(Silbermond)
„Wir haben wirklich ein sehr familiäres Verhältnis untereinander“
Am 3. Dezember spielten Silbermond bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr im Kölner Palladium. Für den Nachmittag vor dem Konzert hatte die Band zum Pressegespräch eingeladen. Obwohl die vier Bautzener an diesem Tag bereits einige Promotermine absolviert hatten (u.a. bei Eins Live) und die Zeit dementsprechend knapp bemessen war, präsentierte sich das Quartett in sehr entspannter Stimmung. Man ließ die anwesenden Medienvertreter sogar beim Soundcheck zuschauen, aus dem andere Bands schon Hochsicherheitsveranstaltungen gemacht haben. Dass Silbermond derlei Starallüren fremd sind, zeigte sich auch beim anschließenden Pressegespräch in einem Nebenraum des Palladiums. Humorvoll und bestens gelaunt standen Stefanie Kloß, Johannes Stolle, Andreas Nowak und Thomas Stolle gut eine halbe Stunde lang Rede und Antwort zu allen möglichen Themen. Für Musicheadquarter war Thomas Kröll mit dabei.

Im Kreise der vier Silbermonde: Andreas Nowak, Stefanie Kloß, MHQ-Redakteur Thomas Kröll, Johannes Stolle und Thomas Stolle (v.l.n.r.)
Ihr habt jetzt schon sehr oft in Köln gespielt. Angefangen im Underground, dann Live Music Hall und heute wieder im Palladium. Bleibt da noch Zeit, euch etwas mehr von der Stadt anzuschauen als nur die ganzen Hallen?
Thomas: Prinzipiell ist es so, dass wir schon versuchen uns die Stadt anzuschauen. Wie du schon gesagt hast, waren wir in Köln jetzt schon einige Male. Im Underground haben wir zweimal gespielt, in der Live Music Hall dreimal, Palladium... da hat man sich schon ein bisschen was von Köln angeschaut. Es sind ja auch viele Fernsehsender hier und da waren wir auch schon des öfteren für Aufnahmen. Da bleibt dann schon der eine oder andere Tag Zeit, sich hier mal umzuschauen. Wir kommen immer gerne nach Köln. Wir spielen hier so oft und es ist immer wieder geil in Köln. Deswegen kommen wir auch immer gerne wieder.
Ihr spielt in Schmochtitz am 27. Dezember wieder eines eurer traditionellen Akustik-Konzerte. Denkt ihr darüber nach, irgendwann vielleicht mal ein reines Akustik-Album aufzunehmen?
Stefanie: Wir sind ja immer sehr offen, was das Musikalische angeht. Vielleicht machen wir mal irgendwas mit Unplugged oder eine Tour oder etwas in der Art. Aber ich glaube, erst mal kommt das dritte Album und danach kann man vielleicht mal über so was nachdenken. Dann haben wir auch mehr Stoff, mit dem man arbeiten kann und kann überlegen, ob man sich noch einen Cellisten dazuholt oder einen Klavierspieler. Ich glaube, darauf hätten wir bestimmt irgendwann mal Bock. Aber da lassen wir uns noch ein bisschen Zeit.
Momentan sind Deutschrockbands ja total im Kommen. Wie steht ihr persönlich zu anderen Bands?
Stefanie: Wir finden die alle doof. Alle die auch Musik machen sind doof. (lacht) Nein, um Gottes Willen! Das Verhältnis ist echt total entspannt, gerade auf Festivals. Im Sommer ist es immer richtig cool. Da sieht man so viele Bands, die man selbst die letzten Jahre gar nicht geschafft hat zu schauen, weil man selber immer unterwegs ist. Wenn man auf einem Festival spielt, trifft man gleich fünf, sechs Bands am Stück und mittlerweile kennt man auch sehr viele. Mit Juli haben wir letztes Jahr richtig viel zusammen gespielt. Wir Sind Helden haben wir total oft getroffen. Wir haben In Extremo kennengelernt, Die Toten Hosen, die Söhne Mannheims, Xavier Naidoo. Mit Fettes Brot sind wir letztes Jahr praktisch auf jedem Festival zusammen gewesen. Wir hatten schon das Gefühl, dass wir uns gegenseitig verfolgen. Das ist dann auch echt sehr interessant, wenn man sich gegenseitig austauscht. Alles sehr, sehr entspannt. Und ich glaube, niemand nimmt sich hier irgendwas weg. Wir alle machen Musik und jede Band hat ihre Eigenständigkeit. Und deswegen ist auch für jede Band Platz.
Stefanie, du hast eben Unplugged angesprochen. Soweit ich weiß, gibt es am 21. Dezember ein MTV Unplugged mit Silbermond. Richtig?
