(Herman Van Veen)
Was macht man an einem kalten, regnerischen Abend im Oktober? Richtig, man trifft sich mit Herman Van Veen. Etwas besseres kann einem zu dieser ungemütlichen Jahreszeit kaum passieren. Und zufällig gastiert der 65-jährige Holländer heute im Kölner Gloria, um seine neue DVD "Im Augenblick" zu präsentieren, die am kommenden Freitag veröffentlicht wird.

MHQ-Chefredakteur Thomas Kröll im Gespräch mit Herman Van Veen (alle Fotos von Stephan Dieper, 4view.de)
Herman Van Veen ist Sänger, Komponist, Maler, Schriftsteller, vierfacher Vater und zweifacher Großvater in einer Person. Schon seit Jahrzehnten ist er fester Bestandteil der deutschen Kulturlandschaft. Sein Sprachwitz, seine scharfsinnigen Wortspiele ohne jegliche Zuckerguß-Idylle, seine stete Weigerung auf dem knallbunten Entertainment-Karussell Platz zu nehmen und nicht zuletzt seine schier überbordende Kreativität lassen ihn problemlos selbst die grössten Hallen und Häuser füllen. Dabei bewahrt er jedoch immer die unbedingte Nähe zu seinem Publikum, das er meist verzaubert zurücklässt.
Auch das Gloria ist natürlich ausverkauft. Dem Anlass entsprechend gibt sich jede Menge Prominenz in dem wunderschönen ehemaligen Kino an der Apostelnstrasse ein Stelldichein. Darunter Thomas Woitkewitsch, der seit 40 Jahren Van Veens Texte ins Deutsche übersetzt, Konzertveranstalter-Koryphäe Karsten Jahnke, Alfred Biolek oder Ingolf Lück. Ich habe das Vergnügen direkt hinter Herman Van Veens hübscher Frau Gaëtane zu sitzen. Sehr symphatisch, wie sie an vielen Stellen des Programms herzhaft mitlacht. Ein noch grösseres Vergnügen ist allerdings, dass sich ihr Mann im Anschluss an sein Konzert - als es immerhin schon stramm auf Mitternacht zugeht - noch die Zeit für ein kleines Gespräch nimmt. "Oh, Musicheadquarter. Das klingt wichtig. Das Hauptquartier der Musik", meint er schmunzelnd.
Zuvor hat er fast drei Stunden lang seinen Status als Ausnahmekünstler untermauert. Köln dient nicht nur zur Präsentation der "Im Augenblick"-DVD, sondern ist auch die letzte Station seiner gleichnamigen Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Zum Dank holt Herman Van Veen am Ende des Abends vom Tourmanager bis zum Busfahrer alle Beteiligten einzeln zu sich auf die Bühne und drückt jedem ein DVD-Exemplar in die Hand. Die Überzähligen wirft er in den Saal. "Wir wollten die Release-Show unbedingt in Köln machen. Köln-Ehrenfeld und der Moscheebau hier sind für europäische Begriffe ein sehr positives Beispiel wie Integration funktionieren kann. Ich wollte das Lied `Köln-Ehrenfeld´ deshalb unbedingt hier singen. Wir spielen es auch in Berlin und anderswo und die Leute klatschen auch, aber nur die Kölner können es wirklich verstehen. Das ist ein wichtiges Statement".
Seine Kölner Fans sind mit ihm alt geworden, ich schätze den Durchschnitt auf 30 Jahre aufwärts. Der Vorteil ist, dass einem nicht ständig jemand mit seinem hell erleuchteten Handydisplay vor der Nase herumfuchtelt. "Das ist toll, dass die Leute nach 40 Jahren immer noch kommen. Ich nenne es immer unser `Bahnhofspublikum´. Leute, die mit der Bahn zu den Konzerten reisen. Wenn ich am Bahnhof stehe, denke ich immer, das ist mein Publikum". So spielt er selbst dann noch drei Lieder, als das Licht im Gloria angeht und die ersten Menschen bereits gegangen sind und dirigiert den Publikumschor zum Refrain von "Rosa". Angefangen hat der Abend mit "Regen" und auch dabei dürfen seine Fans akustische Schützenhilfe leisten, indem sie eben diesen Regen (Fingerschnipsen, Händereiben, Popoklatschen), Gewitter (Fußgetrappel) und Sonne (Pfeifen) imitieren, bevor "Amsterdam" folgt. "Amsterdam ist eine Regenbogenstadt. Auch hier gibt es Probleme, gute und schlechte Seiten. Aber ebenso wie in anderen Städten findet in Amsterdam täglich und friedlich Integration statt".

Herman Van Veen auf der Bühne des Kölner Gloria Theaters: "Das Leben ist eigentlich nichts als ein bißchen Getue zwischen zwei Phasen Bettnässerei".
