(Riverside)
Nach der fantastischen Show mit Jolly, Pure Reason Revolution und Riverside in Oberhausen traf ich mich mit Riverside-Frontmann Mariusz Duda im Aschaffenburger Colos-Saal. Obwohl es meist schwierig ist, Bands zu interviewen, die man mag, war dieses Interview sehr angenehm, nicht zuletzt, weil Mariusz ein unheimlich sympathischer und höflicher Interviewpartner ist.

Musicheadquarter-Redakteurin Shirin Kasraeian zusammen mit Riverside`s Mariusz Duda beim Interview backstage im Colos-Saal in Aschaffenburg.
Hallo Mariusz, könntest du die Band mal kurz vorstellen?
Mariusz: Wir kommen aus Polen und haben vor circa zehn Jahren angefangen. Wir haben bisher vier Alben veröffentlicht, außerdem ein Mini-Album, ein Live-Album und eine DVD. Und wir spielen das, was man gemeinhin als Progressive Rock bezeichnet, aber im Grunde spielen wir einfach Rockmusik. Und... unser Name ist Riverside.
Wie ist euer Name entstanden?
Mariusz: Um ehrlich zu sein, ich weiß es nicht. Ich erinnere mich daran, dass wir bei einer Probe darüber gesprochen haben und irgendjemand hat ihn in den Raum geworfen und dabei ist es dann geblieben. Zunächst sollte er nur eine Zwischenlösung sein, aber er blieb. Und jetzt ist es zu spät (lacht).
Würdet ihr ihn gerne ändern?
Mariusz: Nein, aber das Problem mit dem Namen ist, dass es ihn eben in verschiedenen Zusammenhängen gibt. Es gibt Städte, die so heißen undsoweiter, aber wir mögen ihn – er ist schon so lange unser Bandname gewesen.
Wie würdest du eure Musik bezeichnen, wenn nicht als progressiv, sagen wir mal in drei Worten...
Mariusz: Ich habe vier! Freude, Schwermut, Geflüster, Schreie!
Sehr schön! Schreibst du als einziger die Songs für Riverside oder sind noch andere am Entstehungsprozess beteiligt?
Mariusz: Nur wir. Wir sind eine Band und treffen alle Entscheidungen gemeinsam. Obwohl ich derjenige bin, der die meisten Sachen anstößt, arbeiten wir als Band. Sagen wir mal, ich bin eine Art Regisseur des Ganzen. Ich schreibe alle Texte und versuche die Hauptthemen einzufangen, versuche alles zu koordinieren, aber ich möchte nicht der Hauptstar der Band sein. Alle Mitglieder sollten Stars sein!
Hast du je darüber nachgedacht, auf Polnisch zu singen?
Mariusz: Es gab mal eine Zeit, in der ich auf Polnisch gesungen habe, das ist wohl 10 oder 15 Jahre her – in meiner vorherigen Band, in der Stadt, in der ich geboren bin. Und ich werde diesen Fehler nie wiederholen, denn Polnisch funktioniert nicht bei dieser Art von Musik. Stell dir vor, ich kann besser auf Englisch singen als auf Polnisch... nein, ich möchte niemandem wehtun, indem ich Polnisch singe (lacht).
Lass uns zu eurem letzten Album "Anno Domini High Definition", das 2009 veröffentlicht wurde, kommen. Was hat sich seit der Veröffentlichung geändert?
Mariusz: Um ehrlich zu sein, hatten wir leider ein wenig Pech. Als das Album veröffentlicht werden sollte, hatten wir Probleme mit dem Label, ich meine SPV. Der Vertrieb klappte nicht so gut wie bei den Vorgängeralben. Jetzt ändert sich das ein bisschen, denn Inside Out hat sich jetzt mit einem anderen Label zusammengetan. Was aber gut war, war der Schritt weg von der "Dream Reality"-Trilogie zum neuen Album. Wir haben ein völlig anders geartetes Album aufgenommen und das kam gut an. Wenn die Leute es nicht direkt mochten, so haben sie es gemocht, nachdem sie die Songs live gehört hatten. Im Grunde sind wir also doch sehr zufrieden.
