Interview mit Nada Surf-Bassist Daniel Lorca in Köln

(Nada Surf)

20.04.2010 von Simon Baranowski

Es ist ein sehr sonniger Tag. Wie soll es auch anders sein? Nada Surf spielen im schönsten Kölner Club - dem Gloria Theater. Draußen ist noch nichts zu spüren, dass es hier in der Apostelnstrasse gleich richtig poppig wird. Allenfalls einige Hardcore-Fans schwirren durch die Strasse. Drinnen läuft der Soundcheck der Vorband. Ich warte in aller Ruhe an der Bar, bis mich der Tourmanager abholt und ich in den Backstagebereich darf um Daniel Lorca, den Bassisten von Nada Surf, zu interviewen.

Der Grund: "If I Had A Hi-Fi" – das sich von hinten wie von vorne gelesen gleich bleibt. Ein Palindrom, so wie "O Genie, der Herr ehre Dein Ego!". Passend dazu, sind auf Nada Surfs neuem Werk nur Coversongs untergebracht. Von großen Namen hört man da: Depeche Mode, Kate Bush oder The Go-Betweens. Aber auch unbekannte Bands, wie die spanische Band Mercromina oder der amerikanische Poprock Sänger Dwight Tilley (unser Review findet ihr hier). Nach der ausgiebigen Tour im Jahre 2008 mit ihrem Longplayer "Lucky" war es zuletzt wieder etwas ruhiger geworden um Matthew Caws, Daniel Lorca und Ira Elliot. Von einem regulären Nachfolger, also einem echten Nada Surf Album, war nicht die Rede. Umso überraschender tauchte dann ein Demo des "If I Had A Hi-Fi" Openers "Electrolution" auf. Die Freude war bei der Anhängerschaft natürlich gross, als sich kurze Zeit später herausstellte, dass nicht nur ein komplettes Coveralbum folgt, sondern auch ein paar Abstecher nach Deutschland. Doch auch Skepsis machte sich breit auf Grund der Songauswahl des Coveralbums. Sehr bekannte Lieder eingereiht zwischen vielen Neuentdeckungen. So war ich gespannt, was mir Daniel Lorca über die Entstehungsgeschichte des neuen Albums erzählen konnte.

Nada Surf (v.l.n.r.): Daniel Lorca, Matthew Caws und Ira Elliot

Hi Daniel.

Daniel Lorca: Hi.

Wie fühlst du dich?

Daniel Lorca: Okay soweit. Ziemlich nüchtern. Ich meine, alles läuft grade wunderbar. Wir sind super aufgeregt. Der Grund für das Coveralbum war einfach, dass wir was nicht ganz so aufwendiges, was schnelles und einfaches machen wollten und somit auch eine Grundlage schaffen konnten für das sechste Nada Surf Album. Wir sind richtig vernarrt in das Album, weil wir es nach einem gleichem Schema gemacht haben wie ein normales Album. Es war ja noch nicht mal geplant auf Tour zu gehen. Aber letztendlich investierten wir Zeit und schon was Geld, von daher wollten wir dann wenigstens ein bisschen durchs Land touren. Die Albumaufnahme gab uns eine gewisse Energie, die wir vorher nicht verspürten.

Um dann auch den Fans was zurückzugeben und nicht so lange von der Bildfläche zu verschwinden?

Daniel Lorca: Ja, auch. Ich meine, klar, du willst natürlich nicht komplett abtauchen, du willst natürlich auf irgendeine Art und Weise präsent sein. Jetzt sind wir auf Tour und das Album kommt bald raus. Als Download glaube ich jetzt schon erhältlich. So ist es halt.

Hat euch die Aschewolke in euren Tourplänen in irgendeiner Weise behindert?

Daniel Lorca: Absolut nicht. Wir haben im Voraus geplant. Wir sind mit dem Bus unterwegs. Wir landeten vor dem ganzen Mist in London und sind dann über den Kanal nach Holland gekommen und nun hier.

Gab es eine Grundidee, warum ihr gerade ein Coveralbum machen wolltet? War es eher eine spontane Aktion oder doch geplant?

