(Sport)
Am vergangenen Samstag spielte die Gruppe Sport beim Open RS Festival in Remscheid. Nachdem ich eine Woche vorher schon in Essen auf dem Konzert war, konnte ich mir in Remscheid jetzt noch mal ein etwas verkürztes Set anschauen und hatte nach dem Konzert die Möglichkeit mich mit den Musikern von Sport zu unterhalten. Nach ihrem Auftritt und dem Auftritt der Gruppe 1000 Robota, die man sich noch gemeinsam anschaute, trafen wir uns im Backstagebereich im kleinen Partyzelt und plauderten ein wenig über Aktuelles, Vergangenes und Zukünftiges.
Dass nicht wie geplant nur Sänger Felix Müller zum Interview kam, sondern gleich alle anderen auch, rechnete ich der Band schon vorher hoch an. So saßen wir mit Christian Smukal (Bass), Felix Müller (Gesang, Gitarre), Jan-Eike Michaelis (Gitarre) sowie Martin Boeters (Schlagzeug) und meiner Wenigkeit nun zu fünft an einem Tisch. Später stieß dann sogar noch Abmischer Udo Böckmann dazu.

Sport von links nach rechts: Martin Boeters (Schlagzeug), Felix Müller (Gesang, Gitarre) und Christian Smukal (Bass).
Hallo Sport. Da ihr noch nicht in ganz Deutschland bekannt seid zunächst einmal ein paar grundlegende Fragen: Woher kommt ihr und wer seid ihr eigentlich? Was macht ihr für Musik? Wie lange gibt es euch schon? Wie viele Alben habt ihr bereits aufgenommen?
Felix Müller: Also, wir haben uns 1996 zusammengefunden und haben dann zuerst eine Doppel 7"Vinyl mit ungefähr 9 Stücken aufgenommen. Da waren wir damals noch nicht schlau genug, weil wir davon auch gut ne ganze Platte hätten machen können. 2001 kam dann unser Debüt "These Rooms Are Made For Waiting" raus.
Martin Boeters: 1999 haben wir die aber schon teilweise aufgenommen.
Felix Müller: Ja, das hat damals alles ein bisschen gedauert. Und 2006 kam dann die zweite Platte "Aufstieg und Fall der Gruppe Sport" und jetzt seit einigen Wochen ist die neue Platte "Unter den Wolken" raus. Ja, unsere Musik ist hauptsächlich vom amerikanischen Indierock geprägt. Pavement, Built To Spill, Guided By Voices, so was halt. Chavez, Sebadoh kam dann dazu, später dann auch noch Einflüsse von Soundgarden, die es natürlich früher auch schon gab, aber am Anfang in unserer Band noch nicht so viel Niederschlag gefunden haben. Ja, so was machen wir halt.
Es gibt immer wieder Leute die schreiben, dass eure Musik "grungig" klingt. Ihr habt ja jetzt vorhin schon über Einflüsse gesprochen. Liegen eure musikalischen Einflüsse denn auch im Grunge? Und beeinflussen diese auch irgendwie die Musik von Sport?
Felix Müller: Ja, auch aus dem Grunge, klar. Einflüsse kommen aber natürlich auch aus den verschiedensten Musikrichtungen.
Martin Boeters: Also, alles was so Anfang der Neunziger an Gitarrenmusik kam, haben wir uns rein gezogen.
Christian Smukal: Aufgesogen wie ein Schwamm.
Martin Boeters: Das kramt man dann halt nach und nach immer wieder raus und man verliert nie den Bezug dazu.
Felix Müller: Aber das ist ja auch keine bewusste Sache, dass wir jetzt sagen wir machen jetzt ein Stück nach dem Stil von XY und dann mit diesem und jenem noch dabei. Das entwickelt sich halt von alleine, Ideen kommen und so entstehen die Stücke. Grunge ist ja für uns hauptsächlich auch so was wie Mudhoney oder die allerersten Nirvana Sachen. Ein bißchen ’60s mit Punk und matschigen Big-Muff-Sound. Pearl Jam zum Beispiel haben für mich jetzt nie diesen Grunge gespielt. Und Soundgarden, die ich übrigens super finde, sind für mich eher so eine klassische Hardrockband.
