Interview mit Jimmy Smith und Walter Gervers von Foals

(Foals )

20.05.2010 von Jessica Franke

Gelangweilt vom austauschbaren Electrosound, den man in jeder Disco zu hören bekommt, gründete sich 2007 eine neue Dance-Rock-Band, die Geburtsstunde der Foals. Dabei ist die fünfköpfige Band aus Oxford das Produkt der Sandkastenfreunde Jack Bevan (24) und Yannis Philippakis (23). Jimmy Smith (25) und Walter Gervers (26) waren Kommilitonen und schlossen sich den Foals an, nachdem Keyboarder Edwin Congreave (25) als Ersatz für den ursprünglichen Mitbegründer Andrew Mears in einer Bar aufgelesen wurde. Von Amateuren kann hier keine Rede sein. Yannis und Jack konnten bereits als Kinder erste musikalische Erfahrungen sammeln und spielten schon vor der Gründung von Foals zusammen in einer Band namens The Edmund Fitzgerald. Und auch Jimmy und Walter spielten neben ihrem Studium gemeinsam in der Lokalband Face Meets Grill, mit der sie einige Auftritte in und um Oxford hatten und sogar eine EP veröffentlichten. Nachdem die Verträge bei Transgressive Records (bei dem u.a. Bands wie The Young Knives, Polytechnic oder Regina Spektor unter Vertrag sind), die ihre Platten auf dem europäischen und Sub Pop Records (Nirvana, The Smashing Pumpkins, The White Stripes), die diese auf dem amerikanischen Markt veröffentlichten, unterschrieben waren, folgte eine unermüdliche Tour, unter anderem mit Bands wie The Cribs und Bloc Party.

Ihr musikalischer Mix aus Pop, Minimal Techno und Rock, in UK hauptsächlich als Math-Rock bezeichnet, wird hauptsächlich vom US-amerikanischen Minimal Music-Komponisten und -Pionier Steve Reich beeinflusst und erfreute sich sehr schnell großer Beliebtheit. So katapultiert sich ihr 2008 veröffentlichtes Debütalbum "Antidotes" sofort auf Platz 3 der britischen Charts. Und auch ihr kürzlich erschienenes Album "Total Life Forever" verspricht Großes. Mit diesem im Gepäck ist das Quintett, welches für seine exzellenten Live-Qualitäten bekannt ist, derzeit auf Tour. Ich freue mich sehr darüber, dass mir Jimmy Smith (Gitarre, Keyboard) und Bassist Walter Gervers vor dem heutigen Konzert im Hamburger Übel & Gefährlich Rede und Antwort stehen, obwohl das Treffen ein wenig mit Komplikationen behaftet ist. Da die Jungs direkt mit dem Tourbus aus Paris angerückt sind, ist eine genaue Zeitabsprache nicht möglich und so treffen sie schließlich erst etwas über zwei Stunden nach mir am Veranstaltungsort ein, wofür sich die äußerst sympathischen Engländer mehrmals bei mir entschuldigen. Da man nach 14 Stunden Busfahrt völlig ausgehungert ist, müssen sich die beiden während des Interviews etwas zu Essen reinschaufeln. Auf meine Frage hin, ob wir warten wollen, bis sie zu Ende gegessen haben, meint Jimmy lediglich, dass es kein Problem sei, sie seien mulitaskingfähig. In einem wirklich sehr netten und witzigen Gespräch beantworten mir die beiden dann meine Fragen zum neuen Album, über ihre WG in Oxford und über den Hype um sie.

Dann hattet ihr heute ja keine Zeit, um euch die Stadt anzugucken oder?

Jimmy: Nein, heute nicht. Wir sind wirklich enttäuscht, wir dachten, dass wir gegen Mittag ankommen. Eigentlich wollten wir eine Bootstour auf diesem Fluss (gemeint ist natürlich die Elbe, die Red.) machen, aber wir sind leider erst gegen 6 oder 7 Uhr angekommen.

Ihr habt ein fantastisches neues Album namens "Total Life Forever" veröffentlicht. Was bedeutet der Titel genau?

Jimmy: Es ist ein bisschen wie ein Slogan aufgemacht, wie die alten Werbeanzeigen in den 30er und 40er Jahren. Diese drei großen Worte "Total Life Forever" sind wie ein Blickfang und voller Versprechen, die dir eine positive Einstellung vermitteln. Gleichzeitig ist es aber auch absichtlich etwas bedeutungslos gehalten, es ist also auch wie ein leeres Versprechen, denn wer will schon für immer leben.

