(Eric Sardinas)
Ende August veröffentlicht Eric Sardinas sein sechstes Album "Sticks And Stones". Wie kaum ein anderer zeitgenössischer Musiker hat er seine Dobro-Gitarre zum verlängerten Arm gemacht, sei es mit filigranem Fingerpicking, handfesten Akkorden oder per Bottleneck initiierten Slide-Parts. Das Ergebnis ist eine brodelnde Mischung aus Blues, Rock und Southern-Attitüde. Aber es ist vor allem ein Begriff, mit dem sich der 41-jährige Amerikaner perfekt beschreiben lässt: Energie! Wer Eric Salinas jemals auf der Bühne gesehen hat, der kann das bestätigen. Bevor er im Oktober und November auf eine ausgedehnte Tour nach Deutschland kommt, macht Eric Sardinas für einige Tage voller Promotion-Termine Station in Berlin, Köln und Bonn. Musicheadquarter-Chefredakteur Thomas Kröll trifft ihn im Bonner Maritim Hotel zum Interview.
Nachdem er meinen etwas altertümlichen MD-Recorder und das nur noch von Tesafilm zusammengehaltene Mikrophon bewundert hat ("Ich habe manchmal den Eindruck, dass mein ganzes Leben auch von Klebestreifen zusammengehalten wird"), spricht ein entspannter und bestens gelaunter Eric Sardinas ausführlich über sich und seine Musik, seine Freundschaft zu Steve Vai und darüber, wie seine Traumband aussehen könnte.
Eric Sardinas und MHQ-Chefredakteur Thomas Kröll trafen sich im Bonner Maritim Hotel.
Du kommst gerade aus Berlin, richtig?
Eric Sardinas: Ja, ich bin am Montag nach London geflogen und von dort aus am Dienstag nach Berlin. Gestern bin ich dann hier angekommen und morgen geht es zurück nach Los Angeles. Wir treten am Wochenende in San Francisco auf.
Lass uns zunächst über das neue Album "Sticks And Stones" sprechen. Ich habe es mir bereits anhören können und es klingt wirklich super, sehr bluesrockig. Wie würdest du den Sound und die Stimmung des Albums beschreiben?
Eric Sardinas: Ich möchte mir die Wurzeln, aus denen meine Musik kommt, bewahren und ich denke, das Album spiegelt das wieder. Ich möchte die Grenzen zwischen Blues und Rock verwischen. Die neuen Songs sind eine Art von musikalischer Reise. Ich male Bilder und nehme den Hörer dann mit auf die Reise. Ich hoffe, dass ich mit jedem Album als Musiker und Songwriter wachse.
Ich hatte nur einen Albumplayer zur Verfügung, also kein Booklet oder sowas. Du spielst Gitarre und singst. Wer ist noch auf dem Album vertreten?
Eric Sardinas: Nur ein Bassspieler und ein Schlagzeuger. Das sind Big Motor (Eric Sardinas Begleitband, d.Red.). Ein guter Freund spielt bei einigen Songs noch Keyboard und Hammond Orgel. Dazu gibt es ein bißchen Backgroundgesang von einigen Mädels. Das ist es. Wir wollten die Aufnahmen möglichst echt gestalten. Keine Tricks, nichts Verrücktes.
Ich bin ehrlich begeistert. Wie gesagt, es klingt wunderbar rockig, bis auf den Closer "Too Many Ghosts".
Eric Sardinas: Danke! Ja, "Too Many Ghosts" ist die Ausnahme. Es ist ein sehr persönlicher Song. Einer dieser Songs, bei denen du nachher sagst: Hä, wo kam der denn jetzt her? (lacht) Eigentlich wollte ich ihn auch wieder rausschmeissen. Nur für den Fall, dass du glaubst, du hättest mich damit durchschaut (lacht).
Woher bekommst du die Ideen für deine Texte? Ist das meiste davon autobiographisch?
Eric Sardinas: Es ist eine Kombination aus vielen Einflüssen. Ich singe natürlich von persönlichen Erfahrungen aus der Vergangenheit und Gegenwart, von meinen Gefühlen in bestimmten Situationen. Aber ich schreibe auch aus einer Perspektive, von der ich denke, dass sich darin jeder wiederfinden kann. Geschichten, die dem ein oder anderen vielleicht aus eigener Erfahrung bekannt vorkommen. Menschen erleben oft dieselben Dinge. So ist das Leben nun mal. Man muss darüber reden und das ist meine Art darüber zu reden. Ich habe viel Spass daran und wenn ich unterwegs bin, dann schreibe ich quasi ununterbrochen. Ich kritzele alles voll. Vom Bierdeckel an der Bar bis zur Kotztüte im Flugzeug. Das Schwierige ist dann, all diese Ideen zu einer Geschichte zusammenzufügen.
