(Eric Pfeil)
Seit vier Jahren ist Eric Pfeil als freier Autor für die FAZ und Spiegel Online tätig und schreibt hier vor allem über Popmusik und ihre Folgen. Von 1999 bis 2003 war er Produzent von "Fast Forward" auf VIVA2 und VIVA. Darüberhinaus konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate, etwa für Sarah Kuttner oder Charlotte Roche, sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen. Am 22. Februar erschien sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch. Ein lustvolles, verrücktes und kluges Buch über des Menschen wichtigstes Lebenselexier - die Musik.
MHQ-Chefredakteur Thomas Kröll traf sich mit Eric Pfeil in einem Café an der Neusser Straße in Köln zu einem ausführlichen "Interview auf Augenhöhe". Die beiden unterhielten sich aber nicht nur über das Buch oder tauschten berufliche Erfahrungen aus. Ihr Gespräch drehte sich ebenso um die Fragen, warum Unheilig die Thilo Sarrazins des Pop sind oder ob Devendra Banhart ein Mann oder eine Frau ist. Und warum Gott Wolfgang Niedecken beschützen möge. Altmänner-Platten, Schnurrbartmänner-Musik oder die Tatsache, dass man bei Pur-Konzerten am liebsten kotzen würde, waren weitere Themen. Selbst der "Charles Manson des deutschen Schlagers" kam noch einmal zu seinem Recht.
Fangen wir ganz einfach an: Wer hatte die Idee zu "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee"?
Eric Pfeil: Tatsächlich ist der Verlag Kiepenheuer & Witsch vor Jahren an mich rangetreten und fragte, ob ich nicht mal was über Musik schreiben wolle. Das wäre ja wohl die Faust aufs Auge. Da habe ich gedacht: Fantastische Idee, grossartig, mache ich. Und dann ist mir zwei Jahre lang nichts eingefallen. Ich habe weiter meinen Kram geschrieben, für die FAZ und meinen Blog (den ihr übrigens HIER erreicht, d.Red.) und irgendwann dachte ich mir: Moment, wenn du eh die ganze Zeit über Musik schreibst und tatsächlich auch jeden Tag, warum machst du das nicht als Tagebuch? Dann trug es sich auf dieser Straße hier zu, dass ich da runterging und es hing ein Plakat an einem dieser Stromkästen. Das war ein Werbeposter für eine ultra-trashige Hip Hop-Platte von irgend so einem Deppen, der auf dem Rücksitz einer Limousine saß und da als arme Pfanne einen auf dicke Hose machte und versuchte, sich so eine leichte Porno-Attitüde zu geben. Da musste ich sofort was drüber schreiben. Aber wo? Genau das konnte ich alles in dem Buch lassen. Oder wenn du beim Physiotherapeuten bist, weil der Rücken wieder vom vielen Rumstehen auf den Konzerten kaputt ist, dann kannst du auch darüber schreiben.
Hast du mit dem Buch eine Lesereise gemacht? Trotz Rücken und trotz Lampenfieber?
Eric Pfeil: Ich muss sagen, ich habe echt überhaupt kein Lampenfieber. Vieles in dem Buch ist ja eine Zuspitzung dessen, was ich tatsächlich bin. Die Person in dem Buch ist nicht eins zu eins ich. Sondern man schraubt Sachen hoch und da ist auch viel psychedelisierter Gehirnunfug drin. Ja, ich habe Lesungen gemacht. Nicht so wahnsinnig viele. Ich würde das auch gerne mehr machen, weil ich merke, dass mir das Spass macht. Das ist immer sehr lustig. Der Saal kocht immer so schön hoch. Es gibt ein paar Sachen, die funktionieren einfach wahnsinnig gut vor Publikum, weil die einen recht hohen Humoranteil haben. Dann lese ich zwischendurch auch mal irgendwas Düsteres, Niederschmetterndes (lacht). Die Lesungen, die ich gemacht habe, waren immer recht brodelnde Veranstaltungen. Aber man muss feststellen, dass dieses Thema Musik so viele Leute gar nicht interessiert. Und das sollte man nicht annehmen, wenn man sich so wie du oder ich wahnsinnig mit Musik auseinandersetzt. Man befindet sich da doch in einer Blase. Zumindest was das Ernstnehmen von Musik angeht. Es gibt, glaube ich, keinen Menschen auf der Welt, der keine Musik hört. Ich kenne tatsächlich eine Person, die Musik mitunter als etwas störendes empfindet. Auch gute Musik.
