(Porcupine Tree)
Ich treffe Gavin Harrison, den Drummer von Porcupine Tree, an einem schönen Abend in Köln. In einem kleinen Raum Backstage erzählt Gavin von der neuen Show, dem aktuellen Album und seinem Leben als Drummer.
Ihr habt gerade eine US-Tour hinter euch gebracht. Wie waren bisher die Reaktionen auf die neue Show und das neue Album?
Gavin: Sehr gut, sehr gut! Letztes Jahr haben wir zwanzig Shows gegeben, zehn in den USA, zehn in Europa. Wir spielten das neue Material, bevor wir es überhaupt aufgenommen hatten. Wir wollten sehen, wie das Publikum darauf reagiert. Es ist interessant, wenn man Reaktionen auf ein Werk bekommt, das eigentlich noch in Arbeit ist. Als wir dann mit den Aufnahmen begannen, hatten wir eine Ahnung davon, was musikalisch gut funktioniert und was nicht. Das gab uns die Chance, die Songs noch weiterzuentwickeln. Und jetzt, wo wir eine US und eine UK-Tour hinter uns haben, haben wir den Eindruck, dass das neue Material gut ankommt.
Was hättet ihr denn gemacht, wenn letztes Jahr die Reaktionen des Publikums auf das neue Album sehr schlecht ausgefallen wären?
Gavin: (lacht hysterisch) Ich weiß nicht. Wahrscheinlich hätten wir einige Dinge geändert. Wir waren wirklich sehr gespannt, wie das funktionieren würde. Wir hatten so was noch nie gemacht. Stell Dir vor, wir haben das gesamte Album live gespielt. Es war sehr mutig. Wir haben ein sehr aufmerksames Publikum: es kommt, um zuzuhören, nicht um zu tanzen, zu pogen, zu moshen oder was auch immer. Sie wollen die Musik genießen, und wir schätzen das sehr.
In wie fern unterscheidet sich die neue Show von den älteren?
Gavin: Erstmal spielen wie einen Song, den wir vorher nicht gespielt haben und für den wir einen anderen aus der Setliste rausgeschmissen haben. Er heißt „Way Out Of Here“. Es wird viele alte Songs geben, die wir selten spielen. Und ich glaube, das ist eine gute Mischung. Außerdem gibt es ein paar neue Filme für unsere Videoinstallation.
Habt ihr schon immer visuelle Effekte für die Live-Shows genutzt?
Gavin: Ja, zumindest seit ich in der Band bin, also in den letzten fünf oder sechs Jahren. Wir haben einen dänischen Regisseur, Lasse Hoile heißt er, der Filme zu unseren Songs produziert. Lasse.
Was passierte mit dem Film, den Hoile und Wilson zum Deadwing Album drehen wollten?
Gavin: Daraus ist nichts gewordenÂ…
Wird jemals etwas daraus werden?
Gavin: Oh, das weiß ich nicht. Ein Album zu produzieren ist ja schon mit viel Arbeit verbunden, aber einen ganzen Film zu drehen, nimmt sehr viel mehr Zeit in Anspruch. Und nicht nur Zeit, sondern auch sehr viel Geld. Daher weiß ich nicht, ob das jemals passieren wird.
Kommen wir zu „Fear of a Dark Planet“, eurem aktuellen Album. Es ist recht kurz ausgefallen mit nur sechs Songs.
Gavin: Na ja, in Wirklichkeit sind es acht Songs, denn das Stück „Anesthetize“ ist siebzehn Minuten lang.
Ich muss auch sagen, wenn ich sie höre, kann ich nicht wirklich verstehen, warum es nicht drei verschiedene Songs sind. Sagen wir mal, der erste und zweite Teil sind noch, vor allem durch deine Drumparts, miteinander verbunden, beim dritten Teil sehe ich nicht ganz die VerbindungÂ…
Gavin: Nun, sie haben alle dasselbe Tempo, sie sind in der selben Tonart geschrieben, und sie sind vor allem durch ihren Sinn für das Gesamtkonzept miteinander verknüpft. Für mich sind sie ein Ganzes. Es ist ein sehr langes Stück und rein physisch schon sehr schwer zu spielenÂ… Wir haben auf jedem Album einen längeren Song (lacht aus unerfindlichen Gründen). Unser Publikum mag längere Songs, und das ist eine sehr positive Sache, denn das führt uns weg vom 3-Minuten Popsong und der Idee der Singleauskopplung. Wir sind keine Band, die Singles für das Radio produziert.
