Interview mit Florian Füntmann von Long Distance Calling in London

(Long Distance Calling)

03.03.2011 von Shirin K

Yessss, endlich hat die Rockwelt das bekommen, worauf sie gewartet hat: Die volle Dröhnung! Die Rede ist von der deutschen Band Long Distance Calling, die sich in den letzten Jahren in Prog- und Postrock-, aber auch in Metalkreisen, einen Namen erspielt hat, und nun mit ihrer neuen Platte auf Platz 36 der deutschen Charts eingestiegen ist. Eigentlich unfassbar für eine Band, die fast ausschließlich auf Instrumentalmusik setzt. Wer Long Distance Calling aber einmal live erlebt hat, weiß, dass deren geniale Musik (wie immer man sie auch labeln möchte) überhaupt keinen Gesang braucht, um beim Zuhörer für Gänsehaut und spontane Glücksgefühle zu sorgen. Die Jungs schaffen es, auf der Bühne von völliger Versenkung bis hin zu ungebändigter Spielfreude, alles zu vermitteln, was ein richtiges Rockkonzert ausmacht - völlig ohne überflüssige Attitüden und verkopftes möchtegernintellektuelles Gebaren. Ob man es sich nun mit Kopfhörern auf dem Sofa gemütlich machen oder sich auf den Konzerten das Gehirn wegblasen lassen möchte, der Facettenreichtum dieser Band macht’s möglich. Gründe genug, um beim Gitarristen Florian Füntmann mal nachzuhorchen, wie es mit den aktuellen Plänen der Band aussieht. Das Interview entstand nach einem (natürlich gigantischen) Gig in London.

MHQ-Redakteurin Shirin Kasraeian mit LDC-Gitarrist Florian Füntmann im Londoner Club Barfly.

Hallo Florian, schön, dass du dir Zeit genommen hast für dieses Interview. Ihr habt während der Tour durch Großbritannien erfahren, dass euer neues Album mit dem Titel "Long Distance Calling" auf Platz 36 der deutschen Charts eingestiegen ist. Was ist das für ein Gefühl?

Florian Füntmann: Das ist ein super Gefühl! Wir hatten zwar gedacht, dass es schon geil wäre, in den Charts zu landen, aber vielleicht auf Platz 80, auf jeden Fall weiter hinten. Mit Platz 36 hatten wir nun echt nicht gerechnet. Ich finde es megageil!

Und wie erklärt ihr euch diesen Erfolg, wo ihr ja alles andere als gefällige Pop- oder Rockmusik spielt?

Florian Füntmann: Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Vielleicht kommt das daher, dass wir in letzter Zeit so viel live gespielt haben und uns dadurch immer mehr Leute kennengelernt haben. Vielleicht ist es aber auch so, dass die Leute wieder anfangen, handgemachte Musik zu schätzen. Ich habe zumindest festgestellt, dass es bei vielen Leuten wieder ein wenig mehr in diese Richtung geht: Sie sagen, dass sie wieder ehrliche Musik hören wollen.

Eure Songs sind ja bis auf wenige Ausnahmen reine Instrumentalstücke – was den hohen Charteinstieg ja noch verwunderlicher machtÂ… Die unvermeidliche Frage ist natürlich, wieso habt ihr euch gegen Gesang entschieden?

Florian Füntmann: Das war eigentlich nicht so geplant. Als wir angefangen haben, haben wir schon nach einem Sänger gesucht. Wir selber sind nämlich nicht in der Lage zu singen, das würde total beschissen klingen. Wir haben angefangen, Songs zu schreiben, und haben gleichzeitig Ausschau nach einem Sänger gehalten. Aber wir sind halt auch sehr anspruchsvoll: Wenn Gesang, dann auch wirklich etwas richtig Fettes, nichts Halbgares, es muss eben ein richtig guter Sänger sein. Und wir haben einige Leute ausgetestet, aber einfach niemanden gefunden. Es muss ja auch menschlich funktionieren... Wir haben also einfach ohne Sänger weitergemacht und haben irgendwann gemerkt, dass es auch so funktioniert. Und mittlerweile glaube ich sogar, dass es vielleicht ein Vorteil ist. Vor allem, wenn man als deutsche Band mit englischem Gesang hier im Ausland spielt, ist es schon ziemlich schwierig. Da wird sich ja dann doch über den deutschen Akzent lustiggemacht. Insofern ist es vielleicht wirklich ein Vorteil, keinen Gesang zu haben.

Ich denke gerade an HelloweenÂ…

Florian Füntmann: Ja, oder auch Scorpions, da ist es schon oft passiert, dass ich gedacht habe: "Alter, das ist jetzt aber wirklich kritisch gerade...".

Ihr hättet euch alternativ deutsche Texte ausdenken können, dann hättet ihr das Akzentproblem nichtÂ…

Florian Füntmann: Da stehe ich überhaupt nicht drauf!

