Interview mit Geoff Tate in Düsseldorf

(Queensryche)

22.06.2009 von Thomas Kröll

Mit "American Soldier" veröffentlichten Queensryche Ende März ein grossartiges (Konzept-)Album, das sich in beeindruckender Weise mit dem Thema Krieg auseinandersetzt. Sänger Geoff Tate interviewte dazu Dutzende von Veteranen aus den verschiedenen amerikanischen Feldzügen und verarbeitete ihre Erinnerungen und Erlebnisse in zwölf Songs, die unter die Haut gehen. Unser Redakteur Thomas Kröll sprach zwischen Soundcheck und Konzert im Düsseldorfer Stahlwerk mit dem charismatischen Frontmann über die aktuelle Tour, die Arbeit am neuen Album, dessen eigene Empfindungen während der Gespräche mit den Soldaten und über vieles weitere mehr.

Ein bestens gelaunter Geoff Tate stellte sich im Düsseldorfer Stahlwerk den Fragen unseres Redakteurs Thomas Kröll.

Du bist in Stuttgart geboren. Deine Frau Susan ist ebenfalls Deutsche. Wie fühlt es sich für dich an, zurück in deinem "Heimatland" zu sein?

Geoff Tate: (lacht) Es macht immer Spass in Deutschland zu touren. Das Publikum hat ein sehr gutes Gespür für Musik. Sehr offen für alles. Das ist immer sehr schön.

Hast du noch irgendwelche Erinnerungen an deine Kindheit in Stuttgart oder sonst noch irgendwelche Verbindungen nach Deutschland?

Geoff Tate: Nein, nicht sehr viele Erinnerungen, weil wir zurück in die Staaten zogen, als ich noch sehr jung war. Die meisten meiner Erinnerungen bestehen aus Fotos oder in späteren Jahren dann aus verschiedenen Tourneen.

Lass uns über das neue Album "American Soldier" sprechen. Ich liebe es wirklich. Als ich es das erste Mal gehört habe, hatte ich so ein "Back to the roots"-Gefühl. Ich denke, es hat wieder mehr diesen "oldschool heavy rock style" wie bei "Operation: Mindcrime" oder "Empire". Würdest du dem zustimmen?

Geoff Tate: Das ist eine schwierige Frage, weil ich unsere Musik nicht allzu objektiv beurteilen kann. Dafür bin ich zu sehr ein Teil davon. Ich kann dir das gar nicht beantworten. Natürlich mag ich das Album und ich mag auch den Prozess durch den es entstanden ist. Das war wirklich interessant. Es war fast so, als würde man eine Filmmusik komponieren. Wir hatten all diese Aufnahmen von den Soldaten, die wir interviewt haben. Und dann saßen wir im Studio und hörten sie uns an oder schauten die Videos dazu an. Wir haben die Musik dann so komponiert, wie wir uns gerade aufgrund einer dieser Erzählungen gefühlt haben. Dadurch kam eine sehr emotionale Verbindung mit dem Thema zustande. Es war ein langer Prozess. Wir haben 2006 damit angefangen und das Projekt schließlich im Januar diesen Jahres beendet.

Du hast dich dabei mit vielen Soldaten unterhalten. Einige ihrer Statements sind auf dem Album zu hören und es sind harte Sachen dabei, wie ich finde. Wie hart waren alle diese Gespräche für dich persönlich?