Thomas: Richtig! Also das ist nicht direkt ein MTV Unplugged von dieser Reihe, die es mit großen Bands gibt. Ich glaube, soweit sind wir noch nicht. Wir nennen es „Eine schöne Bescherung mit Silbermond“. Es ist zugunsten unserer Aktion „Fans helfen“, mit der wir in Kamerun ein Haus aufbauen wollen. Ein Haus, in dem junge Mädchen zur Schule gehen und Frauen eine Ausbildung machen können, was dort leider nicht selbstverständlich ist. Dort herrscht noch ein sehr traditionelles Rollenverständnis. Das heißt, die Frauen werden in jungen Jahren schon verheiratet und haben keine Möglichkeit zur Schule zu gehen und Bildung zu erlangen. Diese Frauen und Mädchen möchten das ändern und wir wollen sie dabei unterstützen. Mit Hilfe von MTV und mit Hilfe von Leuten, die unsere Musik mögen oder vielleicht auch nicht mögen. Das ist in dem Fall aber auch egal. Und dafür wird es dieses Akustikkonzert auf MTV geben, eine Stunde lang. Ich freue mich sehr darauf und wir werden noch einige Leute dabei haben, die mit uns zusammen spielen. Deswegen wird das ein sehr schöner Abend, von dem wir hoffen, dass wir die 53.000 Euro, die wir für den Bau der Schule benötigen, bis dato zusammenkriegen. Also, wen es interessiert, einfach auf die Fans helfen-Webseite gucken. Da kann man spenden und das wäre natürlich sehr hilfreich.
Ihr seid oft monatelang auf Tour und dabei ununterbrochen zusammen. Wie geht ihr damit um?
Thomas: Bis jetzt hatten wir damit zum Glück noch kein Problem. Man kennt sich ja jetzt schon etwas länger, auch die Leute, die mit uns auf Tour sind. Das sind ja nicht nur wir Vier im Tourbus. Man muss sich das vorstellen wie ein U-Boot. Rechts und links sind so Kojen. Die Koje ist dann eigentlich auch die Privatsphäre, die man hat. Da zieht man den Vorhang zu und dann ist man alleine. Auch wenn das natürlich was anderes ist als zuhause, wo man eine Tür zumachen kann. Aber für eine Tour ist das echt optimal. Wir freuen uns immer auf Tour zu gehen. Touren ist für uns das Größte. Im Zimmer einschließen kann man sich nach der Tour dann immer noch. Wir haben wirklich ein sehr familiäres Verhältnis untereinander. Das war uns immer wichtig und wird es auch immer bleiben. Da macht das Touren schon Spass.

„Wir Vier sind immer noch die Vier, die einfach Musik zusammen machen und dabei sehr viel Spass haben“ (Foto: Fryderyk Gabowicz)
Gibt es irgendein verrücktes Erlebnis auf Tour, das ihr erzählen möchtet?
Thomas: (lacht) Sehr strange und lustig war, als wir Andreas vergessen haben. Wir haben in Bochum in der Zeche gespielt. Und Andreas war auf der Tour immer derjenige, der sofort in den Bus gegangen ist, sich ins Bett gelegt und noch eine DVD geguckt hat oder sowas. Das war wirklich jeden Tag so. Bochum war so Mitte der Tour, glaube ich. Wir steigen also in den Bus ein und gucken ob alle da sind. Andreas war nicht da, aber wir dachten er liegt halt schon im Bett. Wir fahren also los und nach zwei Minuten klingelt das Handy von einem von uns und Andreas war keuchend am Apparat. Hey, wartet mal, ich renn hinter dem Bus her, ihr habt mich vergessen. Das war ziemlich lustig. Er stieg in den Bus ein und lag nicht im Bett wie angenommen. Wer weiß, was er noch gemacht hat. (alle lachen)
Wie habt ihr euch oder wie hat sich euer Leben verändert, seit ihr professionell Musik macht?
Stefanie: Bei uns war das so wie ein fließender Übergang. Wir haben alle unsere Schule fertig gemacht, beziehungsweise die Jungs ihren Zivildienst. Und danach haben wir gesagt, wir kratzen unser Geld zusammen, gehen für ein halbes Jahr nach Berlin und gucken einfach mal, was dabei am Ende rauskommt. Und da ist was ganz Gutes bei rausgekommen. Zumindest hatten wir die Möglichkeit, den ganzen Tag Musik zu machen. Wir sind schon sehr viel unterwegs, haben viel gesehen, nicht nur von Deutschland. Wir waren auf kleiner Skandinavien-Tour. In Österreich und der Schweiz waren wir schon so oft in letzter Zeit. Oder in Südtirol. Das macht schon wirklich Spass so viele Länder zu sehen. Natürlich haben wir viele nette Leute getroffen und viele Bands kennengelernt. Menschlich sind wir dabei um einige Erfahrungen reicher geworden. Auch was den Mensch im Rahmen des Geschäftes angeht. (lacht) Einige Menschen scheinen da ein wenig anders zu reagieren, wenn es ums Geschäft geht. Da weißt du mittlerweile nun schon, wer sich mit dir unterhält weil es um etwas Geschäftliches geht und wer sich mit dir unterhält weil er dich als Mensch kennenlernen will. Ich glaube, wir Vier sind immer noch die Vier, die einfach Musik zusammen machen und dabei sehr viel Spass haben.
