(Itchy Poopzkid)
Eigentlich sollte die Band vor einigen Tagen im Kölner Luxor auftreten, musste den Gig dann aber krankheitsbedingt auf den 14. April verschieben. Itchy Poopzkid - Eislingens erfolgreichster Punkrock-Export - melden sich dieser Tage mit einem neuen Album zurück und liefern damit ihr wohl stilistisch facettenreichstes Werk ab. Ein Trio mit drei Alben, denen drei Akkorde offenbar nicht genug sind. Zur Veröffentlichung von "Dead Serious" geben sich Sibbi und Panzer von der Saitenfraktion die Ehre und verraten uns ihre persönlichen Ansichten über den Tellerrand des Punkrocks, den Stellenwert von Vinyl und den Plan zu musikalischer Weltherrschaft im Allgemeinen.

Itchy Poopzkid (v.l.n.r.): Saikov (alias Sailor), Sebastian Hafner (alias Sibbi) und Daniel Friedl (alias Panzer).
Euer drittes Album "Dead Serious" steht seit dem 23. Januar 2009 in den Läden. Das ist wohl mit Abstand euer flexibelstes Werk geworden. Was macht eurer Meinung die neue Platte musikalisch aus und wie steht ihr persönlich zu dem neuen Material?
Sibbi: Also ich find's spitze! Nee, im Ernst ich hätte es auch in etwa so beschrieben wie du. Es ist flexibler beziehungsweise abwechslungsreicher als die Vorgänger. Wir haben dieses mal fast 30 Songs fürs Album geschrieben und davon die besten 14 ausgewählt. So ist echt ne interessante und spannende Mischung herausgekommen.
Das Album gibt es schönerweise ja auch als farbiges Vinyl. Glaubt ihr - da dieser klassischste aller Tonträger seit den Achtzigern erfolgreich von der CD verdrängt wurde - dass diesseits der Vierzig noch jemand einen Plattenspieler besitzt, oder warum presst ihr gerade jetzt eure Alben auch wieder auf Vinyl?
Panzer: Einfach weil wir diesem furchtbaren MP3-Download-Trend etwas entgegensetzen wollen und wir selbst das einfach tausendmal schöner und besser finden, eine Schallplatte oder zumindest eine CD mit schickem Booklet im Regal, als nur lausige MP3s auf dem Computer zu haben. Ich habe auch so das Gefühl, dass die Leute, denen Musik wirklich etwas bedeutet, auch wieder verstärkt CDs und Platten kaufen und darüber freuen wir uns sehr. Generell wird sich der Download-Trend nicht aufhalten lassen, aber wir möchten den Leuten, die darauf eben keine Lust haben, eine wertige und schöne Alternative bieten. Deshalb geben wir uns auch immer sehr Mühe die CD in einem Digipack mit dickem Booklet raus zu bringen, und unsere Schallplatte gibt's sogar im Klappcover und feuerroter Vinyl. Das soll ein MP3 erst mal nachmachen...
Mit jedem Album erweitert ihr erstaunlicherweise die Bandbreite eurer Songs ohne eure Wurzeln zu vergessen, und ihr bewegt euch damit inzwischen fernab der üblichen drei Akkorde und 1-2-3-4-Attitüde. Wo seht ihr inzwischen eure aktuellen musikalischen Einflüsse?
Panzer: Es gibt echt soviel Musik, die uns beeinflusst. Ich liebe zum Beispiel die Ramones immer noch über alles, aber für einen Musiker, der sich gerne weiterentwickeln möchte, wäre es nicht unbedingt ratsam, die als einzige Band bis ans Lebensende zu hören. Mir gefallen im Moment The Gaslight Anthem oder American Steel super, weil das so ehrlich klingt und die so unglaublich von Herzen singen. Ich hör aber auch gern mal Bloc Party und ab und zu sogar Musik, die ganz ohne Gitarren auskommt. Wir sind da alle drei eigentlich in fast alle Richtungen offen. "Alles kann nix muss" quasi.