Geoff Tate: Ja, einige von ihnen waren richtig schwierig. Ich habe bei diesem Album eine Menge gelernt. Ich habe dabei verschiedene Stufen durchlaufen. Du musst dich komplett öffnen und diesen Leuten zuhören, was sie zu sagen haben. Du musst ihnen Fragen über ihr Leben stellen. Daran kann man interessanterweise auch selbst wachsen. Ich musste manches Mal mit den Geschichten und Erfahrungen dieser Soldaten innerlich ringen. Ich habe auch gelernt, wie man Interviews führt (grinst). Weißt du, ich habe in meinem Leben Tausende von Interviews gegeben, aber das war das erste Mal, dass ich die Fragen gestellt habe. Es ist sehr schwierig dabei dann auch Informationen von den Leuten zu bekommen. Das ist wahrscheinlich etwas völlig anderes, als mit jemandem wie mir zu sprechen. Ich erzähle dir ja gerne was ich gerade mache oder noch vorhabe. Aber bei diesen Leuten war es so, als würde ich in ihre Psyche eintauchen. Da bekommst du eine Menge einsilbiger Ja- und Nein-Antworten oder ein "vielleicht". Also musst du weiter graben und immer weiter. Manchmal gehst du dann am Ende und hast nichts. Ein anderes Mal gehst du mit jeder Menge Informationen. Dieser ganze Prozess war eine grosse Herausforderung.

Du hast auch mit deinem Vater gesprochen. Er war in Korea und Vietnam. Hat er niemals früher schon von seinen Erfahrungen im Krieg erzählt?

Geoff Tate: Nein, niemals. Er kommt aus einer Generation, in der man über solche Dinge nicht spricht. Ich habe das nie verstanden. Jetzt ist er Mitte Siebzig und an einem Punkt in seinem Leben angelangt, wo er häufiger zurückblickt und manche Dinge in Ordnung bringen möchte. Es war jetzt an der Zeit für ihn darüber zu sprechen. Es hat mich sehr glücklich gemacht, ihn dadurch auch wieder ein Stück besser kennenzulernen und mehr über diesen Teil seines Lebens zu erfahren. Wir hatten immer ein sehr enges Verhältnis aber das war ein Thema, über das wir vorher nie gesprochen haben.

Das Album handelt vom Krieg. Wie kam die Idee zustande ein Album über dieses Thema zu machen?

Geoff Tate: Es ist mehr als nur ein Album über Krieg. Es handelt mehr von den Auswirkungen eines Krieges. Vom Standpunkt der Soldaten aus gesehen. Tatsächlich begann alles mit den Gesprächen, die ich mit meinem Vater darüber geführt habe. Ich habe diese Gespräche aufgezeichnet und sie meiner Frau und meinen Kindern gezeigt. Und es war meine Frau, die schließlich sagte, ich solle ein Album über die Erfahrungen der Soldaten schreiben. Und ich dachte: Was soll ich darüber schreiben? Ich war nie Soldat. Und sie sagte: Du kannst Soldaten interviewen, so wie du es bei deinem Vater getan hast. Du kannst ihnen Fragen stellen und gucken, was dabei herauskommt. Und ich fand, das war eine grossartige Idee. Es hat lange gedauert, um all diese Geschichten zu sammeln. Wir mussten erstmal Leute finden, mit denen wir uns unterhalten konnten...

Wie hast du sie gefunden?

Geoff Tate: Es begann damit, dass ich ständig mit so einem Aufnahmegerät herumlief, wie du da eines hast. Wann immer ich einen Soldaten in Uniform sah, bat ich ihn mir einige Fragen zu beantworten. Manchmal erwischte ich dabei welche, die bereit waren mit mir zu sprechen. Andere wollten über diese Dinge lieber nichts erzählen. Das alles hat verdammt viel Zeit in Anspruch genommen (lacht). Ich hatte einige Gespräche mit Soldaten, die mir dann wiederum Telefonnummern oder E-Mail-Adressen von Kameraden gaben, mit denen ich mich treffen konnte. Das haben wir dann weiter ausgearbeitet und angefangen die Interviews zu filmen. Denn schon da hatten wir die Idee, Auschnitte dieser Interviews mit auf das Album zu nehmen, um dem Ganzen mehr Authenzität zu verleihen.

Im Mai habt ihr ein Konzert für die Truppen im Fort Benning in Georgia gegeben. Welche Reaktionen von den Soldaten dort habt ihr auf die neuen Songs erhalten?