Martin Boeters: Damals wurde ja auch alles sofort gesigned und verkauft, nur weil es aus Seattle kam. Und lief dann auf MTV rauf und runter, obwohl es schon nichts mehr mit Grunge zu tun hatte. Und andere Bands wie zum Beispiel die Melvins haben sich gewundert, was hier denn grad passiert. Da gibt es doch so ne herrliche Doku drüber...
Ja, "Hype!" heisst der Doku-Film.
Applaus hallt durchs kleine Backstagezelt, weil ein netter Herr die Kiste Bier vorbeibringt.
Nachdem im Jahre 2001 euer Debüt "These Rooms Are Made For Waiting" nur im kleineren Kreis aufgetaucht ist, kam mit "Aufstieg und Fall der Gruppe Sport" 2006 der etwas größere Durchbruch in Deutschland. Wodurch erklärt ihr euch die gewonnene Aufmerksamkeit? Hat das auch was mit Strange Ways, eurem Plattenlabel, zu tun oder auch durch die Aktivität von Felix als Gitarrist bei Kante?
Felix Müller: Ich würde sagen alles so ein bisschen. Die Musik ist einfach konkreter, fassbarer geworden. Alles kommt so mehr auf einen Punkt.
Martin Boeters: Und dass wir endlich mal geschafft haben, das auf Platte abzubilden was wir denken und wie wir eigentlich klingen. Dann kommt natürlich dazu, dass hinter uns ein Label steht, welches uns unterstützt und dann die Presse aufmerksamer wird.
Felix Müller: Aber auch bei der ersten CD "These Rooms Are Made For Waiting" hat der Bernd von Fidel Batsro ne Promoagentur engagiert. Da kam schon ein wenig Aufmerksamkeit rüber damals. Die Platte war aber auch noch ein wenig zerfahren.
Martin Boeters: Noch nicht so griffig.
Felix Müller: Die Doppel-Single die wir am Anfang gemacht haben war dagegen sogar viel konkreter. Das Debut hat sich dann irgendwann auf die Suche begeben und sich dann irgendwo verfranzt.
Christian Smukal: Wie das dann manchmal so beim Suchen ist, ne?
Felix Müller: Grade, wenn man schon lange sucht.
Christian Smukal: Wir haben ja sehr lange gesucht.
Wie kommt es, dass ihr dann nach dem Debüt fünf Jahre gebraucht habt, um ein neues Album auszupacken und jetzt nur zwei Jahre dazwischen liegen? Habt ihr Blut geleckt?
Christian Smukal: Nee, wir haben Geld bekommen (Allgemeines Lachen).
Felix Müller: Ja, ein bisschen ist das schon so, wenn man merkt es geht weiter vorwärts. Da sind dann plötzlich mehr Leute die darauf reagieren, auf die Band und die Musik. Oder dass die Leute sogar mit einem agieren. Ich musste auch gucken was mit Kante passiert. Der Weg war dann für Sport frei. Dann hatten wir die nächsten Stücke zusammen und wollten einfach nachlegen, die nächste Platte machen.
Christian Smukal: In den fünf Jahren zwischen unserem Debüt und "Aufstieg und Fall der Gruppe Sport" war es ja auch so, dass die Songs schon da waren, aufgenommen wurden. Es ist nicht so, dass wir in dieser Zeit nicht gearbeitet hätten. Aber es ist halt so gewesen, dass wir zwischen den Schlagzeugaufnahmen und den Gitarrenaufnahmen mal eben lockere anderthalb Jahre hatten. Das Geld aus unserer Privatschatulle musste ja auch erst wieder aufgefüllt werden. Das haben wir damals alles in so einem kleinen Proberaum gemacht.
Felix Müller: Wenn die Metalband nebenan nicht grad geprobt hat.
Christian Smukal: Blind Guardian oder so was war das.
Felix Müller: Blind Guardian, stimmt. Nee, Running Wild.
