Interview mit Sarah Bettens in Köln

(Sarah Bettens)

09.12.2007 von Thomas Welsch

Sarah Bettens war einst die Hälfte des erfolgreichsten belgischen Rock-Exports K´s Choice. Seit der Auflösung im Jahr 2003 gehen sie und ihr Bruder Gert in musikalischer Hinsicht getrennte Wege. 2005 veröffentlichte Sarah Bettens ihr Debütalbum "Scream", dem im November diesen Jahres "Shine" folgte. Die Belgierin ist mit Sicherheit eine Frau, die nicht nur in ihren Songs eine Menge zu erzählen hat. Das bewies sie auch im Interview mit Musicheadquarter-Redakteur Thomas Welsch vor ihrem Konzert Anfang Dezember im Kölner Prime Club.

Sarah Bettens in Köln (Foto: Markus Thiesen)

Hallo Sarah. Wie geht es dir?

Sarah Bettens: Mir geht´s sehr gut. Danke (lacht).

Vor einigen Tagen hast du eine Show zusammen mit deinem Bruder und seiner neuen Band „Woodface“ gespielt...

Sarah: Ja, es war toll! Wir hatten einen Riesenspaß. Es hat sich so ergeben, dass sie für unsere Show als Support spielten. Sie haben ein tolles Set gespielt und am Ende meiner Show haben wir zusammen zwei Songs als K´s Choice gespielt.

Welche beiden Songs waren das?

Sarah: Wir spielten „Butterflies Instead“ und „Everything For Free“.

Gibt es Momente in denen du deinen Bruder Gert neben dir auf der Bühne vermisst?

Sarah: Ich vermisse ihn als Person. Ich bin überzeugt, egal was wir in Zukunft zusammen machen werden, es wird uns einen Riesenspaß machen. Aber musikalisch habe ich momentan tolle Menschen um mich, eine klasse Band und jeder genießt es. Deshalb habe ich nicht viele Gelegenheiten, ihn zu vermissen. Ich bin ein Mensch, der im Hier und Jetzt lebt, aber als ich in Luxemburg wieder mit ihm zusammen auf der Bühne stand, da habe ich tatsächlich gespürt, dass ich ihn vermisst habe. In meinem Leben habe ich mehr Zeit mit meinem Bruder verbracht, als mit irgendeinem anderen Menschen, ehrlich, und es war schon ein enormer Bruch, als wir uns nach dem Ende von K´s Choice kaum noch sahen.

Vor etwa einem Jahr hast du ein Akustik-Konzert im Paradiso in Amsterdam gespielt, das man sich auch im Internet in einer tollen Qualität anschauen kann. Ist ein solches Akustik-Set eigentlich anstrengender als eine Rockshow mit der gesamten Band?

Sarah: Ja, für eine Akustik-Show braucht man mehr Energie. Nicht körperlich. Aber solche Shows sind eine riesige Herausforderung. Du möchtest was besonderes auf die Beine stellen und das ohne die Dynamik einer Rockshow zu haben. Du willst es zu einem Ganzen machen, zu einer Art Theaternacht. Ich habe mir eine Menge Gedanken über die Setliste gemacht, wir haben viel geprobt und wollten einfach genau das Richtige machen. Die Leute im Paradiso waren so ruhig und konzentriert, haben genau zugehört, haben vergessen auf ihre Uhren zu schauen, was wunderbar war. Es war wahrscheinlich die größte Herausforderung, der ich mich jemals gestellt habe und ich werde mich ihr bald wieder stellen.

Du planst eine Akustik-Tour?

Sarah: Ja, und sie wird wohl doppelt so lange dauern wie die letzte. Wie es ausschaut werden wir ein paar Wochen in Holland und ein paar Wochen in Belgien spielen und wenn es sich anbietet eine Extrashow hier und da in anderen Ländern dranhängen.

An einem Tag wie diesem, am Nachmittag vor einem Konzert, wie verbringst du da am liebsten deine Zeit, wenn du keine Interviews führst?

Sarah: Wenn das Wetter schön ist, gehe ich immer raus an die frische Luft. Wir waren heute alle ziemlich enttäuscht, dass wir ausgerechnet an einem Sonntag in Köln spielen, weil wir shoppen gehen wollten. Normalerweise verbringe ich eine Menge Zeit mit organisatorischen Dingen und sitze stundenlang an meinem Notebook. Aber das macht mich auch müde und dann muss ich mich bewegen. Heute haben wir zum Beispiel einen Fitnessclub gleich um die Ecke des Prime-Club gesehen und da hab ich dann zwei Stunden trainiert.

