(Motorpsycho)
Vor ihrem Konzert in Köln stand uns Motorpsychos Bent Sæther für ein Interview im Gebäude 9 zur Verfügung. Ein halbes Jahr nach Erscheinen des aktuellen Albums "Child Of The Future" ist schon das nächste für Januar 2010 angekündigt. Wir hatten bereits die Möglichkeit in "Heavy Metal Fruit" hinein zu hören und möchten euch unsere Meinung dazu natürlich nicht vorenthalten. Die Eindrücke, die der Kollege Thorsten Schmidt beim Pre-Listening gesammelt hat, könnt ihr am Ende dieser Seite lesen. Das Interview mit Bent Sæther führte Thomas Welsch.

MHQ-Redakteur Thomas Welsch (links) im Gespräch mit Motorpsycho-Bassist Bent Sæther
Hallo Bent. 20 Jahre Motorpsycho, ist das für euch ein Grund zurück oder nach vorne zu blicken?
Sæther: Es ist nur etwas das wir auf die Plakate drucken können. Kein großes Ding für uns. Immer wenn wir was Besonderes machen oder feiern wollten, haben wir Mist gespielt. Bei den großen Events als es wichtig war, haben wir verkackt. Deswegen machen wir keine Partys und es wird keine Special Guests geben oder Ähnliches.
Das ist also gar keine Geburtstagstour?
Sæther: Na ja, in gewisser Hinsicht schon. Aber wir sind durch eine Umbesetzung ja auch irgendwie eine neue Band. Aber es ist ja nicht so, dass wir nichts getan hätten. Wir haben, ich weiß gar nicht genau, fünfzehn Alben rausgebracht und wir haben eine Liste von 60 bis 70 Songs aus denen wir für jeden Abend eine neue Setliste zusammenstellen. Wir versuchen so viel wie möglich von unserer Bandgeschichte zu repräsentieren. Unser Blick geht immer Richtung Zukunft. Wenn du deine Geschichte verwerten kannst als eine Art Sprungbrett, wenn du also deine alten Songs in neuer Form spielst und mit neuen Improvisationen versiehst, dann ist das schon eine gute Sache. Aber es fühlt sich dann nicht wie eine Retrospektive an.
Noch bevor die aktuelle Tour startete, habt ihr bereits die nächste für das Frühjahr 2010 angekündigt. Im März seid ihr noch mit Supersilent unterwegs, werdet ihr dann nur in Norwegen zu sehen sein?
Sæther: Ja, denn das ist eine spezielle Tour, die Rikskonsert heißt und von der norwegischen Regierung finanziell unterstützt wird. Die Jungs von Supersilent sind großartig und ich bin sicher, wir werden da was ganz Besonderes auf die Beine stellen.
So wie man Supersilent kennt, werdet ihr wohl noch nicht wissen, was das sein wird.
Sæther: Supersilent ist eine dieser Bands, die nie über Musik sprechen und nur freie Improvisationen machen. Wir kommen aus einer etwas anderen Ecke und improvisieren auf der Basis eines bestimmten Tempos oder einer bestimmten Tonart. Wir haben normalerweise mehr Struktur, aber die werden wir mit Supersilent wohl verlieren.
Hat Helge Sten auch euer kommendes Album produziert?
Sæther: Nein, es wurde von Kåre Vestrheim produziert. Er hat auch mit Marit Larsen zusammengearbeitet, ich glaube, sie ist in den deutschen Charts gerade. Er ist wohl der erste Producer, dem ich wirklich zugehört habe in Phasen wo es unterschiedliche Meinungen gab. Wir haben ihm 50 Demos gegeben und er hat seine Favoriten herausgesucht. Er hat uns viele Vorschläge gemacht, zum Beispiel was Veränderungen der Akkorde betrifft. Er spielt übrigens auch die Keyboards auf dem Album. Er hatte also einen großen Einfluss und das Album würde nicht so klingen, wenn er nicht gewesen wäre. Es war auch für mich persönlich eine gute Erfahrung, weil ich immer an Grenzen stieß, wenn er meine Songs mal wieder veränderte. Ich habe ihn auch geneckt, so nach dem Motto "komm gib mir noch ein bisschen Radiohead, komm gib noch ein bisschen von dem elektronischen Mist dazu". Es hat es geklappt, wir haben einen guten Weg gefunden.
