E-Mail Interview mit Chris und Class

(Lord Of The Lost)

16.11.2009 von Melanie Schupp

Lord Of The Lost – ein neuer Name in der Musikwelt. Die vielversprechende Hamburger Band macht seit wenigen Monaten langsam aber sicher von sich Reden. Die aktuelle Single “Dry The Rain” steigert die Neugierde auf das Anfang 2010 erscheinende Album. Im Vorfeld standen uns Chris (Gesang / Gitarre) und Class (Bass) bei einem Interview per Email zur Verfügung…

Euer gesamter Auftritt ist sehr professionell. Man erkennt gleich, dass ihr keine halben Sachen macht. Dementsprechend liegt es nahe, dass ihr auch bei eurem Debütalbum 100% gegeben habt und demnach sehr zufrieden sein müsstet? Ist dem so, oder gibt es Dinge die euch im Nachhinein stören?

Chris: Immer. Ich gehöre nicht zu den Menschen die nie zufrieden sind, aber ich weiss dass es immer besser gegangen wäre und strebe nach der Perfektion, auch wenn ich weiss dass man diese nie erreicht. In dem Album steckt das Maximum unserer Fähigkeiten, demnach bin ich soweit sehr zufrieden damit.

Class: Das ist aber eben auch ein Grund, warum man immer wieder neue Alben aufnimmt: um alte Fehler auszumerzen.

Wie verliefen die Aufnahmen? Lief alles wie am Schnürchen oder gab es erwähnenswerte Zwischenfälle (welcher Art auch immer)?

Chris: Es war kein gewöhnlicher Aufnahmeprozess mit geplantem Anfang und Ende. Ich fing zunächst, nur aus Spaß, ganz alleine an mit dem Album. Gegen Ende waren wir dann eine komplette Band. Ich habe mich in den letzten Monaten extrem schwer mit meinem Gesang getan, das Ergebnis der Aufnahme transportierte nicht ausreichend was ich damit ausdrücken wollte. So habe ich einige Songs bis zu vier mal erneut aufgenommen. Eine Schweiss- und Tränenreiche, zweifelsvolle Zeit.

Class: Witzig war, als wir tonnenweise Effekte ins Studio schleppten. Das war so eine Art Kindergarten der „noisigen“ Art und die Kinder hatten Spaß... (http://www.youtube.com/watch?v=PM018tfjsqw)

@Chris: In einem Interview sagst du, dass du kurz vor Ende alles nochmal umschmeißen wolltest und ein Song von Revolverheld dich daran hinderte? Wie das? War es der Text oder war der Revolverheld Song selbst nicht perfekt, dass deine Zweifel behoben wurden?

Chris: Ich hasse Revolverheld. Und nachdem ich wieder mal feststellen musste wie grausam ich Revolverheld finde als ich einen Song zufällig hörte, war mir klar, dass im Verhältnis dazu alles andere nur gut sein kann, unser Album eingeschlossen.

@Chris: Hättest du dich nicht doch noch besonnen in dem Moment, hätte dies das schnelle Ende von Lord Of The Lost bedeutet?

Chris: Vielleicht. Auf jeden Fall das Ende der Platte. Ich hätte vermutlich alles nochmal gemacht, oder machen lassen, nur aus dem Wunsch nach Perfektion. Aber das Album hätte dadurch seine Seele verloren, wenn es so etwas bei einem Album gibt, oder überhaupt.

@Chris: Hast du diese Platte in dem Fall im Alleingang komponiert?

Chris: Anfänglich ja. Ich hatte auch bereits ausreichend Songs, die ich alleine geschrieben hatte. Aber sehr schnell kamen weitere Ideen der anderen, besonders von Sebsta hinzu. Und diese Einflüsse waren genau das, was dem Ganzen noch gefehlt hat.

Könnte man von einem Konzeptalbum sprechen?

Chris: Könnte man. Unfreiwillig. Es sind in gewisserweise ausschließlich Lovesongs auf dem Album. Liebe hat allerdings nur wenig schöne, dafür viele schmerzhafte Seiten, die durchaus auf dem Album überwiegen. Es geht um die damit verbundenen Ängste, die Angst zu lieben, geliebt zu werden, zu leben, zu sterben und alles dazwischen. Deshalb wird das Album "Fears" heissen.

Wer macht bei euch eigentlich die Synthesizer / Keyboards auf dem Album und wie haltet ihr das bei Liveauftritten?

Chris: Bis auf einige Pianoelemente war ich dafür verantwortlich. Da es sich neben Piano meist um Soundscapes und Ambiences handelt macht es nicht unbedingt Sinn dafür extra jemanden auf die Bühne zu stellen, deshalb übernimmt der Laptop diese Aufgabe.

Eure Musik als auch Logo und Gesamtauftritt erinnern stark an die nordischen Bands wie HIM, 69 Eyes, Negative etc. Nerven euch solche Vergleiche oder macht es euch eher stolz ihnen gleichgesetzt zu werden?

Class: Vergleiche gibt es immer! Und Es sind oft sehr gute Bands mit denen wir verglichen werden. Da viele verschiedene Namen fallen kann man sich dadurch durchaus als „vielseitig“ bezeichnen!! Das werte ich dann als Kompliment und für mich ist das alles gut!

@Chris: In Lord Of The Lost steckt dein Herzblut. Warum dauerte es so lange, bis du dich verwirklichen konntest?

Chris: Ich habe unangenehme Erfahrungen darin gemacht, mein Herzblut öffentlich zu zeigen. Meine letzte Band die ich aus Jugendtagen schuf endete für mich mit Rosenkrieg, Feindschaft und Verzweiflung. Ich musste erstmal Jahre lang fröhlichen Glamrock machen, um mich davon zu erholen.