Ich kenne auch jemanden, der sich überhaupt nicht für Musik interessiert. Wenn Musik läuft, dann läuft sie halt. Aber derjenige würde sich zum Beispiel nie das Radio anmachen. Auch einer der wenigen Menschen, der im Auto keinen CD-Player hat.
Eric Pfeil: Ich glaube trotzdem, Menschen die keine Musik hören sind noch seltener als Leute, die Thilo Sarrazin sexy finden. Sich intensiv mit Musik zu beschäftigen, sich über Musik die Welt zu erklären, sich über Musik auf den Klamotten zu definieren oder Musik als Trost zu benutzen, so sehen das viele Leute nicht. Es läuft Musik, die finde ich gut, mittel oder scheisse. Ist halt Geschmackssache. Aber diesen ernsten Weg, den wollen viele Leute gar nicht gehen. Das ist der Grund, weswegen das jetzt nicht so einen riesigen Zulauf hat im Vergleich zu einer Lesung von jemandem, der ein Steile-Thesen-Buch geschrieben hat. Stichwort Thilo Sarrazin. Wenn ich behaupten würde, alle Musiker haben dasselbe Gen, dann würden mir die Leute auch die Tür einrennen. Ich habe sehr bewusst versucht, eben kein Steile-Thesen-Buch zu schreiben. Das Buch stolpert ja immer wieder über sich selber und stellt sich selbst in Frage.
Ich muss zugeben, ich habe das Buch eigentlich nur durch Zufall entdeckt. Meine Freundin hat es mir zum Geburtstag geschenkt. Dann aber habe ich es mit grossem Vergnügen gelesen. Trotzdem sind da für mich noch ein paar Fragen offen. So schreibst du an einer Stelle sinngemäß, dass der Beruf des Musikkritikers ungefähr so hoch angesehen ist wie der eines Müllmannes. Weil alles was wir so schreiben ja sowieso subjektiv ist. Warum bist du dann überhaupt Musikkritiker geworden?
Eric Pfeil: Ich wollte das tatsächlich immer schon machen. Ich habe in den frühen Achtzigern Musikzeitschriften gelesen, übrigens in der Stadtbibliothek von Bergisch-Gladbach. Alte Sounds-Hefte zum Beispiel. Und wenn du soundsoviel von einem Typen liest, dann kapierst du irgendwann wie der schreibt. Das hatte teilweise eine wahnsinnige Intensität, das hat mich aufgesogen. Mindestens genauso sehr wie die Musik selber. Teilweise fand ich die Kritiken in der Sounds faszinierender als die Platten. Hinzu kam dieser Bob Dylan-Film "Don`t Look Back". Gerade wenn man Dylan total scheisse findet, sollte man diesen Film gucken. Es gibt keinen cooleren Typen auf der Welt als Bob Dylan in diesem Film. Und in dem Film ist eine Szene, da steht ein Kritiker in einer Telefonzelle und diktiert übers Telefon seine Kritik zum Dylan-Konzert. Es ist totales Gewusel um ihn rum, es ist laut und der Text, den dieser Typ diktiert, ist total gut. Ich habe damals schon festgestellt, mich fasziniert dieser Typ, der in dem Film vielleicht 30 Sekunden zu sehen ist, mindestens genauso sehr wie Bob Dylan. Habe ich jetzt deine Frage überhaupt beantwortet?
Ich denke schon.
Eric Pfeil: Das Fatale daran ist, wenn man sein Hobby zum Beruf macht, hat das irgendwann keine Unschuld mehr. Wann immer irgendwo Musik angeht, geht bei mir die Lampe an. Ich bin dann versucht das zu verwerten. Ich muss sagen, ich habe sehr viel mehr Freude an der Musik, über die ich nicht schreibe, als an der Musik, über die ich schreibe.
Gehst du denn noch privat auf Konzerte? Oder bist du einfach mal froh, auf einem Konzert rumzustehen oder eine CD zu hören, ohne im Hinterkopf schon die Sätze für ein Review zu formulieren? Also mir geht es so.