Was ist überhaupt schwieriger: Texte zu schreiben oder Songs zu komponieren?
Eric Sardinas: Das geht eigentlich Hand in Hand. Ich habe da kein System, wie ich einen Song schreibe. Das ist sehr organisch. Manchmal erschaffe ich Worte aus einer Idee oder einer Geschichte heraus und die Musik folgt dem. Manchmal geht es andersherum. Ein spezielles Riff inspiriert mich zu einer Geschichte. Eines bedingt das andere. Ich weiß nicht, was zuerst da ist, das Pferd oder der Stall (lacht).
Das Album heisst "Sticks And Stones". Hat der Titel eine tiefere Bedeutung?
Eric Sardinas: Wenn man diese beiden Begriffe benutzt, dann bedeutet das normalerweise Stöße und Schläge einzustecken. Ich habe viele Höhen und Tiefen erlebt, aber ich stehe immer noch. Von daher denke ich, dass es ein sehr passender Titel für das Album ist. Wir sind glücklich über die Energie, die wir mit dem Album eingefangen haben. Besonders weil es harte Zeiten waren, durch die wir in den letzten Jahren durch mussten. Wir sind froh, dass wir mit dem Album etwas geschaffen haben, das uns als Band repräsentiert. Jeder einzelne Song hat seine "Sticks and Stones".
Du warst insgesamt viermal als Support für Steve Vai auf Tour. Ist er eher ein Kollege oder schon mehr ein Freund für dich?
Eric Sardinas: Er ist ein Freund. Wir haben erst letzte Woche miteinander gesprochen. Er ist ein grossartiger Kerl und ein grossartiger Musiker. Wir hatten eine wunderbare Zeit zusammen auf Tour und haben viel voneinander gelernt.
Der Produzent von "Sticks And Stones" ist erneut Matt Gruber. Wie wichtig war er für den Aufnahmeprozess?
Eric Sardinas: Sehr wichtig. Weisst du, um im Studio erfolgreich arbeiten zu können, brauche ich eine kreative Atmosphäre, eine positive Energie und eine gute Zusammenarbeit. Das sind alles Gründe, warum wir wieder mit Matt arbeiten wollten. Der eine holt das Beste aus dem anderen heraus. Wir kennen uns in- und auswendig mit allen Höhen und Tiefen. Er hilft mir mein Bestes zu geben. Wenn du diese kreative Energie spürst, dann kannst du auch Höchstleistungen bringen. Matt weiß, was mir die Songs bedeuten, wie sie klingen und wo sie hinführen sollen.
Stehst du lieber auf der Bühne oder im Studio?
Eric Sardinas: Wir sind definitiv eine Live-Band. Ich lebe dafür auf der Bühne zu stehen. Ich genieße die Live-Energie der Band. Das Wichtigste ist, dass wir diese Energie konservieren, wenn wir ins Studio gehen, sonst geht sie im Aufnahmeprozess leicht verloren. Wir bündeln unsere Energie und bringen sie auf genau den Punkt, an dem sie benötigt wird. Es ist eine völlig andere Sache im Studio zu sein, als auf der Bühne zu stehen. Aber du versuchst immer den bestmöglichen Spirit zu erreichen. Dabei sollten die Songs immer ehrlich und nicht steril klingen. Die Leute benutzen viele Tricks und Computer im Studio und berauben die Songs damit ihrer Authentizität. Ich finde das lächerlich.

Das neue Album "Sticks And Stones" von Eric Sardinas erscheint hierzulande am 26. August (Provogue / Mascot Labelgroup / Rough Trade).
Das erinnert mich an die Foo Fighters, die ihr neues Album komplett analog in einer Garage aufgenommen haben.
Eric Sardinas: Alle guten Platten wurden auf diese Weise aufgenommen. So soll es sein. Am Ende des Tages musst du die Hitze spüren, die von den Songs ausgeht.
Im Oktober und November kommst du auf Deutschlandtour.
Eric Sardinas: Ja, aber erstmal haben wir im Juli noch viele Termine an der amerikanischen Westküste. Im August startet dann eine weitere Amerika-Tour in St. Louis. Ende September kehren wir nach Europa zurück. Wir beginnen in Spanien und machen weiter in Italien, Frankreich, Schweiz, Österreich und mit ungefähr zwanzig Konzerten in Deutschland (die genauen Tourdaten findet ihr am Ende des Interviews, d.Red.). Danach geht’s nach Grossbritannien.
Ich habe so gut wie keine Ahnung von Gitarren. Du spielst eine Dobro-Gitarre. Was ist das Spezielle an dieser Art von Gitarre?
