Interview mit Fish in Mainz

(Fish)

27.04.2006 von Andreas Weist

Am 27. April hatten wir kurz vor dem Konzert in der Phoenixhalle die Möglichkeit, ein Interview mit dem ehemaligen Marillion-Frontman FISH zu führen, der auf seiner "Return To Childhood"-Tour in Mainz gastierte. Natürlich stellten wir Fragen zum inzwischen 21 Jahre alten Album "Misplaced Childhood" und seinen Solo-Plänen.

Wir durften zunächst beim Soundcheck mit dabei zu sein und den - wie man auf dem Foto sieht - ziemlich dürftig ausgestatteten Backstage-Bereich besuchen. Sah irgendwie nach Schulumkleide aus... und wirkte auch so.

Sichtlich gut gelaunt und in gewohnter Plauderstimmung nahm sich der Schotte über 20 Minuten Zeit für unsere Fragen, obwohl (wie wir später erfuhren) insgesamt 12 Interview-Termine auf ihn warteten. Herzlichen Dank nochmal an Fish, den Tourmanager Yatta und Mario vom deutschen Fish-Fanclub.

Das Interview führte Andreas Weist gegen 17.45 Uhr.

Hallo Fish, zunächst mal alles Gute zum Geburtstag.

Fish: Danke.

Man hört, du hast am Dienstag in Holland ausgiebig gefeiert?

Fish: Ich habe nicht lange gefeiert. Ich werde langsam zu alt für diese Sachen. Vor allem wenn man auf Tour ist, trinkt man nur ein paar Gläser Wein in der Garderobe. Diese Tage sind vorbei - man spielt nicht mehr verrückt.

Aber du hast doch diesen Tag mit einem Konzert von 150 Minuten Länge gefeiert.

Fish: Tatsächlich? War es wirklich so lange?

Ja, so wird es zumindest behauptet. Ich habe das Konzert in Köln besucht - und die Atmosphäre war großartig. Es läuft gut im Moment. Das Konzert in Mainz war schnell ausverkauft und wurde in die größere Phönixhalle verlegt. Was fühlst du bei diesem momentanen Höhenflug?

Fish: Es ist gut. Es ist schön, die Möglichkeit zu haben, in eine größere Halle zu wechseln. Ein gutes Zeichen! Es gibt mir das Gefühl, dass es noch nicht abwärts geht. Die Tour im Ganzen ist sehr erfolgreich. Wir haben in England mehr Shows gespielt als in den Jahren zuvor. Die Zahlen sind sehr gut. Viele Leute kommen wieder, weil sie daran interessiert sind, die "Misplaced Childhood"-Performance zu sehen. Es ist wirklich cool. Wenn ich in der ersten Hälfte ins Publikum schaue, sehe ich die Leute, wie sie die Songs hören und denken: "Was ist das?". Und bei "Misplaced" gehen dann alle mit. Offensichtlich sind viele Leute da, die kommen, um "Misplaced" zu sehen - eher als die Fish-Songs. Sie haben den Anschluss daran verloren, was ich in den letzten Jahre getan habe. Ihr Interesse ist sehr positiv. Und das braucht man in seiner Karriere - man braucht Auftrieb. Du brauchst Zeiten, in denen die Dinge wieder in Bewegung geraten.

Das "Classic Rock Magazine" hat dem Album "Misplaced Childhood" vor kurzem fünf Seiten gewidmet und es wurde auf Platz 82 der besten britischen Rockalben aller Zeiten gewählt. Als du das Album geschrieben hast, erzähltest du von dem Konflikt zwischen dem Menschen Derek William Dick und dem Rockstar Fish. Diese Form von Schizophrenie war Grundlage des Albumkonzepts. Was denkst du heute darüber? Sind diese Gefühle noch aktuell?

Fish: Nein - du bist nicht mein Psychiater. *lacht* Ich spreche in Interviews nicht über diese Dinge. Es ist interessant, es wieder aufzuführen. Da stecken viele verschiedene Gefühle und Herangehensweisen drin. In "Misplaced Childhood" geht es mehr als alles andere um das Gefühl, sich selbst wieder zu finden. Das ist relevant. Ironischerweise spielen wir jetzt ein Album, das 20 Jahre alt ist, und die Massen kommen zurück.

Gerade das "Bouillabaisse"-Album hat in Deutschland sehr gute Kritiken bekommen. Ich habe in Deutschland mehr Exemplare verkauft als irgendwo sonst in Europa. Das sind alles sehr positive Dinge.