Wir würdest du den Unterschied zwischen der Trilogie und dem neuen Album beschreiben?
Mariusz: In der "Dream Reality" Trilogie ging es doch eher um Gegensätze, es gibt sanfte Songs, harte Songs, kurze Songs, lange Songs... und über allem lag die Melancholie. Wenn du diese vier Wörter nimmst, die ich anfangs genannt habe, dann gab es da alles außer Freude, vielleicht hier und da ein wenig, aber meistens ging es um Schwermut, Schreie und Geflüster. Aber meiner Meinung nach haben wir auf der "Anno Domini High Definition" endlich die vier Jahreszeiten gefunden – die Freude hinzugefügt und unsere ganz eigenen Jahreszeiten gefunden. So haben wir ein vollständiges Bild unserer Musik erhalten. Sie ist jetzt offener, frischer und vielleicht roter (Anm. d. Redaktion: das neue Album ist ganz in Rot gehalten), viel geeigneter für Konzerte. Das bedeutet allerdings nicht, dass das jetzt unsere neue Richtung ist, wir wollten nur unsere ganz besondere Störung aufzeigen (lacht) und aus unserem Leben erzählen. Und da wir uns in sehr schnelllebigen Zeiten befinden, sollte auch das Album sehr energiegeladen und kurz sein.
Die Texte auf dem Album beziehen sich auch viel mehr darauf, was außen passiert und beschreiben soziale Zustände...
Mariusz: Ja, auf der Trilogie hatte ich mich auf einen Helden konzentriert, der versucht seinen eigenen Platz zu finden. Das ist natürlich mein Lieblingsthema, und wahrscheinlich werde ich immer über solche Themen schreiben, aber jetzt geht es nicht um jemanden, der seinen Platz sucht, sondern um jemanden, der erkannt hat, dass er Probleme hat und der weglaufen möchte oder vielleicht auch etwas verändern möchte – aber er schafft es nicht... ich versuche aber immer Texte zu schreiben, die viel Raum für Eigeninterpretation lassen.

Mariusz Duda live auf der Bühne in Aschaffenburg (alle Fotos: Shirin Kasraeian)
Wird es ein Video zu einem der Songs geben?
Mariusz: Wir haben darüber nachgedacht und hatten Pläne für "Egoist Hedonist", aber leider hat es nicht geklappt und jetzt ist es, glaube ich, zu spät. Wir konzentrieren uns jetzt auf das neue Material. Wir haben beschlossen, ADHD auch auf Vinyl herauszugeben und alles ist sehr old-school, wenn ich das so sagen darf: die Länge des Albums und der Sound zum Beispiel. Und in den Siebzigern gab es nicht so viele Musikvideos, also passt es (lacht). Aber in Zukunft werden wir sicherlich ein Video im Stil von "Panic Room" drehen. Jetzt haben wir ja einiges an Material auf der DVD, aber ich denke wir werden nichts für "Egoist Hedonist" drehen. Vielleicht machen die Fans ja etwas auf youtube...
Ja, wer weiß, es gibt ja schon einige von Fans gemachte Videos auf youtube.
Mariusz: Ja, vor allem viele mit Szenen aus Mangas, Comics und Filmen.
Welche anderen Einflüsse gibt es auf dein Schaffen, wenn man die Musik beiseite lässt?
Mariusz: Grundsätzlich bin ich ein Fan von Werken von vielen unterschiedlichen Leuten. Es ist nicht immer die Musik, sondern auch Filme oder zum Beispiel Bücher. Normalerweise ist das so, dass wenn ich nach Ideen suche, ich viel darüber lese. Das ist der erste Schritt und dann kommt die Musik. Es ist nicht so, dass ich King Crimson oder Led Zeppelin höre und dann denke "oh, genauso will ich es auch machen". So was macht man, wenn man zwanzig ist: Man ist jung und alles ist aufregend. Aber jetzt ist es nicht mehr so aufregend, jetzt kennt man schon alles und du freust dich natürlich auch, wenn du gute Musik findest, aber es ist schwer, neue Musik zu finden. Daher versuche ich auch momentan diese Klänge und Melodien aus der Vergangenheit zu entdecken, die ich noch nicht entdeckt habe... ja, und dann gibt es noch die Filme – ich wollte ja schon immer so was wie ein Drehbuch schreiben – vielleicht eines Tages...
