Interview mit Jan Henrik Ohme in Berlin

(Gazpacho)

22.01.2011 von Shirin K

Es ist das erste Konzert von Gazpachos Missa Atropos-Tour. Als ich ins Berliner Maschinenhaus komme, machen die Jungs gerade Soundcheck, und so komme ich schon ein bisschen in den Genuss der Musik. Trotz der Hektik nimmt sich Sänger Jan Henrik Ohme Zeit, um mir Backstage ein paar Fragen zum neuen Album zu beantworten. Und da der Mann sehr redselig ist, wird es ein Interview über Gazapcho im Allgemeinen und Besonderen.

Musicheadquarter-Redakteurin Shirin Kasraeian zusammen mit Gazpachos Jan Henrik Ohme beim Interview backstage im Maschinenhaus in Berlin.

Hallo Jan! Zunächst eine allgemeine Frage zur Band. Wann und wie seid ihr entstanden?

Jan Henrik Ohme: Thomas Andersen, Jon Vilbo und ich fingen 1996 an, gemeinsam Musik zu machen. Nur aus Spaß an der Freude. Ein bisschen trinken und Musik machen und danach Freunde treffen. Jeden Freitag ging das so und wurde schnell zur Tradition: Vier, fünf Stunden im Studio musizieren und dann ausgehen. Damals waren wir jung und unschuldig, und da haben wir beschlossen, ein Album herauszubringen. Wir nahmen einen Bassisten namens Roy dazu, der jetzt nicht mehr dabei ist, und wir produzierten das erste Album "Bravo". Die Drums haben wir programmiert, denn wir hatten keinen Drummer. Das zweite Album "When Earth Lets Go" ist quasi das erste Album mit einer Vollbesetzung. Da kam Robert dazu. Er hat auch mittlerweile die Band verlassen, um nach Italien zu seiner Freundin zu ziehen ... Wir haben auch den Bassisten gewechselt und einen neuen Drummer – Lars - haben wir auch. So hat das alles also angefangen. Wirklich gegründet wurde die Band im Jahr 2000. Seitdem haben wir (fängt an, mit den Fingern zu zählen) – sorry, als Musiker muss ich immer mit den Fingern zählen – sechs Alben herausgebracht. "Bravo", "When Earth Lets Go", "Firebird", "Night", "Tick Tock" und "Missa Atropos".

...welches jetzt herausgekommen ist.

Jan Henrik Ohme: Nicht wirklich. Bisher ist es nur in Deutschland veröffentlicht worden. Der Rest der Welt hat noch nicht wirklich die Chance gehabt, das neue Material zu hören. Es wird erst im Februar auf Kskope erscheinen. Nur die Deutschen hatten bisher Glück und konnten es kaufen.

Wie ist das neue Album entstanden? Es ist ja im übrigen, wie die beiden Alben davor, ein Konzeptalbum.

Jan Henrik Ohme: Ja, die drei sind auf ähnliche Art und Weise entstanden. Wir jammen ein paar Tage herum, dann haben wir eine Menge Entwürfe und musikalische Stimmungen, auf denen wir aufbauen können. Dann teilen wir sie quasi in verschiedene Songs auf. Und wenn wir die Grundstimmung und das Konzept herausgearbeitet haben, überlegen wir, worum es gehen könnte. Wir fällen die Entscheidung, worum es in dem Album geht, nie, bevor wir die Musik haben. Wir erstellen erst mal tonnenweise Material und dann kommen die Texte und die kleinen Finessen in der Musik. Insofern bezieht sich das Wort Konzept sowohl auf die Musik als auch auf die Texte.  Wenn die Musik des Songs fertig ist, geben wir ihm das, was er verlangt.

Dann erzähl mal ein wenig was über die Geschichte von "Missa Atropos".

