10 Jahre Massendefekt - Ein Gespräch mit Sebastian Beyer

(Massendefekt)

09.09.2011 von Thomas Kröll

"Die besten Musikbotschafter der Stadt Meerbusch" (Rheinische Post, 2006) sind mit drei veröffentlichten Studio-Alben, einer EP und über 200 gespielten Konzerten längst kein lokales Phänomen mehr, wie die letzte Headliner-"Wellenreiter Tour 2010" mit gut gefüllten Clubs in Städten wie Berlin, Hamburg, Köln und Düsseldorf bewiesen hat. Dieses Jahr feiern Massendefekt ihr 10-jähriges Jubiläum und nahmen dies zum Anlass ein neues Doppelalbum zu produzieren, welches den Namen "Tangodiesel" trägt und im Oktober erscheinen wird. Außerdem plant das Quartett eine ausgiebige Tour durch Deutschlands Clublandschaft, natürlich mit neuen und alten Songs im Gepäck. Man kann jetzt schon davon ausgehen, dass Massendefekt die Bühnen der Republik mit ihrem typischen Punk'n'Roll wieder zum Explodieren bringen werden.

Man sieht also, die Jungs sind zur Zeit gut beschäftigt. Dennoch nahm sich Gitarrist und Sänger Sebastian "F. Sebi" Beyer die Zeit für ein Interview mit Musicheadquarter. Zusammen mit seinen Bandkollegen Mike Duda (Bass), Claus "Clausi" Pütz (Gitarre/Gesang) und Schlagzeuger Alexander "Alex" Wolfart besuchte er das Halbfinale des "Köln Rockt!"-Contest im Sion Loft und verdrückte sich trotzdem zu späterer Stunde noch in den Backstage-Bereich, um unserem Chefredakteur Thomas Kröll Rede und Antwort zu stehen. Die beiden unterhielten sich dabei natürlich über die vergangenen 10 Jahre, aber auch über Lieblingsplatten, Zukunftspläne oder die Freundschaft zu Ex-Tote Hosen-Drummer "Wölli" Rohde.

Ihr seid gerade in Köln beim "Köln Rockt!"-Contest. Welche Rolle spielt ihr dabei?

Sebastian: Wir sind da nur durch Zufall in die Jury gerutscht. Die erste Band hat gerade angefangen und die wird dann bewertet. Vier Bands spielen insgesamt heute im Halbfinale und wir sind gespannt, was da noch kommt. Ich habe zwar erst zwei Songs der ersten Band gehört, aber das war schon ganz ordentlich.

Euer letztes eigenes Album "Land in Sicht" liegt nun fünf Jahre zurück. Warum die lange Pause, abgesehen von der "Kung Fu Charlie"-EP vor zwei Jahren?

Sebastian: Wir sind nach "Land in Sicht" erstmal gut auf Tour gegangen. Anschließend ist unser Schlagzeuger aus der Band ausgestiegen und wir haben eine Zeit gebraucht, um da einen Ersatz zu finden. Dann haben wir uns gedacht: Komm, jetzt bringen wir zur Überbrückung, als kleines, leichtes Comeback die "Kung Fu Charlie" raus, bis es dann wieder an die richtigen Aufnahmen geht. Kurz danach ist aber leider unser damaliger Sänger auf die Idee gekommen, die Band zu verlassen, weil er nicht mehr so ganz hinter der Sache stand. Daraufhin hat es etwas gedauert, bis wir wieder etabliert waren und vernünftig mit einem neuen Album starten konnten. Und jetzt ist es soweit.

In diesem Jahr feiert ihr euer 10-jähriges Jubiläum. Du bist eines der Gründungsmitglieder von Massendefekt. Wenn du an eure Anfänge in Meerbusch zurückdenkst, wie lief das damals ab?

Sebastian: Eigentlich im Prinzip so wie heute, nur heute sind die Sachen ein bißchen grösser geworden. Wir hatten unter der Woche Proben, haben viel zusammen unternommen und am Wochenende gespielt. In der Anfangszeit haben wir wirklich alles gespielt und mitgenommen was ging. Ob das ein Schülerfestival war oder in irgendwelchen Zentren war egal. Wir haben wirklich alles mitgenommen. Und heute sind wir etwas mehr in der Lage uns auszusuchen, wo wir denn spielen. Obwohl wir eigentlich immer noch alles spielen würden. Früher haben wir auch noch alles selber in die Hand genommen, heute kommen die Anfragen von außen. Das ist schon mal ein Fortschritt.

