(Kamelot)
Es ist zum Schwarzärgern. Ich habe die Gelegenheit, den Gittaristen meiner Lieblingsband Kamelot zu interviewen, und 20 km vor Bochum stecke ich im Stau. Im Schneckentempo geht es zur Zeche Bochum, und als ich eine Stunde später als geplant da bin, bin ich nicht mehr sicher, ob das mit dem Interview noch klappt. Die Band muss bald schon auf die Bühne, der erste Support-Act des Abends, Fairyland, spielt schon. Aber dann die gute Nachricht vom Tourmanager: Mister Thomas Youngblood ist trotzdem bereit für ein kurzes Interview. Hell yeah!
Die Band sitzt Backstage und Khan, der Sänger, brütet noch über der Setlist für die Show. Diese muss ein wenig gestrafft werden, denn um 10 ist Schluss mit Musik, danach gibt es eine Dance-Party in der Zeche. Der Bassist der Band, Glenn Barry, sitzt auf der Couch und döst vor sich hin, irgendwo nebenan trällert die Sängerin von Leaves’ Eyes, Liv Kristine, Tonleitern, um sich warm zu singen.
Thomas Youngblood empfängt mich sehr warmherzig und ich bedanke mich bei ihm dafür, dass er sich noch die Zeit für ein Interview nimmt. Dann drücke ich ihm auch schon den Shortcut in die Hand, den er ausfüllen soll. Nur die Frage nach dem Idol macht ihm Schwierigkeiten, wir einigen uns dann auf James Bond. Als er aber dann mit James Bond unterschreiben will, muss ich doch ein Veto einlegen … immerhin, der Mann hat Humor. Und schon geht es los mit dem Interview.

Wie ist die Tour bis jetzt gewesen? Wie läuft es mit den beiden Support-Acts Leaves’ Eys und Fairyland?
Thomas: Die Tour ist bis jetzt sehr gut gelaufen. Die ersten beiden Konzerte waren ausverkauft, in England hatten wir 1500 Zuschauer. Heute werden es um die sechs bis sieben hundert Gäste sein. Unsere Supportbands sind sehr nett, vor allem Leaves’ Eyes. Wir kommen alle wunderbar miteinander klar. Wir können uns also nicht beklagen.
Woher kanntet ihr diese Bands?
Thomas: Wir hatten von ihnen gehört, aber ich weiß nicht mehr, wessen Idee es war, sie zu fragen, ob sie mit uns auf Tour gehen wollen. Auf der letzten Tour hat es sehr gut mit Epica geklappt, die ähnliche Musik machen wie Leaves’ Eyes. Es ist schon ganz nett, wenn man unterschiedliche Genres hat, bei denen es trotzdem Überschneidungen gibt. Da haben die Fans mehr von, wenn etwas Abwechslung dargeboten wird. Mit Epica hatten wir auf den letzten beiden Touren viel Spaß, aber es ist glaube ich sowohl für sie als auch für uns ganz gut, wenn es einen Tapetenwechsel gibt, sonst langweilen sich die Fans auch irgendwann.
Ihr habt auf der Tour bis jetzt schon einige neue Song von eurem noch nicht veröffentlichten, achten Studioalbum Album „Ghost Opera“ gespielt. Wie waren bis jetzt die Reaktionen?
Thomas: Die Reaktionen waren bis jetzt durchweg positiv. Die Plattenfirma macht auch sehr viel für die Promotion: wir verteilen nach jeder Show an alle, die auf dem Konzert waren, eine gratis Single des Stückes „Ghost Opera“. So können die Leute eine kleine Erinnerung an das Konzert mitnehmen und es ist zugleich Werbung für das kommende Album, das im Juni veröffentlicht werden wird. Wir freuen uns schon wahnsinnig auf die Veröffentlichung und sind schon sehr gespannt. Wir haben gerade ein Preview des Videos zum Titelsong angeschaut und ich glaube, das wird die Leute von den Socken hauen.
Irgendein Depp hat ja den neuen Titelsong ins Netz gestellt, so dass ihn sich jeder herunterladen konnte. Wie findest Du so was?
Thomas: Ich habe aufgehört, mich über so etwas aufzuregen. Solche Dinge passieren immer wieder und sind ärgerlich, aber es bringt nichts, sich über die Dummheit der Menschen zu ärgern.
Ihr hattet mit den letzten beiden regulären Alben „Epica“ und „The Black Halo“ zwei Konzeptalben hingelegt. „Ghost Opera“ soll nun aber kein Konzeptalbum werden. Gibt es da dennoch Berührungspunkte zwischen den einzelnen Songs?
