibt es Songs, die denen auf „Systematic Chaos“ ähneln.

Jordan: Ein Dream Theater Album wird immer eine Art stilistische Mischung sein. Wir haben immer etwas Sanfteres dabei, etwas Kommerzielles, einen Track, der immer etwas aus der Reihe fällt mit verrückten instrumentalischen Parts. Aus dieser Sicht sind wir recht konsequent. So haben wir alle nur erdenklichen Dream Theater Möglichkeiten auf einem Album, jedoch ist dieses Album durch eine heavyness geprägt und kapselt sich damit von den anderen ab.

Was habt Ihr unternommen, um in die richtige Stimmung zu kommen die Songs im Studio aufzunehmen? Ihr habt sicherlich viel improvisiert, nicht nur instrumentalisch, sondern auch textlich.

Jordan: Wir sind eine recht kreative Bande und neue Ideen fallen uns immer recht schnell ein. Wir mögen Herausforderungen. (Im Hintergrund wird es laut – Riverside fangen mit ihrem Soundcheck an und Jordan fragt uns, ob die laute Musik bei der Aufnahme des Interviews nicht stören würde. Wir machen erst mal unbeirrt weiter.) Was wir machen müssen ist, all die Ideen zu organisieren und in ein Raster bringen. Ich komme mit Keyboard-Stücken daher, John hat Ideen für Gitarren-Riffs und so weiter. Irgendjemand muss da den Überblick behalten und den Ton angeben. Das ist meistens Mike´s Aufgabe. Er ist derjenige, dem es gelingt unsere Ideen zu ordnen, unser „Dream Theater Architekt“.
Was das Arbeiten im Studio betrifft, so bauen wir die Instrumente auf, brauchen einen guten Sound und ein gutes Arbeitsumfeld. Vom textlichen Standpunkt kann ich nicht mitreden, da ich keine Lyrics geschrieben habe. Wenn John seine Lyrics schreibt, braucht er einen ruhigen Raum, darf nicht gestört werden. Er hat überall Bücher, Wörterbücher, Thesauren (lacht), dies und das, Nachschlagewerke mit Geschichten, die ihn inspirieren und ihm zu seinen Lyrics verhelfen.

Das hört sich fast als würden Symphony X an einem neuen Album werkeln. Die Jungs brauchen auch immer eine gewisse Atmosphäre mit Kerzenschein.

Jordan: Oh ja? Ein nettes Ambiente soll ja zu guten Ideen verhelfen. Ich habe noch keine Lyrics für Dream Theater geschrieben.

Würdest du denn gerne welche schreiben?

Jordan: Natürlich habe ich bereits meine eigenen Texte geschrieben – bevor ich bei Dream Theater einstieg, habe ich meine eigenen Alben getextet. Aber das ist nicht meine Aufgabe in Dream Theater. Die Aufgabenverteilung ist gut wie sie ist, Mike macht seine Sache gut und ich bin für das Keyboardspielen engagiert. Wenn ich wirklich Lyrics schreiben möchte, mache ich ein eigenes Album.

Ihr habt auf „Systematic Chaos“ auch mit Fans zusammengearbeitet, der Song heißt „Prophets Of War“. Im Internet hattet Ihr einen Aufruf gestartet, um Fans für diese Aufnahmen zu bekommen.

Jordan: Das ist eine „Mike Portnoy Idee“ gewesen. Er wollte ein wenig an dem Tag aufpassen, als es zur Zusammenarbeit mit den Fans kam. Ich war noch nicht mal anwesend. Ich war weit weg von New York an dem Tag. Das Ergebnis ist cool. Auf dem Video scheint es, dass alle viel Spaß hatten. Es ist schön andere Leute auf diesem Weg in das Album zu involvieren.

(Der Soundcheck bzw. der Drummer von Riverside quält sich durch unser Trommelfell und Jordan schlägt vor den Raum zu wechseln. Wir folgen ihm vorbei an James, Petrucci und Myung (Bassist) durch die Gänge und betreiben etwas Small-Talk.)

Was hälst du von der Venue, Jordan? Wusstest du, dass Ihr heute abend zwischen den zwei wichtigsten Bonner Museen spielt?

