(Riverside)
Vor zehn Jahren wurde irgendwo in Warschau eine Band mit dem Namen Riverside gegründet. Niemand wusste, wohin die Reise gehen sollte, aber Jahr für Jahr konnte die Band ihren Bekanntheitsgrad vergrößern. Ob man nun Prog- oder einfach nur Rockfan ist – jetzt im Jahre 2011, nach vier großartigen Studioalben, ist der Bandname allen, die an guter ehrlicher Musik interessiert sind, ein Begriff. Zur Feier ihres 10-jährigen Jubiläums machten Riverside im Mai eine kleine Tour durch Europa. Ich traf Frontmann und Bassist Mariusz Duda für einen Plausch über die Geschichte und die Zukunft der Band im ausverkauften Borderij in Zoetermeer.

Da Mariusz Duda und MHQ-Redakteurin Shirin beide die Gabe der Telepathie besitzen, wurde dieses Interview mit Hilfe von superneuronalem Gedankentransport geführt (Foto: Wil Delissen – alle Livefotos: Shirin Kasraeian).
(Nach der Begrüßung) Lieber Mariusz, im Rückblick auf zehn Jahre Riverside, bist du denn mit dem zufrieden, was die Band erreicht hat?
Mariusz Duda: Ja! Zunächst einmal hoffe ich, dass wir einen Punkt erreicht haben, an dem wir unseren eigenen Sound kreiert haben. Das ist wahrscheinlich das Schwierigste auf dem Musikmarkt, wo es Millionen Bands gibt, die ähnlich klingen. Natürlich kann man es nicht wirklich vermeiden, mit anderen Bands verglichen zu werden, aber ich denke, wir sind auf einem guten Weg, originell zu klingen und zum Kern des Riverside-Sounds vorzudringen. Und ich denke, das ist das Beste, was man erreichen kann. Wir haben gute Alben und durchschnittliche Alben gemacht, aber immer mit unserem eigenen Sound, und das macht mich glücklichÂ… Als wir begannen, wollten wir nicht die größte Band der Welt sein, weil wir die Realität kennen und wussten, dass jedes Jahr und jedes Album nur ein kleiner Schritt in unserer Karriere bedeuten würde. Und seien wir ehrlich, in diesen Tagen braucht eine wirklich große Band ungefähr zwanzig Jahre, bis sie schließlich sagen kann, dass sie es geschafft hat. Und wir haben jetzt mittlerweile die Hälfte des Weges geschafft.
Was hältst du von Bands, die innerhalb kurzer Zeit zur Berühmtheit gelangen?
Mariusz Duda: Ich finde es schlimm - und gefährlich. Ich weiß, dass es von Zeit zu Zeit solche Bands gibt, die von Labels hergestellt werden. Junge Menschen, die mit einem einzigen Album sehr bekannt werden, nichts über die harte Arbeit wissen, die dahinter steckt, und deren Karriere etwa zwei Jahre dauert. Dann sind sie weg, vielleicht bleibt noch ein Lied in den Tiefen des Internets hängen. Ich habe großen Respekt vor allen Bands, die mit kleinen Schritten an ihrer Karriere gearbeitet haben... ich meine, schau dir Bands wie Opeth oder Katatonia an, mit denen wir oft verglichen werden, sie sind seit 20 Jahren da draußen und können jetzt endlich behaupten, dass sie es geschafft haben. Wir brauchen noch etwa zehn Jahre, um ihr Niveau zu erreichen. Vielleicht geht es früher, vielleicht gehen wir auch zu einer dieser Musikfabriken und nehmen ein völlig andersartiges, kommerzielles Album auf, aber ich bin mir nicht sicher, ob es der ehrliche Weg sein würde. Vielleicht ist es möglich, ein Album aufzunehmen, das gleichzeitig erfolgreich und kommerziell ist.
Heißt das, dass man viel Geduld braucht, um qualitativ hochwertige Musik zu machen?
Mariusz Duda: Geduld ist ein gutes Wort dafür. Tun, was einem gefällt und sein eigenes Ding machen und auf den richtigen Moment warten. Ich denke, das beste Album von Riverside und die besten Momente warten noch auf uns. Zumindest hoffe ich es.

Lost in music – Sänger und Bassist Mariusz Duda live (links: Drummer Piotr Kozieradzki).
Wenn wir schon über die besten Augenblicke sprechen: Gab es in den letzten zehn Jahren einen Punkt, an dem ihr dachtet, dass ihr nun einen Riesenschritt nach vorne gemacht habt?