Daniel Lorca: Wir hatten schon länger mit der Idee gespielt. Vor zwei Alben, bei "The Weight Is A Gift" dachte sich unser Schlagzeuger Ira den Titel "If I Had A Hi-Fi" aus. Welcher großartig ist, weil es ein Palindrom ist. Von hinten heißt es genau dasselbe wie von vorne. Damals haben wir schon darüber nachgedacht diesen Namen zu benutzen. Und dann kam der Gedanke irgendwie zurück zu uns und wir dachten, dass dieser Titel perfekt wäre für ein Coveralbum. Wir haben wie gesagt schon mal daran gedacht so ein Album zu machen. Aber wir hatten nie die passende Gelegenheit dazu. Immer waren wir in der Planung für das nächste Nada Surf Album. Und jetzt wollten wir nach "Lucky" nicht unbedingt das nächste Album direkt hinterher schieben und hatten etwas mehr Ruhe. So kam dann eins zum anderen, um jetzt dieses Album dazwischen zu schieben.

Wie schwierig war es, nicht genauso zu klingen wie die Originalsongs? Als ich das Album zum ersten Mal hörte, hatte ich nur Nada Surf im Kopf und nicht die Original-Interpreten. Das finde ich ja ganz gut. Immerhin covert ihr Bands aus rund vier unterschiedlichen Jahrzehnten. Von den Moody Blues bis hin zu den aktuellen Soft Packs. Habt ihr diese Songs gewählt, weil sie vielleicht an eurem Sound sehr nah dran sind?

Daniel Lorca: Eigentlich war es alles sehr einfach, weil wir es genauso gehandhabt haben wie ein herkömmliches Nada Surf Album. Für "Lucky" zum Beispiel hatten wir 36 Songs. Wir haben eigentlich zu Beginn nie eine strikt vorgegebene Route oder Richtung, die wir einschlagen wollen. Wir sind eher offen gegenüber allem was da auf uns einfließt. Von den 36 Songs heben sich einige dann etwas ab und die schaffen es dann auf das jeweils aktuelle Album. Egal ob es dann die schnelleren oder langsameren waren die in die Form passten. Irgendwie hatte es immer funktioniert. Als wir jetzt zusammen kamen, trafen wir uns zum Essen und tranken was miteinander. Jeder brachte ein paar Songs mit. Und nachdem wir uns das dritte Mal innerhalb einer Woche getroffen hatten, hatten wir an die 90 Songs zusammen. Und wieder einige Wochen später stellte man fest, dass da noch was fehlte. Warum haben wir nicht an den Song gedacht, oder an den? Ich habe dann für Freunde und befreundete Leute aus dem Musikbuisiness eine Webseite geschaffen, auf der alle Songs inklusive mp3s gelistet waren. Dort konnten die Leute Kommentare zu den Tracks abgeben, so dass uns in der Entscheidung geholfen wurde. Die Leute konnten auch eigene Vorschläge machen und Songs hochladen. Nachher hatten wir 120 Songs auf der Liste…

Und letztendlich haben es nur 11 oder 12 geschafft?

Daniel Lorca: Wir haben 15 zum Schluss gehabt. Vier mehr als wir veröffentlicht haben, bzw. veröffentlichen werden. Wir haben die Songs in verschiedene Kategorien eingeteilt. A, B und C. Die Titel der C-Kategorie gingen überhaupt nicht und waren die absolut falsche Wahl. Bei B hätte es vielleicht klappen können, aber bestimmte Gründe sprachen dann dagegen. Dass es zu sehr nach Nada Surf klingt, schon im Original oder dass es doch zu unbekannt ist. Dann hatten wir nur noch die Songs in der A-Liste. Ab da war es dann ziemlich einfach.

"Ich fühle mich mehr zu Hause hier in Europa, obwohl ich in einigen Ländern die Sprache nicht beherrsche."

Ihr covert auf eurem Album Depeche Mode, Kate Bush, The Go-Betweens und für den O.C. California Soundtrack habt ihr auch mal OMDs "If You Leave" gecovert.

Daniel Lorca: Ja, das wurde uns aufgeschwatzt. Die Produktionsfirma der Serie wollte uns haben für diesen Song und sie versprachen uns einen Nada Surf Song dann in einer anderen Folge zu benutzen. Sie haben uns also gekauft.

Fühlt ihr euch denn stark verbunden zu der Pop-Musikszene der 80er oder vielleicht noch zu der Anfang der 90er?

Daniel Lorca: Wir sind da aufgewachsen. Mehr oder weniger. Wir sind alle sehr früh mit Musik groß geworden. Ich habe einen älteren Bruder und schon früh Led Zeppelin gehört und so was. Matthew und Ira haben beide ältere Schwestern. So haben wir alle im  jungen Alter andere reifere Musik gehört, als vielleicht andere. Wir lebten einfach nur in dieser Zeit.