Martin Boeters: "Aufstieg und Fall der Gruppe Sport" hat im Endeffekt genauso lange gebraucht wie unser Debüt "These Rooms Are Made For Waiting".
Felix Müller: Aber trotzdem ist oder war es halt so, dass in dem Moment der Auskopplung von "Aufstieg und Fall der Gruppe Sport" wir an einem Punkt waren, an dem wir dann festgehalten haben und weiter machten.

Die Sport-Diskographie: These Rooms Are Made For Waiting (2001), Aufstieg und Fall der Gruppe Sport (2006), Unter den Wolken (2008)
Bei Felix ist es ja bekannt, dass er noch einen zweiten Job als Gitarrist bei Kante hat. Wie sieht es bei den anderen beiden aus?
Christian Smukal: Ich hatte noch ein Projekt mit Andre Rattay von Blumfeld und Roger Behrens, der als Musiker eher nicht bekannt ist, mehr als Autor, ein deutscher Pop-Philosoph. Tikkun hieß das. Das war aber mehr so ein Übungsraumprojekt. Aktiv spiele ich noch bei Künnecke & Smukal, das ist hauptsächlich so Singer-/Songwriter. Etwas ruhig gehalten. Und dann spiele ich halt noch bei den Lovehandles.
Felix Müller: Das kommt demnächst auch ganz groß raus.
Wie war die Tour bisher? Gab es Überraschungen?
Martin Boeters: Sollen wir nur die positiven Überraschungen nehmen?
Felix Müller: Eine negative gab es ja da vielleicht. Als wir in Wien ein Umsonstkonzert hatten und die wenigsten Leute überhaupt da waren. Vor uns war ein etwas ungewöhnlicher Programmpunkt. Und zwar ein Screening der neuen Live-DVD von Within Temptation. Die Leute haben sich das dann angeguckt und sind dann nach Hause gegangen. Übrig geblieben sind dann zwei, drei Freunde von uns und zehn andere. Aber die fanden es dann wieder ganz gut und haben uns auch T-Shirts und CDs abgekauft.
Wie war die Resonanz denn sonst so in Österreich? Ihr wart ja nicht nur in Wien, sondern auch in Linz.
Felix Müller: Leider ein bisschen schwach. Die müssen wir noch entern.
In Hannover habt ihr einen Coversong gespielt. Was war das für ein Song? Variiert ihr eure Setlist, so wie es andere große Bands tun, um ihren Fans eine Abwechslung zu bieten oder bleibt ihr strikt bei einem Programm?
Felix Müller: Das war "Clouds Of Dawn" von Dead Moon, der auf der EP "Wir sind für euch da" mit drauf ist. Die Setlisten variieren wir schon ein wenig. Vor allem, um das für uns selbst abwechslungsreicher zu machen. Damit uns selbst nicht langweilig wird. Ich hatte jetzt auch so eine kleine Halsgrippe, so dass man eh ein paar Stücke weglassen musste.
Martin Boeters: Ich kenn das eigentlich grade von großen Bands, dass die ein Programm haben und das Abend für Abend durchgehen.
Felix Müller: Man erlebt das ja meistens auch nicht. Oft ist es ja auch nur ein Konzert und man denkt dann "Wow! Was für ein Abend, einmalig!". Und manchmal ist man mit einer Band dann unterwegs und wenn man merkt, dass es da Abend für Abend dasselbe ist, dieselben Ansagen, hm… kann man machen, aber hat man selbst dann eher keinen Bock zu. Aber ist auch alles legitim. Wenn eine Band natürlich weiß wie sie einen gelungenen Abend hinbekommt, dann hat das schon eine gewisse Berechtigung, weil sie für diesen einen Abend dem Zuschauer einfach eine perfekte Show abliefern.
Findet man auch Stücke des Debüts in eurem 2008er Repertoire? Wenn nein, warum nicht?
Martin Boeters: Ja, das können wir wohl erklären. Weil wir uns sozusagen rückwärts durch die Zeit bewegen. Jan-Eike ist ja bei uns frisch an der Gitarre eingestiegen. Wir haben dann erstmal die neuen Stücke eingespielt und dann mit ein paar Stücken vom Album davor angefangen, die wir ins Set mit aufnehmen wollten.