Ihr selbst seid eine über Jahre gewachsene Band. Momentan stehen Casting-Shows hoch im Kurs. Wie steht ihr zu dieser Art von zusammengewürfelten Bands?
Stefanie: Also, der einzige Weg, den wir kennen, ist natürlich der Weg, den wir gegangen sind. Wir haben uns zweimal die Woche im Proberaum getroffen, am Wochenende hatten wir kleine Gigs in irgendwelchen kleinen Kneipen, sind nachts nach Hause gekommen, haben die Backline wieder in den Keller getragen und so weiter. Das haben wir einige Jahre gemacht. Dabei hatten wir natürlich glückliche Umstände, haben Leute getroffen, die uns geholfen haben und gemerkt, dass wir diese Zeit auch einfach brauchten, um uns Stück für Stück weiterzuentwickeln und zu lernen. Nicht nur musikalisch sondern auch um das Ganze kennenzulernen. Was dazugehört auf Tour zu gehen, was dazugehört eine Platte zu machen, da gehört ja einfach auch viel Drumherum dazu. Dass wir jetzt gerade mit euch hier sitzen, dass wir Videos drehen, Fotos machen, Entscheidungen treffen und solche Sachen. Es war gut, dass wir da Stück für Stück reingewachsen sind. Wir stellen es uns deshalb auch sehr schwierig vor bei Leuten, die da von heute auf morgen reingeworfen werden und innerhalb von einem halben Jahr ein Hammerprogramm absolvieren müssen. Ich glaube, ich könnte das nicht. Die Leute die das gut finden oder damit glücklich werden, sollen das gerne machen. Da sind ja auch wirklich Talente dabei. Wir gehen unseren Weg und machen unser Ding und andere Leute müssen halt ihren Weg finden.
Gibt es einen Plan B, falls es mit der Musik langfristig nicht klappen sollte?
Stefanie: Vielleicht sollten wir einen Plan B haben. Wir alle wissen, dass die Musikindustrie sehr schnelllebig ist und wir sind da auch keine Träumer. Wir sind Realisten und wissen, wie schnell es wieder vorbei sein kann. Dessen sind wir uns also bewusst. Aber wir planen einfach weiter und wollen erst mal die neue Live-DVD fertig machen. Sollten wir mal an einen Punkt kommen, wo wir merken, dass uns die Musik oder die Band nicht mehr glücklich machen, werden wir uns sicherlich Gedanken machen. Aber momentan...
Thomas: (unterbricht sie) Ich werde Fussballer. Profifussballer.
Welcher Verein?
Stefanie: (lacht) VfL Bochum!
Thomas: Ich habe jetzt schon viele Angebote aus dem Ausland. Mailand wahrscheinlich. (grinst)
Andreas: Dann spielst du ja in der Zweiten Liga.
Stefanie: Also, wir haben schon die tierischen Pläne wie ihr merkt. (lacht)

„Thomas ist der kreative Kopf von Silbermond“ (Foto: Fryderyk Gabowicz)
Das neue Album ist ein Erfolg, die Tour ist ein Erfolg. Spürt ihr da manchmal, dass euch von anderen Leuten Neid entgegengebracht wird?
Thomas: Jein. Es ist schon so, dass man viele Leute trifft, die das gut finden was wir machen und einem das auch sagen. Aber man merkt auch, dass es Leute gibt, die einem das nicht unbedingt gönnen. Aber das gab es auch schon, als wir mit 18 angefangen haben und noch gar nicht Silbermond hießen. Wo wir einfach in einer kleinen Kneipe in Bautzen gespielt haben. Da waren wir schon für manche Leute irgendwie doof und kommerziell. Da hat man schon gemerkt, dass da ein gewisser Neid existiert. Aber ich glaube, das wird es immer geben. Auch in jedem anderen Beruf gibt es das. Von daher ist das für uns jetzt nichts Schlimmes. Alles ist gut, solange wir wissen, dass wir mit uns zufrieden sind und keine schlechteren Menschen geworden sind, nur weil wir jetzt ein paar Platten verkaufen oder ab und zu im Fernsehen sind.
