Interview mit Slime in Hannover

(Slime)

12.12.2010 von Maren Röcker

Slime geben in diesem Jahr zum ersten Mal seit 15 Jahren wieder Live-Konzerte und machen fast am Ende ihrer Tour einen Halt in Hannovers Faust. Das ausverkaufte Konzert wurde nachträglich hierher verlegt, da die ursprüngliche Location den ganzen Fans und der Band nicht genügend Platz geboten hätte. Nach einer sechzehnjährigen Pause hat sich natürlich nicht nur der gerade im Punkrock nicht minderwichtige politische Rahmen sondern auch die Fanbase und die Band selbst verändert. Unsere Redakteurin Maren Röcker fühlte den drei Band-Urgesteinen Dirk "Dicken" Jora, Michael "Elf" Mayer und Christian Mevs zu diesen und anderen Themen auf den Zahn.

Treffen im Backstagebereich der Faust in Hannover: Dirk "Dicken" Jora, Christian Mevs, MHQ-Redakteurin Maren Röcker, Thomas (ihre Begleitung) und Michael "Elf" Mayer (v.l.n.r.).

Ihr spielt heute Abend vor ausverkauftem Haus. Wie fühlt es sich an, von einem kleineren in einen größeren Club zu wechseln?

Elf: Das war eher ein internes Problem des Café Glocksee, da die Nachfrage so hoch war, dass wir den Raum wechseln mussten, was aus organisatorischen Gründen nicht ging. Deshalb haben wir den Club gewechselt.

Christian: Grundsätzlich haben wir auf der Tour versucht Clubs zu wählen, mit denen wir durch frühere Konzerte etwas verbinden und wo wir auch schon gespielt haben. Bei dieser Tour haben wir allerdings häufig vor 600 bis 800 Leuten gespielt, hierfür wäre die Glocksee ohnehin zu klein gewesen.

Zum 30jährigen Jubiläum der Band und 15 Jahre nach der Auflösung Ende 1994 stürmt ihr wieder die Punkbühnen in Deutschland. Wie kam es zu dieser Wiedervereinigung?

Elf: Der Anfang lag darin, dass wir die Rechte an den Songs zurückbekommen haben und sich dadurch neue Möglichkeiten für uns eröffneten. Dadurch ist mir die Idee gekommen, dass man auch mal wieder live spielen könnte und bis dazu alle soweit bereit waren hat es auch erstmal einige Zeit und Kraft gekostet.

Dirk: Durch die Neuveröffentlichungen einiger Platten und CDs auf unserem neuen Label war die Band auch wieder mehr präsent, was eine gute Ausgangslage darstellte.

Wird man euch auch über 2010 hinaus live sehen können? Wie geht es mit Slime allgemein weiter?

Elf: Der nächste Schritt ist unsere Dokumentation die von zwei Freunden gemacht wird, die uns ständig mit der Kamera begleiten. Das ganze ist recht professionell aufgezogen und soll eventuell auch im Kino gezeigt werden. Im Grunde geht es um Punkrock in Deutschland, auch anhand unserer Live-Auftritte und der Wiedervereinigung. Parallel dazu gibt es die Idee ein Buch zu schreiben, es gibt jedoch noch keine konkreten Pläne. Es ist eine ganze Menge in Arbeit.

Dirk: Es geschieht eine ganze Menge um uns herum, aber ein neues Album ist erstmal nicht in Planung. Da haben wir uns noch nicht entschieden.

Seht ihr einen potentiellen Nachfolger als Deutschlands Politpunkband Nummer 1 und wenn ja, wen?

Dirk: Ich habe eine ganze Zeit lang gedacht, dass gerade Rantanplan da "reingrätschen" würden, was ja auch so war, jedoch nicht in den Dimensionen wie bei uns.

Christian: Die waren bei uns einige Zeit im Vorprogramm und haben auch richtig gut Platten verkauft. Es ist ja auch eine wirklich gute Band mit guten Songs, sie haben sich dann jedoch irgendwann aufgelöst. Markus hat dann angefangen bei Kettcar zu spielen. Aber in Sachen Punkrock gibt es eigentlich nichts mehr. Auf dem gesamten musikalischen Sektor gibt es natürlich einiges an Potential. Da wären zum Beispiel die Goldenen Zitronen, die nun auch einige Nebenprojekte haben, aber eben immer Punkrock sind.

Dirk: Genau wie Ton Steine Scherben die damals auch eine Lücke hinterlassen haben.

Elf: Dann gibt es noch ZSK die sich auch aufgelöst haben, nachdem sie es mit einem Major Deal versucht haben, was natürlich Quatsch ist. Was auch alles sehr fragwürdig ist.

Seid ihr euch im klaren, dass ihr unglaublich viele Leute politisch beeinflusst habt? Und es heute noch tut!