Zwischendurch erzählt Herman Van Veen zwar wie gewohnt lustige und nachdenkliche Geschichten, spielt eine imaginäre Panflöte auf seinen Fingern, zieht sich eine Unterhose über den Kopf, lässt Tischtennisbälle von der Decke fallen, ist gegenüber früher aber auch sehr viel politischer in seinem Programm. "Die DVD ist im Gegensatz zu heute abend zu 40 Prozent anders. Unser Programm hat eine Art von Tagebuchcharakter. Ich reagiere mehr auf Aktuelles. Zum Beispiel auf diesen Priester in Belgien, der sagt, Aids sei eine Strafe Gottes. Was für ein Vollidiot. Oder auf das was Frau Merkel zum Thema Integration gesagt hat. Ich glaube, Deutschland muss aufpassen, dass es nicht auch mit einem Rechtsruck zu tun bekommt". Seit nunmehr 47 Jahren wird er dabei von Erik van der Wurff am Piano unterstützt, der stets aussieht, als würde ihn das Ganze schrecklich langweilen. Im Gloria stehen ihm dazu noch die Violinistin Jannemien Cnossen und Edith Leerkes an der Gitarre zur Seite, die einige Male ihre beeindruckende Kunst an Instrumenten und Gesang zu Gehör bringen. Herman Van Veen wickelt sich derweil in den samtroten Bühnenvorhang und sinniert: "Das Leben ist eigentlich nichts als ein bißchen Getue zwischen zwei Phasen Bettnässerei". Als wir später im Café des Gloria zusammensitzen ergänzt er: "Man tut gut daran im Jetzt zu leben. Die Zukunft bietet die meisten Chancen, wenn man das, was man jetzt tut so gut wie möglich tut. Die Zukunft wird bestimmt durch die Haltung, die man heute hat".
Fester Bestandteil von Herman Van Veen-Konzerten ist eine Gänsehaut. Die hat man zum Beispiel, wenn er mit glockenklarer Stimme "Anne" oder "Ich hab` ein zärtliches Gefühl" singt. Es sind gerade die leisen Töne, mit denen er tief berührt. Selbst als die grenzenlose Begeisterung im Gloria verklungen und er schon längst verschwunden ist, zaubert er noch ein Lächeln aufs Gesicht. Seit über 45 Jahren folgen wir ihm so durch seine heiter-melancholische Welt. "Ich bin 120 bis 130 Tage im Jahr unterwegs und erzähle wie unser Leben geht. Das bin ich. Ich kann nicht in Pension gehen. Dann kippe ich sofort um. Ich habe eine Lebensmanie. Zwar kann ich auch sehr gut zuhause sein, aber da möchte ich dann auch wieder Musik machen. Man hat ein fantastisches Leben als Künstler. Es ist nicht leicht, aber es ist faszinierend". Das Gloria lässt es sich zum Schluss nicht nehmen jedem Musiker einen Strauß Blumen zu überreichen. Herman Van Veen klebt sich ein rotes Rosenblatt auf die Nase und man sieht ihm deutlich an, dass er den Abend ebenso genossen hat wie der tobende Saal vor ihm. "Ich muss das Publikum wahrnehmen. Ich muss zu 360° empfindlich sein. Wenn jemand im Publikum hustet, während ich etwas erzähle, muss ich kurz warten, weil sonst die Konzentration verloren geht. Das ist so, als ob man aus der Dusche kommt und merkt, dass es zieht. Dann weiß man auch, was man den Innenarchitekten mal fragen sollte. Oder es ist so, wie wenn es zum allerersten Mal geschneit hat und man geht dahin und hinterlässt seine Spuren, wo vorher noch niemand war".
Auch in Köln hat Herman Van Veen wieder Spuren hinterlassen. Doch nicht nur dort. Im März ist seine Autobiographie "Bevor ich es vergesse" erschienen, in der man all den verschiedenen Spuren Herman Van Veens nachspüren kann. "Das ist der erste Teil. Meine Kindheit, ein Vogelflug durch die Studentenzeit bis heute. Eine sehr faszinierende Aufgabe. Wenn man älter wird, werden die Erinnerungen feiner. Man erinnert sich mehr und mehr. Man hat Erfahrung und man bekommt mehr Respekt vor dem Leben. Und plötzlich hat man wieder Gerüche in der Nase, die man schon als 10-jähriger hatte".
Es sind schwere Zeiten für Liedermacher, möchte man meinen. Bei Herman Van Veen ist genau das Gegenteil der Fall. Er ist glücklicherweise nach wie vor ein scharfer Beobachter und vorsichtiger Erzähler, der sich seine Nische zwischen Poesie und Provokation bewahrt hat. Die DVD findet am Merchandising-Stand jedenfalls reißenden Absatz. Und als ich mich schließlich durch die regennasse Kölner Nacht auf den Weg zu meinem Auto mache, möchte ich am liebsten jeden der mir begegnet in den Arm nehmen.
Vielen Dank Herman Van Veen für seine Bereitschaft, nach einem langen Abend noch einige Fragen zu beantworten sowie an Moritz Henning (Universal Music) und Hauke Tedsen (Karsten Jahnke Konzertdirektion) für ihre Unterstützung im Vorfeld und vor Ort!
Die neue Herman Van Veen-DVD "Im Augenblick" erscheint am 22. Oktober (ein Review findet ihr hier).