Christian Smukal: Die Leistung muss man auch mal würdigen. Jan-Eike hat innerhalb von circa fünf Wochen nicht nur die zehn neuen Songs gelernt, sondern auch noch vier, fünf ältere Stücke. Da werden ja bei allen Songs auch immer mal wieder unterschiedliche Effekte mit eingebracht, also das war schon der Wahnsinn. Das muss man mal gesagt haben.
Jan-Eike Michaelis: Wir hatten einfach nicht die nötige Zeit zum Vorbereiten, um alles mit rein zu nehmen ins Programm. Schwerpunkt lag halt dann beim aktuellen Album "Unter den Wolken" und man hat sich dann gefragt, was kann man noch dazu machen. Wir wollten eigentlich noch mehr Songs dazu nehmen, aber zum Schluss hat einfach die Zeit gefehlt.
Wie kam es dazu, dass ihr mit Jan-Eike nun einen zweiten Gitarristen auf der Bühne habt? Waren die Songs live nicht mehr so umsetzbar, wie ihr das vielleicht wolltet?
Felix Müller: Wir dachten das eigentlich beim letzten Mal schon. Also bei der Platte davor.
Martin Boeters: Um das live umzusetzen, wie es auf Platte arrangiert ist, brauchst du zwei Gitarren.
Felix Müller: Es ist halt bei den Songs so gewesen, dass wir nicht gesagt haben wir sind zu dritt, was können wir machen, sondern dass die Idee des Stückes zuerst da war. Was macht das Stück, wo geht es hin, was passiert? Was gibt es an Veränderungen von Strophe zum Refrain? Wir dachten schon bei der letzten Platte, dass es ganz gut wäre, wenn man noch Jemanden extra dabei hätte. Zuerst bin ich da aber auf Widerstand damals gestoßen.
Martin Boeters: Ja, wir hatten eben als Trio auch wunderbar funktioniert. Wir waren ziemlich kompakt. Live ist man dann immer ein bisschen anders als auf Platte gewesen.
Jetzt klingt es schon sehr nah dran.
Christian Smukal: Oh, danke. Wir hatten sehr lange überlegt welchen Gitarristen wir fragen, wer gerade in Hamburg frei ist. Wer wenig zu tun hat oder wer erstmal auch überhaupt dafür in Frage kommt. Das muss ja passen zu dem Sound den wir auch fahren. Ich hatte Jan-Eike schon was länger im Kopf, da ich für Saboteur, bei denen Jan-Eike gespielt hat, mal Aufnahmen gemacht hatte. Saboteur ist dann aber erstmal ihren eigenen Weg gegangen.
Felix Müller: Ich hatte mit Kante mal ein Konzert, bei dem auch Saboteur aufgetreten sind. Da habe ich Jan-Eike dann kennen gelernt und er hatte da schon sehr viele spezielle Soundsachen in sein Gitarrenspiel mit eingebunden. Und so dachte ich, dass wir genau so was für Sport brauchen. Aber Jan-Eike wird wohl keine Zeit haben, da Saboteur ungefähr zur selben Zeit mit unserem Abmischer Udo Böckmann im Tonhotel waren. Aber Jan-Eike hat dann bei Saboteur aufgehört und so kam eins zum anderen.
Jan-Eike Michaelis: Eigentlich wollte ich nicht sofort wieder weitermachen. Es lagen nur drei Tage dazwischen. Saboteur war mir schon wichtig und dann hat sofort Felix bei mir angerufen. Da musste ich mich erstmal sammeln und überlegen. Aber die Chemie stimmt.
Warum wird das "schwingt" in Stimmen wirklich schwingend gesungen? Running Gag?
Alle: Wayne's World!, Wayne's World!, Party Time!, Excellent! (Großes Lachen in der Runde)
Felix Müller: Nee, eigentlich nicht. Ich weiß auch nicht wie das gekommen ist. Das kam einfach beim Singen so.