Es geht mir ähnlich. "Misplaced Childhood" ist eines der Alben, mit denen ich groß geworden bin und deren Bedeutung sich mit den Jahren verändert hat.

Fish: Ja, es ist ein großartiges Album und manche Leute entdecken es heute erst. Das Lieblingsalbum meiner 15jährigen Tochter ist "Dark Side of the Moon". Manche ihrer Freunde haben "Misplaced Childhood" gehört und sagen, es sei brillant.

Die Songs von "Misplaced Childhood" wurden zum Teil neu arrangiert und deiner heutigen Stimmlage angepasst. Mir gefallen die neuen Arrangements, die zum Teil etwas rockiger ausfallen, sehr gut.

Fish: Ja, ja - die Band ist rockiger und ich bin auch viel rockiger als früher. Marillion war eine Rockband - aber keine wirkliche "heavy-bluesy-rocky" Band wie wir es nun sind.

Ja, wie manche Zeitungen immer noch schreiben: Marillion, die schottische Heavy-Metal-Band. Dieses Klischee sind sie nie los geworden.

Fish: Es ist eine andere Art von Band. Die Musiker sind anders. Und wenn die Musiker anders sind, ist auch die Interpretation anders. Die Interpretation von Marillion und mir war zu ihrer Zeit großartig, aber auch ich habe jetzt ein Album ("Return To Childhood"), das sehr gut ist und mit dem ich glücklich bin. Als ich bei Marillion war, habe ich oft in unnatürlichen Höhen gesungen, die nicht normal für meine Stimme waren. Das hat mir viele Probleme verursacht. Heute singe ich in einer Tonart, die besser für meine Stimme ist. Der Stil der Performance hat sich verändert.

Wer schreibt die Arrangements? Tony Turrell?

Fish: Wir können das alle machen. Das Album ist nicht wirklich neu arrangiert. Es ist immer noch, wie es war - mit sehr kleinen Veränderungen.

Wie siehst du die Rolle von Tony Turrell? Er ist ein hervorragender Keyboarder - für meinen Geschmack sind aber die Songs, in denen er seine Qualitäten ausspielen könnte, im aktuellen Set kaum vertreten. Ich denke da an "Lost Plot", "Scattering Crows" oder "Tumbledown".

Fish: Ich spiele diese Songs auf dieser Tour nicht.

Aber auch auf der letzten Tour sind sie sehr früh aus dem Programm geflogen.

Fish: Das hat nichts mit Tony zu tun, sondern mit dem Set. Diese Jungs sind Session-Musiker, sie kommen und gehen. Tony ist sehr beschäftigt in diesem Jahr. Ich weiß nie genau, wer bleibt. Wir mussten vor kurzem einen neuen Drummer suchen, weil Neneh Cherry vor einigen Wochen kam und John Tonks, dem Drummer von 2005, ein besseres Angebot machte. Deshalb gebe ich niemandem eine besondere Position in der Band.

Du hast immer große Erfolge mit Songs, die von Beziehungen handeln. "A Gentleman´s Excuse Me", "Cliché", "Just Good Friends" erzählen auch immer von deiner aktuellen Gemütslage. Das atmosphärische "Rites Of Passage" ist einer meiner Lieblingssongs. Im Gegensatz dazu war "Long Cold Day" sehr angriffslustig. Dann kam die Trennung von deiner Frau und im Album "Field Of Crows" schlägst du wieder sehr versöhnliche Töne an. Kann man sagen, dass sich eine Art Biographie durch deine Songs zieht?

Fish: Ja. *schmunzelt*

Die Frau an deiner Seite heißt nun Heather Findlay, Sängerin der Progressivrockband "Mostly Autumn". Man hört, dass es eine intensive Zusammenarbeit auch im Hinblick auf ein neues Fish-Album gibt. Was wird uns erwarten? In welche Richtung wird es gehen? Hast du schon ein Konzept?

Fish: Ich weiß es noch nicht. Unabhängig von meiner Beziehung zu Heather: Ich werde das Album schreiben, das ich schreibe. Und ich habe noch nicht damit begonnen. Momentan bin ich noch nicht inspiriert, ein Album zu schreiben. Ich möchte noch nicht mit dem Schreibprozess beginnen, bevor ich etwas habe, in das ich mich einhüllen kann - mit dem ich wirklich ein Stück weit gehen kann. Ich möchte kein Album machen wie man Wurst macht, nach einem Schema. Es wird billig, wenn man beginnt, sich selbst zu kopieren. Ich will das nicht tun. Ich möchte etwas Neues finden - und wenn das bedeutet, neue Musiker zu integrieren, dann tue ich das. Und wahrscheinlich werde ich das auch tun. Ich weiß noch nicht, wer dazu kommen wird. Da gibt es zwei oder drei verschiedene Leute, die auch ziemlich interessiert sind.

