Pressekonferenz mit Udo Lindenberg u.a. zur Premiere des Musicals

(Hinterm Horizont - Das Musical)

12.01.2011 von Andreas Weist

Am 13. Januar fand im Theater am Potsdamer Platz (Berlin) die Premiere des Musicals "Hinterm Horizont" statt. Für den Vortag hatte die Stage Entertainment GmbH zur Pressekonferenz eingeladen. Neben Udo Lindenberg höchstpersönlich standen Stage-Unternehmenssprecher Stephan Jaeckel, Regisseur Ulrich Waller, der ausführende Produzent Ulf Maschek und Michael Hildebrandt (Director Strategy & Development) den anwesenden Medienvertretern Rede und Antwort. Für Musicheadquarter waren Andreas Weist und Jörg Lorscheider mit dabei.

Von links nach rechts: Ulrich Waller, Udo Lindenberg, Ulf Maschek, Michael Hildebrandt und Stephan Jaeckel.

Zur Einstimmung gab es zunächst Udos allabendliche Ansage vom Band, die einige Verhaltensregeln zum Umgang mit Handys und Fotoapparaten bietet. Dann durften die Anwesenden die Eröffnungssequenz des Musicals mit dem Song "Mädchen aus Ostberlin" – live dargeboten durch Hauptdarsteller Serkan Kaya – erleben. Die Teilnehmer an der Pressekonferenz nahmen stilgerecht in der Kulisse des Atlantic Hotels Hamburg Platz, die im Musical der abschließende Handlungsschauplatz ist.

Zunächst berichtete Ulrich Waller davon, wie er Udo Lindenberg im Jahr 2001 näher kennen lernte und aus dieser Begegnung die Show "Atlantic Affairs" entstand. Als Ort für das Musical war zunächst das St. Pauli Theater Hamburg im Gespräch. Als jedoch Stage Entertainment mit an Bord waren, wanderte man nach Berlin – dorthin, wo das Musical auch inhaltlich spielt. "Das UFO ist gelandet. Wir haben acht Previews hinter uns. Die Reaktionen des Publikums waren toll – sehr persönlich, sehr berührend." Waller sieht sich nicht als Musical-Experten. Aber dies war nach seinen Worten auch Lindenbergs Vorgabe. Es sollte nicht nach Musical aussehen. Keine Musical-Darsteller. Lieber tolle Schauspieler, die auch noch toll singen können.

Ulf Maschek erzählte von der Idee einer Fusion zwischen Theater, Rockmusical und dem Zeigen emotionaler Bilder. Dies habe eine super Synergie ergeben. "Gelernt habe ich, dass es eine Obergrenze gibt an Leuten, die auch gute Ideen haben."

Michael Hildebrandt ging ebenfalls auf die Hintergründe der Entstehungsgeschichte ein – als nämlich Stage Entertainment gerade auf der Suche nach dem zukünftigen Spielplan für Berlin waren, gab es einen Kontakt zum St. Pauli Theater, die einen Spielort für eine größere Musical-Produktion suchten. "Wir machen gerne mit, aber nicht für Hamburg, sondern für Berlin." Da sei die Figur, der Künstler und der Mensch Udo Lindenberg als entscheidender Faktor gewesen. "Wenn daraus in unserem Genre etwas entsteht, dann möchten wir nicht nur dabei sein – dann möchten wir mitmachen." Zum Glück hatte man das richtige Haus am richtigen Platz.

