(Porcupine Tree)
Porcupine Tree veröffentlichten kürzlich ihre zweite Live-DVD mit dem Titel "Anesthetize", die unter anderem eine komplette Performance von "Fear Of A Blank Planet" enthält. Keyboarder Richard Barbieri war bereit, uns einige Fragen dazu per Mail zu beantworten.
Hallo Richard! Wir haben einige Fragen zur aktuellen DVD und den weiteren Plänen von Porcupine Tree. Doch zunächst: Wie würdest du Leuten, die noch nie von euch gehört haben, die Musik von Porcupine Tree beschreiben? Was ist das Besondere an eurer Musik?
Richard: Eine der stärksten Eigenschaften der Band ist die Vielfalt musikalischer Stilrichtungen, selbst innerhalb eines Songs. Dynamisch und emotional ist unsere Musik sehr variabel und zudem schwer mit anderen Künstlern zu vergleichen, da es nur "Elemente" anderer Bands sind, die kommen und gehen. Zum Beispiel ist ein Song wie "Half Light" stellenweise eine Reminiszenz an Sigur Rós, "Signify" besitzt eine Sektion, die verwandt ist mit Krautrock, um dann am Ende so ähnlich wie Rush zu klingen. "Sleep Together" und "The Incident" besitzen Elemente von NIN und der erste Teil von "Anesthetize" klingt – wie ich meine – eher nach Radiohead / Muse. Unsere älteren Werke wurden gerne mit "sehr Pink Floyd ähnelnd" beschrieben. Auch viele Tool-Fans scheinen uns zu mögen. Außerdem verwenden wir mitunter Harmoniegesang, der mit den Beach Boys vergleichbar ist.

Wenn du die neue DVD "Anesthetize" mit "Arriving Somewhere... " vergleichen müsstest – warum ist "Anesthetize" die bessere (falls du überhaupt der Überzeugung bist)?
Richard: "Anesthetize" wurde viel professioneller mit 18 oder 19 Kameras gefilmt und Lasse Hoile, der seit langem unser künstlerischer Mitarbeiter ist, war verantwortlich für die Leitung und sein Team konnte viel gute Ideen und Erfahrungen in den Prozess einbringen. Diesmal lag die Betonung stärker auf den Musikern – und ich denke, die Persönlichkeit der Bandmitglieder kommt in diesem Video besser zum Tragen.
Was sind die Kriterien, um als Kameramann für einen solchen Dreh ausgewählt zu werden? Davon abgesehen, dass man Profi sein muss, nehme ich an, dass man sich in gewissen Grenzen mit PTs Musik auskennen sollte?
Richard: Ein gewisser Grad an Kenntnissen der Musik ist hilfreich, in Wirklichkeit geht es aber vor allem darum, diszipliniert und ein Teil des Teams zu sein. Du musst bedenken, dass du nur eine Komponente im Gesamtkonstrukt bist und vielleicht einer bestimmten Rolle treu bleiben musst oder nur einen Aspekt der Show filmen kannst. Würden alle Kameraleute versuchen, zu künstlerisch und ausdrucksstark zu sein, dann wäre das Resultat ein Desaster. Die Tatsache, mehr Kameras zur Verfügung zu haben, gab uns die Möglichkeit, jedes Bandmitglied aus verschiedenen Blickwinkeln zu filmen und näher an das Geschehen und die Persönlichkeit der Musiker heranzugehen.
Die Show in Chicago letzten Monat wurde ebenfalls mit mehreren Kameras gefilmt. Werden Teile davon oder gar der ganze Gig für eine weitere Veröffentlichung als Live-DVD verwendet?
Richard: Wir filmten das "The Incident"-Material und arbeiteten diesmal mit einer anderen Kameratechnik und mit einer anderen Mannschaft. Das Resultat wird hoffentlich Teil einer zukünftigen DVD-Veröffentlichung werden. Wir suchen nun nach interessanten Wegen, dieses Projekt zusammen mit weiteren Filmaufnahmen zu entwickeln. Wir sind zuversichtlich, dass wir etwas Besonderes daraus machen können. Wir wollen kein Filmmaterial verwenden, das es schon auf den vorherigen DVDs gegeben hat.

