(State Radio)
Vor knapp drei Jahren spielte Chad Urmston, Frontmann von State Radio, noch vor 110.000 begeisterten Menschen in einem Bostoner Park. Es war das Abschlusskonzert seiner ehemaligen Band Dispatch, zu dem Fans aus der ganzen Welt anreisten. Mit seinen beiden neuen Mitstreitern Mike Najarian (Drums) und Chuck Fay (Bass) spielt Urmston kleinere, aber nicht minder energiegeladene Gigs. Eine brandneue State Radio-CD ist für September geplant und im Juli wird sogar Dispatch wieder für drei Konzerte und einen guten Zweck aus dem Grab gehoben. Zeit mal bei den Jungs nachzufragen.
Nach ihrem Auftritt als Incubus-Support am 20.06. auf dem Bonner Museumsplatz hatte Musicheadquarter die Gelegenheit zu einem Interview mit Chad Urmston und Mike Najarian, das unser Mitarbeiter Sascha Knapek führte.

"Jeder der das Bush-Regime auch nur ein bisschen durchschaute, konnte ganz einfach sehen wie korrupt und worauf es aus war". (Foto: C. Fay)
Wie hat euch die Show heute Abend gefallen?
Mike Najarian: Hat Spaß gemacht!
Chad Urmston: Ja! Wir waren ein bisschen müde, weil wir heute morgen erst in Deutschland angekommen sind. Wir haben gestern Nacht nicht wirklich viel geschlafen.
Najarian: Ihr seid uns hier sechs Stunden voraus, für uns ist es eher zwei Uhr Mittag. Es ist ein bisschen komisch, wir haben nur zwei oder drei Stunden geschlafen.
Urmston: (zu Mike) Was habt Chuck und du vorhin noch zur Show gesagt? Irgendwas von wegen Verspielen?
Najarian: Bei „Waitress“. Da waren ein paar komische Parts und du hast zu uns rüberguckt um zu sehen ob alles okay läuft.
Urmston: Ja! (lächelt) Und das Publikum war sehr gut drauf.
Najarian: Ja, ein wirklich gutes Publikum.
Urmston: Sie haben zugehört. Ein paar Leute habe ich gesehen die mitgesungen haben und den Text kannten. Einer hier, einer da und einer hinten. Insgesamt vielleicht drei Leute (lacht). Aber das ist schon in Ordnung.
Najarian: Da war ein Mädel in der fünften Reihe oder so, die kannte die Songs.
Dort wo ich stand merkte man, dass euch kaum jemand kannte. Aber nachdem ihr erst mal zwei bis drei Songs gespielt hattet, hat man gemerkt, dass es den Leuten immer mehr gefallen hat.
Urmston: Als wir „Time Served“ gespielt haben war ich mir nicht sicher ob ich etwas über Dispatch sagen soll. Als das mit State Radio angefangen hat, habe ich das eigentlich immer gemacht. Damit ein paar der Leute wussten wer wir waren.
Najarian: Ich glaube nicht das du was gesagt hast.
Urmston: (sieht Mike fragend an) Du glaubst was nicht?
Najarian: Das du was gesagt hast.
Urmston: Habe ich nicht. Aber ich habe mich gefragt ob ich vor „Time Served“ etwas hätte sagen sollen.
Ihr seid gerade das zweite Mal innerhalb eines Jahres in Deutschland unterwegs. Wart ihr zufrieden mit den Ergebnissen der Europashows letztes Jahr?
Urmston: Es war großartig, wir waren mehr als zufrieden und begeistert. Ich meine, an manchen Abenden war nicht allzu viel los. In Berlin waren an einem Sonntagabend nicht viele Leute.
Najarian: Aber enthusiastisch. Sehr begeistert.
Urmston: Das war bei jedem Publikum in Deutschland. Die Leute die da waren, wollten auch unbedingt dort sein. Und den weiten Weg her zu kommen und das zu erleben war richtig cool für uns.
Was erwartet ihr davon Incubus zu supporten und insbesondere von den Festivals die ihr in den nächsten Tagen spielen werdet?
Urmston: Keine Ahnung was wir erwarten. Wir erwarten nicht viel. Wir sind einfach nur froh hier zu sein und hoffen die Konzerte über die Bühne zu bekommen ohne uns zu blamieren.
Najarian: Ich glaube wir haben schon mehr herausbekommen als ich erwartet hatte. Da waren eine Menge netter Leute heute Abend. Sogar so früh war schon so viel los.
Urmston: Wir haben noch nicht allzu oft vor so einem großen Publikum gespielt. Heute Abend war definitiv etwas besonderes.
Najarian: Die Leute waren ungefähr wie: „Wer sind die Kerle da oben? Incubus? Nein. Wir warten schon so lange, wieso ist das nicht Incubus?“ (lacht)
Es sind nur noch ein paar Wochen bis euer neues Album rauskommt. Hat es schon einen Namen und was können wir musikalisch so erwarten?