Wie kommt denn eigentlich euer Name zustande?

Florian Füntmann: Das war so: Wir waren alle auf Rock am Ring – als Besucher  – und wir standen da so rum und es kam irgendwie Werbung für einen Song von der französischen Band Phoenix, und der hieß "Long Distance Call". Wir sagten alle nur "Oh, alles klar!" und das war es dann auch. Wir waren alle sofort am Start.

Ihr habt neben den rein instrumentalen Stücken aber auch auf jedem eurer Studioalben einen Song mit einem Gastsänger gehabt. Auf dem ersten Album "Satellite Bay" war es Peter Dolving von The Haunted, dann war es Jonas Renske von Katatonia auf dem "Avoid The Light"-Album, und auf dem neuen Album kann man im Song "Middleville" John Bush von Armored Saint hören. Wie kam da jeweils die Zusammenarbeit zustande?

Florian Füntmann: Bei Peter Dolving war es so, dass unser Bassist ihn noch von früher kannte, als er bei dem Label gearbeitet hat, bei dem The Haunted waren. Ich meine, es war so, dass er ihn irgendwo abgeholt hat und im Auto unsere Scheibe lief. Und Peter fand das so gut, dass er unbedingt etwas damit machen wollte. Und das wurde dann auch so gemacht.

Und er hat dann selbst den Text dazu geliefert?

Florian Füntmann: Ja, genau. Das ist bisher immer so gewesen, dass wir die Musik schreiben und dem Sänger komplett alle Freiheiten lassen. Er schreibt dann die Lyrics und singt die Songs so, wie er es will.

Long Distance Calling im ausverkauften Kölner Underground am 19.02.2011, v.l.n.r.: Gitarrist Florian Füntmann, Bassist Jan Hoffmann.

Ihr lasst also nie etwas zurückgehen beziehungsweise neu machen?

Florian Füntmann: Nein, das war bisher aber auch jedes Mal so, dass wir direkt gesagt haben, boah, ist das geil! Bei Jonas und John haben wir sie einfach ganz stumpf angefragt. Wir dachten uns, dass wir eh nichts zu verlieren haben, denn mehr als Nö hätten sie nicht sagen können. Das wäre auch okay gewesen.

Habt ihr schon einen Gastsänger für die nächste Platte im Auge?

Florian Füntmann: Nee, das ist noch in weiter Zukunft. Aber cool wären irgendwelche total extremen Leute, irgendwas, womit man überhaupt nicht rechnet. Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir – falls wir das auf dem nächsten Album wieder so machen – irgendwen nehmen, der total anders ist, aus einer anderen Sparte kommt. Aber auf keinen Fall Schreigesang, das wollen wir nicht.

Wie siehst du die Entwicklung eurer Musik auf den drei Studioalben? Siehst du da eine Weiterentwicklung?

Florian Füntmann: Ja, auf jeden Fall. Auf dem dritten Album klingt die Musik viel mehr so wie wir auch live klingen, so ein bisschen härter. Wir waren auch mit den ersten Platten vom Sound her nicht wirklich zufrieden, das war uns nicht fett genug. Auf der neuen ist es das erste Mal so, dass wir komplett zufrieden sind, und es geschafft haben, alle unsere Einflüsse, die ja total weit gestreut sind – das geht ja von 70s Rock über elektronische Musik bis hin zu total ruhigen Sachen – unter einen Hut zu bringen.

Was ist denn der thematische Überbau des neuen Albums?

Florian Füntmann: Der thematische Überbau ist eher Space, der Weltraum. Daher auch dieses Artwork mit den verschiedenen Universen, die alle zusammengebracht werden... wenn wir an den Songs arbeiten ist es nicht so, dass wir irgendwas planen. Wir spielen einfach und gucken, was  passiert und in welche Richtung sich die Stücke entwickeln. Und da wir halt instrumental sind, müssen wir versuchen, die Stimmung nur über die Musik zu transportieren. Wenn ein Song eher so Stoner-mäßig ist, kann man sich dann zum Beispiel so einen Wüstenplaneten vorstellen, oder bei atmosphärischeren Sachen, dass man durch das Weltall fliegt...

Und die Songtitel kommen dann einfach später dazu?

Florian Füntmann: Ja, genau. Wir versuchen die Atmosphäre der Songs in den Titeln wiederzugeben. Wir hatten auch schon totale Schwachsinnstitel, die einfach nur Insider sind, die sonst keiner versteht.

Macht ihr dann einfach Brainstorming?

Florian Füntmann: Genau, wir schreiben einfach alles auf, was uns einfällt, und gehen sie dann durch und schließen solange die schlechten aus, bis wir’s haben.

Zum Teil kann man sich ja unter den Titeln sehr bildlich etwas vorstellen, andere sind dann eher kryptisch, wie zum Beispiel "I Know You Stanley Milgram" oder "The FigrinD'anBoogie"...