Walter: Wie unerreichbare Hoffnungen.

Jimmy: Ja, wir haben sehr lange mit unseren Ideen gespielt, am Ende ist es dann dieser Titel geworden, es sieht gut aus und klingt gut.

Wo seht ihr die wesentlichen Unterschiede zwischen dem ersten und dem neuen Album?

Walter: Dieses Album hat auf eine Art und Weise mehr Inhalt und ist klanglich reicher. Wir hatten wesentlich mehr Zeit die Songs zu entwickeln und die Rhythmen sind anders als auf dem ersten Album. Anstatt wie beim ersten Album, bei dem fünf Jungs einfach drauflos gespielt haben, hat bei diesem Album jeder seinen individuellen Teil gehabt, wodurch es strukturierter geworden ist. Speziell Yannis hat diesmal sehr früh angefangen an den Songs und den Melodien zu arbeiten. Es gibt auf diesem Album mehr Gesang als auf dem letzten, was eine große Veränderung für uns ist. Ich denke, es zeigt, dass die Band sich weiterentwickelt hat, selbstständiger, selbstbewusster und erfahrener im Studio geworden ist.

Seht ihr es also als eine Art Weiterentwicklung?

Jimmy: Ja, es ist eine Weiterführung von dem, was wir auf dem ersten Album begonnen haben, nur dass wir dieses Mal die Erfahrung mit einbezogen, die wir während des Schreibens und der Aufnahme des ersten Albums und während des Tourens gewonnen haben. Es war diesmal sehr viel angenehmer zu Schreiben und zu Machen, wir haben versucht es so angenehm und gleichzeitig so verrückt wie möglich zu machen.

Schreibt ihr die Songs zusammen?

Jimmy: Es kommt sehr darauf an, ich habe einige geschrieben, Yannis hat die meisten geschrieben. Wir leben zusammen in diesem Haus in Oxford, dort haben wir einen Keller, in den wir jederzeit gehen und Songs schreiben können wann immer wir wollen. Wir können dort unsere Songideen entwickeln und besonders für Yannis ist es praktisch, er kann dort seine Lyrics und die Melodien zur gleichen Zeit schreiben und dann werden die anderen mit einbezogen. Es ist wirklich ein bisschen wie ein Prozess. Jeder, der eine gute Idee hat, gewinnt (lacht). Na ja, wenn jemand überhaupt gewinnen kann. Das letzte Mal waren wir in einem Proberaum und haben dort während der Proben einfach durchgespielt, ein bisschen schonungslos, wie ein striktes Regime.

Walter: Wir haben uns alle zwei Stunden lediglich eine Zigarettenpause gegönnt, dieses Mal verlief es alles wesentlich angenehmer.

Ich habe davon gelesen, dass ihr zusammen in dieser WG lebt. Wie kam es dazu, wieso habt ihr euch dazu entschlossen, in einer WG zu leben, statt jeder in seiner eigenen Wohnung?

Walter: Nach der Tour mit dem letzten Album hatten wir entweder die Möglichkeit uns für kurze Zeit ein Haus zu mieten und dort unabhängig, aber zusammen zu leben oder zurück zu unseren Eltern zu ziehen. Es schien also für uns eine gute Lösung zu sein, da Oxford auch eine sehr teure Stadt ist. Wir haben also dieses große Haus gemietet, in dem wir noch mit zwei Typen von einer anderen Band zusammen wohnen, die auch aus Oxford kommen und von denen wir auch unterstützt werden. Wir nutzten diesen Ort, wann immer wir konnten, es war wie ein zentraler Treffpunkt, wenn wir geschrieben oder geprobt haben. Es war wirklich aufregend zu beobachten, wie die Aufnahmen immer weiter voran gegangen sind.

Macht ihr auch zusammen Musik und inspiriert euch gegenseitig?

Jimmy: Ja, wir inspirieren uns definitiv gegenseitig. Außerdem ist es gut jemanden außerhalb der Band zu haben, der einen kritisieren kann und dir seine Ansichten mitteilt. Manchmal, ich denke, gerade wenn du was schreibst, weißt du nicht, was gut ist und was nicht, so wie wir bei "Antidotes" keine Ahnung hatten. Aber bei dem Album hatten wir ein gutes Gefühl. Wir konnten uns aber dem nicht entziehen, wie es letzten Endes geworden ist, und wir hatten keine Idee, wie die Leute es finden werden oder ob es große Scheiße... entschuldige den Ausdruck, oder ob es gut geworden ist.