Urmston: Tja, da gibt es ein paar Sachen zu sagen (lacht). Wir haben das Album nicht fertig bekommen, also kommt es nicht vor September raus. Aber! Drei Songs die es nicht auf das Album geschafft haben kommen bereits in ein paar Wochen raus.
Kann man die sich dann runterladen?
Urmston: Ja, vier Songs wird man runterladen können und drei von ihnen wird es als Hardcopy geben. Auf diese Songs sind wir gespannt. „Wicker Plane“ und zwei B-Seiten. Und das Album heißt „Year Of The Crow“ und kommt dann wie gesagt im September raus.
Was wollt ihr mit dem Titel ausdrücken?
Urmston: „Year Of The Crow“?
Ja.
Urmston: Das ist ungefähr wie “Year Of The Underdog”. Die Krähe ist ein Aasfresser, wie eine Ratte. Es ist das Jahr in dem die Leute aufstehen und ihren Mund aufmachen.
Ihr habt das Album in England mit Tchad Blake (u.a. Pearl Jam, Tom Waits, d.Red.) aufgenommen. Wie waren die Aufnahmen dort und die Arbeit mit ihm?
Najarian: Großartig! Es war eine Menge Spaß. Schlagzeugtechnisch hat es mir die Augen geöffnet wie gut er in der Beziehung ist. Zur Abstimmung hat er immer nur gesagt: „Macht einfach irgendwas, ich werde dafür sorgen, dass es sich auf der CD gut anhört.“ Am Anfang habe ich ein wenig gezögert ihm zu vertrauen, aber er war einfach richtig gut was den Sound anbetrifft und er hat immer gleich gesehen welcher Take gut war.
Urmston: Er ist ein Meister, ein Jedi.
Habt ihr Favoriten auf der neuen Platte, Songs auf deren Release ihr besonders gespannt seid?
Urmston: Ja, da gibt es ein paar die wir noch nicht wirklich (...live) gespielt haben, von denen wir begeistert sind. „C.I.A.” zum Beispiel.
Mit euren Aufnahmeerfahrungen zu „Us Against The Crown“ (Titel der ersten State Radio CD, d.Red.) im Hinterkopf, gab es irgendwas spezielles das ihr dieses Mal anders machen wolltet?
Urmston: Die Aufnahmen zu „Us Against The Crown“ dauerten ungefähr zwei Jahre. Wir haben in vier oder fünf verschiedenen Studios aufgenommen. Dieses Mal wollten wir es einfach in diesen drei Wochen, sozusagen im Exil in England, durchziehen. Diesmal wollten wir, dass es einen bestimmten Zeitpunkt hat, eine Art Momentaufnahme von uns als Band. Es gab keine Alternative, wir gehen für drei Wochen nach England und kommen mit einem Album zurück. Darum hat das Ganze auch, wie wir finden, eine gewisse Kraft des Zusammenhalts. Es war gewollt, dass wir uns bei dieser Platte mehr fokussieren als bei „Us Against The Crown“.
In State Radio Setlisten findet man selten irgendwelche Cover. Gibt es Songs von anderen Musikern die ihr von Zeit zu Zeit spielt oder über die ihr nachdenkt sie zu covern?
Urmston: Wir denken darüber nach. Aber wir üben einfach nicht genug (lacht). Ein paar Black Sabbath-Sachen würden wir gerne mal covern.
Najarian: Und Jimmy Cliff.
Urmston: Ja, Jimmy Cliff. Wir spielen auch immer mit ein paar Rage Against The Machine-Covern herum.
Najarian: „Time Served“!
Urmston: “Time Served”, das covern wir.
Na ja, den Song hast du ja geschrieben („Time Served“ ist ein von Urmston geschriebener Dispatch-Song, d.Red.). Du coverst dich also selbst.
Urmston lacht.
Was habt ihr mit State Radio im Jahr 2007 noch so vor?
Najarian: Europa!
Urmston: Ja, im September nach Europa. Zurück nach Deutschland und Großbritannien. Und dann zurück in die USA und eine Art CD-Release Tour. Vielleicht über Silvester nach Australien.
Najarian: Nach der Hochzeit.
Urmston: Nachdem einer unserer Freunde geheiratet hat.
Da ihr politisch sehr aktiv seid möchte ich euch zu dem Thema ein, zwei Fragen stellen. Die innerparteilichen Wahlen zu den US-Präsidentschaftskandidaten laufen auf Hochtouren. Habt ihr schon einen Kandidaten den ihr unterstützen möchtet?
Urmston: Nicht wirklich. Wir freuen uns über die Chancen von Barack Obama und grübeln über die Möglichkeit, dass Al Gore sich entschließt zu kandidieren. Wir mögen Kucinich, aber der wird auf keinen Fall gewinnen (lacht).
