(Queensryche)
2006 taten Queensryche das Unerwartete: Sie führten ihre Mindcrime I-Saga von 1988 nicht nur mit dem Album "Operation: Mindcrime II" fort, sondern auch mit einer gross angelegten Tour. Ausgerüstet mit Surround Sound, Videoleinwänden und echten Schauspielern, die die wichtigsten Figuren der Metal-Opera auf der Bühne darstellten, präsentierten Queensryche das Mindcrime-Set aus Teil I und II live erstmals komplett. Am 10. August erscheint mit "Mindcrime At The Moore" ein Mitschnitt der Show vom Oktober 2006 im Moore Theater in ihrer Heimatstadt Seattle als Doppel-CD und Doppel-DVD.
Zu unserer grossen Freude hatte Musicheadquarter Anfang Juli die Möglichkeit mit Queensryche-Sänger Geoff Tate in Seattle ein Telefoninterview zu führen. Gut gelaunt spricht er darin ausführlich über "Mindcrime At The Moore", die verschiedenen Zukunftspläne der Band oder seine deutschen Wurzeln, bezieht aber auch kritisch Stellung zur amerikanischen Politik. Mit Geoff Tate sprach Thomas Kröll.

Die aktuelle Queensryche-Besetzung (v.l.n.r.): Michael Wilton (Guitar), Eddie Jackson (Bass), Scott Rockenfield (Drums), Geoff Tate (Vocals) und Mike Stone (Guitar) - Foto: Warner Music Group
Lass uns zuerst über "Mindcrime At The Moore" sprechen. In Deutschland erscheint die DVD im August. Ich hatte am Wochenende die Gelegenheit sie mir schonmal anzuschauen und das Ergebnis ist grossartig. Ich habe das Mindcrime I-Set einmal live während eurer "Building Empires"-Tour in den Neunzigern gesehen, aber das hier ist etwas völlig anderes. Es ist mehr wie eine Oper oder ein Musical. Wie lange habt ihr an dem Projekt gearbeitet, Mindcrime I und II komplett live zu spielen?
Geoff Tate: Alles begann als wir anfingen das Album aufzunehmen. Wir überlegten, wie wir das Ganze auch live präsentieren könnten. Dabei ging es zunächst nur darum, die Geschichte von "Mindcrime II" zu erzählen. Es ging nicht darum, welche Songs wir spielen könnten oder welche nicht. Es sollte mehr in Richtung Theater gehen. Wir wollten die verschiedenen Charaktere zeigen mit all ihren Konflikten. Diese Dramatik zu entwickeln war wirklich eine Herausforderung.
Zum ersten Mal gibt es richtige Schauspieler auf der Bühne. Hinzu kommt natürlich die Musik, die Film- und Videosequenzen auf den Leinwänden, die eingespielten Samples. Es muss sehr anstrengend gewesen sein, all das während einer dreistündigen Show perfekt aufeinander abzustimmen. Noch dazu die Kameras bei den Aufnahmen für die DVD. Hat dich das eher behindert oder wie hast du dich auf der Bühne gefühlt?
Tate: Weißt du, es ist witzig. Sich etwas vorzustellen ist die eine Sache, es dann technisch in die Tat umzusetzen eine völlig andere (lacht). Und es dann tatsächlich ans Laufen zu bringen und Abend für Abend zu tun ist wiederum komplett anders. Es war definitiv eine Herausforderung das alles zusammenzufügen und zu realisieren. Es war sehr viel anstrengender als ich vorher gedacht hatte. Körperlich und auch emotional. Ich habe angefangen die Figur des Nikki wirklich intensiv auszuleben. Er ist keine besonders angenehme Figur. Mehr eine zerrüttete Figur in ständigen Schwierigkeiten und mit einer zutiefst verletzten Seele. Und diese Figur jeden Abend darzustellen war schon ein wenig anstrengend.
Ich kann mir vorstellen, dass es auch für deine Stimme eine besondere Belastung war. Es gibt einige schwierige Passagen, zum Beispiel am Ende von "Eyes Of A Stranger", wo du den letzten Ton extrem lange hälst. Wie bist du mit dieser Belastung umgegangen?