Für Mai, Juni und Juli warten wahrscheinlich eine Reihe von Filmprojekten und ganz sicher eine Menge Gartenarbeit auf mich. Ich habe auch Lust zu schreiben - und was das Bücherschreiben angeht, habe ich die Möglichkeit, mit dem britischen Komiker Will Smith zu arbeiten. Im Juli wird es noch einige Open-Airs geben und im August die Fanclub-Convention in Haddington. Im September werde ich in Polen touren, in Israel, der Türkei, Griechenland und Spanien. Wahrscheinlich wird auch um diese Zeit das Schreiben des neuen Albums beginnen. Eventuell werden wir dann versuchen, das Album im Dezember, Januar, Februar aufzunehmen.

Es wird dann passieren, wenn es soweit ist. Wenn man versucht, etwas zu erzwingen, dann fängt man die Sache falsch an und erreicht nicht mehr die gleiche Qualität wie vorher. Ich habe einen guten Ruf in Bezug auf die Qualität meiner Alben und möchte diesen auch behalten. Es ist sehr leicht für eine Band, die eine große Fangemeinde hat, in diese Falle zu tappen und die Fans zu missbrauchen. Ich will sie nicht nach dem Motto behandeln: Solange wir irgendwas liefern, wird es auch gekauft. Was dann schlussendlich passieren wird: nach ein oder zwei Alben werden sie nichts mehr von dir kaufen. Ich hatte eine ähnliche Situation, die nichts mit der Qualität der Alben zu tun hat - nur um zu zeigen, wie empfindlich dieses Verhältnis sein kann. Ich hatte eine Mitarbeiterin im Büro, die mich abgezockt hat. Mit kriminellen Handlungen hat sie meine Fans bestohlen. Sie hat Aufträge entgegen genommen und nichts geliefert. In einem Zeitraum von 6 Monaten hat sie fast meinen Fanclub zerstört. Ich habe nichts davon bemerkt, weil sie alles vor mir verborgen hat. Das ist sehr gefährlich. Es hat fast 9 Monate gedauert, das Vertrauen der Fans zurück zu gewinnen - wieder auf einen Level, dass sie wissen: Wenn ich etwas bestelle und bezahle, dann bekomme ich es auch. Man muss dieses Verhältnis pflegen. Darum mache ich das neue Album erst, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist.

Musicheadquarter ist ein Online-Musikmagazin. Der Einfluss des Internets wird immer größer. Auch du stützt dich stark auf Online-Aktivitäten. Ich denke da an die aktiven Fanclubs in Schottland, Holland und Deutschland, an die Mailinglists wie Fishheads und Freaks. Welche Bedeutung gibst du dieser Sache?

Fish: Sie ist sehr wichtig! Vor allem der Kontakt zu den Fans ist das, was uns am stärksten verbindet. Eigentlich bin ich ganz froh darüber, dass wir in den 80ern als Band groß wurden, bevor diese Online-Sache begann. So gab es uns schon da draußen und wir haben uns einen Ruf und eine Fangemeinde aufgebaut. Als ich dann meine Solo-Karriere startete, habe ich das aufrecht erhalten. Und dieser altmodische Typ von Fan ging auch mit online - die Loyalität ist größer. Ich respektiere das und gebe ihnen die Informationen. Manchmal gebe ich zuviel von meinem Leben preis. Gleichzeitig braucht man ein Gleichgewicht im Verkaufsgeschäft. Man kann sich nicht nur aufs Internet verlassen. Es gibt zu viele Alben, zu viele Gruppen, zu viele Sänger, zu viele Songs. Du musst einfach andere Wege finden, dich zu vermarkten.

Du klagst aber auch darüber, dass die großen Online-Händler deine Preise unterbieten und du mit deinem eigenen Shop nicht mehr mithalten kannst.