Was für Filme wären das?
Mariusz: Mein Lieblingsthema ist der Bereich zwischen Traum und Wirklichkeit. Und ich bin ein großer Fan davon, genau in dem Zwischenraum zu landen und mag alles, was damit zusammenhängt, alles, was mit Träumen zu tun hat, auch Persönlichkeitsstörungen, Schizophrenie und so was. Und momentan, während ich am zweiten Lunatic Soul-Album arbeite (Anm. d. Red.: Lunatic Soul ist das Soloprojekt von Mariusz), werde ich wohl am meisten über diesen Zwischenraum schreiben. Und natürlich werde ich wieder viel Platz für die eigene Interpretation lassen. Ich mag zum Beispiel David Lynch-Filme oder sogar ältere Sachen von Ingmar Bergman... Geschichten, die an eine Person gebunden sind, einen Helden, der auf der Suche nach sich selbst ist – innerhalb und außerhalb seines Gehirns.
Kannst du was zum neuen Lunatic Soul-Album erzählen?
Mariusz: Ich arbeite noch daran und es wird wohl diesen Herbst fertig sein. Jetzt, wo die Musik fertig ist, muss ich den Gesang aufnehmen und ich muss auch noch die Texte zu einem Abschluss bringen. Es ist alles in meinem Kopf und ich warte nur noch auf diese Tage zwischen den Shows und die Zeit nach der Tour in der Türkei, in Griechenland undsoweiter, um sie zu vollenden. Und ich bin schon sehr aufgeregt, denn das wird der zweite Teil des Projekts sein. Ich habe mit Riverside die Trilogie gemacht, bei diesem Projekt gibt es nur zwei Teile. Der erste war schwarz, der zweite wird weiß.
Wirst du mit Lunatic Soul auf Tour gehen?
Mariusz: Das könnte vielleicht nach dem dritten Album der Fall sein, aber momentan ist es nur ein Studioprojekt und ich konzentriere mich auf Riverside.

Ihr nutzt mittlerweile sehr stark die sozialen Netzwerke wie zum Beispiel facebook und Myspace. Ihr aktualisiert das regelmäßig. Siehst du in diesen Kanälen nur die Chancen oder habt ihr auch Angst, dass die Leute nur kommen, um die Musik kostenlos zu bekommen?
Mariusz: Nun, diese Art der Promotion ist mittlerweile normal. Das einzige, worüber ich nicht ganz sicher ist, ist Twitter (lacht), aber Myspace und facebook sind ganz nett. Die Fans sind gerne miteinander und der Band im Kontakt. Das Problem mit den Downloads im Internet wird es immer geben. Die neue Generation lädt einfach nur die Musik herunter und man kann nichts dagegen tun. Man kann es einfach nur akzeptieren. Aber andererseits kann man jetzt Alben auf Vinyl herausbringen oder CDs in einer sehr speziellen Deluxe-Ausgabe, die sich im Regal gut macht. Und ich weiß, dass es viele Leute gibt, die diese zweite Option, CDs zu kaufen, immer noch unterstützen. Das ist gut!
Und natürlich kann man euch jetzt dadurch überall auf der Welt hören...
Mariusz: Deswegen versuchen wir ja auch auf Englisch zu singen.
Kommen wir zur Tour: Wie sieht es da momentan aus?