Lass uns über dein neues Album "Shine" (hier findet ihr ein Review, d.Red.) sprechen. 180.000 Exemplare wurden kostenlos einer belgischen Zeitung beigelegt. Welche Reaktionen hat das hervorgerufen?

Sarah: Ganz unterschiedliche Reaktionen. Die meisten Leute waren froh darüber. Die Plattenläden fanden die Idee aber nicht so gut. Für mich war es eine tolle Gelegenheit. Es ist ja nicht so, dass ich kostenlos Musik unters Volk gebracht habe, vielmehr hat die Zeitung meine Musik kostenlos verteilt und mich und mein Label bezahlt. Es war die größte PR, die wir je hatten, einschließlich der K´s Choice Alben. Und stell dir vor, 180.000 Leute haben die Möglichkeit deine Musik zu hören. Das ist ein Traum. Diese Gelegenheit musste ich einfach nutzen.

Ich nehme "Shine" als ein intimes Album wahr, in dem es um Freiheit und Unabhängigkeit geht. Ist es dein persönlichstes Album?

In diesem Moment fangen der Drummer und der Bassist lautstark an zu spielen, was eigentlich toll ist, aber ich habe Bedenken, ob ich aus meiner Audioaufnahme nachher noch unsere Simmen heraushöre. Sarah bittet die Jungs, sich noch einen Moment zu gedulden, was sie auch sofort machen.

Sarah: Ich habe immer Dinge geschrieben, die mir persönlich nahe sind und manchmal auch von mir selbst handeln, und es fällt mir immer leichter über intime Themen zu schreiben. Ich habe in den letzten Jahren so viel über mich herausgefunden und viele Dinge sprudelten aus mir heraus, die schon 10 Jahre in mir schlummerten. „Just Another Day“ und “Pave The Way” sind wirklich Songs über mich und mein Leben und es hat lange gedauert bis ich viele Dinge verstanden habe und letztendlich bereit war sie niederzuschreiben und über sie zu singen. Es gibt auch politischere Songs auf "Shine" wie „Daddy´s Gun“ und „The Soldier Song“, aber ich stimme dir zu, dass manche Songs wohl die persönlichsten sind, die ich je geschrieben habe.

Spielt die Reihenfolge der Songs auf einem Album eine große Rolle für dich?

Sarah: Es gibt so viele Philosophien über die Reihenfolge der Songs. Mir ist wichtig, dass du das Album auflegst und es als Ganzes hören kannst und willst. Wenn ich von einem meiner Songs nicht völlig überzeugt bin, landet er nicht auf dem Album. Meistens achte ich darauf, dass die ersten Stücke das Album definieren, so dass Leute, die sich in Plattenläden die ersten Lieder anhören eine Vorstellung vom gesamten Album haben.

Welcher der neuen Songs macht dir live auf der Bühne am meisten Spaß?

Sarah: „I Can´t Get Out“. Der rockt wirklich und selbst die Leute, die das neue Album noch nicht gehört haben, genießen ihn. Das kannst du sehen. Eigentlich habe ich jede Woche einen neuen Lieblingssong und dieser ist es im Moment.

Wir sind Freunde auf Facebook.

Sarah: Cool! (lacht)

Was ich damit fragen will ist, ob du da tatsächlich persönlich reinschaust oder ob du Leute hast die das für dich machen.

Sarah: Facebook, Myspace und andere Communities machen natürlich ne Menge Arbeit. Ich habe jemanden in den Staaten, der mir hilft, aber zumindest die Kommunikation auf französisch und flämisch führe ich selbst. Das gilt auch für die persönlicheren Dinge.

Siehst du als Musikerin die gesamten Möglichkeiten des Internets eher als Chance oder Gefahr?

Sarah: Es bietet mehr Möglichkeiten und eröffnet Chancen, gleichzeitig bringt es mehr Chaos hervor. Die Herausforderung besteht darin, dich von den anderen Bands auf Myspace etc. zu unterscheiden. Es gibt tolle Möglichkeiten, zum Beispiel plane ich eine Show in Nashville und poste das eine Woche vorher in den Communities und da sind immer Leute, die nicht wussten, dass ich dort spiele. Außerdem erzählen mir viele Leute, dass sie über solche Communities überhaupt auf meine Musik aufmerksam wurden.