Tate: Genauso wie ich es bei jeder anderen Show auch tue. Körperlich solltest du in Form bleiben, genug schlafen und nicht zuviel trinken. Du musst die Balance finden. Die Unterhaltungsbranche ist ein sehr gesellschaftliches Geschäft. Wir unterhalten die Leute mit unserer Show und danach geht es weiter. Vor den Konzerten machen wir vielleicht noch eine Akkustiksession bei einem Radiosender, danach den Soundcheck und dann das Konzert. Du bist den ganzen Tag beschäftigt. Versuch einfach gesund dabei zu bleiben, das ist das ganze Geheimnis.
Der Auftritt zusammen mit Ronnie James Dio für "The Chase" ist ebenfalls auf der DVD zu finden. Wie kam diese wunderbare Zusammenarbeit für "Mindcrime II" zustande?
Tate: Erst war es nur so eine Idee. Ich habe mir "The Chase" angehört, nachdem wir den Song fertig aufgenommen hatten. Ich saß also da in einer Ecke des Studios und dachte bei mir, dass es clever wäre, wenn den mal jemand anderer als ich singen würde. Ich hatte auch schon eine Liste von Sängern dafür im Kopf und Ronnie`s Name stand ganz oben. Ich griff zum Telefon, rief ihn an und spielte ihm den Song am Telefon vor. Er mochte ihn sofort und sagte, ich solle ihm den Song schicken. Er würde dann sehen, was er tun kann. Einige Wochen später trafen wir uns im Studio um ihn aufzunehmen. Es klappte sehr gut. Musikalisch sind wir ja nicht so weit voneinander entfernt. Schwieriger war es, unsere Terminkalender aufeinander abzustimmen. Wir hätten ihn gerne bei mehr Shows dabei gehabt, aber er ist ein beschäftigter Mann und arbeitete zu der Zeit gerade mit den Jungs von Black Sabbath an einem neuen Projekt. Aber wir sind glücklich darüber, dass wir ihn bei dieser einen Show dabei haben konnten.

Geoff Tate gemeinsam mit Ronnie James Dio im Studio (Foto: Warner Music Group).
In deinen Texten gehst du immer sehr kritisch mit der amerikanischen Politik ins Gericht. Für mich ist "Operation: Mindcrime I" immer noch aktuell. Im Song "Speak" heisst es beispielsweise "The rich control the governement, the media, the law". Und am Anfang der "Mindcrime At The Moore"-DVD betrittst du die Bühne mit einem Schild, auf dem "USA Out Of Iraque" steht. Machst du dir Sorgen über die politische Entwicklung in Amerika?
Tate: Nun, sie ist definitiv interessant zu beobachten und es gibt Zeiten in denen es sehr frustrierend ist, ein Teil davon zu sein. Ich glaube, dass unsere aktuelle Regierung sehr viel Respekt in der Welt verloren hat, aufgrund der Tatsache wie sie manche Dinge politisch handhabt. Ich fühle mich der wachsenden Gruppe von Menschen in unserem Land zugehörig, die mit dieser Regierung sehr unzufrieden ist und die den Wechsel im nächsten Jahr kaum abwarten kann. Wir haben Meinungsfreiheit in diesem Land, die Leute dürfen ihre Meinung sagen. Queensryche gibt mir die Plattform, um meine Meinung zu sagen, um mich möglichst intelligent auszudrücken. Ich nehme diese Verantwortung sehr ernst.
Auf Tour zu gehen und anschließend ein Live-Album oder eine DVD zu veröffentlichen, ist das etwas, was ihr auch weiterhin tun werdet?
Tate: Auf Tour gehen wir auf jeden Fall weiterhin. Ich liebe es live zu spielen, ich liebe es zu reisen, an verschiedene Orte zu kommen, Leute zu treffen und mich mit ihnen zu unterhalten. Ich liebe tatsächlich jeden Aspekt meines Berufes (lacht). Was die DVDs angeht, so weiß ich nicht, ob wir von jeder Tour Aufnahmen machen werden. Das ist sicherlich ein wundervoller Weg, um zu dokumentieren wo die Band gerade steht. Eine Art History. Was ich verstehe ist, dass die Fans so etwas natürlich wirklich gerne hätten. Wir werden also sicherlich auch weiterhin DVDs veröffentlichen, aber definitiv nicht zu jedem Album.