Walter: Du verlierst ein bisschen den Durchblick.

Jimmy: Ja, und Freunde sind dann brutal ehrlich.

Das Haus heißt "House Of Supreme Mathematics" (Haus der höchsten Mathematik), wie kam es zu diesem Namen und was bedeutet er?

Walter: Ich glaube, es war Yannis Idee. Es ist irgendwie aus einem Witz heraus entstanden, weil Oxford ein so intellektueller Ort ist. Und wir sind ein Haufen Kerle, die in einem Haus zusammen leben, in dem statt Mathematik sehr viel Musik gemacht wird.

Jimmy: Wir versuchen es ein bisschen in ein Studentenverbindungshaus zu verwandeln (lacht).

Walter: Alpha-Beta-Psi (beide lachen).

Ihr habt alle studiert. Was waren eure Fächer?

Jimmy: Ich habe Geographie studiert, was wirklich ein interessantes Fach ist.

Walter: Jimmy hat sogar einen Abschluss...

Jimmy: Ja, das stimmt. Aber es ist nicht wirklich nützlich, da es wirklich von einer schlechten Uni ist, aber ja, ich hab es durchgezogen. Walter, du hast Kunst studiert, oder?

Walter: Ja, ich hab Kunst studiert, Yannis und Edwin haben Englisch studiert und Jack Photographie in London.

Du hast das Studium nicht abgeschlossen, Walter?

Jimmy: (mit einem Grinsen im Gesicht) Ich bin der einzige mit Zukunftsperspektive, das ist Fakt.

Walter: Ich habe es für einige Zeit versucht, neben der Musik weiter zu studieren, aber wir haben erkannt, dass die Zeit kurz bevor das erste Album aufgenommen wurde, eine Chance für uns war, etwas Vollzeit zu machen und das konnten wir nicht abschlagen.

Wann habt ihr euch dazu entschlossen, euch voll und ganz der Musik hinzugeben?

Jimmy: Wann wir die Entscheidung getroffen haben? Ähm, ich glaube, eine Entscheidung wurde da nicht richtig getroffen, es ist einfach so passiert. Ich kann nur für mich selbst sprechen, aber ich fand mich auf einmal in dieser Band wieder und dann beginnt man zu touren und du nimmst wahr, dass du mehrere Monate unterwegs bist und entwickelst eine gewisse Bindung zu dieser Band.

Walter: Wir hatten damit angefangen für Freunde und ein paar Houseparties zu spielen. Wir hätten nicht gedacht, dass wir es auf die Bühne schaffen und damit unser Leben finanzieren werden. Ich denke, das ist eine wesentliche Veränderung. Aber es war letzten Endes auch das, worauf wir hingearbeitet haben, und wir haben hart gearbeitet und haben dann die Chance bekommen, es zu machen.

Jimmy: Es macht wirklich Spaß, es war irgendwie, für uns zumindest, wie ein Klacks, sich einer Band anzuschließen und die Herausforderung anzunehmen, mit dieser dann erfolgreich zu werden, es macht wirklich Spaß. Weißt du, es ist wie ein Außenseiter zu sein, der überall versucht, Leute für sich zu gewinnen, das ist toll.

Was für Musik hört ihr privat?

Jimmy: Ich mag White Noise, das ist zumindest konstant (beide lachen). Ähm, ich höre wirklich sehr unterschiedliche Sachen. Momentan höre ich das neue Caribou Album sehr gerne, das ist wirklich schön und klanglich sehr interessant. Ich höre gerne Deerhunter und Atlas Sound und Black Lips, überwiegend Sachen aus Amerika, denke ich.

Walter: Es ist wirklich schwierig zu sagen, was wir als Band hören, da die Abwechslungen zu groß sind. Jeder von uns durchläuft immer irgendwelche Phasen und man übergibt sie dann gegenseitig. Jack hatte zum Beispiel mal diese Fleetwood Mac Phase (Jimmy scheint genau zu wissen, was Walter meint, er muss ein wenig drüber lachen) und dann haben wir es alle natürlich mit ihm zusammen gehört, und dann hat sich das auch irgendwann wieder geändert. Yannis hört viel von diesem alten Hip Hop. Weißt du, wir verbringen so viel Zeit zusammen, sodass uns von allem etwas umgibt. Ich denke aber, dass diese Vielseitigkeit gesund ist.

Ein Zitat von euch lautet, dass "Hype wie Fieber ist, du fühlst dich dabei krank" (Hype is like a fever, it makes you feel ill). Was meint ihr genau damit?