Wir konnten ja in "Heavy Metal Fruit" vorhin reinhören. Der Stil ist ein ganz anderer als der von "Child Of The Future".
Sæther: Ja, du kannst einfach keine epischen 20-Minüter mit Steve Albini (Produzent von "Child Of The Future", Anm. der Redaktion) aufnehmen. "Heavy Metal Fruit" ist deutlich stärker produziert. Je nachdem mit wem du zusammenarbeitest, bekommt ein Album einfach eine ganz eigene Note.
Ich habe euch vor zwei Tagen in Bielefeld gesehen und es gab zum Beispiel neue Versionen eurer Songs "Ocean In Her Eye" und "Überwagner". Ist es so, dass ihr einfach Lust bekommt und die Songs in beliebige Richtungen verändert oder habt ihr das Gefühl, dass ihr jetzt die eigentlich richtige und passende Version gefunden habt?
Sæther: Also, es gibt die Studioversion und wir versuchen die Sachen so wie auf den Alben zu spielen, aber denken dann "hmmm…., arrr… es passt nicht richtig". Und dann fragen wir Kenneth (Schlagzeuger Kenneth Kapstad, Anm. der Redaktion) was er dazu meint, wie wir den Rhythmus ändern und andere Akzente setzen könnten, um die Songs interessanter zu machen. Ich habe das Gefühl, dass diese beiden Songs jetzt besser sind, als sie jemals waren, weil sie keine Konstruktionen mehr sind, sondern lebende, atmende Songs.
Wie würdest du Kenneths Einfluss auf Motorpsycho beschreiben?
Sæther: Ich habe in zwei Jahren mit ihm mehr gelernt, als in all den Jahren zuvor. Ich musste lernen, mein Instrument neu zu spielen. Auch der Fokus im Songwriting hat sich verändert. Kenneth ist in bestimmter Hinsicht ein metal-orientierter Musiker, unsere Musik ist also härter und rockiger geworden. Gleichzeitig ist er ein Jazz-Musiker. Dadurch wird unsere Musik zu einer Art intelligentem Dumb-Ass-Metal,… falls du weißt was ich damit sagen will. Was dabei rauskommt könnte man auch beschreiben als unpleasant Heavy Rock.
Um das zu verdeutlichen, gibt er ein Rhythmus-Beispiel, bei dem er die Takte zählt und zu ungewöhnlichen Momenten die Betonungen setzt.
Darauf kann man nicht besonders gut headbangen…
Sæther: Genau, deshalb unpleasant Metal. Dazu gibt es eine Story: Damals zu der Zeit als wir "Deamon Box" aufgenommen haben, hatte Snah einen Nachbarn namens Uwe. Er hat viel Hasch geraucht. Es gab also damals den Uwe-Test, bei dem wir ihm neue Songs vorspielten. Bei "Mountain" zum Beispiel hat er gekotzt und gesagt "das ist zuviel". Dann wussten wir, da ist zuviel Metal drin, es war zu eng. Uns ist es wichtig, die Songs zu erweitern und zu lockern. Der erste Song auf dem neuen Album "Starhammer" ist 13 Minuten lang und die Hälfte davon sind Improvisationen. Eine Mischung aus Dumb-Ass-Metal und Improvisationen. "Heavy Metal Fruit" eben, der Name sagt schon viel aus.

Die aktuelle Motorpsycho-Besetzung (v.l.n.r.): Hans Magnus Ryan (Gesang, Gitarre), Kenneth Kapstad (Schlagzeug) und Bent Sæther (Gesang, Bass)
Es gibt ja Fans, die sich viel Arbeit machen und eine Song-Statistik jeder Tour erarbeiten. Da kann man dann sehen, welche Songs wie oft gespielt wurden. Dabei ist mir aufgefallen, dass fast jedes eurer Alben aus den unterschiedlichsten Zeiten und Stilrichtungen mit Songs vertreten ist. Habt ihr da eine Absicht verfolgt oder ist das Zufall?