Thomas: Es gab bisher fast auf allen unseren Alben so etwas wie einen roten Faden, auch wenn es kein Konzept gab. Aber insgesamt bietet das Album viel Abwechslung: es gibt Balladen, es gibt recht harte Songs oder auch schnelle Stücke. Die Stimmung auf dem Album ist schon düsterer als auf dem letzten. Es gibt Chöre und orchestrale Stücke, es wird viel mit Moll-Tonleitern gearbeitet. Wir wollten dem ganzen schon einen kleinen Gothic-Touch geben. Aber ich kann da gar nicht so viel dazu sagen, man verliert ja seine objektive Wahrnehmung, wenn man sich so lange mit einem Album beschäftigt hat. Am besten ist, wenn die Leute sich selber eine Meinung darüber bilden.
Dass das Album ein wenig schwermütiger ist, hat aber nichts damit zu tun, dass du ein Pessimist geworden bist, oder?
Thomas: (lacht) Nein, nein. Wir haben eigentlich eine recht positive Art mit Dingen umzugehen, und wir versuchen in unseren Texten auch oft eine Botschaft zu vermitteln.
Ich habe irgendwo gelesen, dass du auf „Black Halo“ auch deine Meinung zum Irak-Krieg zum Ausdruck gebracht hast. Gibt es auch auf diesem Album Texte, die von aktuellen Geschehnissen in der Welt inspiriert worden sind?
Thomas: Ja, ein bisschen schon. Man kann das gar nicht vermeiden, dass manche Dinge, die so passieren, einen beim Songwriting beeinflussen. Der Song „Mourning Star“ z.B. ist schon über eine Person, die von sich selbst sehr überzeugt ist und sein eigenes Ding durchziehen will – und dafür auch über Leichen geht … (sehr zaghaft) so wie … Bush, ja.
Wann habt ihr angefangen, die Song für „Ghost Opera“ zu schreiben und wie lief das Ganze ab?
Thomas: Es ist jetzt fast zwei Jahre her, seit wir das letzte Album herausgebracht haben. Wir haben noch nie so lange mit einer neuen Veröffentlichung gewartet. Aber im Grunde lief alles wie gehabt. Wir haben recht schnell nach „Back Halo“ mit der Arbeit an diesem Album angefangen und alles klappte auch wie immer sehr gut. Roy und ich teilten uns wie immer die Aufgabe des Songwritings. Danach ging es dann zu unserem Produzenten Sascha Paeth, wo dann das Finetuning gemacht wurde. Alle in der Band haben auch die Möglichkeit sich die Sachen anzuhören und ihre Meinung darüber zu sagen. Es ist uns sehr wichtig, was die anderen Bandmitglieder über die Musik zu sagen haben, da es uns eine objektivere Meinung vermittelt.
Was gibt es auf dem Cover des Albums zu sehen und wessen Idee war das Motiv?
Thomas: Bei fast allen Alben, kam die Idee für das Cover von uns und wurde dann von den Künstlern unseres Vertrauens umgesetzt. Ich habe dieses Bild gefunden von einem Mädchen, das Violine spielt, und wir gaben das Mattias Norén, der dieses unglaublich schöne Cover daraus machte. Meiner Meinung nach ist es das beste Coverbild, das wir je hatten. Und dann gibt es noch dieses schöne Artwork für die Single.
Kannst du mir etwas zu dem Video erzählen, das ihr in Serbien für „Ghost Opera“ gedreht habt?
Thomas: Das Video orientiert sich stark am Text des Songs. Wir schickten dem Regisseur Ivan Colic den Song und die Texte und er arbeitete ein schönes Konzept für das Video aus. Es geht in dem Lied um eine Opernsängerin, die sich auf ihren allerersten Auftritt vorbreitet. Leider wird nichts aus ihrem Debüt, denn auf dem Weg zum Opernhaus wird sie überfallen und vergewaltigt. Sie wird wahnsinnig vor Schmerz, auch deswegen, weil sie es durch dieses traumatische Ereignis nicht schaffte, ihren Traum zu verwirklichen. Die Frau wird vom serbischen Model und Schauspielerin Ivana Jokic gespielt, die sehr zu der schönen Atmosphäre im Video beigetragen hat.
Wie kamst du auf diese Geschichte?
Thomas: (Überlegt) Hmm, es ist mir einfach so eingefallen (lacht).