Warum habt ihr denn genau "Enjoy The Silence" von Depeche Mode genommen? Als ich das hörte dachte ich, ob das überhaupt gut geht, weil der Song ein wenig ausgenudelt ist. Dass es vielleicht zu risikoreich sei gerade diesen zu covern. Kam deshalb auch die Entscheidung den Song in Rhythmus und Tempo so stark zu variieren?

Daniel Lorca: Eigentlich nicht. Ich meine, ich kannte den Song vorher gar nicht. Aber ich bin auch ein kleiner Freak was das angeht, weil ich fast gar kein Radio höre und auch kein TV schaue. Die meiste Musik bekomme ich über Matthew und Ira. So musste ich mich bei vielen Songs erstmal um Recherche bemühen. Das ist eigentlich eine Sünde, aber ich gehe da ziemlich lässig mit um, wenn es um neue Musik geht. Matthew und Ira sind da ganz anders. Wenn die über was stolpern, dann kommen sie immer an und sagen: Daniel, dass könnte dir gefallen – Blonde Redhead heißen die oder die hier, Metric. Hier Sunny Day Real Estate. Was für ein herrlicher Name. Und nun ist es eines meiner Favoriten. Ich hatte wirklich keine Ahnung und ich habe "Enjoy The Silence" davor noch nie gehört.

Wirklich?

Daniel Lorca: Ich wusste, dass es ein Hit war. Das schon. Ich habe zu mir gesagt, dass ich mir die Originale nicht anhören werde. So gut ich konnte. Ich konnte selber darüber entscheiden bei welchen ich es mache und bei welchen nicht. Aber diesen Song wollte ich nicht hören, weil unsere Version vielleicht sonst zu nah am Original gewesen wäre. Ich wollte es zudem in Betracht ziehen, dass es auch ein Song von Matthew hätte sein können. Sollte man das nicht schneller spielen? Oder warum nehmen wir nicht diesen Beat? Solche Fragen kamen dann auf. Und wenn du diese Freiheit haben willst, ist es nur von Vorteil den Song nicht zu kennen. Wie willst du sonst richtig kreativ sein, wenn du jede einzelne Note schon vorher kennst? Matthew nahm ein paar Demos vorher in seinem Schlafzimmer auf einem kleinen Kassettenrecorder auf.

Hast du dir die Originale denn später wenigstens angehört? So zum Vergleich dann?

Daniel Lorca: Vor zwei Wochen. Einige habe ich auch vorher schon mal gehört. Aber dann habe ich nur noch unsere Versionen gehört. Eine Million Mal ungefähr. Normalerweise höre ich im Nachhinein unsere Alben eher selten bis gar nicht. Die Originale hörten sich total anders an. Ich war richtig schockiert. Matthew spielte die Songs auf der Akustikgitarre ein und er veränderte alles das, was er verändern wollte. Zusammen haben wir dann alles andere drum herum arrangiert. So war es alles sehr einfach. Gerade auch "Enjoy The Silence". Die Songs die ich besser kannte waren umso schwieriger zu variieren.

Ihr habt einen französischen und einen spanischen Song auf eurem Coveralbum. Gewidmet eurer großen Anhängerschaft in Frankreich und in Spanien? Werdet ihr auch mal in Deutsch singen? Matthew fängt ja immer bei den hiesigen Shows an deutsch zu sprechen und erzählt von seinem Schuldeutsch.

Daniel Lorca: Zwei der Songs, die wir für "If I Had A Hi-Fi" auf den Listen hatten waren deutsche bzw. österreichische Songs. Drei waren es, aber der dritte war in Englisch gesungen, aber eine österreichische Band. Wir haben es eigentlich nicht speziell für die Fans gemacht, sondern eher weil es uns wichtig war. Ich höre viel spanische Musik und Matthew und ich sprechen beide französisch. Musikalisch ist Frankreich für uns irgendwie sehr interessant. Das war alles so offensichtlich, dass wir es einfach machen mussten. Wir setzten die Songs also einfach mit auf die Liste. Wir mussten sie nicht nehmen, aber sie waren am Ende einfach übrig geblieben.

Das neue Nada Surf-Album "If I Had A Hi-Fi" erscheint am 7. Mai!

Weißt du, ob irgendein Cover von einem Nada Surf Song im Umlauf ist?

Daniel Lorca: Da gab es mal dieses verrückte Gerücht, dass die Foo Fighters "Always Love" auf einer ihrer Liveshows gecovert haben. Das Gerücht entstand hier in Deutschland und ich konnte nie herausfinden ob es tatsächlich so war. Ein Freund eines Freundes war auf einem Foo Fighters Konzert und der erzählte das dann wohl. Wenn das stimmt rockt das gewaltig. Oh, und die Band America hat auch mal "Always Love" gecovert.