Schließlich kam Udo Lindenberg zu Wort und riss die Unterhaltung fortan an sich – was ihm als Hauptperson dieser Tage auch durchaus zustand. Nach seinen Emotionen befragt gab auch er einen kurzen Abriss zu Idee und Durchführung, erzählte von der fruchtbaren Zusammenarbeit mit Andreas Herbig. "Wir wollen einen ordentlichen Sound hier hinkriegen – mal laut, mal leise. Momente der Berührung, wo ich nasse Augen kriege und die Brille gar nicht abnehmen kann." Der Fall der Mauer sei eine große Party für ihn gewesen, als er den vielen Freunden in der DDR, von denen er wusste, dass es sie gibt, endlich begegnen konnte. Da sei auch die Wiederbegegnung mit dem "Mädchen aus Ostberlin" gewesen. Das Stück sei Zeitgeschehen, ein Blick in die Geschichte, Dokumentation und natürlich Entertainment. "Die Fusion von Theater und Musical mit unseren Rock’n’Roll-Experten hat es überhaupt noch nie gegeben." Die Story sei nicht nur seine Story, sondern die Geschichte vieler Menschen, die durch diese Schweine-Mauer auseinandergerissen worden seien und nun wieder zusammen gekommen sind. "Ein tolles Experiment – Schritte ins Niemandsland."

Er betonte die Wichtigkeit dieses Platzes, wo früher die Mauer stand. In den 80er Jahren habe Udo viel Zeit dort verbracht. "Ich hätte mir nie träumen lassen, dass die Songs jetzt Inhalt eines Musicals genau an dieser Stelle geworden sind." Auch Seitenhiebe auf die Musical-Industrie waren zu hören: "Die Besetzung hat keinen Vibrator im Hals. Kein Veilchenblau-Orchester und kein Fernseh-Ballett." Die jetzige Zeit gehöre zu den aufregendsten Tagen seines Wirkens und Lebens.

Im Anschluss blieb noch ein wenig Zeit für Fragen der Medienvertreter:

Sie haben eben von der Maueröffnung als einem der schönsten Tage ihres Lebens gesprochen und Sie sagten, dass sie dem echten Mädchen aus Ostberlin damals wieder begegnet sind. Könnten Sie uns erzählen, wie diese erste Begegnung nach der Maueröffnung war und ob sie morgen zur Premiere kommt?

Udo Lindenberg: Ich hatte ja viele Jahre Lokalverbot in der damaligen DDR. Nur 1983 kam es zu dieser großen, schicksalhaften Begegnung, von der ich ja in den 70er Jahren schon gesungen habe.  Als ich dann die Jessy im Palast der Republik traf, wurde klar, dass dies der Anfang einer großen Liebe und einer großen Sehnsucht ist. Das zog sich über viele Jahre hin. Wir sind jetzt gut befreundet. Das Mädchen aus Ostberlin gibt es wirklich. Ich habe ihr gesagt: "Komm zur Premiere." Doch sie fürchtet den Medienrummel. Sie ist ein bisschen scheu. Sie wird sich das Stück dann ein paar Tage später anschauen – dann ist sie getarnt. Wenn jemand Medien in dieser Masse nicht kennt und dann plötzlich vorn im Rampenlicht steht, kann das etwas problematisch und schwierig sein. Sie ist ja jetzt auch ein bisschen älter...

Wie würden Sie das Mädchen aus Ostberlin beschreiben und was hat Ihnen damals so an ihr gefallen?