Sibbi: In alle Richtungen offen...
Neben schnellen und melodischen Songs umfasst euer Sound-Spektrum inzwischen sowohl Disco-Beats wie in "The Living", als auch lässig swingende Elemente wie in "Pretty Me". Wie definiert ihr eure Version von Punkrock oder seht ihr euch musikalisch inzwischen in einer ganz anderen Ecke?
Panzer: Punkrock bedeutet für uns in allererster Linie nicht stehen zu bleiben und sich ständig nur noch zu wiederholen – das wäre irgendwie genau das Gegenteil davon. Wir probieren einfach total gerne neue Sachen aus, und wenn uns die dann gefallen, nehmen wir die auf, ohne uns groß Gedanken darüber zu machen, ob das jetzt musikalisch nach Punkrock klingt oder eben mal gerade nicht. Hör Dir mal die "Sandinista" von The Clash an... wenn man die Platte(n) anhört, würde man rein musikalisch nie darauf kommen, dass das die größte Punkband der Welt war, und ich habe sie immer dafür bewundert, dass sie sich getraut haben so weit über den musikalischen Tellerrand zu schauen, ohne sich dabei selbst zu verraten.
Sibbi: Es ist uns eigentlich egal mit welchen Wörtern man unsere Musik beschreibt. Das ändert ja im Endeffekt nichts. Ob es sich jetzt für einen nach Jazz und für den anderen nach Deathmetal-Pop anhört, das Lied bleibt dasselbe. Wobei Deathmetal-Pop schon fett ist...
Instrumentenwechsel sind bei euch live ja nichts Ungewöhnliches. Aber ihr habt euch auf "Dead Serious" auch mal an weniger punkrocktypischen Musikalien versucht. Werden wir auf eurer Tour denn auch z.B. in den Genuss einer kleinen Akkordeon-Einlage kommen?
Sibbi: Sagen wir so: Es könnte durchaus mal vorkommen. Ob der Einkaufswagen den Panzer im Studio eingehämmert hat auch mit auf Tour kommt, wage ich allerdings zu bezweifeln.
Im Video zur Single "The Living" treibt ihr ja einen unschuldigen Mitbürger quasi in den Wahnsinn. Sind Omnipräsenz und Paranoia legitime Mittel für die musikalische Weltherrschaft von Itchy Poopzkid?
Sibbi: Absolut! Nerven wo geht... (lacht) So sind wir auch in den ersten Jahren unserer Bandkarriere an die meisten Gigs und Support Shows gekommen. Wir finden es aber echt ganz schön klasse, wenn wir von Leuten angesprochen werden, die sagen "Mann, da schaltet man den Fernseher an und da seid ihr, ...dann schlag ich die Zeitung auf da seid ihr, ...dann geh ich raus und auf den Konzertplakaten in der Stadt seid ihr auch noch". So muss das sein.
Was plant ihr für eure berufliche Zukunft, wenn aus der Weltherrschaft nichts wird?
Panzer: Das wird schon...
Ihr seid ja live sowohl berüchtigt für eure energiegeladenen Shows als auch für eure Mono- bzw. Dialoge zwischen den Songs, bei denen es in der Regel immer ziemlich spaßig zur Sache geht. Was hat es denn da jetzt mit dem Album Titel "Dead Serious" auf sich?
Sibbi: Ja, da haben wir uns mal wieder selber übertroffen. Wir lachen immer noch mindestens vier Stunden am Tag. Nee, machen wir gar nicht. Wir sind ja dead serious, da darf man gar nicht lachen. Der Albumtitel steht ein bisschen im Zusammenhang mit dem Albumcover. So ein Gegensatz quasi. Und wir nehmen die Musik die wir machen schon sehr dead serious. Uns selbst hingegen nicht so sehr.
Mit freundlicher Genehmigung von Dirk Zambryski (NoiseDivision)! Ein Dankeschön auch an Winnie Viol (One.Louder PR & Musikmanagement) für die wiederholte Unterstützung!