Wärt ihr sehr enttäuscht wenn euer Debüt, in dem soviele Emotionen stecken, wider Erwarten nicht ganz so gut  bei der Musikpresse ankäme?

Class: Man ist sicherlich nicht begeistert! Aber lieber kontrovers betrachtet werden, als keine Aufmerksamkeit zu erhalten! Wichtig ist, dass die Leute reden. Das worüber ist fast sekundär! Den Rest erledigen wir, wenn wir die Leute live für uns begeistern.

Entscheidet ihr gemeinsam über die Titel oder behält Chris sich das vor, da es schließlich auch um seine sehr persönlichen Dinge in den Songs geht?

Chris: Ich denke das wird immer meine Sache sein. Fremde Texte etc. haben bisher in diesem Kosmos keinen Platz.

Wie ist das für die Zukunft geplant… haben die anderen bereits ihr Interesse am Songwriting angemeldet oder geht ihr das dann spontan an? Apropos: konzentriert ihr euch nun aufs Promoten des aktuellen Albums oder kommt unentwegt mehr aus eurer unerschöpflichen kreativen Songwriting-Quelle?“

Chris: Beides. Klar, erstmal wird das Album was jetzt kommt promotet als gäbe es kein Morgen! Trotzdem passiert schon viel im Hintergrund. Das zweite Album ist quasi fertig komponiert. Ich nehme gerade die Demo bzw. Layouts auf. Einige Songs von mir allein, einige in Zusammenarbeit mit Einzelnen aus der Band.

Welche Zielgruppe verfolgt ihr in eurer ersten Etappe? Möchtet ihr zu Beginn eure Basis hier in Deutschland festigen oder streckt ihr eure Arme bereits weiter aus?

Chris: Das liegt nicht in meiner Kompetenz das zu beurteilen. Darum wird sich das Label kümmern. All das was Sinn macht!

Class: Erst Deutschland, dann den Rest! Aber über den Tellerrand schauen wir jetzt schon...

@Chris: Du hast bereits viele Erfahrungen gesammelt. Philiae, Big Boy, The Pleasures... Sind der Chris von Lord Of The Lost und der von z.B. The Pleasures komplett verschiedene Persönlichkeiten? Wie empfindest du das?

Chris: Es ist alles derselbe Chris. Wobei bei den Pleasures ein Quantum Schauspiel und Verkleidung hinzukommt.

@Chris und Sensai: Auf myspace habe ich gesehen, dass ihr trotzdem noch bei The Pleasures dabei seid. Ist das für euch nun Routine oder steckt ihr genauso viel Energie wie am Anfang hinein?

Chris: Wir haben die Organisationsstruktur bei den Pleasures geändert. Ich wurde quasi vom Macher zum Mitmacher, dafür übernehmen die anderen jetzt viele von meinen bisherigen Aufgaben. das ist die einzige Chance für eine erfolgreiche Co-Existenz.

Inwieweit haben die anderen Bandmitglieder schon Erfahrungen mit Kombos gesammelt?

Chris: Wir sind alle ausreichend banderprobt in Rock- und Metalbands, bis auf Sebsta, der stand vorher noch nie als Gitarrist auf der Bühne. Er war früher DJ in einer Hiphop-Band.

Ihr habt nun die ersten Konzerte hinter euch. Wie wurdet ihr aufgenommen? Kannten ein paar Leute im Publikum vielleicht schon die myspace Songs?

Chris: Ja, erstaunlich viele! Wir sind immer wieder verblüfft. Negative Reaktionen gab es noch nicht, aber die werden sicherlich noch kommen, zwangsläufig. Je mehr es lieben, umso mehr hassen es auch.

Wie war der erste Auftritt? War die Anspannung vorweg sehr groß?

Class: Ich bin mehr wie ein wildes Tier, welches nur darauf wartet auf die Bühne gelassen zu werden. Trotzdem war ich am Anfang nervös weil ich ja nicht so genau einschätzen konnte wie das Team live funktioniert!

Chris: Ich hatte nach Jahren das erste mal wieder Lampenfieber, richtig schlimm. Das war sehr lehrreich. Ich hatte mich bis dato für abgebrühter gehalten.

Hat alles gut geklappt oder gibt es auch ein paar Faktoren an denen noch gearbeitet werden muss?

Chris: Was wir machen ist inzwischen solide. Bis zur Tightness einer jahrelang eingespielten Band fehlt allerdings noch etwas: Jahrelanges spielen!

Ihr werdet nächstes Jahr am Trashfest in Helsinki teilnehmen. Wie kam es dazu und worauf freut ihr euch am meisten?

Chris: Mama Trash ist ein großer Fan von uns und sie hat uns persönlich eingeladen. Wir sind ja jetzt auch in der Mama Trash Artist Familie und sie promotet uns. Wir freuen uns unsäglich auf Helsinki und haben gleich einen kleinen Mini-Urlaub um das Konzert herumgebaut.

Habt ihr schon eine beschauliche Fanbase aufgebaut und gibt es schon Interesse aus anderen Ländern?

Chris: Dafür dass wir noch nichts wirklich veröffenlicht haben bis auf die Online-Single zu "Dry The Rain" finde ich es schon sehr beschaulich, auch international. Inwiefern das ausbaubar ist, wird sich zeigen, früher oder später.

Und wir wünschen dabei viel Glück!
Vielen Dank an Chris und Class für das offene und aussagekräftige Interview.

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