Eric Pfeil: Ja, ich glaube, das geht jedem so, der das macht. Ich gehe immer noch privat auf Konzerte, in der Regel verbinde ich es aber und schreibe dann doch was drüber. Aber ich versuche nur auf Konzerte zu gehen, die mich privat interessieren. Mein grösster Fehler war, dass ich zu James Blunt gegangen bin. Ich wollte einfach mal kapieren, was der Quatsch soll. Aber ich gehe ja auch nicht zu Mario Barth. Und aus demselben Grund sollte man auch nicht zu James Blunt gehen. Der kommt ja nun wirklich berechtigterweise schlecht weg in dem Buch, aber ich habe schon versucht, ihn nicht so scheisse zu finden. Ich will einfach kapieren, was da los ist. Vor vielen Jahren war ich mal bei Pur und dachte mir: Nee, da gehst du jetzt mal hin und guckst dir das total differenziert an. Im Zweifel ist das zumindest gutes Handwerk. Dann kriegst du da aber einen Einblick in Untiefen, in eine Verlogenheit und in ein Spiel mit menschlichen Abgründen, Nöten und Traurigkeiten, dass dir wirklich nur noch die Kotze aus dem Hals schwappt. Alle paar Jahre sollte man sich aber Helge Schneider ansehen. Den gibt es nur einmal in diesem Land. Genau wie Schlingensief. Es ist grotesk, dass dieser Mann gestorben ist.
Wie bereitest du dich auf ein Interview vor? Hast du auch einen Fragenkatalog dabei, so wie ich heute oder lässt du es einfach laufen und reagierst spontan?
Eric Pfeil: Ich habe auch meinen Fragenkatalog dabei, aber idealerweise spielt der irgendwann keine Rolle mehr. Aber es läuft auch manchmal grauenhaft schlecht. Es gibt ein Interview, da erinnere ich mich extrem gerne dran. Das war mit Graham Coxon. Der ist ja trockener Alkoholiker, Vater einer Tochter und zu dem Zeitpunkt war er Single. Das war bei mir recht ähnlich, mit der Ausnahme, dass ich nicht der Ex-Gitarrist von Blur bin. Okay, trockener Alkoholiker bin ich auch nicht. Wir sprachen einfach nur. Und er sagte: Ach, ich muss dir noch was erzählen, ich habe eine Tochter. Und ich bin trockener Alkoholiker. Der schleppte so ein richtig dickes Bündel mit sich rum. Und ich habe meine kompletten Fragen weggelegt, weil das irgendwann einfach nur noch ein Gespräch war. Ein wahnsinnig netter Typ. Ich finde Interviews im übrigen total überschätzt. Gerade Interviews mit Musikern bringen nicht so richtig viel. Die Fragen wiederholen sich, die Antworten wiederholen sich. Mitunter erlebt man auch eine Enttäuschung, was mir aber zum Glück noch nicht passiert ist. Außer bei Nick Cave, aber nur weil der rotzbesoffen war. Aber hey, das ist Nick Cave (lacht).
Ich hatte mal ein sehr schönes Interview mit Mike Scott, dem Frontmann der Waterboys. Vielleicht hatte er einen schlechten Tag, vielleicht habe ich auch scheiss Fragen gestellt. Jedenfalls antwortete er immer mit kaum mehr als Ja oder Nein. Nach fünf Minuten waren wir mit meinen 15 Fragen durch.
Eric Pfeil: Eigentlich auch ein netter Typ und nicht dumm. Wen fandest du denn am besten?
Wolfgang Niedecken wird mir immer in Erinnerung bleiben. Das war mein allererstes Interview. Ich habe mir vorher in die Hose gemacht vor Nervosität. Aber nach zehn Minuten war das alles vergessen. Wir haben uns über eine Stunde lang total entspannt unterhalten. Sehr nett.
Eric Pfeil: Als Kölner ist Wolfgang Niedecken ja so eine Art Basisprägung. Man kann ihm ja viel vorwerfen, aber das ist einfach ein sehr symphatischer Typ geblieben. Wie er heute mit diesem BAP-Ding umgeht, finde ich manchmal zwar schwierig, aber der ist auch nicht doof und ich glaube, er wird auch unterschätzt. Deutschrock war mitunter eine gruselige und schlimme Sache, aber je älter ich werde, desto mehr komme ich wieder dahin zurück mich damit zu beschäftigen und in diesem Müllhaufen Perlen zu finden. Für ein paar davon ist Wolfgang Niedecken verantwortlich. Dieses komische Stück "Ahn ner Leitplank" zum Beispiel. Das ist ein Song über Autounfälle. Wie man an diesen Blumen an der Straße vorbeifährt und ein komisches Gefühl hat. Das finde ich grossartig. God bless Wolfgang Niedecken.