Pearl Jam zum Beispiel haben jedes einzelne Konzert ihrer vergangenen beiden Welttourneen für ihre Fans zum Download im Internet angeboten. Ist das etwas, was du dir auch für Queensryche vorstellen könntest?
Tate: Ich habe das mitbekommen. Ich bin aber nicht so sehr mit ihrem Material vertraut, um das wirklich beurteilen zu können. Hört sich jedenfalls nach einer Menge Arbeit an.
Ja, man konnte sich die jeweiligen Konzerte schon einige Tage nachdem sie stattgefunden hatten herunterladen. In exzellenter Qualität und sogar inklusive Artwork. Das hat bestimmt einiges an Arbeit gekostet. Aber eine andere Frage, die mir gerade einfällt: Diese schwarze Lederjacke, die du während "Mindcrime I" auf der Bühne trägst, ich meine die mit dem Queensryche-Symbol auf dem Rücken, gibt es die irgendwo zu kaufen? Vielleicht als ein Teil eures Merchandising-Kataloges?
Tate (lacht): Oh... nein, nein. Die gehört mir.
Das ist schade. Ich hatte darauf gehofft. Das Queensryche-Symbol sieht man ja auch überall auf dem Schlagzeug von Scott Rockenfield. Ich habe mich schon immer gefragt, was dieses Symbol genau bedeuten soll. Kannst du mir das erklären?
Tate: Es bedeutet einfach Queensryche. Weißt du, als wir anfingen, hatten wir diesen sehr ungewöhnlichen Namen. Die Leute haben Jahre gebraucht, um ihn richtig aussprechen und buchstabieren zu können. Also haben wir irgendwann dieses Symbol entwickelt. Queensryche ist vielleicht wirklich etwas schwierig auszusprechen. Wir dachten, ein Symbol wäre geeignet, um die Band zu repräsentieren, quasi als deren charakteristisches Merkmal.
Ich habe schon darüber nachgedacht es mir tätowieren zu lassen.
Tate: Ja, ich habe schon viele dieser Tätowierungen gesehen. Im August oder September wird es ein neues Best Of von Queensryche geben. Es heisst "Sign Of The Times". Hugh Syme, der schon einige Albumcover für uns gemacht hat, hat das Artwork entworfen und er verwendet das Symbol wieder, nur in etwas abgewandelter Form. Wir nennen es das Triryche. Es ist wirklich sehr schön geworden. Ich glaube, es wird dir gefallen.
Da bin ich gespannt. Welches Material können wir denn auf dem Best Of-Album erwarten?
Tate: Es ist eine interessante Zusammenstellung, eine Doppel-CD. Die erste Disc enthält Songs, mit denen die Leute möglicherweise vertraut sind. Queensryche-Songs aus dem Radio, Hits, aber einige von ihnen haben wir anders aufgenommen. Einige sind live, einige sind von Aufnahmesessions, die wir bisher nicht benutzt haben, einige aus Radio- oder Fernsehshows. Dann die zweite Disc, auf der die Raritäten zu finden sein werden. Demotape-Material, Teile von Songs, die nie veröffentlicht wurden. Dann ein neuer Song, den ich letzten Sommer zusammen mit unserem früheren Gitarristen Chris deGarmo geschrieben habe (Chris deGarmo war von 1983 bis 1997 und noch einmal 2003 Mitglied bei Queensryche, d.Red.). Er heisst "Justified". Wir haben drei Songs, die ich mit Myth aufgenommen habe, meiner Band vor Queensryche. Das sind Songs, die später zu Queensryche-Songs wurden. Myth-Versionen von "Take Hold Of The Flame", "No Sanctuary" und "Before The Storm". Ich denke, es ist ein sehr cooles Projekt. Vor zwei Tagen haben wir das Artwork abgeschlossen.