Fish: Nein, ich beklage mich nicht darüber. Lass uns ehrlich sein: Stell dir einen großen Online-Shop vor. Wenn mein Album erscheint, kommen auch noch 400 andere Alben im gleichen Monat heraus, plus dem Backkatalog, der aus Abertausenden von Alben besteht. Der Shop verlässt sich nicht darauf, ein einziges Album zu verkaufen. Sie setzen den Preis runter, um Leute in ihren Laden zu locken. Man kann es mit dieser "Kauf drei, bezahl zwei"-Sache im Supermarkt vergleichen. Man will die Sachen gar nicht wirklich haben, aber man kauft sie, weil sie billig sind. So arbeiten auch die Online-Shops: Man kauft ein günstiges aktuelles Album und noch ein paar mehr. Wenn der Shop dann 3 oder 4 Alben verkauft, machen sie den gleichen (oder gar mehr) Profit wie ich, wenn ich ein einzelnes verkaufe. Abgesehen von der geplanten DVD habe ich in diesem Jahr nur dieses Live-Album. Das ist alles, was ich habe. Ich habe nicht Tausende von Alben. Ich kann es mir nicht leisten, die Preise zu senken, weil ich nur geringe Stückzahlen verkaufe. Ich muss davon leben. Die Shops müssen nicht die Aufnahme finanzieren und die Musiker bezahlen. Rechnen wir mal mit einer realistischen Gewinnspanne von 1,50 Pfund. Ich verkaufe durchschnittlich 40.000 Alben, brauche aber auch 40.000 Pfund, um das Album zu finanzieren. Bleiben noch 20.000 Pfund übrig - das ist alles, was ich habe.

Leider lassen sich die Plattenlabels inzwischen von den großen Shops alles diktieren. Die Unabhängigkeit wurde ausgelöscht. Die kleinen Plattenläden haben sich früher noch um die Musik gekümmert. Sie haben die Musik geliebt. Wenn man reinkam, sagte der Verkäufer zu dir: "Hör mal hier rein. Das Album gefällt dir sicher, weil du letzte Woche jenes Album gekauft hast." Und diese Jungs gibt es jetzt nicht mehr. Sie starben aus, weil sie nicht genug Alben einkaufen konnten und es Preisnachlässe erst ab bestimmten Stückzahlen gibt. Ich kenne einen kleinen unabhängigen Laden, der seine Platten bei Woolworth günstiger eingekauft hat als bei den Großhändlern. Das Musikgeschäft hat sich durch seine Habgier selbst zerstört. Es gibt daher kaum noch langfristige Investitionen in neue Bands und die Musik ist beinahe wertlos geworden. Jeder kann sich kostenlos MP3s runterladen. In den letzten 10-15 Jahren haben wir im Prinzip Selbstmord begangen. Ich bin froh, dass ich meinen Job gemacht habe. In der heutigen Zeit würde ich nicht mehr als neuer Künstler anfangen wollen.

Willst du uns noch etwas über deine Neuerscheinungen erzählen? Es wird eine Live-CD und eine Live-DVD geben.

Fish: Übernächste Woche wird die Doppel-CD herauskommen, die ich 2005 in Tilburg aufgenommen habe. Ein einzelner Song kommt vom Konzert in Köln. Leider haben die Jungs am Mischpult Mist gebaut und wir haben das großartige Köln-Konzert verloren. Ich bin aber froh, dass das Konzert in Tilburg ebenfalls sehr gut war. Die DVD erscheint im August. Sie wurde im "Paradiso" (Amsterdam) gefilmt. Ich habe das Material schon gesehen. Es ist sehr dynamisch.

An anderer Stelle hast du erwähnt, dass die Live-Versionen von "Kayleigh" und "Lavender" zum Download angeboten werden. Wird das zu Werbezwecken geschehen?

Fish: Nein, es sollen offizielle Download-Singles werden. Wir arbeiten im Moment daran.

Der Kontakt zu deinen Fans ist sehr eng. Du planst eine weltweite Convention in deinem Heimatort Haddington. Ich war 2001 dort und sah das Acoustic-Konzert in der "St. Mary´s church". Es war großartig. Was können deine Fans für 2006 erwarten?

Fish: Weiß ich noch nicht. Ich habe die Setlist noch nicht zusammengestellt. Einige Songs werde ich mit Heather singen, z.B. "Just Good Friends", "Incomplete", "Tilted Cross". Ich habe noch keine Ahnung, aber es wird ein langes Acoustic-Konzert werden. Angela Gordon spielt Querflöte, Heather spielt Querflöte und Tin Whistles. Das werden wir alles mit rein nehmen. Es sind noch Monate bis dahin. Ah, und Mario wird singen. *lacht* (Mario ist der Leiter des deutschen Fanclubs.)

Eine letzte Frage: Gibt es eine Chance, in absehbarer Zeit "A Gentleman`s Excuse Me" noch mal live zu hören?

Fish: Ja, vielleicht in der "St. Mary´s church". Wir können es in den Acoustic-Set mit aufnehmen.

Danke für das Interview!

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