Mariusz Duda: Ich bin mir nicht sicher, ob das Riesenschritte waren, aber sicher waren sie für uns wichtig. Highlights wie die erste Show im Ausland, ich glaube, das war Progpower in Baarlow im Jahr 2004, dann das Arrow Rock Festival 2006, wo wir zum ersten Mal vor mehr als 20.000 Leuten gespielt haben, die Tour mit Dream Theater - und ich spreche nicht von den Shows vor jeweils 5.000 Leuten oder der Musik - wir haben viel von dieser Band gelernt, was die Strukturen und die Organisation angeht. Nach dieser Tour waren wir eine professionellere BandÂ… Das waren die kleinen Highlights. In diesen zehn Jahren ist viel passiert, aber nichts Riesiges. Es war nicht so, dass wir zu Inside Out gewechselt sind und alles sich schlagartig änderte, nein, wir nahmen immer nur kleine Schritte.
Es fand also nicht nur eine Veränderung in der Musik statt, sondern auch in der Art und Weise, wie man in diesem Geschäft arbeitetÂ…
Mariusz Duda: Ich denke schon. Zunächst einmal bin ich froh, dass unsere Leidenschaft mit unserer Arbeit verbunden ist, und dass wir uns darauf konzentrieren können. Aber manchmal muss man auch vorsichtig sein, denn diese geschäftliche Seite kann sehr fordernd sein. Ich versuche immer, auf ein Leben als Künstler hinauszuarbeiten, aber manchmal erwische ich mich dabei, dass ich, anstatt an neuen Songs zu arbeiten, viele E-Mails schreibe, Interviews gebe und PR-Arbeit mache. Und das verschlingt viel Zeit. Aber das ist leider so, wenn man in dieser grausamen Welt überleben möchte (lacht).
Wie viel von der Promotion-Arbeit übernimmt die Band selbst?
Mariusz Duda: Nun ja, natürlich bekommen wir Hilfe von unserem Label, aber wir sind halt keine große Band. Es ist nicht so, dass unser Label alles für uns macht. Wir müssen unseren eigenen Zeitplan aufstellen und einen eigenen Business-Plan ausarbeiten, das ist der schwierige Teil.
Ich schätze mal, dass man diese schwierigen Aspekte nicht vermeiden kann. Wenn du denn so über die Tiefpunkte nachdenkst, was fällt dir da ein? Gab es Momente, wo du alles hinschmeißen wolltest?
Mariusz Duda: Nein, ich hatte noch nie diese Art von Gedanken... es ist natürlich so: Man arbeitet sehr hart an etwas und dann kommt jemand und sagt, dass alles, was man tut, scheiße ist - einfach so, mit einem Satz. In der Vergangenheit habe ich oft die Kritiken gelesen, weil ich herausfinden wollte, wie andere meine Arbeit sahen, natürlich sahen sie manchmal die Dinge anders als ich. Aber jetzt kümmere ich mich nicht mehr darum und fühle mich dadurch viel gesünder (lacht). Es ist immer so: 50 Prozent sagen, das ist sehr gut, 50 Prozent sagen, es ist völliger MistÂ… Und dann gibt es natürlich auch ein paar Shows, auf die wir hätten verzichten können - aber es nicht taten, weil wir die Erfahrung machen wollten. Wie z.B. das Masters Of Rock Festival in der Tschechischen Republik... Wir spielten zwischen Korpiklaani und einer anderen Heavy-Metal-Band, was wirklich seltsam war, weil die Leute nicht wussten, wie sie auf uns reagieren sollten. Wir versuchten, die Set-Liste so heavy wie möglich zu gestalten, aber wir sind halt keine Heavy-Metal-Band, und es war schrecklich! Wir hatten dort sehr viel mehr unterschiedliche Musikstile erwartet, aber es spielten nur Metal- und Gothic-Bands auf diesem Festival. Wir haben einfach nicht dazu gepasst... Aber als wir auf dieser Tour in der Tschechischen Republik gespielt haben, kam jemand auf zu uns und sagte, dass er uns auf dem Masters Of Rock gesehen und darauf gewartet hätte, uns wiederzusehen. Also, vielleicht war es allein für diesen einen Typen wert.

Totally lost in music – Gitarrist Piotr Grudziński.
Sagen wir mal, du gründest die Band neu, verfügst aber über die ganze Erfahrung, die du jetzt hast. Würdest du einige Dinge anders machen?