Eric Sardinas: Ich habe den traditionellen Resonator genommen und für mich elektrifiziert (für alle ebenfalls Unwissenden: Laut Wikipedia ist ein Resonator "ein sehr schwingfähiges System, dessen Komponenten auf eine bestimmte Eigenfrequenz in der Art abgestimmt sind, dass der Resonator bei Anregung mit dieser Frequenz ausschwingt. Man unterscheidet akustische, mechanische, hydromechanische, elektrische und optische Resonatoren", d.Red.). Damit kann ich diese Gitarren sehr weit aus dem üblichen Spektrum heraus heben. Für mich bleibt es immer noch ein akustisches Instrument, aber ich habe es in ein elektrisches verwandelt. Das klingt sehr organisch. Ich liebe es, denn da sind keine Grenzen gesetzt. Und auch die Leute sagen, so muss eine Resonator-Gitarre klingen.
Du bist eigentlich Linkshänder, spielst die Gitarre aber wie ein Rechtshänder. Was ist der Grund dafür?
Eric Sardinas: Ich habe das nicht freiwillig gemacht. Ich habe das Gitarrespielen nach Gehör gelernt und sie einfach so gespielt, wie es die meisten Leute tun. Als Linkshänder machst du solche Sachen, weil wir eben in einer Rechtshänderwelt leben. Außer du schneidest dir die andere Hand ab (lacht).
Ein paar hundert Meter von hier spielen Black Country Communion heute abend auf dem Museumsplatz ein Open Air Konzert.
Eric Sardinas: Oh ja. Joe (Bonamassa, Gitarrist von BCC, d.Red.) und ich sind Labelkollegen. Ich werde mir die Show auch anschauen. Ich habe Black Country Communion zuletzt in Kalifornien gesehen, kurz bevor ich die Staaten verlassen habe und ich hatte keine Ahnung, dass wir heute hier zur selben Zeit sein würden. Heute habe ich zufällig ein paar Fans vor dem Hotel getroffen und sie sagten: Eric? Bist du jetzt in der Band? (lacht) Und ich sagte: Oh Gott, nein. Ich bin aus anderen Gründen hier.
Ich dachte erst, du würdest das Konzert als Support eröffnen. Übrigens ist der Museumsplatz eine sehr schöne Location.
Eric Sardinas: Das wäre bestimmt lustig geworden. Mir gefällt der Platz auch. Wir haben ihn uns heute schon angeschaut, als wir kurz in der Stadt waren, um etwas zu essen.
Hast du Vorbilder?
Eric Sardinas: Meinen Vater und meine Mutter (lacht). Nein, du meinst musikalische Vorbilder? Nun, ich habe gelernt, wem man im Musikbusiness vertrauen kann und wem nicht. Man trifft so viele verschiedene Leute. Ich halte meine Augen sehr weit offen und ich habe grossen Respekt vor den Leuten, die das tun was sie lieben. Die den Menschen so viel Musik geben und ihr eigenes Leben ganz der Musik widmen. Dafür empfinde ich tiefsten Respekt. Wenn die Menschen zu einem Konzert kommen, um die Musik zu geniessen, dann ist das wichtig für sie. Ich kann nur für mich persönlich sprechen, aber ich glaube, dass Musik sehr wichtig für die menschliche Seele ist. Dass die Menschen meine Konzerte besuchen, bedeutet mir darum sehr viel. Also versuche ich immer mein Bestes zu geben.
Gibt es einen Ort auf der Welt, an dem du besonders gerne auftrittst?
Eric Sardinas: Weisst du, ich habe auf so vielen grossartigen Bühnen gespielt, an so vielen grossartigen Orten, in Theatern und Clubs. Überall. Das wäre eine riesige Liste (lacht). Ich mag es überall dort, wo ich eine gute Show und die Leute eine nette Zeit haben. Manchmal kommst du irgendwo hin und denkst: Das ist ja wohl ein Witz. Und dann wird es ein so unglaublicher Abend, wie du es nicht für möglich gehalten hättest. Man weiß also vorher nie genau, welches die besonderen Bühnen sind.
Du hast schon Tausende von Konzerten gegeben. Bist du trotzdem noch nervös vor einem Auftritt?
Eric Sardinas: Absolut. Ich betrachte Musik und ich fühle Musik noch genauso, wie ich es als kleines Kind getan habe. Bevor ich auf die Bühne gehe, bin ich immer noch aufgeregt und habe Schmetterlinge im Bauch. Ich denke, dass dieses Gefühl auch nie verschwinden wird. Ich hoffe es sogar, denn falls es verschwindet, müsste ich mir Sorgen um mich machen. Ich bin einfach glücklich, dass ich Musik machen darf und das bedeutet mir alles. Es ist ein Segen, das tun zu können, was man am meisten liebt. Deshalb würde ich das auch nicht Nervosität nennen. Es ist mehr eine spannende Art von Aufregung.