Sæther: Jedesmal, wenn wir auf Tour gehen, schauen wir in unseren Songkatalog und fragen uns, welche Songs haben Leben in sich und würden passen. Dann hole ich zum Beispiel die "Blissard" raus und überlege, welchen Song daraus könnten wir spielen. Deshalb gibt es ungefähr zwei oder drei Songs von jedem Album, die wir dann mit auf die Tour nehmen und neu entdecken. So machen wir das vor jeder Tour, Songs fallen raus, Songs kommen dazu. Was übrig bleibt, nennen wir dann Motherlist. Sie enthält die Songs, die wir spielen könnten, nachdem wir sie im Soundcheck hatten oder sie zwischendurch mal geprobt haben. Einige Lieder wie "Diana" und "Cornucopia" sind noch ganz frisch und wir haben sie noch gar nicht richtig gefunden. Wir spielen sie öfter als andere Songs und sind selbst gespannt, in welche Richtungen sie sich dabei entwickeln.
Führen die Inspirationen durch Kenneth und den Spaß, den ihr offensichtlich live habt dazu, ein neues Roadwork herauszubringen?
Sæther: Nun, wir nehmen alles auf und wir denken darüber nach, es zu veröffentlichen. Wir wissen noch nicht genau wie wir das machen würden. Keiner von uns hat nach einer Tour wirklich Lust, sich wochenlang hinzusetzen und sich alles nochmal anzuhören. Eine Option wäre, es bestimmten Leuten zu überlassen, alles abzumischen, jede Show auf einen Server zu laden und zum Download bereit zu stellen. Oder wir bringen tatsächlich ein neues Roadwork-Album raus. Aber das wäre hart, denn wer soll entscheiden, welche Songs da drauf sollen? Welches sind die besten Versionen? Wir werden sehen. In irgendeiner Form werden wir was rausbringen, denke ich.
Ihr seid jetzt auch schon eine ganze Weile im Geschäft. Wie seht ihr eure Zukunft?
Sæther: Mir ging es nie besser als heute. Die Band in der jetzigen Konstellation ist die beste, in der ich je gespielt habe. Die Verschiedenheiten, die Energie, der Fokus, die Inspiration sind einfach klasse. Privat spielt mein dreijähriger Sohn die Hauptrolle, er ist mein ein und alles. Beides lässt sich gut verbinden, denn wir versuchen eine Tour relativ kurz zu halten. Es gab auch eine dunkle Zeit als Geb (ehemaliger Drummer, Anm. der Redaktion) nicht mehr Schlagzeug spielen und was ganz anderes machen wollte. Darauf zu warten, dass er letztlich einen Schlussstrich ziehen würde, war hart. Als er dann schließlich ging, mussten wir neu anfangen und herausfinden, wer wir sind. Mit Kenneth sind wir wieder extrem vital geworden, so wie ich Motorpsycho Jahre lang nicht erlebt habe.
Ihr wirkt sehr unabhängig. Was sind die Kriterien, von denen ihr Entscheidungen abhängig macht?
Sæther: Es ist ein einziger großer Ego-Trip. Was Snah denkt, was Kenneth denkt und was ich denke, ist das Entscheidende. Und es geht immer nur um die Musik, alles andere ist nebensächlich. Solange wir diesen Hardcore-Musik-Fokus beibehalten sind wir gut. Und die Fans würdigen das. Wir machen keinen Zirkus. Ich weiß auch nicht genau, was Abend für Abend auf der Bühne passieren wird. Das läuft so nach dem Motto "Oh, er spielt das? Fuck you, ich spiel das". Man sieht das nicht so oft im Rock´n Roll, dafür gehst du dann auf ein Jazz-Konzert. Und das mit einem Rockpublikum machen zu können, ist sehr selten. Das ist unsere Nische.