Richtig. Auch wenn ich mit seinem Betroffenheits-Habitus oft so meine Schwierigkeiten habe.
Eric Pfeil: Total, und das Spätwerk ist auch nicht das Beste muss man sagen. Ich würde Niedecken wünschen, dass jemand kommt und sagt: Lass mal die Band weg und mach so eine Rick Rubin-mäßige Platte. So eine runtergefahrene Produktion, ein bißchen rauh, ein bißchen kantig. Schreib ein paar Songs und putz die mal gründlich durch. Ich glaube, der könnte nochmal so eine richtig gute Altmänner-Platte machen. Es gibt nichts gegen Altmänner-Platten zu sagen. Die werden auch unterschätzt (lacht).

Genug über Wolfgang Niedecken. Anderes Thema: Erkennt man Menschen an ihrer CD-Sammlung?
Eric Pfeil: Ja, man erkennt Menschen an ihrer CD-Sammlung wie an ihrem Kleiderschrank. Man sollte sie nur nicht wegen ihrer CD-Sammlung zusammenschlagen, foltern, öffentlich verpetzen oder sonstwas.
Irgendjemand hat mal den schlauen Satz gesagt: Jedes Land hat die Charts, die es verdient. Würdest du dem zustimmen?
Eric Pfeil: Absolut. Aktuelles Beispiel sind Hurts. Da können sich ja gerade wahnsinnig viele Leute drauf einigen. Ich finde das absolut grauenerregend.
Zufälligerweise habe ich mir die deutschen Album- und Single-Charts vorher ausgedruckt und mitgebracht (ich übergebe Eric die Blätter). Ich glaube, die sind aber schon eine Woche alt.
Eric Pfeil: Aha, Hurts auf der Zwei, Wir Sind Helden auf der Eins. (stöhnt und seufzt) Interessant. Also, hieran kann man ja wirklich alles ablesen. An den Charts eines Landes erkennt man glaube ich den Zustand. Unheilig sind die Thilo Sarrazins des Pop. Ich finde diese Figur Der Graf hochgradig faszinierend. Faszinierter Ekel. Hurts hören unglaublich viele Leute in unserem Alter (sprich Anfang 40, d.Red.), die auf den Tisch hauen, dass die Gläser hochfliegen und sagen: Endlich kommt der Synthie-Pop zurück. Interessant ist auch das Comeback-Album von Kim Wilde, das glaube ich in keinem anderen Land der Welt eine so hohe Platzierung kriegt wie in Deutschland. Und ich glaube, ohne es gehört zu haben, dass es eine ziemliche Schrecklichkeit sein wird.
Sogar Iron Maiden sind noch in den Charts.
Eric Pfeil: Das ist aber Klientelmusik. Das ist einfach eine unglaublich grosse Klientel, die das eine Woche auf die Neun schießt und in der nächsten Woche sind die dann auf 73. Die einzige Band mit einem ausgebildeten Piloten als Leadsänger. Aber es stimmt, jedes Land hat die Charts, die es verdient. Retro-Achtziger-Acts ohne Ende, Metal, pathetischer, verkitschter Pseudo-Gothic-Schlager...
Was ich aber auch interessant finde, ist Platz Nummer 20 in den Album-Charts. Faszinierend!