Najarian: Chuck Fay (lacht).
Urmston: Chuck Fay for President! (lacht) Es wird auf jeden Fall interessant und wir freuen uns auf einen Wechsel. Chuck ist ein großer Befürworter von IRV, Instant-Runoff-Voting, es würde den Wahlprozess in den USA entscheidend verändern. Du rangierst deine Wahlen, dann ist es nicht „entweder oder“. Das wäre ein organischerer Wahlprozess. Außerdem würden wir gerne eine Art von Wahlkampfreform sehen. Viele Sachen könnten passieren, aber eigentlich freuen sich die Leute nur über einen Wechsel. Wir wissen halt nur noch nicht genau auf welchen Kandidaten wir setzen sollen.
Und jetzt haben deine Bandmitglieder auch ähnliche politische Auffassungen wie du? (Urmstons politisches Engagement hatte bei Dispatch zuweilen für bandinternen Ärger gesorgt, d.Red.)
Urmston: Ja (lacht). Man könnte auch sagen, ich habe eine ähnliche Auffassung wie sie.
Ich denke da an die Szene in eurem Film „Last Dispatch“ wo du eine Unterhaltung mit Brad und Pete (Brad Corrigan und Pete Francis, die beiden anderen ehemaligen Dispatch-Mitglieder, d.Red.) über dein T-Shirt hattest.
Urmston: Die fühlen sich jetzt ein bisschen idiotisch (lacht).
Wirklich?
Urmston: Ja, weil George Bush eine große Niete ist. Es war frustrierend, dass die beiden das nicht gesehen haben. Ich meine, über Pete mache ich mir keine großen Sorgen, der interessiert sich einfach überhaupt nicht für Politik (lacht). Aber dass Brad wirklich öffentlich Bush unterstützt hat (denkt nach), war zwar okay, ich will hier keine Bush-Unterstützer schlecht reden. Aber dass er sich dann in dieser Art und Weise gegen mein T-Shirt mit der Aufschrift „No Bush“ ausspricht, ich weiß nicht so recht. Es hat damals für mich Sinn gemacht und es macht heute noch mehr Sinn. Jeder der das Bush-Regime auch nur ein bisschen durchschaute, konnte ganz einfach sehen wie korrupt und worauf es aus war. Wenn man sich die verlorenen Menschenleben im Irak, Iraker und US-Soldaten, vor Augen führt, ist das einfach nur frustrierend und traurig, diese Familientragödien über die letzten paar Jahre mit anzusehen.
Vor ein paar Tagen war hier in Deutschland der G8-Gipfel. Was denkt ihr über die Idee die dahintersteckt und wurde in den USA auch über die Demonstrationen und Krawalle berichtet?
Urmston: Chucks Mutter hat angerufen und gesagt: „Fliegt nicht nach Deutschland“ oder „Nehmt euch vor den Krawallen in acht“ (lacht). Er hat ihr eigentlich nur geantwortet, dass wenn wir nach Deutschland fliegen, wir direkt in diesen Krawallen sein würden (lacht). Ich denke bei all solchen Treffen, egal ob G8 oder WTO oder irgendwas, gibt es Menschen die etwas Gutes tun wollen. Ich glaube die Treffen sind eine gute Idee, sie reichen nur einfach nicht.
Im Juli wirst du mit deiner alten Band Dispatch drei Konzerte im Madison Square Garden in New York spielen. Was hast du gedacht als die Tickets sich dermaßen gut verkauften, dass ihr zu dem geplanten Konzert noch zwei Zusatzshows hinzufügen musstet?
Urmston: Ich war ein wenig panisch. Eventuell hatten wir mit zwei Shows gerechnet, aber es verkaufte sich definitiv viel schneller aus als erwartet. Wir haben uns gefreut, aber es machte mich auch nervös. Es ist schwer zu verstehen wie Dispatch immer weiter existiert, ob wir uns aufgelöst haben oder nicht. Wir fühlen uns sehr geschmeichelt und geehrt von dem Ganzen.
Erzähl uns bitte etwas über die Idee und den wichtigen Zweck hinter den Shows.
Urmston: Als ich 18 war lebte ich für ein halbes Jahr in Zimbabwe. In den letzten zehn oder zwölf Jahren ging es dort nur noch den Berg runter. Das Land hat jetzt eine Inflationsrate von ungefähr 3.700% und, wenn ich mich richtig erinnere, die weltweit geringste Lebenserwartung für Frauen. Besonders in den USA hörst du über das Land so gut wie gar nichts in den Nachrichten. Wir wollten einfach etwas tun und helfen. Der Zeitpunkt war der richtige und durch meinen Freund Elias, und den Song, hatten wir eine Verbindung zu Zimbabwe. Wir empfanden, dass Zimbabwe nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die dem Land zusteht und dass es sich um ein Land kurz vor dem Zusammenbruch handelt. AIDS, die Wirtschaft, egal was. Wir spürten, dass wir etwas tun mussten und es ist großartig, dass so viele Leute Tickets gekauft haben, das bringt eine Menge Geld an Spenden.
