(Karnivool)
Zwischen Soundcheck und Abendessen nimmt sich Ian Kenny, Sänger der australischen Band Karnivool Zeit für ein Interview mit Musicheadquarter. Es ist kalt im Eingangsbereich des Kölner Luxors. Im hinteren Bereich testen die Jungs von "The Intersphere" für ihren späteren Support-Gig die Akustik. Und obwohl sein Magen schon knurrt, nimmt sich Ian viel Zeit und steht unserem Redakteur Thomas Welsch konzentriert Rede und Antwort.

"Unsere Songs sind wie meine besten Freunde und manchmal auch wie meine größten Feinde" (Ian Kenny - Foto: Kane Hibberd)
Ihr hattet gestern mal einen Tag frei...
Ian Kenny: Ja, gestern hatten wir frei. Nachdem wir sechs Shows oder so hintereinander gespielt haben. Wir waren in Köln unterwegs.
Sightseeing?
Ian Kenny: Ja, wir waren im Kölner Dom und auf diesem Markt...
...dem Weihnachtsmarkt?
Ian Kenny: Ja genau. Das war cool. Wir haben Glühwein getrunken und diese Buden mit all den Grillsachen bewundert.
Wie hart ist es, den australischen Sommer gegen den europäischen Winter einzutauschen?
Ian Kenny: Oh Mann, es ist extrem hart. Es war 37 Grad heiß als wir abgeflogen sind! Drew, unser Gitarrist war an dem Tag unseres Abflugs noch im Meer schwimmen. Aber es ist okay. Es dauert so ungefähr eine Woche bis du dich an die Kälte gewöhnt hast.
In Europa seid ihr noch nicht so bekannt wie in Australien. Hier spielt ihr in kleinen Clubs, dort in großen Hallen. Denkt ihr, "da müssen wir jetzt auch in Europa durch" oder genießt ihr die kleinen Clubs?
Ian Kenny: Uns sind die kleinen Clubs lieber. Wir mögen die intime Atmosphäre. In großen Hallen läufst du Gefahr, dass du die Verbindung zu den Leuten ein bisschen verlierst. Trotzdem genießen wir auch die großen Bühnen. Das erfordert auch eine andere Art von Performance, viel körperlicher. Es sind komplett unterschiedliche Energien.
Ich mag euren Song "All I Know". Er erinnert mich ein bisschen an den Sound der 80er...
Ian Kenny: Wirklich? Du bist der erste, der das sagt. Aber ich finde das sehr spannend, weil die Leute eine Menge über diesen Song zu sagen haben. Er handelt davon, an einem anderen Ort und in einer anderen Zeit zu sein. Also, wenn für dich diese andere Zeit die 80er sind, dann ist das so und überrascht mich nicht wirklich.
Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass die 80er zurückzukommen scheinen. Bei mancher Musik ist es offensichtlich und auch in puncto Mode.
Ian Kenny: Ja, das sehe ich auch so. Es wäre aber nicht fair zu sagen, dass es kein besonders gutes Jahrzehnt war. Jede Dekade hat ihre guten und schlechten Sachen hervorgebracht. Alles kommt irgendwann wieder.
Auch das Video zu "All I Know" ist bemerkenswert...
Ian Kenny: Unser Freund Chris Fry kam auf uns zu mit diesem Konzept einer Traumlandschaft. Das Ergebnis ist ganz schön trippy geworden. Ich mag es.
Es ist offensichtlich, dass ihr euren Stil vom ersten zum zweiten Album stark verändert habt. Gibt es innerhalb der Band sehr unterschiedliche Musikvorlieben?
Ian Kenny: Ja, absolut und diese Unterschiede haben einen großen Einfluss auf das was die Band veröffentlicht.
Was sind denn die Extreme in der Bandbreite eurer Geschmäcker?
Ian Kenny: Das geht von irischem Folk bis Meshuggah. Es ist aber immer Musik, die dich irgendwie antörnt und gutes Songwriting dahinter steckt. Dann ist es ziemlich egal wer und was es ist. Bei allen Unterschieden haben wir eine gemeinsame Basis und Musik, die uns verbindet. Ich glaube, dass unser nächstes Album wieder anders sein wird als "Sound Awake".

Das aktuelle Karnivool-Album "Sound Awake" ist seit Anfang März diesen Jahres im Handel (HIER findet ihr unser Review)!
In welche Richtung wird es gehen?
Ian Kenny: Wir wissen es noch nicht wirklich.
Irgendwelche Ideen?
Ian Kenny: Ja einige. Aber es ist noch zu früh, um genaueres zu sagen.