Eric Pfeil: Oh! Bernhard Brink! Dazu muss ich dir eine Geschichte erzählen. Die habe ich noch nie jemandem erzählt. Meine Begegnung mit Bernhard Brink (lacht). Es war mehr eine indirekte Konfrontation. In den Neunziger Jahren habe ich mal für VIVA 2 geschrieben. Das war ganz am Anfang, als VIVA 2 zu diesem Indie-Alternative-Sender umgemodelt wurde. Ich habe damals Texte für Chartssendungen geschrieben, die von Katja Giglinger moderiert wurden, der Ehefrau des damaligen Programmdirektors. In diesen Charts tauchte damals regelmäßig Wolfgang Petry auf, der verkaufte wie blöd. Damals machte ich es mir auch noch einfach und haute auf Wolfgang Petry rum, wie es nur ging. Da er aber jede Woche in den Charts war, war es irgendwann echt schwierig noch was zu Wolfgang Petry zu sagen. Und ich schrieb diese Charttexte auch gerne nachts und total ausgepowert. Irgendwann schrieb ich dann mal nachts die Zeile: Und auf der 23 der Charles Manson des deutschen Schlagers, Wolfgang Petry! Ich habe mir überhaupt nichts bei der Formulierung gedacht. Ich fand die weder besonders witzig, noch besonders gut. Das war wirklich der Not geschuldet, dass einem nach 743 Wochen Wolfgang Petry nichts mehr einfiel. Katja Giglinger sagte diesen Text und ein oder zwei Tage später gab es eine Klage von Wolfgang Petry. In einer Höhe, wo der gesamte Laden nur dachte: Okay, das wars, das mit dem Sender hier können wir in Zukunft sein lassen (lacht). Ich sehe noch Dieter Gorny in der Tiefgarage hinter seinem Auto stehen. Mit den Händen formte er nur stumm die Summe, die Petry haben wollte oder auf die man sich dann geeinigt hatte. Der Periphereffekt war, dass Katja Giglinger daraufhin in ganz viele Talkshows eingeladen wurde, als diejenige, die im Fernsehen total die Klappe aufgerissen hatte. Die Arme wollte das aber weder, noch konnte sie was dafür. Der Text war ja nicht von ihr. Sie spielte diese Rolle zweieinhalb Wochen lang und man sah ihr an, dass sie damit nicht glücklich war. Eine Woche lang war sie das Hass-Objekt der Bild-Zeitung und der deutschen Schlagerszene. Und Bernhard Brink ließ sich damals, ich glaube in der Bild-Zeitung, zu dem Satz hinreissen: Diese Giglinger, die soll aufpassen (wir lachen beide). Das klingt wirklich so, als stünde Bernhard Brink mit dem Knüppel an der nächsten Ecke, mit seinen Locken, und rächt da den deutschen Schlager. (HIER könnt ihr euch die besagte Moderation von Katja Giglinger nochmal anschauen, d.Red.)
Aber es gibt ihn noch den Bernhard Brink. Man hat ihn nicht verhaftet.
Eric Pfeil: Hast du eine Lieblingsband?
Wenn ich eine nennen müsste, dann würde ich wohl immer noch Pearl Jam sagen. Aber du stehst ja nicht so auf Grunge, wie ich nachlesen konnte.
Eric Pfeil: Eine gute Freundin von mir wirft auch immer noch bei drei, vier alten Songs von Pearl Jam die Arme in die Luft. Mir sind die nie nahe gekommen. Ich war Pavement-Fan. Und Pavement waren ja in vielerlei Hinsicht Anti-Grunge. Grunge war sehr auf den Punkt. Ich mochte eher dieses Schludrige, was Pavement dem entgegengesetzt haben. Nirvana haben mich in gewissen Momenten berührt. Damals waren Nirvana bedeutsam, weil alles andere so festgefahren war. Da hat man draufgeguckt mit offenem Mund. Die frühen Neunziger waren viel schlimmer als die Achtziger. Mein Gott, was waren Nirvana im Nachhinein für ein Segen. Pearl Jam waren für mich immer zu sehr Classic-Rock. Aber sobald man merkt, da schlägt jemandes Herz einfach ein bißchen schneller, dann habe ich da Respekt vor. Dann ist es egal, ob das Pearl Jam ist oder Adriano Celentano oder Wolfgang Petry.
Aber ich glaube, wir haben beide ein Bier aufgemacht, als die Scorpions gesagt haben, dass sie aufhören Musik zu machen.
Eric Pfeil: Ja! Die Scorpions verkörpern einfach so ein blödes Deutschsein. Dieser kleine Mann mit der anstrengenden, gepressten Stimme. Da hat ja Peter Maffay mehr Humor. In erster Linie findet man die natürlich schlimm wegen "Wind Of Change". Wobei aber auch schon "Still Loving You" total grauenhaft war. In anderen Ländern gab es andere grauenhafte Musik desselben Genres, wie Bon Jovi oder Extreme. Ich glaube, kurz danach kam Nirvana. Und das war dann wie ein Befreiungsschlag. Diese schreckliche Ballade von Extreme ist bei mir wahrscheinlich in den Top 3 der schlimmsten Songs aller Zeiten.
Oh, da dürfen wir aber auf keinen Fall "Live Is Life" von Opus vergessen.
Eric Pfeil: In dem Film "Knochenmann" gibt es eine Partyszene, wo "Live Is Life" von einer Coverband gespielt wird. Da hat der Regisseur wirklich verstanden, was für eine ganz spezifische Ekelhaftigkeit dieses Stück und wirklich nur dieses Stück besitzt. Das ist Schnurrbartmänner-Musik.