Martin Boeters: Das passiert doch automatisch schon, wenn du das Wort "schwingen" singst. "Schwingt", "schwingt".
Felix Müller: Wie klingt das denn beim Singen, wenn ich "schwinkt" singe, "schwingt", das hat doch viel mehr Schwung. Das Wayne's World Dingen schwingt da natürlich auch mit, hat aber eher keine Bedeutung.

Sport mal hinter Masken...
Eure aktuellen Songs handeln viel von Verlust, Schmerz und Tod. Auch die älteren Songs sind ja von den Lyrics her auch ernster. Wie lassen sich die neuen Songs mit dem Humor auf der Bühne vereinbaren?
Felix Müller: Ja, kann man, geht. Für mich ist das halt beim Singen so, dass ich nicht jedes mal den Text neu durchlebe oder durchleben muss. Da habe ich gar keinen Bock zu, wenn ich zum Beispiel ein Lied schreibe über meinen Bruder, der sich das Leben genommen hat, dann will ich das ja nicht auf der Bühne noch mal durchkauen. Also ich weiß natürlich noch wovon ich singe dabei, aber es muss nicht noch mal durchlebt werden. Das hat ja auch für mich ne Aussage und ein Gewicht, aber ich muss dann nicht mit schwerer Miene auf der Bühne stehen. Und so ein Konzert ist ja auch in erster Linie dazu da, dass man ne gute Zeit hat. Und das versuchen wir halt auch rüberzubringen.
Du hast den Song "Der Schmerz" ja jetzt schon mehr oder weniger erwähnt. Wie kam es, dass ihr euch dazu entschieden habt den Song mit aufs neue Album zu packen? 2007 war "Der Schmerz" ja bereits auf der Single/EP "Burning Of The Mitleid Lamp" zu finden, die ja zudem auch eine sehr persönliche Note hat. Passte er dennoch ins Konzept von „Unter den Wolken“? Die Idee mit der zusätzlichen Single/EP zwischen den beiden Alben fand ich eigentlich ganz gut.
Felix Müller: Ich glaube vor allem durch das Live-Spielen des Songs. Das Stück hat echt ne starke Wirkung.
Christian Smukal: Sehr viele Leute kamen auf uns zu, als wir das live gespielt haben und auch erst gerade aufgenommen hatten und meinten echt, dass es ein sehr starker Song ist.
Felix Müller: Die Leute haben anders reagiert als sonst. Ich merke auch, dass ich diesen Song mit einem anderen Bewusstsein singe und dabei auch sicherlich ne andere Form von Energie entsteht, wenn wir das dann zusammen spielen.
Martin Boeters: Mir geht das auch so. Das ist auf jeden Fall das Stück, was mich am meisten packt. Wir spielen das glaube ich alle mit der größten Hingabe.
Felix Müller: Dazu kommt dann, dass es eben nur ne 7" war. Das ist ja was für Vinyl-Liebhaber. Da verkauft man dann 100 Stück von. Wir merkten aber dann auf der anderen Seite, dass das Lied live total gut funktioniert. Wir hatten früher schon ein Stück, das live immer gut ging welches aber nur auf einem Fidel Bastro-Sampler drauf war. Und dann kannten es die wenigsten. Deshalb dachten wir jetzt, dass wir "Der Schmerz" dann mit auf die Platte draufpacken. Und es passt auch sehr gut in den Kontext der gesamten Platte.
Eure letzten beiden Plattencover haben indirekt was mit dem Himmel zu tun. Aktuell "Unter den Wolken" und bei "Aufstieg und Fall der Gruppe Sport" steigen oder schweben einige Heißluftballons in den Himmel? Hat das irgendeine Bedeutung? Gibt es einen Bezug?
Felix Müller: Ich weiß es gar nicht ob es zufällig war. Vielleicht steckte das Thema noch zu sehr in unseren Köpfen. Erst kam der Titel "Unter den Wolken", also das Lied. Da kam noch gar kein Bezug zum Album davor raus, von wegen Aufstieg und Fall, das Schweben und Absinken. Dass das eventuell zusammengehört war wirklich erstmal nicht klar. Als alles dann fertig war, kam das erst bei uns an.