Wann können die Fans denn damit rechnen?
Ian Kenny: Bevor wir auf diese Tour gegangen sind, haben wir ein paar Ideen in den Ring geworfen. Wenn wir zurück sind, machen wir weiter und dann wird Mitte nächsten Jahres klar sein, was wir machen.
Diese sehr unterschiedlichen Geschmäcker innerhalb der Band, ist das immer eine Chance oder manchmal auch sehr anstrengend?
Ian Kenny: Es ist positiv. Wir werfen unsere unterschiedlichen Vorlieben in einen Topf und versuchen einen neuen Sound zu entwickeln. Es hat dabei noch nie Streit gegeben.
Ihr werdet also eine Band bleiben, die sich ausprobiert und entwickelt. Hilft euch das beim Aufbau eurer Fanbase oder ist es hinderlich?
Ian Kenny: Es sieht bisher so aus, als wenn wir musikalisch die richtigen Entscheidungen getroffen hätten. Mit "Themata" hat sich die Band vorgestellt und das amerikanische Publikum zum Beispiel angesprochen. Mit "Sound Awake" scheinen wir in Europa besser anzukommen. Wir haben von der ersten zur zweiten Platte Fans verloren, aber wir haben viel mehr andere dazu gewonnen. Wir reden auch viel mit den Leuten und schon als die Tour in der Schweiz und Frankreich startete, haben wir tolle Rückmeldungen bekommen. Zum Beispiel, dass sie schon lange auf ein Album wie dieses gewartet hätten.
Was sind die wichtigsten Eigenschaften einer Band und ihrer Mitglieder, um ein funktionierendes und erfolgreiches Kollektiv zu sein?
Ian Kenny: Da gibt es einige Dinge. Erstmal muss die Chemie in musikalischer Hinsicht stimmen, damit überhaupt ein kreativer Output zustande kommt. Dann ist der Respekt voreinander extrem wichtig. Und man sollte auch die Leidenschaft für die Musik teilen. Schließlich muss man sich viel austauschen, im Dialog sein.
Du bist meistens ohne Instrument, ausschließlich als Sänger auf der Bühne. Ist das für die Performance, vorausgesetzt du machst dir über so etwas überhaupt Gedanken, einfacher oder schwieriger?
Ian Kenny: Ich glaube, es macht keinen großen Unterschied. Manche Sänger ohne Instrument fühlen sich vielleicht ein bisschen unsicher, weil sie nicht immer was zu tun haben. Mir persönlich gibt es aber einfach eine Menge Freiheit. Wenn ich singe, tue ich das mit meinem ganzen Körper. Es ist fast so, als wenn ich dabei an einem ganz anderen Ort wäre. Ich fühle mich nirgends so wohl wie auf der Bühne... (überlegt) ... Die Bühne ist mein Dschungel. Hmm, so hab ich das noch nie ausgedrückt, aber das trifft es: Die Bühne ist mein Dschungel, den ich kenne.
Hat einer deiner Songs für dich im Laufe der Zeit seine Bedeutung irgendwie verändert?
Ian Kenny: Alle meine Songs sind ein Teil von mir. Ich bin ihnen sehr nah. Sie sind wie meine besten Freunde und manchmal auch wie meine größten Feinde. Mal mag ich sie mehr, mal weniger, aber ihre Bedeutung ändern sie für mich nicht.
Okay, jetzt bin ich gespannt: Angenommen ihr könntet wählen welche der folgenden Bands und Künstler ihr auf einer Tour durch große Stadien supportet, für wen würdet ihr euch entscheiden: Tool, Faith No More oder Peter Gabriel?
Ian Kenny: (lacht)... Fu**, das ist hart! Eigentlich müsste ich sagen Peter Gabriel...
Du müsstest?
Ian Kenny: Ja, das wäre cool,... weil..., okay, Tool klingen mir ein bisschen zu vorhersagbar. Das wäre natürlich nie ein Grund so etwas abzusagen. Im Gegenteil, es wäre eine große Ehre für uns mit Tool zu spielen. Faith No More, ... das wäre riesig! Es wäre eine große Herausforderung für uns vor Faith No More-Fans zu spielen. Ich weiß gar nicht, ob die uns akzeptieren würden, aber ich würde brennen dafür. Also, meine Antwort ist Faith No More.
Eben war es noch Peter Gabriel!
Ian Kenny: Ja, aber das nehme ich zurück. Ich nehme Faith No More!
Ian, vielen Dank für das Interview!
Ein Dankeschön geht auch nach Hamburg an Oliver Bergmann von Oktober Promotion, der uns dieses Interview ermöglicht hat!