Mariusz Duda: Vermutlich ja, ich glaube, ich würde gerne einige Details verbessern, wie den Sound oder die Produktion. Einige Dinge ergeben sich allerdings auch durch Zufall... Zum Beispiel klingt das "Second Life Syndrome" Album für mich sehr schrecklich, die Produktion hätte viel besser sein sollen. Aber eine Menge Leute denken, dass es unser bestes und originellstes Album mit dem originellsten Sound ist. Also, vielleicht sollte es so kommen - wenn die Produktion nicht so gewesen wäre, hätten die Leute nicht auf diese Weise darauf reagiert. Um deine Frage zu beantworten, ich würde einige Details ändern, wenn ich von vorne beginnen würde, aber ich würde versuchen, die spontanen Dinge, die so passieren, beizubehalten, denn ich bin davon überzeugt, dass gerade Dank dieser Dinge manches anders gekommen istÂ… Ich habe diesen Film "The Butterfly Effect" gesehen - und ich denke, wenn ich am Anfang etwas anders gemacht hätte, wäre vielleicht das Ergebnis ganz anders gewesen. Vielleicht würden wir jetzt nicht hier sitzen und reden, weil ich ein sehr berühmter Beamter wäre - oder - Friseur - oder in einem Lebensmittelgeschäft arbeiten würde... (lacht).
Aber zum Glück sitzen wir nun hier und können über eure aktuelle Veröffentlichung sprechen, die ihr zu eurem zehnjährigen Jubiläum aufgenommen habt. Der Titel "Memories In My Head", ist das eine Anspielung auf eure EP "Voices In My Head" aus dem Jahr 2004?
Mariusz Duda: Eigentlich sollte es "Noises In My Head" heißen, weil noises besser klingt als memories. Aber die Musik wurde am Ende ganz anders und die Texte handeln von der vergänglichen Zeit, also habe ich den Titel im letzten Augenblick in "Memories In My Head" umbenannt. Und ich denke, er passt viel besser.
Hast du diese Songs speziell für euer Jubiläum geschrieben oder gab es sie schon vorher?
Mariusz Duda: Nein, ich habe hier einige Ideen aus der Vergangenheit verarbeitet. Die EP stellt keine neue Herangehensweise an die Musik von Riverside dar. Wenn jemand nur unsere ersten beiden Alben kennen würde, eine Pause machen, "Rapid Eye Movement" und "Anno Domini High Definition" überspringen, und dann erst diese EP hören würde, würde er denken, dass wir uns überhaupt nicht verändert hätten und dass wir immer noch die gleiche Musik machen wie vor vielen Jahren. Wir haben einige alte Ideen, die nicht für ein zukünftiges Album gedacht waren, speziell für diese EP aufbereitet. Wir wollten damit einen Kreis schließen und mit etwas ganz anderem beginnen, weil wir glauben, dass dies ein Wendepunkt für uns ist.
Es passt ja thematisch dazu, dass die EP von der Vergänglichkeit der Zeit handeltÂ…
Mariusz Duda: Ja, alles ist um diese Idee herum aufgebaut. Da hast du einmal die Uhr auf der CD, die 10:10 Uhr anzeigt. Die Zehn steht dafür, dass wir jetzt zehn Jahre alt sind und die Zwei, auf die der große Zeiger zeigt, steht dafür, dass das unsere zweite EP ist - das ist die Grundidee dahinter. Und jedes Lied handelt vom Vorübergehen der Zeit. Der erste Song "Goodby Sweet Innocence" sagt im Endeffekt so etwas wie "Hallo, das ist das Ende unseres jetzigen Sounds, danke und tschüss!". Im zweiten Song "Living In The Past" singe ich zwar "Meine Zukunft lebt in der Vergangenheit", aber das ist natürlich nicht wahr, weil wir über die Zukunft nachdenken. Auch wenn unsere Musik alt klingt, so haben wir die Zukunft immer im Blick. Wir wollten mit diesem Song die guten Gefühle aus den vergangenen Jahren unserer Karriere wiedererleben... Und der dritte Song, "Forgotten Land", da geht es um die brutalste Seite der Zeit, die, die alles zerstört. So kommen wir zurück zu den jungen Bands, über die wir vorhin gesprochen haben, die für ein oder zwei Jahre berühmt sind - und dann heißt es tschüss für sie!