Wie ist eigentlich das Leben in New York City bzw. in Williamsburg? Man hört so einiges, weil sich dort ziemlich viele Musiker und Künstler rumtreiben.

Daniel Lorca: Jetzt lebe ich ja gar nicht mehr da. Vor 21 Jahren bin ich da hingezogen. Es war so ein renoviertes Industriegebiet. Da habe ich eine Wohnung unterm Dachboden gehabt. Es war gefährlich aber es war auch cool. Wirklich voll mit Musikern und Künstlern. Viele sind dort hingezogen. Es ist immer noch ne schöne Gegend. Wenn du zum Supermarkt gehst und da dann einen von T.V. On The Radio triffst... Hey Kyp, wie geht’s dir? Alles klar? Das hört glaube ich nicht so schnell auf da. Einige Wichtigtuer sind zwar hinzugezogen, aber es bleibt ein cooler Ort mit netten Bars und Kneipen und einer sehr funkigen Nachbarschaft.

Du hast auch eine Wohnung in Wien? Stimmt das?

Daniel Lorca: Ja, ich bewege mich immer zwischen Spanien, wo ich auch lebe, Wien und dem Touren hin und her.

Wie war es denn früher zwischen der amerikanischen und der europäischen Kultur so hin und her zu wandern? Welche Art von Kultur bevorzugst du?

Daniel Lorca: Ich bevorzuge eindeutig die europäische. Ich komme ursprünglich aus Spanien, von daher. Die Staaten mag ich nicht ganz so besonders. Ich meine, es gibt auch da tolle Plätze. San Francisco ist toll, auch New York. Da gibt es einiges was ich mag. Aber bist du schon mal durch Alabama oder Arkansas gefahren? Da fühle ich mich wie ein Fisch dem das Wasser fehlt. Schwierig für mich. Ich fühle mich mehr zu Hause hier in Europa, obwohl ich in einigen Ländern die Sprache nicht beherrsche.

Ich habe kürzlich von einer Beatles Coverband namens Bambi Kino gehört. Angeblich sollen da Mitglieder von Cat Power, Maplewood, Moby und auch Nada Surf mitmachen. Bist du in diese Sache involviert?

Daniel Lorca: Das ist Iras Ding. Er ist der Beatles Guru. Ich glaube, das startete als wir beim letzten Mal in Deutschland waren. Wir spielten neben dem Club, wo das erste Beatles Konzert stattfand. Und dieses Jahr ist das 50 Jahre her. Das ist es worum es da geht. Deshalb haben die sich dann zusammengetan und ein paar Beatles Songs eingespielt und aufgenommen.

Was können wir von der heutigen Show erwarten? Gibt es irgendwas Besonderes?

Daniel Lorca: Eigentlich so wie immer. Ein paar neue Songs und ein paar alte. Wir haben Martin Wenk von Calexico mit an Bord. Der spielt Trompete zum Beispiel bei "80 Windows". Und auch den kräftigeren Gitarrenpart bei "Blankes Year". Das hört sich großartig an.

Zum Abschluss noch die Frage nach dem, was du gerade liest und was du in deinem Musikplayer hast?

Daniel Lorca: Momentan lese ich "Hundert Jahre Einsamkeit" von Gabriel García Márquez. Das ist überwältigend. Lese ich schon zum vierten Mal. Davor habe ich "The Omnivore's Dilemma: A Natural History Of Four Meals" gelesen. Ein Buch übers Essen. Vom wirtschaftlichen, historischen und auch biologischen Aspekt her gesehen. Die Beziehung zwischen der menschlichen Art und dem Essen selber. Irgendwie verpackt in ein Vier-Gänge-Menü. Mit Fast Food fängt es glaube ich an. Der Typ musste vor dem Buch erstmal sechs Jahre recherchieren. Was war das andere?

Die Musik die du gerade hörst.

Daniel Lorca: Ah ja. Das neue Soft Pack-Album habe ich mir besorgt. Sea Wolf. Und das letzte Metric-Album. Hatte ich schon fast vergessen, dass ich es habe und habe es dann wieder gefunden und für mich neu entdeckt.

Alles klar. Vielen Dank für das Interview und eine gute Show wünsche ich euch.

Daniel Lorca: Kein Problem. Auch dir viel Spaß nachher.

Ein grosses Dankeschön an Jan Schewe von Affairs Of The Heart, der dieses Interview für uns möglich gemacht hat!

Und wie das anschließende Konzert im Kölner Gloria war, könnt ihr hier nachlesen!

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