Eric Pfeils Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee - Die Pop-Tagebücher" ist am 22. Februar bei Kiepenheuer & Witsch erschienen. Every household should own a copy!
Hörst du Radio? Und wenn du Radio hörst, dann lieber 1Live oder WDR 2? Und wenn nein, warum nicht?
Eric Pfeil: Ich höre Radio, aber ich höre nie 1Live, weil das im Tagesprogramm so eine Form der Jugendlichkeit hat, die mir einfach zu unjugendlich ist. Jungs, die so frech moderieren und dann so langweiliges Chartszeugs spielen will ich nicht. Ich bin aber mit Radio gross geworden. Mit Leuten wie Alan Bangs oder WDR-Sendungen wie "Graffiti", "Speak Easy", das war tolles Radio.
Auf WDR 2 gibt es, ich glaube Samstagabends, eine Super-Sendung mit Roger Handt. "Music-Club" oder so. Ein super informierter Typ, der ganz tief in den Kisten wühlt.
Eric Pfeil: Ach, das muss ich mir merken. 1Live macht eigentlich auch gute Sachen am Abend. Zum Beispiel dieses Literaturding. Da habe ich ja auch mal gelesen. Aber ich höre abends kein Radio. Entweder ich höre dann meine eigene Musik, gucke Filme oder ich bin weg. Meine Promo-CDs höre ich im Auto. Neben Kochen ist das für mich der Moment, wo ich am tiefsten in Musik reinkomme. Es passiert mir aber in letzter Zeit zunehmend, dass ich beim Einschieben der CD im Radio hängen bleibe. Aber nicht weil da Musik läuft. Ich höre tatsächlich Deutschlandfunk und WDR 5. Weil das so wenig damit zu tun hat, was ich selber mache. Wolfgang Döbeling, der auch für den Rolling Stone schreibt, macht eine gute Radiosendung. Der Mann hat auch eine Besessenheit mit seinen krachigen Neo Beat-Singles, Folk-Songwriter-Sachen, super (lacht).
Wenn du eine Band zusammenstellen könntest in der klassischen Besetzung Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gesang, wer würde da mitspielen?
Eric Pfeil: Schlagzeuger ganz klar Steven Drozd. Das ist der Schlagzeuger der Flaming Lips. Mittlerweile ist er vom Schlagzeuger zum Gitarristen der Band geworden. Meines Erachtens der grösste lebende Rock-/Pop-Schlagzeuger. Das war einfach. Gitarrist? Hm, als Leadgitarristen würde ich, glaube ich, Nels Cline, den Gitarristen von Wilco nehmen, der wie ein Jazzgitarrist Rockleadgitarre spielt. Am Bass (überlegt lange)Â… Kim Deal von den Pixies. Die ist einfach toll. Auch eine meiner bizarrsten Interviewbegegnungen aller Zeiten. Die Dame dachte das gesamte Interview über, sie wäre in Kanada, sie war aber in Köln und dass ihre Schwester gleich kommt. Die Schwester war aber zuhause geblieben. Das war ganz komisch. Jetzt ist der Sänger noch frei. Das ist schwierig. Ich nehme Stephen Malkmus von Pavement. Aber den Stephen Malkmus der Neunziger. So! Das werde ich morgen wieder umwerfen wollen und ich werde dich nachts anrufen und sagen: Ich möchte gerne den Bassisten korrigieren (lacht). Aber jetzt für den Moment ist es das.
Okay, dann bleiben wir mal bei den schwierigen Fragen. In deinem Buch schreibst du, dass 2009 kein schlechtes Jahr für gute Musik war. Wie war denn 2010 bisher?
Eric Pfeil: Ich finde es super. 2010 finde ich bisher extrem gut. Ich habe eine Datei im Computer, wo ich mir Lieblingssongs reinziehe. Ich bin zwar nach wie vor jemand, der für das Album plädiert und das Zusammenstellen von Dateien schrecklich findet, ich mache das aber deswegen, um so ein bisschen im Hörmodus zu bleiben. Das heißt, um möglichst schnell möglichst viele Sachen aus einem Jahr hören zu können. Und diese Datei ist in diesem Jahr so gross wie lange nicht.
Was ist da zum Beispiel drin?