Also war es eigentlich eher unbewusst.
Felix Müller: Ja.
Martin Boeters: Bei "Aufstieg und Fall der Gruppe Sport" war auch ein Comickünstler am Plattencover beteiligt, Arne Bellstorf, der das halt extra für uns gezeichnet hat. Felix hatte da so eine Idee und Arne konnte das dann passend umsetzen.
Felix Müller: Ja, und beim Cover von "Unter den Wolken" hatten wir Unterstützung von Uwe Lewitzky, der die fabelhafte Seite nichtnachdenken.de betreibt. Kann ich wärmstens ans Herz legen. Ist so ein spezial Ding, das muss dann jeder selbst für sich raus finden. Jedenfalls war ich da in einer Austellung von Uwe und sah diese Wolke. Das war dann auf einmal so wie diese Rolling Stones Zunge. Dann hatte ich das aber zuerst wieder vergessen. Als später der Song "Unter den Wolken" fertig war, ist mir die Zeichnung mit der Wolke von Uwe Lewitzky wieder eingefallen. So kam es auch, dass wir die Idee mit dem Albumtitel "Unter den Woken" hatten. Irgendwann habe ich dann Uwe in Hamburg auf der Strasse getroffen und gefragt, wie es ausschaut mit einem Plattencover und er hat "Ja" gesagt.
Martin Boeters: O-Ton: "Was? Leck mich am Arsch!"
Felix Müller: Also wie gesagt, nichtnachdenken.de kann ich sehr empfehlen.
Wie wollt ihr euch weiterentwickeln? Wollt ihr größer werden? Mehr Arrangements im Studio haben oder doch lieber klein und schnuckelig auf den Clubbühnen Deutschlands bleiben?
Felix Müller: Also am besten, musikalisch gesehen, das machen worauf wir Bock haben und gleichzeitig so viele Leute wie möglich erreichen. Aber das kann man sich glaube ich leider, na, vielleicht kann man sich das aussuchen, wenn, dann ganz fies kalkuliert. Was gibt der Markt grad her für Lücken? Wo kann man rein stoßen? Aber das ist nicht unsere Art, sonst wären wir nach zwölf Jahren Existenz nicht da wo wir sind.
Schmunzeln und Grinsen aller Beteiligten.
Felix Müller: Nämlich am Boden der Tatschen. Es gibt ja kaum noch Plattenlabels, die einem 50.000 zum Vorschuss geben, wo man dann was ausprobieren kann. In dem ganzen Indiebereich ist so was kaum noch existent. Und auch musikalisch ist das nicht das, was ich mir unter Sport vorstelle oder wo ich denke, das ist reizbar oder passt zu uns. Also da sind wir sagen wir mal so Proberaum-bezogen.
Was haltet ihr davon das große Bands wie z.B. Radiohead oder jetzt auch Bloc Party ihre Alben erst digital vermarkten oder Pearl Jam schon über Jahre den online Dienst für ihre Live Bootlegs nutzen? Habt ihr ne eigene Meinung dazu? Wie sieht das da in Deutschland aus?
Martin Boeters: Das kann man gerne machen, wenn man sich das leisten kann. Wenn man sowieso 150.000 oder 1,5 Millionen Platten verkauft ist das kein Problem. Aber für uns kommt das natürlich nicht in Frage. Was ich viel besser finde ist diese Vinyl-Geschichte mit dem dazugelegten Download-Code, so dass man sich dann die Tracks auch digital besorgen kann.
Felix Müller: Aber das kostet dann auch gleich viel mehr, auf Grund der doppelten GEMA Gebühren, die die Plattenfirma abführen muss. Wir sind auf jeden Fall aus einer Generation, die das Plattenkaufen noch toll findet. Das Lesen des Booklets und so weiter. Kopierte CDs, welches einfach kein Ganzes mehr ist, lege ich zuhause auch seltener auf. Da habe ich persönlich irgendwie nichts von. Ich hab da nichts greifbares in der Hand. Ich kann natürlich auch verstehen, wenn Leute damit aufwachsen, dass sie das gewohnt sind, sich Musik runterzuladen. Da ist keine Sehnsucht nach der physischen Platte vorhanden. Da kann und sollte man denen aber auch keinen Vorwurf machen.