Ihr spielt also jetzt drei Konzerte an drei aufeinanderfolgenden Abenden. Können wir uns auf variierende Setlisten freuen und habt ihr vor in die Tiefen des Dispatch-Songkatalogs vorzudringen?
Urmston: Das hatte ich eigentlich vor. Ich wollte all diese obskuren Songs spielen, aber die anderen Jungs hatten keine Lust so tief zu graben.
Songs wie?
Urmston: Ich wollte Songs wie „Steeples“, „Water Stop“, „Mayday“, „Headlights“, „Questioned Apocalypse“ oder „Hey, Hey“ spielen. Und aus den wirklichen Tiefen wollte ich Songs herausholen die niemand kennt. Sachen wie „Cal“ (bin mir bei der Schreibweise des Songs unsicher, d.Red.) oder „East The Police“. Einfach ein paar alte Nummern die niemand oder nur sehr wenige kennen. Von denen die ich genannt habe schaffen es vielleicht zwei in die Setlisten. Auf eine gewisse Art und Weise müssen wir alle Songs wieder lernen, wenn wir uns also zu viel aufhalsen leidet darunter unser gesamtes Zusammenspiel.
Habt ihr vor die Shows in irgendeiner Art und Weise zu veröffentlichen?
Urmston: Wahrscheinlich. Aber ich weiß noch nicht wie.
Aber filmen werdet ihr die Konzerte?
Urmston: Ja, ich denke wir werden sie filmen. Eine DVD oder irgendwas in der Richtung würde hoffentlich weitere Spenden für die ganze Sache einbringen.
Welche CD’s drehen sich momentan in euren Playern?
Najarian: Incubus. Viel Grunge-Zeug wie Nirvana oder Alice In Chains. Ein bisschen Bob Marley. Ich habe keinen CD-Wechsler, deshalb ist es meistens nur eine CD. Dispatch, Braddigan und Pete Francis natürlich auch noch.
Urmston: The Brian Jonestown Massacre, Johnny Cash, RX Bandits.
Nachdem die Frage fertig beantwortet wurde, treten zwei weibliche Fans an uns heran und fragen nach Fotos und Autogrammen. Mike und Chad erfüllen die Wünsche gerne und nach ein paar Minuten geht es weiter mit dem Interview.
Als ihr vor ein paar Jahren eure vier Dispatch Studioalben („Silent Steeples“, „Bang, Bang“, „Four-Day Trials“ und „Who Are We Living For?“, d.Red.) wiederveröffentlicht habt, enthielten diese ein paar Bonustracks die mich neugierig gemacht haben. Ich meine „Craze“, „Other Side“, „The Way It Goes“ und „Gone“. Sind die alle von einer gewissen Aufnahmesession?
Urmston: Die sind alle von einer Session, sie wurden live aufgenommen. Irgendwo um „Silent Steeples“ herum.
Gibt es einen Ort an dem State Radio noch nicht gespielt hat und wo ihr gerne einmal auftreten würdet?
Najarian: Ja, es gibt viele solcher Orte. Wohin auch immer uns die Band bringt, jeder neue Ort ist klasse.
Urmston: Russland, China.
Najarian: Boston (lacht).
Urmston: Bonn, zurück nach Bonn.
Najarian: Musik kann dich an so viele Orte bringen, es ist schwer sich für einen zu entscheiden. Viele davon sind versteckte Orte an die man gar nicht gleich denken würde. Mit anderen Venues ist es genauso.
Ihr habt den Song „Heaven On Their Minds“ ein paar Mal gespielt. Eigentlich ist der Song aus „Jesus Christ Superstar“ und Chad hat ihn ein bisschen modifiziert. Könnt ihr uns dazu was sagen?
Urmston: Ich hatte einen Song und habe den Text von „Heaven On Their Minds“ dafür benutzt. Der Song war irgendwie ein Cover, irgendwie kein Cover, eine Mischung aus beidem. Eines Tages würde ich mich dem Song gerne noch einmal annehmen und ihn etwas mehr von „Heaven On Their Minds“ unterscheiden, damit er ein eigenständiger Song wird. Es hat Spaß gemacht ihn zu spielen, ist aber schon Jahre her. Ich liebe diese Rockopern wie „Hair“ oder „Jesus Christ Superstar“.
Mike und Chad, wir bedanken uns für das Gespräch!
Mit freundlicher Unterstützung von Martin Schuhmacher (Nettwerk).