Zusammen mit „Ghost Opera“ muss sich die Band jetzt aus Millionen von Songs Setlisten für die Konzerte zusammenstellen. Ist das nicht furchtbar schwer?
Thomas: Oh ja. Wir haben uns gerade eben darüber unterhalten. Wir müssen auch jeden Abend neu überlegen, was wir spielen sollen. Die Länge der Setliste hat ja auch ein wenig damit zu tun, wie lange wir spielen dürfen. Dann muss auch Roy manchmal entscheiden, welche Songs er an dem jeweiligen Abend singen will. Außerdem konzentrieren wir uns immer auf das aktuelle Album, denn das kennen die meisten Zuschauer am besten. Es ist also logisch, dass man die meisten Songs aus diesem Album nimmt. Und natürlich spielt es dann auch noch eine Rolle, in welchem Land bzw. in welcher Konzerthalle wir spielen. Es ist also nicht immer ganz einfach, da ein gesundes Verhältnis von alten und neuen Songs herzustellen. Und am liebsten würden wir natürlich alle Songs spielen, aber das ist ja eher unmöglich…
Gibt es einen Kamelot Song, den du gar nicht mehr magst?
Thomas: (überlegt sehr lange) Höchstens einen von den ganz alten. (überlegt noch mehr) hmm, ne, kann ich nicht sagen.
Auf dem Tourplan stehen ja dieses Jahr viele Länder, in denen ihr zum ersten Mal spielt, z.B. Finnland, Russland, Ungarn usw. Geht ihr da mit gemischten Gefühlen ran oder freut ihr euch einfach darüber?
Thomas: Wir sind schon sehr gespannt wie es wird. Es ist ja schon auch sehr schön, viele neue Städte kennen zu lernen, neue Leute zu treffen und mit anderen Kulturen konfrontiert zu werden. Wir versuchen uns da nicht unter Druck zu setzen. Wir werden einfach auf die Bühne gehen und versuchen den Fans unser Bestes zu bieten. Wir werden die Zeit genießen und hoffen, dass alles schon gut wird.
Die Konzertaufnahmen für die DVD „One Cold Winter’s Night“ habt ihr in Oslo gemacht, wo ihr vorher noch nie gespielt hattet. War das nicht ein wenig riskant?
Thomas: Ja, das stimmt. Wir hatten da noch nie gespielt und wussten nicht, wie das Publikum auf uns reagieren würde. Wir sind da ein großes Risiko eingegangen. Als wir dann beim Vorverkauf eine gewisse Anzahl von verkauften Tickets erreicht hatten, waren wir dann schon beruhigt und konnten die Sache mit einem sicheren Gefühl angehen. In Norwegen wurde die Show wirklich gut promotet und die norwegischen Fans waren dann auch wirklich wunderbar. Und das Beste war, dass Fans aus aller Welt zu diesem Konzert angereist waren. Du warst doch auch da?
Ja, das stimmt. Und ich habe da viele andere Fans getroffen, die extra aus Frankreich, Spanien, Schweden, Finnland, Italien usw. angereist waren. Das war schon beeindruckend… habt ihr denn eigentlich auf so einer Tour Zeit, euch die Städte anzuschauen, in denen ihr spielt?
Thomas: Manchmal. Wir sind jetzt seit zwei Tagen in Bochum, aber hier gibt es ja leider nicht so viel zu sehen. Aber wenn wir in Griechenland spielen, werden wir uns auf jeden Fall die Tempelanlagen anschauen. In Mexiko wollten wir auch unbedingt die Pyramiden sehen und haben das auch gemacht. Es ist schon ein schöner Nebeneffekt, dass man sich auf so einer Tour auch gleichzeitig ein wenig bilden kann.
Was ist das letzte Album, das du dir gekauft hast?
Thomas: Hmm, das war wohl der Soundtrack zu „Fluch der Karibik 2“.
(LeavesÂ’ Eyes haben schon angefangen zu spielen, und ich denke, dass die Band jetzt mal ein wenig Zeit braucht, um sich auf ihren Auftritt vorzubereiten. Daher verabschiede ich mich schweren Herzens von Mister Youngblood)
Vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast, Thomas. Ich freue mich schon auf die Show gleich. Gibt es noch etwas, was du den Fans sagen möchtest?
Thomas: Vielen Dank für eure Unterstützung. Durch euch wird unsere Arbeit leichter, und es macht uns einfach nur Spaß für euch zu spielen! Ja, und bis bald!