Udo Lindenberg: Unbeschreiblich. Das Mädchen hat sich dann eingerichtet mit der Situation. Ich habe das schon mal in einer Autobiographie geschrieben. Wie es zur Kooperation mit der Stasi gekommen ist – unter Zwang. Es gab Situationen, wo die Leute derartig unter Druck gesetzt wurden, dass sie sich gezwungen fühlten. Das hat sie aber nicht gemacht. Sie hat nur so getan. Das erlebt man auch in diesem Stück. Sie lebt jetzt in der Nähe von Berlin, manchmal auch ein bisschen im Ausland und freut sich sehr, dass diese Story jetzt auf die Bühne gekommen ist. Wir wissen, dass es nicht nur unsere Story ist. Viele Leute bei den Previews sagen, wir haben genau das Gleiche erlebt. Diese Liebe über die Mauer hinweg und die Liebe hat auch lange, lange Zeit gehalten. Jetzt sind sie richtig happy miteinander. Im 20. Jahr der Wiedervereinigung wird dies erzählt und ich finde, es wird sehr authentisch erzählt. Der Autor ist nicht von ungefähr jemand, der in Ostberlin aufgewachsen ist – Thomas Brussig. Er hat auch das Drehbuch zur "Sonnenallee" geschrieben. Er war damals auch dabei, vorm Palast der Republik. Er kam ja dort nicht rein wie viele andere auch. Das Ding war nur freigegeben für die unter Valium gesetzten Blauhemdchen und so. Die echten Panik-Experten durften ja nicht rein. Thomas Brussig soll sogar versucht haben, sich schwimmenderweise dem Palast der Republik zu nähern. Mit Taucherglocke und Schwimmflossen. Ich bin dann dem Protokoll entwischt und ein bisschen raus zu den Leuten. Ich wusste, ich singe ja nicht für die Leute im Palast der Republik, für die SED und die FDJ. Ich singe für die Leute, die draußen vor der Glotze sitzen. Es war eine Bedingung für dieses Konzert, dass es live läuft in der DDR. Dass jeder es sehen kann und sie keine wesentlichen Sachen raus streichen können. Und auch die Leute in der BRD konnten das Konzert sehen. Und Thomas eben auch. Er hat das Stück authentisch geschrieben. Und die Leute kommen zu mir und sagen: "Ja, so war das in der DDR gewesen."

Herr Lindenberg, wie finden sie eigentlich ihr Double, dass zwar nur teilweise ihre Geschichte erzählt? Was ist das für ein Gefühl? Wahrscheinlich sind Sie der einzige Entertainer, der zu Lebzeiten noch erlebt, dass er ein Double auf der Bühne hat.

Udo Lindenberg: Wir haben ja keine Doppelgänger-Show gemacht. Die Leute haben starke Charaktere, ihre eigene Persönlichkeit. Wir haben uns kennen gelernt – Serkan und ich. Ich wusste gleich, er ist genau der Richtige. Ein Geschenk des Himmels. Wie er spielt, wie er singt, wie er die Story bringt. Schön straßenmäßig. Er singt auch kein Vibrato – obwohl... so ein Vibrato kann manchmal auch ganz schön sein. Und er bringt die Story total gut. Ich zeigte ihm einige kleine Annexionen. Aber ich sagte, es ist wichtig, dass du, Serkan, dein Ding da bringst. Auf deine Weise diesen Song bringst. Genau wie Josephin Busch aus Pankow – dass sie ihren Stil spielt. Mit Serkan verbindet mich inzwischen eine tolle Freundschaft. Wir kennen uns seit ein paar Wochen, aber das ist sehr intensiv. Wir sprechen viel und powern uns gegenseitig hoch. Er ist ein Junge aus Leverkusen, der schon ziemlich viele große Theaterdinge gespielt hat. Er bringt das sehr auf seine Weise. Wir wollten keine Double-Show, keine Karikatur, keine Parodie auf Udo. Die haben wir zwar auch mal drin, an einer anderen Stelle. Super lustig in einem Teil der Story. Da ist ein Doppelgänger, der ist zum Piepen komisch. Aber Serkan ist nun mal ein echter, okay?

Herr Lindenberg, werden Sie denn auf der Premiere selbst auch singen?

Udo Lindenberg: Ich war die letzten Tage jeden Tag auch auf der Bühne, allein schon um mich bei der wundervollen Crew zu bedanken. Und natürlich bei dieser Super-Besetzung. Allein als Dankeschön gehe ich kurz auf die Bühne und – na ja – dann sing ich eben auch. Und dann wird auch ein bisschen das Mikro geschleudert. Es ist ja das große Finale und das juckt mich dann auch, auf die Bühne zu gehen und diesen großen Akteuren nah zu sein.

Wir bedanken uns bei Andreas Künne von Stage Entertainment für die freundliche Unterstützung!

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