"Ich liebe tatsächlich jeden Aspekt meines Berufes" (Foto: queensryche.com)
Du hast den neuen Song mit Chris deGarmo angesprochen. Gibt es Pläne für eine weitere Zusammenarbeit mit ihm in der Zukunft?
Tate: Wir haben tatsächlich darüber gesprochen. Wir wollen ein Projekt unabhängig von Queensryche zusammen machen. Aber wir haben keine Eile damit. Ich bin echt zu beschäftigt im Moment. Das Best Of kommt, die DVD natürlich und ein neues Queensryche Studioalbum, an dem wir schon arbeiten. Dann habe ich zwei Solo-Projekte, die auf ihre Veröffentlichung irgendwann im nächsten Frühjahr warten. Das sind fünf Projekte gleichzeitig (lacht).
Wird das neue Studioalbum wieder mehr in Richtung Metal gehen oder sogar ein weiteres Konzeptalbum werden? Wieviel kannst du uns schon darüber verraten?
Tate: Für uns ist es Metal. Musikalisch ist es für uns selbst spannend. Es ist nichts, was wir vorher schonmal gemacht haben. Es ist ein Album mit einem Thema. Alle Songs sind durch eine zentrale Idee miteinander verbunden. Es ist eine Art gesellschaftlicher Kommentar über den modernen amerikanischen Lebensstil. Die Musik klingt sehr wütend. Ein Reflex auf diese "Jetzt, Jetzt, Jetzt"-Einstellung vieler Leute. Ich will etwas jetzt sofort, also werde ich es auch jetzt sofort kriegen.
Ich habe zuletzt irgendwo gelesen, dass Queensryche auch ein Album mit Coversongs veröffentlichen wird. Stimmt das?
Tate: Oh, das hat mich heute schon jemand gefragt. Aber wir konzentrieren uns momentan voll auf unser neues Studioalbum. Da bleibt für andere Dinge kaum Zeit.
Queensryche geben in diesem Jahr nur ein Deutschland-Konzert im August in Langen (Stadthalle am 19. August, d.Red.). Können sich die deutschen Fans vielleicht auf noch mehr Termine freuen?
Tate: Wir versuchen in diesem Jahr nicht mehr allzu viel auf Tour zu sein, seit wir an dem neuen Album arbeiten. Wir konzentrieren unsere Tour auf das kommende Jahr. Wahrscheinlich starten wir damit schon im Januar. Wenn das neue Album rauskommt, werden wir damit natürlich später im Jahr auch auf Tour gehen. Und dann werden wir mit Sicherheit auch nach Deutschland kommen. Wir touren immer gerne in Deutschland. Meine Frau ist ja Deutsche. Ich selbst bin in Stuttgart geboren. Ich bin aber kein Deutscher, mein Vater war dort beim Militär stationiert. Wir haben eine Art deutsche Verwandschaft dort.
Sprichst du Deutsch?
Tate: Nein, aber ich wünschte ich könnte es. Ich spreche keine Sprache sehr gut. Naja, bis auf Englisch (lacht). Ich glaube, Deutsch ist eine schwere Sprache.
Werdet ihr in Langen auch beide Mindcrime-Sets zusammen spielen?
Tate: Nun, es wird ein Zwei Stunden-Set sein mit Songs aus allen unseren Alben. Wir haben die letzte Mindcrime-Show im Juni in Japan beendet. Wir werden das Mindcrime-Set nicht mehr spielen. Wir brauchen mal wieder frischen Wind.
Möchtest du den deutschen Queensryche-Fans zum Abschluss vielleicht noch etwas Spezielles sagen?
Tate: Ich bedanke mich dafür, dass ihr die Band in all den Jahren immer so unterstützt habt. Wir lieben es auf Tour zu sein und wir möchten gerne häufiger in Deutschland spielen. Also, wenn ihr uns sehen wollt, dann wendet euch an eure deutschen Konzertveranstalter (lacht).
Wir bedanken uns vielmals für das nette Gespräch, Geoff!
Tate (auf deutsch): Auf Wiedersehen!
Ein besonderer Dank geht an Oliver Bergmann von Oktoberpromotion, ohne dessen freundliche Unterstützung dieses Interview nicht möglich gewesen wäre!