Udo Böckmann: Also ich finde das eigentlich gar nicht so schlecht alles. Es ist halt ne Frage des Mediums. Ich verstehe ja diese ganze Nostalgie. Aber so gesehen könnte man ja auch meinen, dass die Musik mehr wahrgenommen wird, weil genau das Drumherum fehlt. Vielleicht wird das Image oder die Band nicht mehr so wahrgenommen, aber die Musik steht ja dann alleine da, für sich alleine vielleicht viel ausdrucksstärker.
Felix Müller: Aber wir sind ja auch Fans von Musik, weil wir uns früher alle zwei Jahre auf eine Auskopplung gefreut haben und zu etwas aufsehen konnten. Jeder bekommt halt zu Hause seinen Thron hingestellt und kann dann die Sachen downloaden. Es ist halt viel geiler von oben nach unten herab zu gucken und nehmen wozu man Bock hat und wegzuschmeißen worauf man keinen Bock hat.
Martin Boeters: Diese Zugänglichkeit ist aber schon prima. Man kann überall reinhören und sich informieren. Und wenn ich dann was gut finde, dann kaufe ich die Platte von dieser verdammten Band und lade mir nicht alles irgendwo runter bis die CD fertig ist.
Christian Smukal: Meine Theorie ist ja, warum auch der ganze Plattenmarkt so zusammen gebrochen ist, dass man früher in Plattenläden gegangen ist und auch verdammt viele Fehlkäufe hatte. Die Stimmung im Plattenladen war halt so, dass man was geil fand und alles kaufen wollte und zu Hause denkt man dann, ach nee, das war wohl doch nicht so der Bringer. Und auf Myspace oder anderen Internetseiten kannst du halt heutzutage viel selektiver Musik hören. Man kann viel genauer zuhören und sagen, die schaue ich mir jetzt live an oder kaufe die CD.
Felix Müller: Aber die Leute machen das ja nicht unbedingt. Es gibt ja viele, die sich das dann kostenlos runterladen und sich so viel wie möglich an Material zusammenfrickeln, dass das dann auch wieder untergeht.

...und nochmal ohne.
Aber dieses Flair, dass man in den Plattenladen geht, sich ein, zwei Stunden da aufhält, sich durch die Platten hört geht ja dann doch verloren, oder?
Christian Smukal: Da war ich nie so der Typ, der das gemacht hat. Ich stand immer vor dem Plattenregal und mein Gehirn war total entleert. Und ich habe irgendwann angefangen mir ne Liste zu machen von dem was ich mir anhören will. Ich konnte mir den Interpreten oder die Songs einfach nicht mehr merken. Da ist das Internet natürlich ne tolle Sache.
Udo Böckmann: Ja, aber der Markt ist ja eingebrochen, weil irgendwann die wiederbeschreibbaren CDs erfunden worden und das ganze Dingen auf einmal kopierbar wurde. Und alle Konsumenten halten sich natürlich an die gängigen Marktstrategien und wenn man es halt umsonst irgendwo her kriegen kann, dann nimmt man sich das.
Martin Boeters: Ein anderer Punkt ist ja auch noch der, dass man sich die Platten einfach nicht mehr leisten kann.
Felix Müller: Klar, man hat weniger Geld und die Platten sind viel teurer geworden.
Gut, da können wir ja jetzt noch ewig weiter diskutieren. Zumindest konnte ich mal anreißen, wie ihr darüber denkt.