Jan Henrik Ohme: Ja, aber nur sehr grob. Man sollte nicht nach irgendwelchen Textstellen fragen. Die Frage "was hast du da genau gemeint?" kann ich nicht beantworten. Das ist auch nicht mein Job. Es geht um die Bilder, die du hast. Wenn ich singe "the river that runs into dawn", dann entscheidet das Bild in deinem Kopf, was das bedeutet ... Aber es hat so angefangen: Thomas (Anm. d. Red.: Keyboarder und musikalischer Mastermind der Band) las ein Buch namens "Solitude" – das war bei "Tick Tock" übrigens genau das Gleiche. Thomas las da auch ein Buch, das ihn sehr faszinierte (Anm. d. Red.: Auf "Tick Tock" wurden die Erfahrung des Schriftstellers Antoine de Saint-Exupéry bei einer Irrfahrt durch die Wüste verarbeitet) ... "Solitude" handelte von Leuten, die aus verschiedenen Gründen eine lange Zeit der Einsamkeit erleben mussten, oder sich bewusst dafür entschieden hatten. Nun, wir leben ja in Norwegen, wo die meisten Menschen in Städten wohnen. Fast niemand lebt in den Wäldern oder den Bergen. Norwegen ist sehr groß und hat eine Bevölkerung von nur 4 Millionen. Es ist also sehr einfach, sich von der Zivilisation zurückzuziehen und in die Berge zu gehen, wo nichts ist, noch nicht mal eine Straße. Als Gedankenexperiment haben wir uns vorgestellt, wie das ist, wenn du dich total zurückziehst, sagen wir mal aus einer Großstadt wie Oslo oder Berlin, und zwar auf allen Ebenen, sei es ökonomisch, spirituell oder sozial, und dann gibt es nur noch dich. Und dann schreibst du Statusberichte an dich selbst und reflektierst dein Leben. Machst du dir über die Menschheit und die Entstehung der Welt Gedanken, vergleichst es damit, wie du als Kind gedacht hast. Das macht die Hauptfigur auf dem Album. Der Mann zieht sich zurück und schreibt eine Messe für Atropos (Anm. d. Red.: die Schicksalsgöttin, die über die Todesart der Menschen entscheidet). Letztendlich ist es aber eine Messe für die Menschheit. Das lässt viel Spielraum für Gedanken, denn dieser Mann kann sich alles Mögliche vorstellen. Auf "Tick Tock" z.B. war das genauso. Zeit kann dort alles bedeuten: Du hast Angst vor dem Tod und du weißt, du wirst höchstwahrscheinlich in der Wüste verenden. Der Begriff "Zeit" ist dann ganz anders als in dem Song "Winter Is Never" (aus demselben Album, Anm. d. Red.), wo ein kleines Kind Tiger jagt und auf dem Vulkan spielen geht, denn für das Kind findet Zeit genau dann und dort statt, da gibt es keinen Winter. Der Winter so weit weg, dass sich das Kind das gar nicht vorstellen kann. Auf "Night" ist auch alles undefiniert, es geht um Träume und Wachsein und die Zustände dazwischen. Da kann man sich richtig austoben. Es ist gleichzeitig vollkommen irrational und rational. Du gibst den Leuten damit viel Stoff zum Nachdenken, kitzelst sie quasi am Hirn. So können sie am meisten aus den Alben herausholen. Denn, wie schon eingangs gesagt, es geht nicht um das, was wir vermitteln wollen, sondern um das, was du raushörst.

Jan Henrik Ohme live auf der Bühne.

Das macht es auf eine Weise auch einfacher, sich mit dem Album zu identifizieren, weil du keine konkreten Geschichten vorgesetzt bekommst.

Jan Henrik Ohme: Wir schreiben nie explizite Texte wie "Rosen sind rot und Veilchen sind blau" ... Meine Frau und zwei meiner Freunde verstanden z.B. gar nicht, worum es in "Winter Is Never" überhaupt ging. Einer meiner Brüder schon, er sagte: "Aha, in dem einen Vers ist er noch ein Kind und in dem nächsten ist er erwachsen und sieht die Zeit mit anderen Augen." Und ich sagte: "Genauso ist es! Guter Junge! Hier hast du einen Keks!" (lacht). Aber für andere Leute kann der Song eine völlig andere Bedeutung haben. Ich weiß, ich rede viel.

Das ist okay, auf jeden Fall besser als die Leute, die zu jeder Frage nur einen Satz sagenÂ…

Jan Henrik Ohme: Das mache ich ab jetzt auch. Bei der nächsten Frage sage ich nur "ja" oder "nein".

Oh je... dann wollen wir mal. Auf "Missa" sind die Songs generell kürzer, als wir es von den beiden Vorgängeralben gewöhnt sind. Es gibt keine zwanzigminütigen Songs mehr. Wie kam das? Wart ihr die langen Songs leid?