Walter: Nun, es hat mit Druck und Erwartungen zu tun, denke ich, und es ist auch etwas, was sehr gefährlich ist, weil es unglaublich unbeständig und kurzlebig sein kann. Und ich denke, es gibt Bands ein falsches Gefühl der Sicherheit, wenn zu viel Hype um sie herum ist. Es kann dich als Band aber auch stark in dem, was du machst verändern. Du versuchst beim Thema und cool zu bleiben, und ich denke, das ist nicht der richtige Weg.

Jimmy: Es ist wirklich so, als wenn es dich vergiftet. Zunächst ist es fantastisch, dass alle an deiner Band interessiert sind, aber dann wunderst du dich auf einmal, warum sie interessiert sind und was sie eigentlich versuchen aus dir zu machen. Zum Glück wurden uns auf unserer kreativen Seite solche Sachen nie auferlegt, aber das konnte man auch gar nicht, das haben wir niemanden erlaubt (lacht). Ich denke aber, dass es einige Bands in ihren Handlungen und ihrer Denkweise beeinflusst und das ist wirklich traurig.

Ich habe euch drei Songs von Bands mitgebracht, die in den letzten Monaten oder im letzten Jahr extrem gehypt wurden. Ich würde euch die gerne vorspielen und von euch wissen, was ihr von den Songs und Bands haltet, ob ihr diese Bands überhaupt kennt. Erstens: Two Door Cinema Club – I Can Talk.

Jimmy: Oh ja, wir kennen die Jungs. Ich kenne den Song nicht, aber sie scheinen sich gut zu machen, es ist großartig für sie. Es scheint ein guter Song zu sein. Wir haben sie ein paar Mal getroffen, aber jedes Mal nur sehr kurz.

Walter: Es scheint, dass sie einen guten Job machen, das ist toll.

Ihr selbst hört solche Musik nicht?

Walter und Jimmy: Nein, nicht wirklich.

Walter: Wir verfolgen neue Musik nicht wirklich.

Jimmy: Es interessiert mich nicht wirklich, also diese Art der Musik. Ich meine, wir machen dieselbe Musikrichtung, also diese Indie-Dance-Musik, ich bin wirklich nicht mehr daran interessiert (beide lachen). Ich sag ja nicht, dass es schlecht ist, aber ich mag eben andere Sachen lieber.

Walter: Aber es sind wirklich sehr nette Jungs.

Zweitens: Mumford & Sons – Little Lion Man (Jimmy und Walter versuchen unbemerkt einen Blick auf meinen iPod zu erhaschen, was mich ein bisschen zum Lachen bringt)

Jimmy: Ahhh, Mumford & Sons.

Walter: Die neue Folk-Explosion.

Jimmy: Ja, das ist toll. Ich höre viel lieber solche Sachen als diese Discobands.

Drittens: The Drums – Let´s Go Surfing (auch hier wieder ein heimlicher Blick der beiden auf meinen iPod)

Jimmy: Ah, The Drums. Das ist ziemlich poppig.

Walter: Es erinnert mich sehr an The Beach Boys.

Jimmy: Ja, genau. Das ist einer dieser Songs, die ich noch nie gehört habe, sorry.

Okay, ich sehe schon, das ist nicht eure Musik...

Jimmy und Walter: Nein, nein...

Walter: Es wäre ja absurd, wenn wir solche Musik so gar nicht mögen würden, aber die Dinge wandeln sich so schnell und dann bekommt man von solchen Bands eben nicht immer so viel mit.

Ihr habt die Jungs also noch nicht kennen gelernt?

Jimmy: Nein, bisher noch nicht. Aber wir werden einige Festivals zusammen spielen, da trifft man sich bestimmt mal.

Habt vielen Dank für das sehr nette Interview, ich denke, das ist alles. Ich habe wirklich so lange gewartet, euch endlich mal live zu sehen, ich freu mich also wirklich sehr auf heute Abend...

Walter: Tut uns wirklich leid, dass wir so lange nicht in Hamburg waren.

Jimmy: Wir hoffen, du wirst heute einen tollen Abend haben.

Davon gehe ich sehr stark aus. Nochmal vielen Dank und alles Gute für eure Tour!

Ein herzliches Dankeschön auch an Romy Nitz von networking Media, die uns dieses Interview vermittelt hat!

Und wie das Foals-Konzert im Übel & Gefährlich war, könnt ihr HIER nachlesen.

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