Felix Müller: Eins möchte ich aber noch sagen dazu und zwar, dass einige Leute ja immer wieder sagen, dass bei dem Live-Geschäft noch unheimlich viel zu holen ist. Und das stimmt leider für den Indiesektor überhaupt nicht mehr. Für Madonna, Radiohead oder Sonstwas-Status mag das stimmen, aber für kleinere Bands ist das nicht wahr. Es gibt viel mehr Bands, die ins Musikgeschäft rein wollen. Somit werden aber auch viel mehr Bands einfach durchgeschleust. Früher war es doch so, dass wenn ne Platte rauskam, dass diese schon noch ein paar Monate nachgeschwungen hat. Dann wurde das Album weiter besprochen und die jeweilige Band hatte ihren Raum. Und heute ist das einfach nicht mehr da. Wenn eine Platte einen Monat raus ist, dann ist die quasi so gut wie durch. Dann kommt die nächste Band, das nächste heiße Ding. Von daher funktioniert das in dem Bereich Indie nicht mehr.
Was macht ihr neben der Beschäftigung bei Sport privat? Ich habe mal gelesen, dass einer von euch beim FC St. Pauli noch Fussball spielt?
Martin Boeters: Ja, das war oder bin ich. Ich spielte ursprünglich in der 3.Herren, aber dann sind die Profis aufgestiegen. Irgendwie wurde dann ne neue 3.Herren gegründet und wir, als Team, kamen dann in die neu gegründete 8.Herrenmannschaft. Der FC St. Pauli ist übrigens der einzige Verein, der überhaupt eine 8.Herrenmannschaft hat!
Udo Böckmann: Ihr seid also von der 3. zur 8. degradiert worden?
Felix Müller: Das war wohl eher ne Anpassung an die Realität.
Es wird laut in der Runde. Aber alle lachen noch.
Was für eine Position hast du denn gespielt?
Martin Boeters: Alles, außer Torwart. Bevorzugt eigentlich Rechter Verteidiger aber das "schwingt" öfter hin und her.
Was ist mit euch anderen?
Felix Müller: Nee, ich habe mir mal beim Fussball den Finger gebrochen, aber wenn ich dann wusste, dass es ins Studio oder auf Tour geht, bin ich nicht zum Fussball gegangen. Und das kam jetzt immer dichter mit Aufnahmen hier und Tour da, so dass es seit zwei Jahren nicht mehr geht mit dem Sport.
Christian Smukal: Bei mir brauchste ja erst gar nicht fragen. No sports.
Martin Boeters: Die Band hat mich auch gebeten vor der Tour nicht noch aufzulaufen, auf Grund der gegebenen Verletzungsgefahr. Und ich habe mich auch dran gehalten (Applaus der Bandkollegen).
Martin Boeters: Und morgen haben wir das Derby gegen unsere 6.Herren. Am Millerntor spielen wir da, auf dem heiligen Rasen und ich bin nicht dabei. Und es ist wirklich ein Jammer. Hinterher mit schön Grillen.... (Eine allgemeine lautstarke Trostbekundung erfolgt)
Lieblingsfilme? Was lest ihr aktuell? Was hört ihr, zu Hause oder im Tourbus?
Es beginnt eine Art Aufzählung bei allen.
Alle: Ken, Yo La Tengo, Jim O'Rourke, Neil Young, Sonic Youth.
Martin Boeters: Wir haben echt viel dabei, aber manchmal schlaucht das auch, weil man dann auch mal Ruhe haben will.
Was lest ihr gerade?
Felix Müller: Paul Auster oder auch William Kotzwinkle und "Sound, Technik und Design".
Alle lachen wieder einmal.
Martin Boeters: Musikzeitschriften.
Filme?
Felix Müller: Hitchcocks "Vertigo" oder "Im Zeichen des Bösen" von Orson Wells.
Udo Böckmann: "Down By Law".
Martin Boeters: "Dead Man".
Christian Smukal: "O Brother, Where Art Thou?".
Martin Boeters: "Being John Malkovich". Da gab es gestern in Augsburg so was Ähnliches. Im Backstageraum verschwand doch glatt ein Mann in der Wand.
Christian Smukal: Der hat echt ne Luke aufgemacht, die so 50 x 60 war und verschwand darin. Na ja, das war ganz lustig.
Ok, das war es. Vielen Dank für eure Offenheit und Redefreudigkeit!
Martin Boeters: Danke für die vielen netten Fragen.
Mit freundlicher Unterstützung von Regina Dittrich von Strange Ways Records.