Jan Henrik Ohme: Nein ... wenn du heute auf das Konzert kommst, was ich hoffe, na gut, ich weiß, dass du kommst, also auf jeden Fall wirst du sehen, dass wir die langen Stücke spielen werden, sowohl "Dream Of Stone" als auch "Tick Tock". Wir sind die langen Songs nicht leid, sonst würden wir sie live nicht spielen. "Dream Of Stone" ist ja nun nicht gerade ein Hit, was die Länge angeht. Nein, es kommt eben auf die Thematik an. Je nachdem durchlebt so ein Song eben viele Stadien, du brauchst dann die ganzen Stimmungen und Stimmungsumschwünge und Konflikte, um zu illustrieren, was du durchmachst, wenn du so einen Statusbericht an dich selbst schreibst. Es muss nicht dieses Muster von Strophe, Refrain, Strophe sein, es kann variiert werden. Wie gesagt, wir setzen uns nicht hin und sagen: "So, in diesem Song geht es um dieses oder jenes und es wird 17.22 Minuten lang sein". Wir sagen auch nicht, dass der Refrain unbedingt dreimal kommen muss, weil es sich für einen normalen Popsong so gehört. Bei "Missa" ist es halt so gekommen, wie es gekommen ist. Wir haben auch viele Songs rausgenommen, auch richtig gute. Übrigens arbeiten wir auch schon am nächsten Album und einer dieser Songs, die rausgeflogen sind, ist jetzt auf dem nächsten Album. Das ist auch früher schon so gewesen, dass wir mehr Songs hatten, aber sie passten einfach nicht, weil der Flow nicht der gleiche gewesen wäre. Die Reise wäre dann nicht so, wie wir sie haben wollten.

Wie ist eigentlich das Cover von "Missa" entstanden, auf dem ja ein Leuchtturm zu sehen ist?

Jan Henrik Ohme: Das ist das Werk des Künstlers Antonio Seijas Cruz, der die letzten drei Alben gestaltet hat. Wir haben ihm schon sehr früh gesagt, dass wir einen Leuchtturm haben wollten. Denn als wir an dem Album arbeiteten, fühlten wir schon, dass der Typ, um den es geht, nicht in irgendeine Hütte in die Wälder gezogen ist. Die norwegische Küste ist sehr lang, länger übrigens als die amerikanische Küste mit den vielen Fjords und Halbinseln. Wir haben massenweise alte Leuchttürme, die nicht mehr genutzt werden. Heute gibt es nur noch Maschinen. Aber früher wurden sie ja regelrecht bewohnt. Da saß ein Mann im Leuchtturm, und so haben wir uns den Mann auf "Missa" vorgestellt. Und dann gibt es da die gewaltigen Naturkräfte in Norwegen, vor allem an der Westküste, und das kann richtig ungemütlich werden. Der Atlantik kann richtig rau sein. Und wir dachten, "rau" ist genau das Richtige! Und die Tatsache, dass einige Songs auf dem Album, vielleicht sogar das ganze Album, sehr düster ausgefallen sind, hat genau damit zu tun. Hätte sich alles in den Bergen abgespielt mit dem leuchtenden Schnee und den Tieren usw. es wäre eine andere Stimmung gewesen. Hier gibt es den pechschwarzen, wütenden Ozean, und das macht alles so düster.

Wo siehst du denn musikalisch noch die Unterschiede zu "Night" und "Tick Tock"?

Jan Henrik Ohme: Ich finde, dass bei diesen Alben bei einigen Songs so ein Augenzwinkern dabei  ist. Auf "Night" gibt es ja z.B. diesen Song "Valerie’s Friend" über Andy Warhol, bzw. über die Frau, die auf ihn schoss. Da gibt es viel Ironie. Wie auch bei "Winter Is Never" mit diesem komischen Kind. "Missa" hingegen ist ein ernstes Album, da wird sich an keiner Stelle die Blöße gegeben.

Gitarrist Jon-Arne Vilbo (alle Fotos: Shirin Kasraeian).

Jetzt wird’s wehtun. Ihr werdet ja oft mit Marillion verglichen. "Gazpacho" ist ja z.B. ein Song dieser Band. Aber auch musikalisch wird der Vergleich immer wieder gezogen. Wie stehst du dazu?

