(Pure Inc.)
Die Schweizer von Pure Inc. haben sich rechtzeitig vor dem Jahreswechsel mit ihrem vierten Album "IV" zurückgemeldet. Gitarrenhero Sandro Pellegrini fand zwischen Konzert-, Weihnachtsvorbereitungen und Windelnwechseln beim Nachwuchs Zeit, um unserer Redakteurin Ingrid Silvasi einige Fragen zum neuen Album zu beantworten.

Euer aktuelles, viertes Album mit dem Namen "IV" ist seit über einem Monat auf dem Markt. Wie lange hat die Vorbereitung für dieses Album vom Songschreiben bis zur endgültigen Veröffentlichung gedauert?
Sandro Pellegrini: Eigentlich ist dieses Mal alles sehr effizient über die Bühne gegangen. Wir waren noch bei Dockyard unter Vertrag und dachten für Januar 2010 die neue Scheibe in die Läden stellen zu können. Wir hatten uns im Frühling 2009 ins Songwriting geworfen und hatten schon nach kurzer Zeit eine Vielzahl erstklassiger Songs im Repertoire... einige davon haben es zum Schluss nicht mal aufs Album geschafft. Im August ging’s ins Studio und das Album war Ende Oktober zur Abgabe an Dockyard bereit. Doch dann kam bekanntlich alles plötzlich ganz anders. Dockyard ging Konkurs und wir standen ohne Deal da. Die Suche nach einem neuen Label war überdies frustrierend, weil sich aktuell keine Firma mehr für eine Band wie Pure Inc. zu "commiten" schien. Also nahmen wir das Zepter selber in die Hand, gründeten Brownsville Records und bemühen uns so eine optimale Basis für Pure Inc. zu schaffen. Der Release der Scheibe dann endlich im Oktober, so hoffen wir, war erst der Anfang.
In wieweit haben sich die Vorbereitungen wie Songwriting und Aufnahmen für dieses Album zu den letzten Alben verändert?
Pellegrini: Ich denke wir haben insbesondere mehr "gejamt". Das passt einigen nicht, da wir uns hiermit weiter von den eingängigen Strukturen unseres Erstlingswerkes entfernten. Aber so fühlten wir die Songs zur der Zeit nun einfach – und so gab es für uns auch nur diese Richtung. Jam-geprägte Songs, die uns erlaubten, mehr Emotionen zu erfassen, einzufangen. Eine Liebhaber-Scheibe für Fans fliessender Rockmusik ist es geworden, ruhig, teilweise sehr bedacht, aber auch enorm energetisch, wenn sich unser Frust in der Musik entleert.
Was für Rückmeldungen habt ihr bis jetzt von den Kritikern und Fans auf das Album erhalten?
Pellegrini: Die Rückmeldungen sind durchs Band sehr positiv ausgefallen, wenn auch, im positiven Spannungsfeld, sehr unterschiedlich – was ausserordentlich interessant ist. Während dessen einige "lediglich" ein weiteres, gutes Album in "IV" sehen und uns indirekt gar mangelnde Entwicklung vorwerfen, ist "IV" hingegen von vielen, welche die Vielschichtigkeit des Album zu fassen vermögen, zum besten Pure Inc. Album erkoren worden. Du bist ja auch ganz zufrieden, oder (grinst)?
Ja, allerdings (wie man HIER nachlesen kann, d.Red.)! Welche Message hat euer neues Album?
Pellegrini: Musikalische Offenheit, sich vor auch fremden Einflüssen nicht zu verschliessen und die Hoffnung, dass Leute sich vertieft mit Musik auseinandersetzen. Wir haben sehr viel Energie und Emotion in dieser Scheibe verarbeitet. Dies hat das Album komplexer werden lassen und es bedarf daher einer tiefen Auseinandersetzung mit der Musik, wie auch mit den Texten... und dabei gibt es vieles zu entdecken, das auf den ersten Moment kaum wahrgenommen wird.
Das Zeichen Pik hat unterschiedliche Bedeutungen wie Ende und Neuanfang, beim Pokern ist es die wertvollste Farbe. Hat es einen besonderen Grund, warum ihr es mit einem Pure Inc. Schriftzug verbunden habt? Was möchtet ihr mit dem Pik-Zeichen ausdrücken?
Pellegrini: In erster Linie gefällt uns die Ästhetik des Zeichens und die Visualisierung als das für uns musikalisch wertvollste Pure Inc.-Album.
Was hat es mit dem Aufruf "Werde Bürger von Brownsville" auf sich?
Pellegrini: Wie gesagt, Brownsville Records ist aus der Not entstanden, dem strauchelnden Musikbusiness etwas konsistentes entgegenzuhalten. Vor allem ein Label, das Pure Inc. die nötige Stabilität geben soll. Auch darum fokussiert das Label aktuell einzig und alleine auf diesen Release von Pure Inc. Weitere Bands wären zu einem späteren Zeitpunkt möglich und ganz bestimmt nicht ausgeschlossen. Jedoch gilt auch da, wenn wir was machen, dann richtig. Daher loten wir die Grenzen mit Pure Inc. erstmal aus und werden in ein paar Monaten das ganze nüchtern analysieren und dann weiterplanen. Der Bürgergedanke geht einher mit der Philosophie etwas für die Musikgemeinschaft zu unternehmen – etwas für Musikfans, die Teilhaben wollen und gerne Musikschaffende unterstützen. Infos kann man auf www.brownsvillerecords.com kriegen und sich natürlich da auch anmelden.