Eric Pfeil: Ganz akut eine Platte, die ich wirklich für das Unfassbarste halte, was seit vielen Jahren aus Deutschland gekommen ist, nämlich die neue Erdmöbel-Platte. Eine Band aus Köln, die mir bis zum Zeitpunkt dieser Platte nicht viel bedeutet hat. Es ist unglaublich, was musikalisch und auch textlich auf der Platte passiert. Dann ist da die neue Platte von Lloyd Cole drin, die neue von Josh Ritter, natürlich die Avett Brothers, Band Of Skulls oder die neue Platte von Dr. Dog. Das war für mich übrigens bislang auch das Konzert des Jahres. Ich fand die letzte Tocotronic-Platte sehr gut. Ich höre sie jetzt nicht mehr, aber da waren ein paar Statements drauf, die ich total super und wichtig fand. Stichwort "Im Zweifel für den Zweifel" oder "Die Folter endet nie". Das denke ich jeden Morgen, wenn ich aufwache. Die haben das geradezu Morrissey-artig auf den Punkt genagelt.
Nun ist es ja so, dass du genau wie ich auch mit Musik zugeballert wirst. Man hat Hunderte von CDs im Briefkasten, die man aber nicht angefragt hat. Neben denen, die man angefragt hat. Es gibt Phasen, da fühle ich mich einfach übersättigt. Wie erhälst du dir dein Urteilsvermögen?
Eric Pfeil: Diese Phasen habe ich auch. Und man denkt sich, meine Ohren sind so verstopft. Damit tut man vielen Sachen auch Unrecht. Aber plötzlich ist in diesem Stapel doch wieder eine Platte drin, die mich begeistert. Zum Beispiel Vampire Weekend. Und ich glaube daran, dass einem das immer wieder passiert. Deswegen ist auch dieses ganze Gerede, von wegen es gibt nichts Neues mehr, totaler Quatsch. Man wird älter, die Raster sind verrosteter, man ist nicht mehr so begeisterungsfähig. Und dann wird man auch noch bemustert mit Sachen, die man nicht hören will. Und tatsächlich gibt es ja auch einfach zuviel Musik. Ich verstehe diese grosse, eklige Masse an Mittelmäßigkeit nicht. Das ist aber ein kulturelles Problem. Ich verstehe nicht, warum die Leute keine grössere Dringlichkeit in das legen, was sie da machen. Ich versuche trotzdem, mich begeistert zu halten. Man muss sich schon ein bisschen reinwerfen. Ich kann dir zum Beispiel gar nicht sagen, wie vielen Leuten ich in den letzten zwei Wochen mit Erdmöbel auf den Geist gegangen bin. Nach dem Motto: Nimm das einfach mal, es wird dich glücklich machen. Oder es ist auf einmal eine Band von 22-jährigen, just an einem Tag, an dem ich alle 22-jährigen der Welt an die Wand klatschen könnte für ihre vermeintlich blöde, konservative, spießige Art. Und dann retten die dir den Tag. Das könnten meine Söhne sein. Diese Rotzlümmel (lacht).
Gibt es heute überhaupt noch Verrückte oder Originale in der Musik? Oder ist alles glattgebügelt? Kann man heutzutage quasi alles verkaufen, wenn es nur genug gehypt wird?
Eric Pfeil: Das Phänomen des Hypes gab es immer. Heute hat das durch das Internet nur eine andere Intensität. Die Musikindustrie hat eine wahnsinnige Not, Sachen noch schamloser überall hinzudrücken, wo es nur geht. 1966 oder 67 gab es vier, fünf grosse Bands unter denen man den Kuchen aufteilen konnte. Erstmal nur Beatles und Stones, dann noch The Who und The Kinks. In den USA noch die Byrds. Das war einfach weniger. Heute muss man da auf die Tube drücken. In den 90ern waren es die ganzen Bands der zweiten und dritten Reihe. Bands wie Kula Shaker, Menswear oder so. Die sind gepusht worden bis zum Gehtnichtmehr. Suede sind meines Erachtens auch eine totale Quatschband. Aber da hat die Maschinerie halt gut gearbeitet. Die wenigsten denken noch nachhaltig. Wer denkt denn noch in acht Platten? Oder ändert plötzlich radikal was? Die wollen alle direkt ein super Statement machen. Und deshalb gibt es solche Erfolgsbands wie diese bescheuerten Delphic oder Hurts. Die machen als junge Leute direkt auf der ersten Platte auf den Punkt alles richtig. Aber was machen die dann beim nächsten Mal? Was soll denn da noch passieren? Was sollen denn La Roux auf ihrer nächsten Platte machen? Der Trick mit der Stimme ist durch. Dann aber kommt so jemand wie Devendra Banhart. Ich bin mir nicht sicher, wie verrückt der wirklich ist oder wie gut er das spielt. Man muss aber sagen, jemand der so gut einen Verrückten spielt, ist tatsächlich verrückt. Zumindest sonderbar. Wenn der da kautabakkauend sitzt und dir zehnmal während des Gesprächs Kautabak anbietet. Und Ballerina-Schläppchen an hat. Dazu dieser Rauschebart. Und dir mit betont ernstem Gesichtsausdruck erzählt, dass er den Bart ja nur hat, weil er eigentlich eine Frau ist. Da ist dann zwar auch viel Gender-Zeug drin, aber auch ein gerütteltes Maß Freude am Irrsinn. Sowas hätte ich gerne öfter. Es gibt schon so Typen, aber man muss sie suchen. Ich glaube, die Zeiten sind gerade nicht gut für Bekloppte. Nicht umsonst gibt es heute auch keine Kinskis mehr. Nicht umsonst muss man wegen der Schlingensief-Sache so schwer schlucken. Weil man weiß, da ist keiner am Horizont, der das füllen könnte. Jonathan Meese ist es nicht.