Wie seid ihr auf den Bandnamen gekommen? Massendefekt erschließt sich mir jetzt nicht auf Anhieb. Steckt da eine tiefere Bedeutung dahinter oder kam das aus einer Bierlaune heraus?

Sebastian: Wir haben uns mal überlegt, auf diese Frage immer eine andere Geschichte zu erzählen (lacht). Nein, wir saßen im Proberaum, das wurde besprochen, wir fanden den Namen ganz toll und dann war er halt da. Es gibt keinen Hintergrund. Einfach ein abschreckender Name, den wir damals toll fanden (lacht). Und den nach zehn Jahren nochmal zu ändern, wäre natürlich Quatsch. Mittlerweile hat er sich auch etabliert. Klingt zwar ein bißchen nach so einer Knüppel-Punk-Nummer, aber so ist es ja gar nicht.

Wenn du mal auf die letzten zehn Jahre zurückblickst, was waren die besonderen Highlights in dieser Zeit?

Sebastian: Es gibt immer ein paar Konzerte, die einem extrem in Erinnerung bleiben. Wir haben mit Bands gespielt, wo wir uns echt richtig gefreut haben, weil wir von denen selbst noch Platten zuhause im Regal stehen haben. Und mit denen durften wir dann spielen. Das sind Momente, die herausstechen. Die vergisst man nicht.

Stimmt, die Liste ist wirklich beeindruckend. Da stehen zum Beispiel die Bloodhound Gang drauf und Turbonegro, Revolverheld, Tomte, Extrabreit, Die Toten Hosen oder die Broilers.

Sebastian: Ja, genau. Das sind zum Teil natürlich auch Festivalgeschichten gewesen, wo sich dann alles irgendwie trifft. Aber man hat sich getroffen und zusammen gespielt. Alles Bands, mit denen wir schon zusammen die Bühne geteilt haben.

Wolfgang "Wölli" Rohde, der ehemalige Schlagzeuger der Hosen, spielt doch auch eine besondere Rolle bei euch.

Sebastian: Richtig. Der Wölli hatte damals ja einen Unfall, bei dem das Knie zertrümmert wurde und deshalb konnte er bei den Hosen nicht mehr weitermachen. Und Wölli wohnt genau wie wir in Meerbusch. Bei unserem allerersten Konzert überhaupt, das war ein Benefizkonzert, wurde er dann gefragt, ob er bei dem Event nicht mitmachen wolle. Er hat sofort zugesagt und daraus ist dann eine Freundschaft entstanden. Daraus ist eigentlich auch erst die Band entstanden, denn das Benefizkonzert ist so gut angekommen, dass wir mit der Geschichte einfach weitergemacht haben. Und jetzt stehen wir hier (lacht). Die Freundschaft zu Wölli ist geblieben.

Wölli hat doch auch mal in einem eurer Videos mitgespielt, richtig?

Sebastian: Ja, richtig. Das war in dem ersten Video, das wir gemacht haben und es hieß "Neues Kapitel". Ein Song von unserem zweiten Album. Da hat Wölli den Petrus gespielt.

Du hast eben von den Highlights der letzten zehn Jahre gesprochen. Gab es auch weniger schöne Dinge in dieser Zeit?

Sebastian: Das waren die ganzen Ausstiege. Als unser Schlagzeuger ausgestiegen ist, hat das schon einen kleinen Bruch reingebracht. Wir mussten einen neuen Schlagzeuger suchen und quasi wieder bei Null anfangen. Du musst dem Neuen die ganzen Abläufe neu beibringen. Das kostet natürlich Nerven und Zeit, die ganze Sache wieder an den Punkt zu bringen, wo sie schon mal war. Dann war man gerade soweit und dann stieg unser damaliger Sänger aus. Jetzt mache ich das ja, aber auch ich musste mir die ganzen Sachen erst wieder aneignen. Dazu die Fragen: Kriege ich das hin mit dem Gesang? Funktioniert das? Nehmen die Leute das an? Es ist immer sehr schwierig, wenn ein Mitglied die Band verlässt. Gerade der Sänger. Aber bis jetzt hat es ja ganz gut funktioniert.