Geoff Tate: Wir haben allgemein viele Briefe und E-Mails von Soldaten über das Album bekommen. Es scheint ein Album zu sein, zu dem sie eine Beziehung haben können. Vor allem Soldaten, die in einem Konflikt gekämpft haben. Sie erkennen ihr Leben in den Songs wieder. All diese Katastrophen die sie erleben mussten. Egal in welchem Krieg sie gedient hatten, egal zu welcher Zeit oder welcher Generation, die Songs reflektieren die Erfahrungen aller Soldaten. Das haben uns ihre Reaktionen gezeigt. Sie waren froh über das Album und das ist für uns ein wunderbares Kompliment.

Queensryche während des Soundchecks auf der Bühne des Stahlwerks.

"Home Again" ist ein Duett mit deiner Tochter Emily. Hattest du die Idee dazu oder war es ihr Wunsch, einen Song zusammen mit ihrem Vater zu singen?

Geoff Tate: Nun, es war meine Idee sie singen zu lassen. Aber sie war definitiv die Inspiration zu der Idee sie singen zu lassen (lacht). Ich war kurz davor den Song fertig zu schreiben und sie kam gerade von der Schule nach Hause. Dann isst sie meistens etwas und schaut anschließend bei mir im Studio vorbei. Sie ist sehr musikinteressiert. Also habe ich ihr den Song vorgespielt und sie dachte er handele von ihr. Das war mir vorher gar nicht bewusst, aber als sie das sagte, wurde mir klar, dass sie mit dem Text durchaus verbunden sein könnte. Also habe ich sie gefragt, ob sie den Song mit mir zusammen singen würde. Und sie war einverstanden es auszuprobieren, was eine gute Erfahrung für sie und für mich war. Auf der Amerika-Tour hat sie uns sogar auf 55 Konzerten begleitet und live gesungen. Es war wundervoll das mit ihr zu teilen. Jeden Abend kam sie auf die Bühne und hat uns die Show gestohlen (lacht). Sie ist jetzt 12 und das ist ein interessantes Alter. So vieles verändert sich.

Du warst immer sehr kritisch gegenüber der amerikanischen Politik. In Europa hat Amerika unter Georg W. Bush viel an Respekt verloren. Mit Barack Obama scheinen sich die Dinge wieder zu ändern. Was denkst du über ihn?

Geoff Tate: Ich denke, alleine die Tatsache, dass er gewählt wurde, war schon ein deutliches Zeichen an den Rest der Welt. Die Amerikaner wollten einfach diesen Politikwechsel. Es ist noch ein wenig zu früh, um über ihn urteilen zu können. Er versucht eine Menge Dinge zu verändern. Man muss abwarten, was dabei am Ende herauskommt. Ich finde viele seiner Entscheidungen bisher sehr gut. Ich stimme dir zu, dass die Bush-Regierung das Ansehen von Amerika in der Welt sehr beschädigt hat. Diese Regierung war so verdammt kurzsichtig und so selbstbezogen, wenn es um die Weltpolitik ging. Diese Leute hatten keine Ahnung. Die Welt ist heutzutage so klein geworden und wir alle sind eng miteinander verbunden und voneinander abhängig. Da kann man nicht mit dieser überheblichen Haltung wie die Bush-Leute herangehen. Deshalb ist der Wechsel zu Barack Obama zunächst einmal eine gute Sache.

Bei den Konzerten dieser Tour wird es "3 Suites Of Music" zu hören geben. Eine besteht aus Songs von "Rage For Oder", eine von "Empire" und natürlich eine dritte von "American Soldier". Warum habt ihr gerade diese beiden neben dem neuen Album ausgewählt?

Geoff Tate: Die haben unsere Fans ausgesucht. Wir hatten eine Umfrage dazu auf unserer Webseite und erfüllen also quasi nur ihre Wünsche. Wir gehen ein wenig zurück in der Zeit.

Gab es auf der bisherigen Tour irgendwelche speziellen oder lustigen Erlebnisse, die du erzählen möchtest? 