Big Motor bestehen aus dem Bassisten Levell Price, dem Schlagzeuger Patrick Caccia und natürlich Eric Sardinas.
Wenn du dir eine Traumband zusammenstellen könntest, wen würdest du dann für Bass, Schlagzeug, Gitarre und Gesang auswählen?
Eric Sardinas: Oh Mann, keine Ahnung. Das ist eine schwierige Frage. Das überfordert michÂ… (lacht)
Das ist erst der Anfang. Ich habe noch so eine ähnliche Frage.
Eric Sardinas: Bin ich auch in der Band?
Du darfst mit in der Band sein. Aber nur für Gitarre oder Gesang. Nicht für beides.
Eric Sardinas: Oh, ohÂ… (überlegt) Ich weiß nicht (überlegt weiter). Tot oder lebendig?
Das ist egal.
Eric Sardinas: Gut, das erhöht die Möglichkeiten. Dann nehme ich Rory Gallagher an der Gitarre, Billy Cox am Bass undÂ… Keith Moon als Schlagzeuger direkt aus der Hölle (lacht). Das ist eine verdammt gute Band, Mann. Und ich singe mit den Jungs (lacht). Du sagtest, du hast noch eine schwierige Frage...
Ja, habe ich. Aber ich wollte erst noch eine etwas einfachere Frage stellen und mir die zweite schwierige für den Schluss aufheben.
Eric Sardinas (lacht): Okay. Du gibst meinem Hirn eine Pause...
Genau. Also... das neue Album kommt bald und ebenso die Tour. Hast du noch weitere Pläne für die nächste Zukunft?
Eric Sardinas: Nun, es stehen viele Dinge an. Wie du schon sagst gehört die Albumveröffentlichung dazu. Dann werden wir auf Tour gehen, was uns bis zum Ende des Jahres beschäftigen wird. Es geht jetzt in erster Linie darum, das Album bekannt zu machen und die Dinge am Laufen zu halten. Mein Kalender ist also ziemlich voll. Vielleicht machen wir noch eine DVD. Mal abwarten, was die Zukunft so bringt.
Dann zur letzten schwierigen Frage: Wenn du den Rest deines Lebens alleine auf einer einsamen Insel verbringen müsstest, welche fünf Alben würdest du dann mitnehmen?
Eric Sardinas: Ich hoffe, es gibt dort Schatten, denn sonst werden sie ja alle von der Sonne ruiniert. Dann lasse ich sie lieber zu Hause, bevor ich mir alle meine ruinierten Platten anschauen muss (lacht). Gut, dann wähle ich eine 80er Jahre Compilation und Robert Johnsons "Hell Hound On My Trail" mit "Stones In My Passway". Vielleicht noch "Houses Of The Holy" von Led Zeppelin, das 87er "Irish Tour"-Album von Rory Gallagher und... (überlegt)... ach Mist, ich hätte Doppelalben nehmen sollen. Dann hätte ich dich ausgetrickst (lacht).
Nein, Doppelalben lasse ich nicht gelten. Eins fehlt noch. Wie wäre es mit "Sticks And Stones"?
Eric Sardinas: Nein, nein, das habe ich komplett im Kopf (überlegt). VerdammtÂ… "Live At Fillmore East" von den Allman Brothers.
Herzlichen Glückwunsch!
Eric Sardinas: Das ist übrigens ein Doppelalbum (lacht).
Mist, doch noch ausgetrickst. Danke vielmals für das sehr nette Gespräch, Eric! Wir sehen uns auf Tour...
Und hier sind alle deutschen Tourtermine von Eric Sardinas auf einen Blick:
28.10.2011 - Hamburg, Downtown Bluesclub
29.10.2011 - Hannover, Bluesgarage
30.10.2011 - Torgau, Kulturbastion
31.10.2011 - Regensburg, Alte Mälzerei
02.11.2011 - München, Garage
03.11.2011 - Schweinfurt, Stadtbahnhof
04.11.2011 - Salzgitter, Kulturscheune
05.11.2011 - Übach Palenberg, Outbaix Musicclub
06.11.2011 - Essen, Zeche Carl
08.11.2011 - Bonn, Harmonie
09.11.2011 - Aschaffenburg, Colos-Saal
11.11.2011 - Freiburg, Jazzhaus
19.11.2011 - Berlin, Quasimodo
Ein herzliches Dankeschön an Andrea Hendorfer von Another Dimension und Michael Schmitz (Mascot Label Group) für ihre Unterstützung!