Jordan: Oh ja? Ich weiß nichts darüber. Wir sind angekommen und hatten noch nicht mal Gelegenheit uns ein wenig umzuschauen, wo wir eigentlich sind.

(Vom Tourmanager werden wir mit dem Verweis auf weitere fünf Minuten in den Proberaum John Petrucci´s reingeführt.)

Ich habe das Gefühl, dass du die Grenzen des Keyboardspielens immer mehr verschiebst, zu „Dark Eternal Night“ zum Beispiel. Machst du dies bewusst?

Jordan: Über all die Jahre gibt es einige verzerrte Sounds, die ich mir angeeignet habe, dich sich ganz gut im Metal machen. Es gibt viele von mir gemachte Stellen, welche die Gitarrenparts unterstützen und ihnen mehr Härte verleihen. Manchmal hörst du sie, manchmal bemerkst du die Keyboards nicht mal. Das ist ein cooler Sound und typisch für Dream Theater. Meine Rolle in der Band ist interessant, manchmal spiele ich einen aggressiven, metal-lastigen Sound oder eher gitarrenähnlich um den Song mehr Charakter und Tiefe zu verschaffen. Und andere Male spiele ich eher Standardsachen wie Klaviersound, Orgel oder Hintergrundarrangements, Special Effects. Die Rolle des Keyboardspielers macht viel Spaß. Ich spiele nicht nur Noten, ich löse auch die Einspielungen und die aufgenommenen Sprechparts aus. Alles, was nicht Gitarre, Bass oder Schlagzeug ist, ist halt das Keyboard! (lacht)

Zu „Repentance“ habt Ihr Eure Musikerkollegen und Freunde ans Mikro geholt. Woher stammt die Idee?

Jordan: Das ist Mike´s Idee gewesen. Er hat sich ans Telefon und ins Internet gehangen und hat seine Freunde kontaktiert und gefragt, ob sie Teil des neuen Albums sein wollen.

Es sind recht intime und private Monologe, die gehalten werden. War es nicht schwer solche Aussagen aus ihnen herauszulocken?

Jordan: Es ist recht Pink Floyd lastig angeordnet, recht ausgeflippt, nicht wahr? Jeder schickte seinen aufgenommenen Monolog ein und diese wurden dann zu dem Song gemixt.

Mit welchem Song auf der neuen Platte bist du am zufriedensten?

Jordan: Es ist schwierig einen Song herauszupicken. Wir haben so viel in diese Platte reingesteckt, dass es schwierig ist zu sagen, welchen Song ich am liebsten mag. Ich weiß nicht, ich mag „Ministry Of Lost Souls“ ganz gerne. Ich mag den melodischen Touch, den großen Sound. Die Orchestrierung hat viel Spaß gemacht. Es ist ein eher klassisch angehauchter Zugang zum Orchester. Es war großartig die Streicher und all das zu arrangieren. Es ist mein persönliches Lieblingsstück.

Interview mit Jordan Rudess (Dream Theater), Museumsmeile / Bonn

Immer wieder hört man die Kritik, dass Eure Musik technisch zwar sehr anspruchsvoll ist, jedoch vom Feeling her viel verliert. Wie stehst du zu solchen Aussagen?

Jordan: Das ist „bull-shit“! (lacht) Aber lass mich das besser erklären. Ich denke, dass einige Leute schnell durcheinander sind oder besser gesagt eingeschüchtert sind von Dream Theater als Virtuosen an den Instrumenten. Und wir haben keine Angst dies zu zeigen. Wir sind nicht einfach gestrickt oder orientieren uns nur in eine Richtung. In Dream Theater kreieren wir vor allem Musik. Manchmal passiert es, dass wir wirklich atemberaubende, coole und straffe Sachen, die sehr schnell sind. Und es tut mir leid, wenn es einige nicht spielen können. Aber im nächsten Song, vielleicht sogar an der nächsten Stelle, spielen wir sehr melodische und schöne Stellen. In meinen Augen ist dies die Magie von Dream Theater, dass wir die Musiker und die technischen Fähigkeiten haben, nicht nur schnell, sondern auch langsam zu spielen. Und langsam auf eine sehr schöne und schnell auf eine sehr akkurate Weise zu spielen. Und Leute, die solche Sachen behaupten, achten auf solche Feinheiten gar nicht und hören sich noch nicht mal unsere richtig Musik an.