Geoff Tate: Lustige Sachen? (überlegt...) Eigentlich nicht mehr als sonst auch. Eine Tour zu organisieren ist immer etwas von Chaos geprägt. Da geht Equipment verloren oder kaputt. Einige Leute mögen das witzig finden. Wir nicht (lacht). Gestern haben wir auf einem Festival in Frankreich gespielt und dabei haben wir einige unserer Amplifier und Special Effects-Computer verloren. Das war nicht lustig. Wir haben das Konzert aber trotzdem hingekriegt.

Was können wir vom Konzert heute abend erwarten? Wird es wieder Schauspieler auf der Bühne geben wie bei den beiden "Mindcrime"-Sets und Videoeinspielungen?

Geoff Tate: Nein, wir sind einzig und allein auf die Musik fokussiert und die Bandperformance. Wir haben aber mit Jason Ames an den Keyboards einen Special Guest dabei. Er ist ein alter Freund von uns. Dazu noch Parker Lundgren an der zweiten Gitarre.

Beim Soundcheck ist mir aufgefallen, dass du Klarinette und Saxophon spielst.

Geoff Tate: Nun, es sind eigentlich zwei verschiedene Saxophone. Ein Sopran-Saxophon und ein Tenor-Saxophon.

Das ist neu, oder? Ich habe das noch nie zuvor von dir gesehen.

Geoff Tate: Nein, ich habe vorher schon Saxophon auf Tour gespielt. Auch auf einigen Alben, da waren es meist kurze Melodien. Nur das Soprano habe ich noch nie zuvor live gespielt. Das ist das erste Mal. Beim Song "Dead Man's Words" wirst du es hören.

In zwei Jahren feiern Queensryche ihr 30-jähriges Jubiläum. Gibt es dafür schon spezielle Pläne?

Geoff Tate: Ja, wir haben uns schon einige Dinge dafür überlegt.

Die du mir aber nicht verraten möchtest!?

Geoff Tate: Noch nicht. Es dauert ja noch ein paar Jahre und da kann sich noch vieles verändern.

Als wir uns vor zwei Jahren das letzte Mal unterhalten haben, hast du mir etwas über ein geplantes Projekt mit Chris de Garmo (Queensryche-Gitarrist bis 1997 und nochmal 2003, d.Red.) erzählt. Wie sieht es damit aus?

Geoff Tate: Es ist fast fertig, aber noch nicht veröffentlicht. Wir arbeiten noch daran. Ich denke aber, dass wir es in nächster Zeit abschließen.

In dem Zusammenhang eine Frage zum Songwriting. Ist das bei Queensryche mehr eine Art Bandprozess oder gibst du die Richtung in Sachen Musik und Texte vor?

Geoff Tate: Oh, es ist eindeutig ein Gemeinschaftsprozess zwischen Scott, Eddie, Michael und mir. Wir probieren vieles aus. Wir haben keinen Richter. Wir tauschen uns aus, was das Beste für die Band ist. Das ist etwas, auf das wir stolz sind. Es gibt immer eine Basisentscheidung.

Letzte Frage: Welche fünf Platten würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?

Geoff Tate: Ich glaube, ich würde gar keine Platte mitnehmen.

Sondern?

Geoff Tate: Ich würde ein Instrument mitnehmen. Ein Saxophon, eine Gitarre... Weißt du, ich höre nicht viel Musik. Da sind andere Dinge in meinem Kopf. Ich liebe das Geräusch der Stille sehr. Vielleicht liegt das daran, dass dir auf Tour ständig die Ohren klingeln. Sogar wenn du schläfst oder einzuschlafen versuchst, hörst du diesen Lärm in deinem Kopf. Es braucht Monate, um das wieder rauszukriegen (lacht).

Vielen Dank Geoff für das nette Gespräch!

Ein Dankeschön auch an Niels Andersen von Oktober Promotion, der uns dieses Interview vermittelt hat und an Queensryches Tourmanager Tony Morehead für seine unerschütterliche Betreuung vor Ort! 
  

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