Jan Henrik Ohme: Ich glaube, die meisten, die so was sagen, haben uns 2004 als Vorgruppe von Marillion gesehen. Viele im Publikum mochten uns und zwar weil sie fanden, dass es viele Ähnlichkeiten gab. Aber ich selbst ... meine Frau hört viel Marillion, aber ich nie. Sie haben wirklich viele schöne Sachen gemacht, aber es ist nicht wirklich meins. Thomas und Jon allerdings waren schon als Kinder Marillion-Fans. Sie sind zusammen in Kuwait aufgewachsen, weil ihre Eltern dort arbeiteten. Aber sonst hört niemand aus der Band Marillion. Ich z.B. höre Tom McRae, Nick Drake, Singer-Songwriter-Sachen eben, Sarah McLachlan, Tori Amos, Kate Bush und so was. Ich höre aber nie Prog, naja, vielleicht Tool, das kann man noch als Prog bezeichnen. Aber Pineapple Thief? Noch nie gehört, das interessiert mich nicht. Aber es interessiert mich natürlich, wenn die Leute uns einladen, mit ihnen zu spielen. Wenn uns die Fans als Prog oder Marillion-ähnlich bezeichnen wollen, dann ist das okay und stört uns nicht. Wir jammern nicht herum, dass wir nicht in die gleiche Schublade gesteckt werden wollen. Marillion ist eine großartige Band und im übrigen besteht sie aus supercoolen Leuten, nach einer 45-tägigen Tour sollte man das wissen. Aber ich glaube nach "Marbles" hat keiner von uns sich überhaupt die nachfolgenden Sachen angehört, vielleicht auch weil wir nach der Tour 2004 eine Überdosis davon hatten – 45 Tage lang "Marbles", das erträgst du irgendwann nicht mehr (lacht sich kaputt).

Warum glaubst du denn, dass euch die Leute immer in die Prog-Ecke stecken wollen?

Jan Henrik Ohme: Nicht alle tun es, aber im Endeffekt ist es so, dass wenn du uns googlest, du mit höchster Wahrscheinlichkeit auf den Progarchives landest. Das ist eine klasse Seite, und wenn du da reingekommen bist, und sie dich als Prog, oder Neo-Prog oder Cross-Over-Prog oder wie auch immer bezeichnen wollen, dann ist es halt so. Immerhin bist du dann auf der größten Prog-Seite im Web. Und Promotion ist immer gut. Mir persönlich ist das Genre egal. Für mich sind wir aber definitiv keine Prog-Band. Ich würde uns eher als Artrock bezeichnen. Dann kommt natürlich irgendein Musikfreak daher und sagt "Artrock ist so und so definiert und die wichtigsten Artrock-Bands sind das und das, und Gazpacho klingt nicht wie sie". Dann sage ich: "Fuck you!" (lacht). Ich finde, Artrock ist das, was unsere Musik am besten beschreibt, denn wir sind nun mal ziemlich "arty-farty". Wir haben nicht einen Song, der sich an den vorgegebenen Strukturen von Songs hält. Wir haben Mandolinen und Banjos und Violine, und dann ist es hier folkig und da rockig, und da orientalisch.

Was hörst du denn sonst an moderner Musik?

Jan Henrik Ohme: Da ich als Head of Communication bei Sony in Norwegen mit Musik arbeite, muss ich das sogar. Ich habe also einen ziemlich professionellen Ansatz, wenn ich neue Sachen höre und bewerten muss. Leider passiert mir das fast nie, dass mich eine neue Band total umhaut. Es hat, glaube ich, mit der Zeit zu tun, in der wir leben. Da kommt schon mal eine Band daher, die Songs schreibt, wie sie andere Bands nie schreiben könnten – wie z.B. Glasvegas, die einfach nur fantastisch sind, aber sonst ... ich muss ja jeden Monat Dutzende von neuen Alben hören, aber ich muss halt eben eine professionelle Haltung dazu annehmen. Ich bin auch kein eingefleischter Musikfan mehr wie früher, ich halte mich meist an die alten Sachen.

Und was erwartet ihr von der Tour, die ihr vor euch habt?

Jan Henrik Ohme: Wir erwarten einfach, dass wir viel Spaß haben, und zwei Wochen arbeitsfrei, obwohl es auch harte Arbeit ist, auf Tour zu sein. Aber wir erwarten auch, dass wir ein besseres Gefühl dafür bekommen, wie die neuen Songs live funktionieren. Eigentlich wollten wir auch eine richtig professionelle Lightshow dabeihaben, aber wir konnten es uns nicht leisten. Natürlich wollen wir auch die Fanbase erweitern und Leuten, die uns noch nicht gesehen haben, die Chance dazu geben.

Lieber Jan Henrik, vielen Dank! Wir sehen uns auf dem Konzert! (welches im Übrigen fantastisch war, wie ihr hier nachlesen könnt)

Wir bedanken uns bei WiV Entertainment und Bart Jan van der Vorst für ihre freundliche Unterstützung!

Gazpacho v.l.n.r.: Mikael Krømer, Lars Erik Asp, Jan Henrik Ohme, Kristian Torp, Jon-Arne Vilbo und Thomas Andersen

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