Da ihr jetzt in viel größeren Konzerthallen spielt als noch vor wenigen Jahren – was sind die Vor- und Nachteile kleiner Clubs und was sind die Vor- und Nachteile großer Theater?
Richard: Der Sound in kleinen und großen Spielstätten kann oft ein Problem sein, aber unser Tontechniker macht in beiden Fällen einen guten Job. Ein Vorteil kleiner Orte ist, dass die Atmosphäre für gewöhnlich vibrierender ist und die Band mit der Menge interagieren und sie mit Schwingungen füttern kann. Ein Nachteil ist, dass das Subtile der Musik oft verloren geht und es nicht möglich ist, eine große Lightshow mit Filmen abzuziehen. Ein Vorteil von größeren Locations ist, dass du deine Bühnenshow mit Licht und Filmen in Bestform präsentieren kannst. Du fühlst dich ein wenig abgetrennt und distanziert vom Publikum, was eigentlich gut für mich ist, aber mühsamer für die Jungs vorn an der Bühne, die ein Feedback von der Menge brauchen. Ich neige nicht dazu, in großen Sälen nervös zu werden, aber manchmal fühle ich mich in den kleinen Clubs ein wenig unbehaglich, wenn das Publikum sehr nah ist.

Was denkst du über Leute, die in erster Linie nicht wegen der Musik zu Konzerten gehen, sondern eher, um ihren Freunden während der Show ihre Lebensgeschichte zu erzählen und betrunken zu werden? Ist das mit dem steigenden Erfolg von PT noch beliebter geworden?
Richard: Es ist erstaunlich, oder? Allen Bands passiert dies, sei es bei großen oder kleinen Shows. Ich glaube, diese bedauernswerten Kreaturen sind nicht in der Lage, ihre Funktionen an dem Punkt zu kontrollieren, wo sie unfähig sind, irgendetwas aufzunehmen, zu verstehen oder zu erfahren, das ein klein wenig Aufmerksamkeit verlangt. Ich fürchte, die sind bei jedem Aspekt ihres Lebens so. Und ich befürchte zudem, dass nicht eine einzige Person dabei ist, die dies zugeben würde. Die merken das nicht einmal selbst.
Kannst du uns einen kleinen Teaser geben, was eure Fans sich von den beiden speziellen PT-Shows im September / Oktober in New York City und in London erwarten dürfen?
Richard: Nicht wirklich. Uns ist bewusst, dass die Leute etwas Spezielles erwarten und gerne Stücke hören wollen, die wir seit langer, langer Zeit nicht mehr gespielt haben. Wir werden natürlich "The Incident" zum letzten Mal in voller Länge spielen, aber das lässt uns noch zwei Stunden für etwas anderes übrig.
Soweit ich mich erinnere, habt ihr in 2007 einige Shows für ein Live-Doppelalbum aufgenommen, inklusive der Show in Atlanta. Ich habe irgendwo gelesen, dass diese Show bereits fertig abgemischt ist – wird daraus irgendwann eine anständige Veröffentlichung werden?
Richard: Das könnte sie ganz bestimmt. Es war tatsächlich eine gute Show, auch wenn ich das zu diesem Zeitpunkt nicht dachte. Ich glaube, es ist alles gemischt und fertig. Bin aber nicht sicher, wie groß das Interesse daran ist.

Und natürlich die letzte Frage: Wird es in 2011 eine neue PT-Veröffentlichung geben?
Richard: "Nein" ist die kurze Antwort auf diese Frage. Höchstwahrscheinlich werden wir gegen Ende des Jahres mit der Absicht zusammen kommen, neues Material zu schreiben und aufzunehmen, wenn wir uns inspiriert fühlen und neue und aufregende Ideen beizutragen haben. Wenn es dazu kommt, dann wird eine Veröffentlichung in 2012 folgen.
Danke für die Zeit, die du dir für uns genommen hast!
Richard: Keine Ursache.
Herzlichen Dank an Thomas Müller für die Unterstützung bei Fragen und Übersetzung und an Sandra Eicher, die den Kontakt zur Band hergestellt hat.