Wo sind denn die Hauptunterschiede zwischen dem Vorgänger „Deadwing“ und „Fear of a Dark Planet“?
Gavin: Das neue Album ist im Grunde ein großes Ganzes, während „Deadwing“ einfach eine Sammlung von unterschiedlichen Songs ist. Natürlich hat auch „Deadwing“ ein Thema, das auf dem Drehbuch basiert. Das neue Album hat als Thema das Leben als Kind in der modernen Welt, all die verrückten Dinge, die es gibt, Drogen, technisches Spielzeug usw.
Es nähert sich dem Thema allerdings auch mit großem PessimismusÂ…
Gavin: Ja, das stimmt wohl. Aber das gilt glaube ich für jede Generation. Meine Eltern haben, als ich ein Kind war, also in den 70ern, unsere Generation für ziemlich verrückt und hoffnungslos gehalten. Die Dinge, die wir taten, waren provokativer als die Dinge, die sie in ihrer Kindheit getan hatten. Und ich bin sicher, dass es ihnen mit ihren Eltern genauso ging. Als mein Vater die Musik hörte, die ich als Teenager gerne hörte, war er einfach nur entsetzt (lacht).
Hast du selbst Kinder?
Gavin: Nein, ich habe keine Kinder.
HmmÂ…
Gavin: Aha, damit hat sich die Frage also erledigt oder was? (Gelächter auf beiden Seiten)
Da hätte ich doch viele weitere kluge Fragen stellen könnenÂ… Aber ernsthaft, euer Ansatz ist ja schon sehr pessimistischÂ…
Gavin: Aber ehrlich gesagt sind wir ja auch nicht dazu da, um die Welt zu heilen oder die Probleme zu lösen, die diese Welt hat. Wir beobachten nur. Man kann die Leute ja auch nicht zwingen, wieder einen Schritt rückwärts zu gehen. Was soll man machen? Soll man ihnen die Computer und Playstations wegnehmen und die Kinder dazu zwingen, wieder im Park Fußball spielen zu gehen?
Man kann ihnen neue Werte vermittelnÂ…
Gavin: Ja, aber welche? In meiner Kindheit hatten wir diese Art Probleme nicht. Wir hatten gerade mal drei Fernsehprogramme – und das auch noch in Schwarzweiß! Damals war die soziale Interaktion wichtiger als jetzt.
Ich entnehme deinen Antworten, dass du dich mit Wilsons Texten identifizieren kannst, denn er schreibt ja die Songs. Aber in wie fern könntet ihr euch gegen Songtexte wehren, die euch gar nicht gefallen?
Gavin: Das kommt schon mal vor, dass man sich über die Musik oder die Texte nicht einig ist, und dann ist das eigentlich kein Problem. Es geht doch ganz schön demokratisch zu in der Band.
Porcupine Tree wird ja oft als progressive Band bezeichnet. Wie stehst du dazu?
Gavin: Ich stehe nicht wirklich auf Schubladen. Manche Leute denken z.B., dass die Band auf den letzten drei Alben metallischer geworden ist, aber ich kann nichts damit anfangen. Ich mag einfach nur Musik, ich bin damit aufgewachsen. Musik ist entweder gut oder schlecht, aber das definiere ich nicht über die Genres. Der einzige Punkt, dem ich zustimme, ist, dass wir progressiv sind, weil wie versuchen Fortschritte zu machen und musikalisch weiterzukommen. Wir versuchen aber nicht, 70er Jahre Progrock à la Genesis, Yes oder Pink Floyd zu machen, also diese klassische Ära, die die Meisten als progressiv bezeichnen würden. Wenn die Leute aber denken, dass wir progressiv sind, dann sollen sie das tun, anscheinend brauchen sie diese Kategorien.
Ja, gerade, was den Begriff „progressiv“ angeht, haben die Leute recht unterschiedliche Vorstellungen davon, wie solche Musik klingt. Aber kommen wir zu etwas völlig anderem: in den Booklets zu euren Alben habt ihr sehr oft Kinder oder überhaupt Menschen, wie kommt denn das?
Gavin: Ja, das stimmt, und wir sind meistens nicht drin. Wir glauben, dass die Leute sich mit einem Gesicht mehr identifizieren können als mit etwas Abstraktem. Auch wenn das Gesicht auf dem „In Absentia“ Cover ein eher Furcht erregendes Monstergesicht ist. Es sind aber viele unterschiedliche Gesichter, die unsere Alben repräsentieren. Wir haben meistens eine Idee davon, wie die Cover aussehen sollen, und geben diese Ideen weiter an einen Künstler. Ich meine, die letzten drei Cover wurden von Lasse gestaltet, dem Dänen, der auch die Filme produziert.