Wie sieht es mit den Live-Konzerten aus? Ihr habt erst vor kurzem in Italien das komplette „Images & Words“-Album gespielt (A.d.R.: am Abend des Interviews passierte dies auch in Bonn) und wechselt auch recht oft Eure Setlist. Ihr müsst dafür vieles auswendig können. Wie macht ihr dies?

Jordan: Ja, das ist viel Arbeit. Bevor die Tour beginnt, entscheiden wir uns für eine ganze Reihe von Songs, ca. vier Stunden an Musik. Vor diesem Sommer haben wir einiges eingespielt, bei der nächsten Tour fügen wir weitere Songs hinzu um mehr Extras zu haben. So werden wir in der Mitte der Europa-Tour angekommen, so viel parat haben, dass wir die Setlist oft wechseln können.

Ihr habt auch andere Bands gecovert, wie Iron Maiden, Metallica. Habt Ihr Pläne solche Coversongs wieder in Eure Setlist aufzunehmen?

Jordan: Ja, das werden wir machen. Wir machen das normalerweise, wenn wir zwei Nächte an einem Ort spielen. So haben wir eine coole Überraschung parat.

Kannst du uns bereits verraten, welche Band Ihr Euch für die Cover ausgesucht habt?

Jordan: Nein, noch nicht, es ist noch nichts in Arbeit.

Du hast mal davon gesprochen, dein Keyboard in Verbindung mit einer Laser Lichtshow in zu bringen. Wie sieht es mit diesen Plänen aus?

Jordan: Das wäre in der Tat cool. Wir sprachen in der Band bereits öfter darüber. Wir haben einige Sachen auf Lager für die nächste Tour. (der Tourmanager winkt das Ende herbei, Jordan spricht weiter) Es passieren einige interessante Dinge, wenn wir im Herbst zurück nach Europa kommen. Mike und ich sind sehr beschäftigt mit Video-Grafik-Designern zusammenzuarbeiten - so kannst du richtig coole Sachen auf den Monitoren sehen. Wir werden einige tolle Überraschungen für unsere Multimedia-Show parat haben!

Habt Ihr bereits Pläne für die Zukunft oder für ein nächstes Album?

Jordan: Oh je... wir haben erst gerade das neue Album veröffentlicht! (lacht) Nun sind wir auf die Tour konzentriert.

Und wie sieht es mit deinen Solo-Projekten aus?

Jordan: Heute ist der Tag, an dem ich mein Solo-Album mastere, es kommt am 10. September in die Läden. Es wird „The Road Home“ heißen (im Hintergrund wird der Tourmanager ungeduldig, der nächste Interviewer steht bereit und Jordan gibt dem Tourmanager das Zeichen, dass er gleich fertig sei) und ist ein Album mit Coversongs, meinen Lieblings-Rocksongs. Yes, Genesis, Gentle Giant. Das Projekt ist mir sehr ans Herz gewachsen, es hat viel Spaß gemacht und ich habe tolle Gastmusiker dabei. Steven Wilson von Porcupine Tree, Neal Morse von Spock´s Beard, viele Gäste. Sogar ein deutscher Gitarrist, sein Name ist Ricky Garcia, er spielt in einer Band namens LaFee, eine Pop-Band. Ein sehr guter Gitarrist, er ist auch auf diesem Album dabei.

Jordan, herzlichen Dank, dass du uns empfangen hast und viel Glück mit deinem Solo-Album!

Jordan: Danke, hört es Euch auf jeden Fall mal an!

Und da rauscht er schon in Begleitung zum nächsten Interview davon. Wir finden durch das Gängelabyrinth wieder den Weg nach draußen und genießen am Abend eine einmalige Show mit dem „Images & Words“-Set. Auch während des Konzertes ist Jordan anzumerken: er ist ein professioneller Musiker und kein Rockstar – ein kleiner Strahlemann hinter seinen Keys!

Herzlichen Dank an Sylvie und Co. aus dem Roadrunner Team für die Ermöglichung der kleinen Fragestunde. Keine Zweifel... die Dream Theater Konzerte im Herbst sind im Kalender schon rot vorgemerkt!

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