Seid ihr mittlerweile abgehärtet, was das Musik-Business betrifft?
Pellegrini: Ich muss ehrlich eingestehen, dass wir zwar bis zu einem gewissen Grad abgehärtet sind, respektive abgehärtet wurden... aber immun gegen neuerliche Enttäuschungen sind wir deswegen leider nicht geworden. Es sind verrückte Zeiten mit verrückten Machenschaften. Für eine pflichtbewusste, ehrliche Band wie Pure Inc. nicht immer einfach. Insbesondere da viele Betriebe im Musikbetriebe aktuell ums blanke Überleben kämpfen müssen, wobei die dadurch getriebenen Handlungen oftmals seltsame Früchte tragen. Da kann es auch im "Independent" Bereich gerne vorkommen, dass kommerzielle Kompromisse verlangt werden – eine Sache die uns schlicht nicht liegt. Was uns stärkt ist die Tatsache, dass wir finanziell nicht vom Musikbusiness abhängig sind und uns darum einen Deut um gewisse, vor allem kurzfristige und kommerziell orientierte Ansichten scheren müssen. Bands, die, wie wir, eine musikalische Unabhängigkeit anstreben, kann ich nur empfehlen für eine finanzielle Unabhängigkeit vom Musikbusiness besorgt zu sein.
Der Tod von Gotthard-Sänger Steve Lee schockte Fans weltweit und vor allem in der Schweiz war es eine tägliche Schlagzeile in den Nachrichten und Zeitschriften. Gerüchte kursieren, dass Gianni bereits als neuer Sänger Gotthards gehandelt wird – gab es bereits Gespräche mit den restlichen Gotthard Mitgliedern bzw. ist an diesen Gerüchten überhaupt etwas dran?
Pellegrini: Hierbei handelt es sich in der Tat lediglich um Gerüchte. Natürlich ist Gianni ein fantastischer Sänger, weshalb er immer wieder mit vielen Bands in Verbindung gebracht wird. Auch mag er Gotthard, weshalb dieses Thema ein gefundenes Fressen für gewisse Medien war. Aber mehr ist da aktuell nicht dran. Ich hoffe und wünsche Gotthard, dass sie sich alle Zeit dieser Welt nehmen um erstmal diesen Verlust zu verkraften und anschliessend, möglichst nüchtern, zu entscheiden, wie sie mit Gotthard weiterfahren möchten. Das aktuelle Hoch-gepeitsche von Sängergeschichten und die Ausschlachtung ihrer musikalischen Karriere finde ich sowohl unnötig, beschämend wie auch total deplaziert... möglicherweise, bedauerlicherweise, aber auch einfach bezeichnend für die aktuelle Planlosigkeit der "grossen" Plattenfirmen wie Zeitungen, die ja eine ähnliche Krise wie das Musikbusiness durchleben.
Gab es mal Ansätze einen Song auf Italienisch aufzunehmen oder auf einem Konzert live zu spielen?
Pellegrini: Nein, bislang nicht (lacht).
Warum bevorzugst du Gibson-Gitarren für den Sound von Pure Inc.?
Pellegrini: Gute Frage... als ich mit 16 die erste Les Paul spielen konnte habe ich mich schlichtweg in den Sound verliebt. Ich habe inzwischen viele weitere Gitarren ausprobiert und besitze auch einige schöne selber, benutze sie gar im Studio - was gibt es schöneres als der knackige Clean-Sound einer schönen Tele? Aber für fetten Rock-Sound gibt es einfach nichts brachialeres als eine gut bestückte Paula... diesen erdigen, warmen Sound mit dem unheimlich kraftvollen Punch. Zudem mag ich das Gewicht. Fetter Sound braucht einfach eine fette Gitarre (grinst).
Hast du neue technische "Frickeleien" auf der aktuellen Platte eingesetzt?
Pellegrini: Ich habe vor allem viel mit Delays experimentiert. Allgemein stehe ich auf die alten, analogen Bodentreter wie auch Phaser, Chorus und Flanger. "Frickeleien" im herkömmlichen Sinne gibt es weniger, aber viel Effektspielereien, welche die Atmosphäre des Albums stützen.
Wie lässt sich Nachwuchs, Job und Musik unter einen Hut bringen?
Pellegrini: Nicht immer einfach. Mein Leben ist randvoll, was ein gutes Stück an gelungener Koordination erfordert. Verständnis aller Beteiligten braucht es auch, und natürlich mein "Commitment" überall voll bei der Sache zu sein. Bis jetzt gelingt mir das, aber frag mich in ein paar Monaten wieder (lacht).
Wie verbringt ihr Weihnachten und Silvester?
Pellegrini: Oha, die Weihnachtsfrage musste ja noch kommen. Ich bei der Familie, bei den anderen habe ich keinen Plan (grinst).
Was können wir nächstes Jahr von euch erwarten?
Pellegrini: Ich hoffe, vieles! Wir spielen diesen Sonntag, 19., noch eine letzte Show für 2010 im Dynamo in Zürich. Anschliessend setzen wir uns zusammen und planen das nächste Jahr. Am besten einfach regelmässig bei www.pureinc.net reinschauen.
Besten Dank an Sandro für das Beantworten unserer Fragen und an Gisle Johansen von Pirate Smile für die Möglichkeit des Interviews – wir wünschen Pure Inc. viel Erfolg mit der neuen Scheibe und uns natürlich viele Konzerte, um die neuen Songs live erleben zu können!