Du kamst erst 2002 zu der Band. Kanntest du sie vorher?
Gavin: Ja. Ich bin mit Richard dem Keyboarder schon sehr lange befreundet, wir haben zusammen schon an unterschiedlichen Projekten gearbeitet. Er stieß 1993 zur Band und er spielte mir immer wieder was von ihnen vor. 2001 habe ich sie mir live angeschaut ohne auch nur zu ahnen, dass ich selber einmal zur Band gehören würde. Als der letzte Drummer die Band verließ, fragte mich Richard, ob ich Lust hätte, nach New York zu kommen, um das Album „In Absentia“ als Session-Drummer aufzunehmen. Seit ich die Schule verlassen hatte, hatte ich als Session-Drummer für verschiedene Künstler und Projekte gespielt. Und so kam ich auch zu Porcupine Tree und diesmal blieb ich.
Es gibt ganz aktuell dieses Sideprojekt von Dir: o5RicÂ…
Gavin: Ja, das ist ein gemeinsames Projekt von mir und o5Ric. Ich weiß übrigens auch nicht, warum er sich so nennt. Ich habe ihn auf MySpace kennengelernt. Du kennst ja das Prinzip, Leute wollen deine Freunde sei,n und du klickst einfach drauf und akzeptierst die Freundschaft. Manchmal schaue ich mir die Leute aber auch an, wenn sie mir interessant erschienen. Meistens um nach fünf Sekunden schnell wegzuklicken, aber eines Tages klickte ich o5Ric an und dachte, verdammt, das ist richtig gut. Ich habe mir all seine Stücke angehört, was äußerst selten passiert. In seinen Kommentaren sah ich, dass einige Freunde von mir mit ihm befreundet waren. Also schrieb ich ihm und es kam raus, dass er in der Nähe von Cambridge lebt. Ich sagte ihm also, dass ich ihn gerne treffen würde. Wir spielten in Cambridge und er kam zum Konzert. Wir haben uns unterhalten und beschlossen dann, gemeinsam ein paar Songs zu schreiben. Ich habe manchmal ziemlich verrückte Rhythmus Ideen, von denen einige den Weg zu Porcupine Tree, einige aber auch nie ein Zuhause finden. Ich sagte also zu o5Ric, dass ich diese abgefahrenen Ideen hätte und – ich spiele auch Gitarre und Bass – einen Songwriter suche, der aus diesen Ideen etwas macht. Er war damit einverstanden und so schickte ich ihm einige meiner rhythmischen und harmonischen Konzepte, und das ging plötzlich sehr schnell. Wir haben schon ein ganzes Album geschrieben.
Neben solchen Projekten hast du ja auch schon Bücher und DVDs übers Trommeln veröffentlicht. Ist es eigentlich möglich als Fulltime-Drummer von dem Job zu leben?
Gavin: Überraschenderweise ja! Mein Vater war Berufsmusiker, und als ich mit 16 die Schule verließ, war es mein Traum, auch ein professioneller Musiker zu werden. Das bedeutet allerdings, dass man viele Dinge spielen muss, die man normalerweise nicht mag, z.B. auf Hochzeiten oder in Cafés oder mit anderen Musikern zu spielen, nur um Geld zu verdienen. Bevor ich 2002 zu Porcupine Tree kam, hatte ich nie in einer Band gespielt. Als sie mir sagten, dass sie mich gerne als festen Drummer hätten, war das etwas völlig Neues für mich.
Du bist im Modern Drummer Magazin dieses Jahr zum besten progressiven Drummer gewählt worden. Wie fühlst du dich? Du hast ja sogar Portnoy überholtÂ…
Gavin: Ja, ich glaube Portnoy hat die letzten zwölf Jahre immer gewonnen (lacht). Ich war sehr überrascht und fühle mich sehr geschmeichelt. Ich war früher nie in diesen Umfragen drin und ich hatte es auch nicht erwartet. Das war also eine sehr schöne Überraschung!
So, leider haben wir jetzt keine Zeit mehr für weitere Fragen, und ich hätte hier noch einige stehen. Zum Schluss noch die Frage: wie wird es für Dich weitergehen?
Gavin: Ich werde natürlich weiterhin bei Porcupine Tree spielen und auch mit meinem Sideproject weitermachen. Da sind auf jeden Fall noch einige Dinge geplant.
Vielen Dank für dieses Interview, Herr Gavin!