Was ist für dich der schönste Konzertort in Köln?
Eric Pfeil: Ganz klar das Gloria. Wenn du zu spät kommst und es ausverkauft ist, kannst du trotzdem alles gut sehen. Der Raum ist würdig. Man muss schon in extrem schlechter Verfassung sein, um in dem Raum ein schlechtes Konzert zu spielen. Ich habe da schon tolle Abende verbracht. Am schlimmsten finde ich das Luxor wenn es ausverkauft ist. Dann ist es eine Katastrophe. Ich habe da wirklich Zustände am Rande des Handgemenges erlebt. Aber sobald es nicht ausverkauft ist, ist das Luxor ein guter Ort für Konzerte. Ich stehe generell nicht gerne in diesen Riesenhallen.
Gut, dann sind wir uns einig. Letzte Frage. Gab es mal eine Frage, die du dich in einem Interview nicht getraut hast zu stellen? Im Buch gibt es ja diese Stelle mit Bud Spencer, den du gerne singen gehört hättest.
Eric Pfeil: Ja, ich habe ihn nicht gefragt, ob er etwas vorsingen kann. Man muss aber jetzt mal ehrlich sein. Ich weiß nicht, wie das bei dir ist, aber wirklich die Sachen zu fragen, die einen interessieren, klingt so einfach und naheliegend, ist aber manchmal so schwierig. Das ist ja was anderes, als das was wir hier machen. Wir führen ein Interview auf Augenhöhe. Ich hatte zuletzt zwanzig Minuten mit Kylie Minogue. Es ist Jahre her, man will die Frau nicht darauf reduzieren und weiß nicht, wie sie sich dabei fühlt, aber dir geistert die ganze Zeit dieses Thema Brustkrebs im Kopf rum. Und das kriegst du nicht raus und überlegst: Okay, wie komme ich dahin, sie danach zu fragen, ohne dass sie sich dabei blöd fühlt? Und dann fängt sie selber damit an. Oft genug ist das so. Und sie redet in einer Art und Weise darüber, soviel wollte ich gar nicht wissen. Man ist da als Interviewer in vielen Sachen gefangen. Man sitzt vielleicht einem Helden gegenüber und hat Fragen, die mit dem Artikel, den man schreibt nichts zu tun haben. Da gibt es dann Leute wie Moritz von Uslar, die sich Konzepte wie "99 Fragen" ausdenken. Ich glaube, man muss sich von dem Konzept verabschieden, in einem Interview herausfinden zu können, was man wirklich von jemandem wissen will. Weil derjenige vielleicht seit Ewigkeiten im Geschäft ist und wenn er klug ist, dann weiß er auch, dass er bis zu einem gewissen Grad eine Rolle spielen muss und gewisse Sachen nicht preisgeben kann. Der checkt auch, ob du Fan oder total kritischer Journalist bist. Kann ich dich ernst nehmen? Finde ich die Fragen, die du stellst interessant? Vielleicht willst du demjenigen auch ein bisschen gefallen. Das sind alles so Sachen, die eine halbe Stunde Gesprächszeit total durcheinander bringen können.
Also, unser Gespräch fand ich definitiv nicht durcheinander. Vielen Dank, Eric!