Dirk: Darüber sind wir uns schon im klaren. Man sieht da unten 17jährige Kids rumlaufen, für die wir immer noch im Jahre 2010 eine Bedeutung haben. Im Publikum gibt es schon eine bunte Mischung und nicht nur, wie man es hätte vermuten können, eine Art Klassentreffen der alten Säcke. Das macht einen natürlich sehr stolz, weil damals ging es mir mit Ton Steine Scherben ähnlich. Von denen hatte ich auch die Inspiration erst einmal das System zu begreifen in dem man lebt und auch Dinge zu hinterfragen. Das ist uns auch gelungen. Man bricht ja keine Revolution los, sondern gibt Denkanstösse.

In eurem Lied "Block E" outet ihr euch als HSVer. Wie kam der Schwenk zum FC St.Pauli?

Dirk: Das ist 25 Jahre her, Punkt! Ich habe darüber meine Diplomarbeit geschrieben. Ich versuche das mal hier in drei Sätzen darzustellen: Tierischer Rechtsdruck in den Stadien und es war unmöglich als Linker das Stadion zu betreten, weil du dann auf die Fresse gekriegt hast. Man hörte nicht nur den HSV sondern auch "Ausländer raus" und "Sieg Heil". Die vorwiegende Meinung war einfach Rechts, weshalb wir dann mit unseren Leuten da raus sind und uns Jahre später bei St. Pauli wiedergefunden haben.

Was ist euer Lieblingslied von euch selbst und mit welchem eurer Lieder verbindet ihr Slime am meisten?

Christian: Ich glaube was Slime am meisten ausmacht sind einfach die ganz simplen, ganz geraden, schlagfertigen Songs. Die typischsten Songs sind natürlich "Bullenschweine" und "Deutschland muss sterben".

Dirk: Wenn wir natürlich nur solche Songs hätten, wären wir jetzt auch nicht hier. Ich denke, es gibt eine gute musikalische Entwicklung, die uns auch ausmacht. Und wie man sieht sind wir auch nicht stehen geblieben.

Wo seht ihr gerade die größten politischen und gesellschaftlichen Probleme in Deutschland?

Dirk: Der Ausstieg aus dem Atomausstieg ist eine Sache. Desweiteren Stuttgart 21, woran man auch wieder die Polizeigewalt erkennt, was jahrelang verschwiegen wurde.

Elf: Auch die Situation in Afghanistan hat sich total verändert, weil Deutschland im Krieg wieder richtig mitmischt. Auf die Situation passt dann auch wieder ein Song wie "Alptraum". Naja, es passt nicht ganz zur politischen Situation, aber im Grunde müsste man nur ein paar Worte verändern und es würde auch nach all den Jahren wieder in diese Situation hineinpassen. Es ist natürlich spannend sich zu überlegen, dass es mittlerweile auch wieder eine Bedeutung hat, obwohl es für was anderes geschrieben wurde und nach Jahren wieder in eine solche ähnliche Situation hineinpasst.

Gerade aufgrund eurer klaren und deutlichen Songtexte sprecht ihr aus den Herzen vieler (radikalen) Linken. Hat sich eure politische Weltanschauung im Laufe der Bandgeschichte verändert? Und wenn ja, wie?

Dirk: Meine Sichtweise auf die linke Szene Deutschlands hat sich sehr stark geändert. Es ist immer schwierig zu verallgemeinern und von DER linken Szene zu sprechen, aber wenn wir schon verallgemeinern, würde ich behaupten, nicht mehr Teil der linken Szene zu sein. Diese Szene ist mir einfach zu engstirnig und zu radikal. Gerade in den inneren Kreisen kommt es verstärkt zu Widersprüchen und Vorurteilen. Aufgrund dieser Tatsache fühle ich mich heimatlos. Früher hieß für uns Freiheit wirklich frei zu sein und sich nicht der "political correctness" zu unterwerfen. Ich kann mich mit großen Teilen der linken Szene in Deutschland nicht mehr identifizieren.

Christian: Das gilt im Prinzip für uns alle. Was mich stört ist, dass sich niemand mehr mit den wirklich großen Problemen auseinander setzt. Das fand ich damals an der Hamburger Punkszene schon schwer.

Was wolltet ihr euren Hardcore-Fans, die euch schon sehr lange begleiten, schon immer mal sagen?

Christian: Gar nichts. Wenn wir was sagen wollen, dann sagen wir es auch. Eigentlich sagen wir alles durch unsere Texte, die sind deutlich genug.

Elf: Aber natürlich wollen wir unseren Fans die immer noch zu unseren Shows kommen auch mal Danke sagen. Das ist wirklich nicht selbstverständlich, dass die Leute auch noch nach 16 Jahren kommen und mit uns abfeiern. Aber es liegt auch einfach an uns, dass wir unheimlich gut sind (alle lachen). Wenn wir schon bei den Proben gemerkt hätten, dass der Funke nicht übergesprungen wäre, dann hätten wir es gleich sein gelassen. Das war von vorneherein so gedacht. Und es gibt auch Leute, die sagen, dass es heutzutage geiler ist als damals. Die Spielfreude die wir haben, kommt nun mal einfach unten an und das ist das Fazit für uns und das beste Gefühl der Welt!

Auch wir sagen Dankeschön, dass ihr euch die Zeit für uns genommen habt!

 

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