Florian Füntmann: Stanley Milgram war ein Forscher, der herausgefunden hat, dass alle Menschen auf der Welt miteinander irgendwie vernetzt sind. Du kennst irgendwen, und der kennt wiederum andere, die jemanden kennen, und es ist am Ende so, dass du jeden Menschen über sechs Kontakte "kennst". Das ist die Geschichte dahinter. "The FigrinD'anBoogie" ist Star Wars! Im ersten Teil spielt ja diese Band, und die heißt halt so. Das ist schon ein Insider, ein bisschen Nerdwissen. Und da wir Space als Thema hatten, dachten wir, dass Star Wars auch auf jeden Fall dazugehört.

In "Fire In The Mountain" benutzt ihr ein Sample aus einem Film?

Florian Füntmann: Ja, das ist ein Sample aus der Verfilmung von Kafkas "Der Prozess". Das hat Reimut ausgesucht und das hat ganz gut gepasst.

Wo siehst du denn die Unterschiede zwischen der Musik auf den Alben und der Musik live?

Florian Füntmann: Ich finde, dass wir live wesentlich roher klingen als auf Platte, viel schmutziger. Wir versuchen natürlich schon, die Songs möglichst so zu spielen wie auf der Platte, aber auf der Bühne ergibt es sich dann doch, dass wir irgendwas anders machen, speziell vom Schlagzeug her. Ich fände es auch sonst ein bisschen langweilig. Ich mag diese Bands nicht, die ihre Songs Eins zu Eins wie auf ihren Platten spielen.

Die Rohheit erklärt dann vielleicht auch, warum so viele Metal-Fans anwesend sind, die richtig abgehenÂ…

Florian Füntmann: Ja, das scheint wirklich zu funktionieren. Ich finde das ja auch sehr interessant: Da stehen im Publikum Leute mit langen Haaren und Metalshirts neben Alternative-Leuten oder Prog-Fans. Und das ist doch super, viel mehr kann man als Band gar nicht verlangen, als dass man so ein weit gefächertes Publikum hat.

Arschtreten am Oberschenkel! Alles ist möglich! (alle Fotos: Shirin Kasraeian) 

Ihr habt ja auch auf einigen Festivals gespielt, die auf den ersten Blick nicht speziell eurer Musik "entsprechen", zum Beispiel auf Rock am Ring, Summerbreeze oder Area4. Sind jetzt weitere Festivals geplant?

Florian Füntmann: Wir schauen gerade und planen. Wir werden im April auf einem Festival in Finnland spielen – mal gucken, was das wird... was richtig cool wäre, wäre hier in England auf einem Festival zu spielen. Und wo ich auch auf jeden Fall mal spielen will, ist das Hellfest in Frankreich, aber das hat bisher nicht geklappt. Wäre schon geil, wenn das klappen würde.

Wenn ihr mit einer Superband auf Tour gehen könntet, welche Band wäre das?

Florian Füntmann: Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, dass rein vom musikalischen Standpunkt aus gesehen, die perfekte Band für uns PorcupineTree wäre. Ich glaube, das würde gut funktionieren, weil sie auch von der Musik zum Teil ruhigere und dann wiederum härtere Sachen im Programm haben.

Und wenn es eine Herzenssache wäre?

Florian Füntmann: Oh, da hat es sich für mich schon erfüllt, als wir mit Anathema getourt haben – das war für mich schon ein Kleiner-Jungen-Traum. Ich höre die Band, seit ich vierzehn fünfzehn bin, und das war einfach super! Das Coole war auch, dass die Band so nett war, ich würde sogar sagen die netteste Band, mit der wir auf Tour waren. Ich stehe auf alle Platten, die sie je gemacht haben, egal ob es die alten Sachen wie "Serenades" sind oder das aktuelle Album. Daher ist wirklich ein Traum in Erfüllung gegangen, als das geklappt hat.

Ihr habt ja den Erfolg, den ihr jetzt habt, nicht wirklich antizipiert. Wie geht es denn für euch jetzt weiter, musstet ihr eure Pläne nochmal umschmeißen?

Florian Füntmann: Uns war schon klar, dass wenn wir etwas reißen wollen, das mit der neuen Platte klappen muss, wir müssen also dieses (!) Jahr Vollgas geben. Wir haben jetzt im Mai eine Reihe neuer Shows und werden auch danach nochmal Südeuropa machen und auch nochmal England später im Jahr, vielleicht als Support. Das war alles schon so geplant.

Wäre es dein Wunsch, von der Musik zu leben?

Florian Füntmann: Das wäre mein Wunsch, aber es ist halt schwierig. Wir sind da alle sehr realistisch. Es ist schon alles sehr hart, speziell in der Sparte, in der wir uns bewegen, als Instrumentalband. Mal schauen also, was passiert.

Ja, da sind wir alle gespannt und drücken euch die Daumen. Vielen Dank für das Interview!

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