Ich entschuldige mich schon mal im voraus für die letzte Frage, weil ich vermute, dass sie dir schon sehr oft gestellt wurde: Du spielst als Linkshänder einen Rechtshänderbass, das heisst, deine tiefe E-Saite ist unten. Wie es dazu kam, kann ich mir vorstellen, aber ist es technisch gesehen ein Vor- oder Nachteil oder macht es keinen Unterschied?
Sæther: Ja, ich bin das schon sehr oft gefragt worden. In der Schule gab es damals keine Linkshändergitarre, also hab ich mir eine für Rechtshänder genommen. Beim Bassspielen macht es keinen Unterschied, weil du keine Akkorde spielst. Mit der Gitarre ist es eher ein Nachteil, weil du die hohen Töne recht umständlich greifen musst. Die Akkorde klingen dadurch auch anders, manchmal sogar etwas interessanter. Wie auch immer, ich kann nur so spielen und hab mich nie drum gekümmert, die normale Art zu lernen.
Vielen Dank Bent, dass du dir die Zeit für uns genommen hast.
Einen herzlichen Dank auch an Dennis Saia von Starkult Promotion in Düsseldorf, der uns dieses Interview ermöglicht hat!
Thorsten Schmidt über das im Januar erscheinende "Heavy Metal Fruit":
"Jazz is not dead, it just smells funny" – Frank Zappa anno 1974 soll das inhaltliche Motto ausgeben: Nie war ein Motorpsycho-Album näher an der experimentellen Improvisation und der Freiheit des Jazz und der Aufdeckung der Hardrock-Wurzeln dieser Band. Allein der Albumtitel gedenkt Blue Öyster Cult ("Me 262") und steht für fallende Metallbomber – noch Fragen?
Zwar gab es um die Jahrtausendwende bereits "Let Them Eat Cake" und harmonische Leichtigkeit, aber jetzt spielen die drei Norweger eher Bitch’n Brew als Kind o‘ Blue! Dank Kenneth Kapstad ist der Motor wieder im Psycho und wurde sogar noch getuned. So scharf und zugleich edel klangen sie noch nie! Daran hat auch Produzent Kåre Vestrheim seinen Anteil, der die Band erstmals im Songwriting von außen beeinflusst und eine Menge Instrumente mit beisteuerte. Von Classic-Heavy-Rock über smoothen Jazz und Space-Odyssee bis zur Suite wird auf "Heavy Metal Fruit" alles geboten.
Sechs Stücke in gut 60 Minuten, so findet motorpsychedelisches Livefeeling – also Jammen – ausreichend Platz. Mit dem zwölfminütigen "Starhammer" geht es gleich richtig knackig los, der Gesang mit Effekten raffiniert in Szene gesetzt, Vibraphon und der beste Drumsound seit dem Abgang von Gebhardt. Überhaupt ist der Sound insgesamt so gut wie noch nie in der neuen Besetzung: warm, pur und direkt und edel wie es sich für diese Band schon längst gehört hätte. Bei "X3 Knuckelheads In Space" stand dann eindeutig Miles Davis Pate, die Trompete im Studio übernahm Mathias Eick (Jaga Jazzist). Den Sound werden die Drei so wohl nicht auf die Bühne bekommen. Aber das macht nichts, denn "Close Your Eyes" war bereits auf der 2002er Tour ein Highlight und ist hier nun arg gekürzt. Oder sagen wir: Es hat noch Luft zum Atmen. Das abschließende "Bullible’s Travails" beschert uns ein echtes Debüt: Ein Duett von Snah mit einer Frau - der norwegischen Sängerin und Multiinstrumentalistin Hanne Hukkelberg. Der Track ist, ähnlich wie einst "Little Lucid Moments", stark schematisiert und bringt es auf gut 20 Minuten. "Heavy Metal Fruit" zeigt die dank Kenneth Kapstad wiedererstarkten Motorpsycho sound- und spieltechnisch auf ungeahnt hohem Niveau. Wo soll das bloß noch hinführen? Einfach herrlich!
Tracklist:
Starhammer
X3 Knockelhaeds In Space
Bombroof & All Beyond
Close Your Eyes
W.B.A.T.
Bullible’s Travails