Du bist von einem zerrissenen Land in ein anderes zerrissenes Land gezogen, nämlich von Belgien in die USA. Welchem der beiden Länder gibst du mehr Chancen für die Zukunft, wieder zusammen zu finden?

Sarah: Das ist eine gute Frage (denkt nach). Ich war lange Zeit nicht mehr in Belgien und mir fehlen da ein paar Eindrücke, aber ich spreche regelmäßig mit Freunden und Verwandten über die Situation. Ich kann nicht ganz einschätzen, wie kritisch die politische Krise in Belgien ist, aber ich weiß, dass die Leute das Thema sehr emotional sehen. Kids heutzutage fehlen die historischen Hintergründe und nun, da Belgien seit über einem halben Jahr ohne Regierung ist, werden alte Vorbehalte neu aufgekocht. Es ist traurig, dass in einer Zeit, in der Europa zusammenwächst, ein so kleines Land wie Belgien mit sich selbst nicht klarkommt. Wenn Belgien von einer Katastrophe wie Hurricane Kathrina oder einem Tsunami heimgesucht würde, dann hätten sie wirkliche Probleme. Sie schlagen sich eigentlich mit einem Luxusproblem herum. Wenn wir über die USA sprechen, dann habe ich die Hoffnung, dass Dinge sich mit einem neuen Präsidenten sehr schnell zum besseren wenden könnten. Präsident Bush hat einen „fantastischen“ Job gemacht, wenn es darum ging Menschen voneinander zu trennen. Er hat eine negative Stimmung vorangetrieben, in der die Amerikaner mehr darauf achten, was sie nicht mögen, als was sie mögen. Es geht um Angstmache und Machterhalt. Ich weiß nicht, ob einer der Präsidentschaftskandidaten das Land zusammenbringen könnte, aber es braucht einen starke Führung, die verbindet statt trennt. Die Menschen möchten eigentlich alle dasselbe. Sie möchten nicht in Angst leben oder Krieg führen. Aber in den Staaten wird den Leuten immer noch erzählt, dass 9/11 etwas mit dem Irak zu tun hat.

An einem Abend mit einem Clubkonzert wie diesem, wieviele vertraute Gesichter siehst du im Publikum?

Sarah: Ich kann es schlecht in Zahlen ausdrücken, aber ich sehe an jedem Abend vertraute Gesichter. Sowohl von der Bühne aus, als auch nach dem Konzert am Merchandising-Stand. Leute sprechen mich dann an und erzählen mir, wie lange sie schon Fan von K´s Choice sind. Wir haben eine sehr loyale Fanbasis, auf die wir uns immer verlassen können und das finde ich klasse.

Unser Fotograf, der heute abend auch die Bilder macht, war vor einigen Jahren bei Rock am Ring und erzählte mir von eurem Auftritt dort. Du hast dich verletzt und trotzdem weiter gespielt.

Sarah: Ich hatte mich beim ersten oder zweiten Song schwer am Knie verletzt und hatte unglaubliche Schmerzen. Ich habe die Show auf einem Stuhl weitergespielt und zuerst war mein Knie fast ein wenig taub, aber nach ungefähr der Hälfte des Konzertes begann es höllisch weh zu tun. Und bei den letzten beiden Songs dachte ich, ich halte es nicht mehr aus. Als sie mich dann von der Bühne geholt haben bin ich vor Schmerzen fast ohnmächtig geworden. Ich hatte vier oder fünf Verletzungen im Knie. Die Tour habe ich dann in einem Rollstuhl zu Ende gespielt.

Letzte Frage. Nach einem Jahr voller Konzerttermine, wie wirst du Weihnachten verbringen?

Sarah: Oh, das wird fantastisch! Ich werde Weihnachten mit der gesamten Familie Bettens in der Schweiz verbringen. Wir werden Ski fahren und sicher eine wunderschöne Zeit haben.

Das wünsche ich dir. Hab eine tolle Zeit und verlebe schöne Weihnachtstage!

Sarah: Danke!

Wir bedanken uns für das sehr nette Gespräch!

Ein Dankeschön geht ebenso an Dennis Saia von Starkult für seine freundliche Unterstützung!

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