Mariusz: Nun, diese paar Shows mit Pure Reason Revolution und Jolly – es ist ja nur eine kurze Tour. Aber wir haben sehr viel Spaß miteinander, sie sind alle sehr nett. Wir freuen uns sehr, dass wir zusammen spielen können und hoffentlich auch wieder spielen werden. Aber grundsätzlich haben wir die Tour schon seit letztem Jahr hinter uns, und das sind so die letzten Augenblicke. Und wir sind schon sehr gespannt auf die Shows in der Türkei, in Griechenland, Bulgarien und Ungarn, alles Orte, an denen wir noch nie waren. Aber darüberhinaus hat Riverside dieses Jahr frei, wir spielen vielleicht noch auf ein paar Festivals im Sommer, ein Festival im Herbst. Wir werden uns überwiegend auf das neue Album konzentrieren und ich muss mich auch noch auf das Lunatic Soul Projekt konzentrieren... wir haben also viel zu tun.
Wird es nächstes Jahr ein neues Album geben?
Mariusz: Ich hoffe es. Wir sollten es auf jeden Fall machen. In diesen Zeiten, wo alles so schnelllebig ist, sollte man wahrscheinlich schon alle zwei Jahre ein Album veröffentlichen, denn die Leute vergessen einen schnell. Das ist traurig aber wahr. Aber natürlich muss das Material trotzdem gut sein. Es ergibt keinen Sinn, etwas zu veröffentlichen, das nicht gut ist, nur um etwas zu veröffentlichen und Geld zu verdienen. Das ist die Art von Heuchelei, die ich nicht mag.
Was war denn bisher für dich das beste Album dieses Jahr?
Mariusz: Dieses Jahr? Was für ein Jahr haben wir, 2010? Hmm, bisher habe ich es leider nicht gefunden. Ich warte darauf. Und ich versuche, alte Sachen wiederzuentdecken, momentan zum Beispiel bin ich sehr angetan von Vangelis "Earth"-Album, das glaube ich aus 1972 oder 1973 stammt. Aber neue Bands, bring' mich um, ich warte noch drauf. Vielleicht das neue von Pure Reason Revolution...
Bester Film dieses Jahr?
Mariusz: Jesus, das ist unfair. Es ist schwierig, etwas zu nehmen, das bekannt ist. Wenn ich nachdenke, dann komme ich auf einen Film, der mir sehr nahe geht, nämlich "Amadeus" von Milos Forman. Ich fand es gut, wie dort der Künstler dargestellt wurde und die Art, wie die Beziehungen zwischen dem Künstler und den anderen dargestellt wurden. Und dieses Jahr habe ich es endlich geschafft, "The Hurt Locker" zu sehen – ich glaube, das ist aus dem letzten Jahr – aber ich fand ich ihn sehr gut, weil er zeigt, wie der Krieg im Irak wirklich ist. Das ist nicht wie bei "Saving Private Ryan", der mit einer 30-Minuten langen Szene mit vielen Special Effects eröffnet wird.
Wie hast du die Tragödie um den polnischen Präsidenten aufgenommen?
Mariusz: Nun, wenn solche Dinge passieren, tendieren wir Polen dazu, uns wieder zu vereinen. Da gibt es keine Trennung mehr, alle sind zusammen, und das ist toll. Ich wünschte, wir könnten immer EIN Land sein. Aber in solchen Momenten ist es auch sehr schwer, der Wahrheit ins Auge zu schauen. Als ich hörte, dass der nächste Kandidat wahrscheinlich sein Zwillingsbruder sein würde, hatte ich das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Es ist, als ob jemand diese ganzen negativen Gefühle und den Schmerz der Menschen ausnutzen will. Solche Situationen mag ich nicht... und ich erinnere mich daran, dass als der Papst starb, auch alle sich in dieser Tragödie vereint haben. Es ist nur traurig, dass das nur geht, wenn was Schlimmes passiert. Immerhin kann man jetzt im Radio zum ersten Mal gute Musik hören – hmm, irgendwie stimmt da was nicht... (lacht).
Pure Reason Revolution haben angefangen im Colos-Saal zu spielen und danach müssen Riverside auf die Bühne, es ist also Zeit, das Interview zu beenden.
Danke für das Interview, Mariusz!
Mariusz: Bitte bitte!
Mit freundlicher Unterstützung von Pirate Smile PR. Vielen Dank dafür!