Habt ihr vor der Veröffentlichung von „Laut gedacht“ Druck von Seiten der Plattenfirma verspürt? Das erste Album war schließlich ein Riesenerfolg.
Andreas: Am Verfahren, wie wir Songs schreiben, haben wir nichts verändert. Es kann Druck dagewesen sein, aber wir haben uns davon nicht beeinflussen lassen. Wir sind einfach wieder in den Proberaum gegangen, haben gejammt wie früher und dabei sind die neuen Lieder entstanden. Das Beste ist einfach, in den Proberaum zu gehen und entspannt zu sein. So wie immer. Das hat bis jetzt bei uns am besten funktioniert und das wird auch weiter so bleiben. Den Druck, sich da irgendwie verstellen zu müssen, haben wir nicht erlebt.
Thomas: Was die Plattenfirma angeht, da denken ja viele Leute, da kommt so ein Typ ins Studio oder in den Proberaum und sagt, wie man dieses oder jenes machen soll. Aber das ist bei uns nicht so. Es gibt sicherlich Künstler, bei denen das der Fall ist. Die haben wir auch kennengelernt und die sind sehr unglücklich was das angeht. Bei uns war es schon immer so, dass wir alles absegnen und bestimmen, wie wo was läuft. Das fängt mit der Musik an und hört mit dem Aussehen des CD-Covers auf. Beim Video geht`s weiter. Wir haben da über allem die Hand drüber und das ist uns auch immer wichtig gewesen.
In der November-Ausgabe der „Max“ waren sehr ungewöhnliche Fotos von euch zu sehen, in sehr edlem Outfit. Wie kam es zu diesen Fotos?
Stefanie: Die „Max“ hat bei uns angefragt, ob wir nicht Lust hätten, mal etwas anderes zu machen. Ja und wir hatten tatsächlich Bock darauf. Und dabei sind die Fotos herausgekommen. Es ist auch ganz wichtig, dass du als Musiker nicht stehen bleibst. Dass du immer irgendwie neue Wege gehst. Und dadurch herausfindest, was du gut findest und was nicht. Ich finde, die Fotos sind ganz nett geworden. Das ist nichts, was wir jeden Tag machen würden, aber es war ein Experiment und tut der Abwechslung ganz gut.
Welche positiven Seiten habt ihr und welche Macken? Stefanie, kannst du die von Thomas mal beschreiben und umgekehrt?
Stefanie: Hast du dir das wirklich gut überlegt? (lacht) Okay! Er ist sehr kreativ...
Thomas: (unterbricht) Wer denn?
Stefanie: Na du!
Thomas: Dann sei vorsichtig was du sagst. (lacht)
Stefanie: Ja eben. Also, Thomas ist der kreative Kopf von Silbermond. Er wirft die meisten Grundideen ein. Er ist, wie ich finde, ein Perfektionist. Und das ist auch das, was eine Band immer sehr befruchtet. Wenn jemand da ist, der immer wieder neue Ideen einwirft und ständig am arbeiten ist. Negative Seiten...
Thomas: (unterbricht erneut) Ich mach mal weiter. (lacht) Also, Stefanie hat eigentlich immer gute Laune, was dem Bandklima oder allgemein dem Klima auf Tour sehr, sehr gut tut. Sie ist sehr darauf bedacht, kleinste Auseinandersetzungen so schnell wie möglich zu schlichten. Sie ist natürlich eine hervorragende Sängerin. Wahnsinn! (lacht) Negative Eigenschaften? Vielleicht ihr relativer Ordnungssinn. Gerade im Tourbus ist sie diejenige, die sagt, nun räumt doch mal hier die Sachen weg. Das ist so eine Sache, die ich jetzt mal als negativ bezeichnen würde.
Wie werdet ihr Weihnachten verbringen?
Johannes: Da wir über das Jahr unsere Familien immer relativ wenig sehen, werden wir natürlich jeder zuhause in Bautzen bei unseren Familien sein. Und da ein bisschen Zeit nachholen, die man im Jahr nicht hat. Und ansonsten werden wir dann auch unseren Bandelternabend nachholen. Das ist so eine kleine bandinterne Tradition, dass wir uns immer irgendwann in der Weihnachtszeit mit den Eltern treffen und das Jahr Revue passieren lassen. Da gibt es ja in diesem Jahr sehr viel zu erzählen. Wegen Silvester müssen wir mal schauen.
Thomas: Ich werde damit beschäftigt sein, die vielen Geschenke meiner Bandkollegen auszupacken. (alle lachen)
Vielen Dank an Silbermond für das nette Gespräch!
Wir bedanken uns ebenso bei Lasse Kahlo von SonyBMG und Lutz Sauerbier für ihre freundliche Unterstützung!