Der Song kommt auch im Computerspiel "The Witcher 2: Assassins Of The Kings" zum EinsatzÂ…
Mariusz Duda: Ja, das war sehr interessant: Der Song war fertig und dann riefen die Jungs von CD Projekt an und baten uns um ein Lied für das Witcher-Spiel. Wir haben ihnen "Forgotten Land" angeboten, weil er in erster Linie von Rollenspielen inspiriert ist. Wir haben ihn nicht extra für dieses Spiel komponiert, aber lustigerweise passte der Text ziemlich gut (Anm. d. Red.: Es geht um den Aufstieg und Fall von Königreichen). Am Anfang wollten sie ein paar Stellen im Text ändern, aber ich sagte nein: "Wenn ihr ihn wirklich haben wollt, müsst ihr ihn so nehmen, wie er ist." Nach einigen Diskussionen haben wir beschlossen, es auch so zu machen.

Rapid arm movements – Mariusz Duda und Keyboarder Michaeł Łapaj.
Und da sind wir nun mit drei Tracks, die zusammen 33 Minuten Musik ergeben. Verabschiedet ihr euch nun auch von den langen Songs?
Mariusz Duda: Nun, ich will nicht sagen, dass Riverside Songs von nun an nur dreieinhalb Minuten lang sein werden, aber wir sollten jetzt beginnen, uns auf neue Arten zu komponieren zu konzentrieren. Ich würde gerne etwas anderes machen, weil wir immer Songs schreiben, die 12 oder 15 Minuten lang sind. Wir lieben diese Art von Tracks, aber ich denke, wir sollten jetzt diesen Stempel loswerden, den wir aufgedrückt bekommen haben. Und ich denke, nach dem nächsten Album werden das einige Leute verstehen... einige Leute haben es bereits verstanden, was wir auf dieser EP sagen wollten - (flüstert auf geheimnisvolle Weise) und ich weiß davon...
Habt ihr schon mit der Arbeit am neuen Album begonnen?
Mariusz Duda: Es gibt nur ein paar Ideen in meinem Kopf, aber ich denke, ich habe eine Grundidee, wohin die Reise geht. Etwas mit der Post-Apokalypse... das ist das Einzige, was ich jetzt sagen kann.
Gibt es ein Veröffentlichungsdatum?
Mariusz Duda: Naja, ich hoffe vor dem Ende der Welt im Jahr 2012 (lacht) - Ich habe gehört, dass heute die Welt hätte untergehen müssen, aber nach meinem Kalender ist das irgendwann im Dezember 2012.
Wow, ich freue mich jetzt schon auf euer letztes Geschenk, bevor wir alle sterrrrrrrrbenÂ… Was passiert eigentlich mit deinem Solo-Projekt Lunatic Soul?
Mariusz Duda: In der Tat wird es da wahrscheinlich eine weitere Veröffentlichung in diesem Jahr geben, weil ich diesen Deal mit Kskope habe, dass ich neben den regulären Alben auch einige Bonustracks schreibe. Sie stehen auf diese Special Releases mit Bonustracks. Es war also für die erste Hälfte des Jahres geplant, das schwarze Lunatic Soul Album als Zwei-CD-Edition mit Bonustracks und am Ende des Jahres das weiße Album mit einer Sonderausgabe zu veröffentlichen. Ich habe also Kskope überwiegend instrumentale Bonustracks für das schwarze Album und einen Remix von "Summerland" geschickt. Aber sie fanden, dass die Songs zu gut seien für eine Bonustrack-Edition, und schlugen eine separate Veröffentlichung vor. Also wird es mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit eine exklusive limitierte Version von Lunatic Soul mit dem Titel "Impressions" geben, mit Instrumental-Songs und zwei Remixen. Und mit diesem Release werde ich mich von dieser Phase von Lunatic Soul verabschieden. Wie du siehst, geht es in diesem Jahr darum, die Kreise zu schließen, um den Kopf für die Dinge freizuhaben, die kommen werden.
Bevor wir dieses Interview beenden, damit ihr gleich auf die Bühne gehen könnt, um eure letzte Show auf der Jubiläums-Tour außerhalb Polens zu spielen, würde ich gerne wissen, wie diese Tour für dich war.
Mariusz Duda: Es war toll, auch die Tatsache, dass wir Tides From Nebula als Support dabei hatten, sie sind großartig und ich bin zu einem großen Fan ihrer Musik geworden. Und ich hoffe, dass wir neue Leute mit unserer Musik erreicht haben und das auch in Zukunft tun werden.
Natürlich nur, wenn das Datum für das Ende der Welt sich als falsch herausstelltÂ…