War es denn von vorne herein klar, dass du den Gesang übernimmst?

Sebastian: Ich habe vorher schon ein bißchen mitgesungen. Wir haben teilweise Songs mit Wechselgesang. Oder ich habe viel im Background gesungen. Als unser alter Sänger, der Ole (gemeint ist Christian Olejnik, d.Red.), gesagt hat 'Hört mal Jungs, ich kann das nicht mehr, ich möchte in meinem Job weiterkommen', da war für die anderen das Aufhören mit der Band nie ein Thema. Wir wollten weitermachen, weil wir auch eine Menge Spass daran hatten und immer noch haben. Also haben wir uns gefragt, ob wir einen neuen Sänger suchen oder aus den eigenen Reihen weitermachen. Und wir dachten, dass es den Fans und auch uns gegenüber eine ehrlichere Nummer ist, es selber zu versuchen. Für viele Bands ist der Ausstieg des Sängers wahrscheinlich so ein kleines Todesurteil, aber bei uns hat es Gott sei Dank geklappt.

Pearl Jam, eine meiner Heldenbands, feiern gerade ihr 20-jähriges Jubiläum und hauen richtig auf die Kacke. Jubiläumskonzerte, eine CD, ein Buch, ein Film. In welcher Grössenordnung begeht ihr euren 10. Geburtstag?

Sebastian: Im Oktober kommt unser neues Album zum 10-Jährigen. Es wird ein Doppelalbum und heisst "Tangodiesel". Auf der ersten CD sind dreizehn komplett neue Songs drauf und auf der zweiten zwölf alte Songs, die wir nochmal neu aufgenommen und eingespielt und mit mir am Gesang neu eingesungen haben. Auch als kleines Dankeschön für die ganzen Jahre.

Nach welchen Kriterien habt ihr die zwölf Songs ausgesucht oder musstet ihr da viel diskutieren?

Sebastian: Eigentlich haben wir sie nach dem Live-Schema ausgesucht. Das heisst, welche von den Nummern auch live ganz gut ankommen. Die, wo das Publikum am meisten drauf feiert. Das Problem ist auch, dass unser erstes Album qualitativ nicht ganz so cool ist. Da haben wir gedacht, da können wir nochmal eine Schippe drauflegen und das Ganze in einer vernünftigen Qualität rausbringen. Ansonsten haben die alten Songs, die wir neu aufgenommen haben, auch ein bißchen an Tempo gewonnen.

Hat der Albumtitel eine tiefere Bedeutung?

Sebastian: "Tangodiesel" kommt aus der Seemannssprache. "Tangodiesel" steht für nerviges oder störendes Radio.

Wo ist da der Bezug?

Sebastian: Weiß ich nicht. Vielleicht nervt es die anderen Leute ja, was wir machen. Keine Ahnung (lacht). Wir fanden es halt gut. Es ist ein schönes Wort und die Bedeutung ist eigentlich auch witzig. Wir kannten den Begriff vorher auch nicht. Der Flo (Wildemann, d.Red.), der bei uns so ein bißchen das Management macht und auch komplett zur Band gehört, der kam damit an. Super. Wir fanden es alle toll und haben es sofort genommen.

Anschließend geht ihr auch noch auf Tour.

Sebastian: Ja, die geht noch vor dem Album im Oktober los. Im Oktober und November gibt es den ersten Teil der "Tangodiesel"-Tour. Das werden zehn Konzerte sein, die mehr den Westen und den Norden abdecken. Nächstes Jahr im Februar und März geht es dann weiter. Der zweite Teil wird dann mehr im Osten und im Süden stattfinden.

Werden auf den Konzerten auch ehemalige Bandmitglieder oder sonstige Gäste auftauchen?

Sebastian: Gäste und ein paar Überraschungen werden wir auf jeden Fall haben. Ehemalige Bandmitglieder? Ich glaube, das wird eher nicht der Fall sein. Sie werden aber die Konzerte besuchen, denn wir haben uns ja nicht zerstritten, sondern sind alle immer noch Freunde. Ole sagt immer: Ich komme gerne vorbei, aber Mitmachen kann ich nicht, da bin ich noch nicht bereit zu. Man merkt noch, dass ihm sein Ausstieg weh getan hat. Aber befreundete Bands werden auf den Konzerten bestimmt mitmachen, mitsingen oder Instrumente spielen. Die ein oder andere Überraschung wird es schon geben. Für den ersten Teil der "Tangodiesel"-Tour versuchen wir auch Bands aus Düsseldorf und Umgebung mitzuschleppen, um die damit auch ein wenig zu unterstützen.

Ist bei euch einer in der Band für das Songwriting zuständig oder ist das eher ein Gemeinschaftsprozess?

Sebastian: Ein Gemeinschaftsding ist es eigentlich grundsätzlich. Es gibt halt immer einen, der mit einer Idee ankommt, die dann von allen überarbeitet wird. Die Texte stammen früher grösstenteils von Ole und von mir. Da Ole jetzt ausgestiegen ist, bin ich nun meistens derjenige, der mit den Ideen ankommt und schon fast ein fertiges Textgerüst mitbringt. Obwohl alles von allen erst abgesegnet werden muss, bevor etwas eingesungen wird. Da darf ich mir dann öfter mal einen anhören: Du kannst nicht zum zwanzigsten Mal 'Liebe' nehmen, das ist doch albern (lacht). Aber das muss nicht von mir kommen. Da können auch andere aus der Band ankommen und eine Idee haben. Bei uns ist das sowieso ganz komisch. Wir haben eigentlich immer schon beides da. Wir haben Musik und wir haben Texte. Und dann gucken wir, auf welchen Song der Text passen könnte. Irgendwie kriegen wir es dann hin, dass es doch ein schöner Song wird. Sehr mysteriös.

Wie lange dauert dann so ein Prozess bis zum fertigen Song?

Sebastian: Zum jetzigen Album kann ich da nur sagen, dass wir etwas unter Zeitdruck waren. Wenn ich eine Idee habe, versuche ich die auch immer direkt runterzuschreiben. Egal ob ich das dann auf dem Handy mal kurz einsinge oder einspreche oder es auf irgendwelche Zettel schreibe. Das bringe ich dann mit und dann wird geguckt, ob es passt. Mal geht's schneller und manchmal dauert's halt ein bißchen. Manchmal dauert das Überarbeiten länger als der Text an sich.

Und die Ideen beziehst du aus dem Alltag? Oder der Gesellschaftspolitik? Oder sind das autobiografische Sachen?

Sebastian: Alles ist eigentlich ziemlich persönlich. Wir haben halt immer eine Spassnummer dabei, die überhaupt nichts zu bedeuten hat und völliger Quatsch ist. Ansonsten sind das Erlebnisse oder Gefühle von uns selber.

Beliebte und letzte Frage für heute: Wenn du dein restliches Leben auf einer einsamen Insel verbringen müsstest, welche fünf Alben würdest du dann mitnehmen? Eigene Alben sind übrigens nicht erlaubt.

Sebastian: Fünf Alben? Ich würde (stöhnt)... das ist echt schwer. Ich würde auf jeden Fall ein Album mitnehmen, das mir viel bedeutet, nämlich "Died Laughing" von Keith Caputo. (überlegt) Ich würde von Metallica das "Schwarze Album" mitnehmen und "Live At Donington" von AC/DC. Was noch? Ein Album von Social Distortion. Da fehlt noch eins. Weisst du, ich tue anderen Leuten so Unrecht, wenn ich die nicht aufzählen würde. Das ist echt eine böse Frage (lacht). Als letztes nehme ich "The Art Of Rebellion" von den Suicidal Tendencies mit.

Sehr gute Wahl! Damit bist du erlöst.

Sebastian: Dann werde ich mich gleich wieder in den Jury-Sessel setzen und von diesen halbnackten Blondinen hier bedienen lassen und die Bands angucken (lacht).

Okay, dann viel Spass und vielen Dank für das Gespräch!

Ein ebenso dickes Dankeschön an Mariann Krott vom ConcertTeam NRW, die uns dieses Interview ermöglicht hat!

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