Interview mit Steven Wilson in Köln - Deutsche Version

(Steven Wilson)

27.10.2011 von Shirin K

Er wird oft als Genie, der Mastermind oder gar der Gott des Progressive Rock bezeichnet. Steven Wilson, der Mann hinter Porcupine Tree, Blackfield und vielen weiteren Projekten, ist sicher einer der einflussreichsten Rockmusiker unserer Zeit und in Anbetracht der Anzahl seiner Veröffentlichung pro Jahr ist er wohl auch einer der produktivsten. "Grace For Drowning", sein zweites Solo-Album, ist wenn man mich fragt eines der besten Alben, die dieses Jahr veröffentlicht wurden. Ich traf Wilson auf der europäischen Promo-Tour von "Grace For Drowning" in der Kölner Live Music Hall. Ich weiß nicht, ob Steven Wilson ein Genie ist, aber er ist auf jeden Fall ein intelligenter, gebildeter, höflicher und charmanter Mann mit einem subtilen Sinn für Humor und einer beeindruckenden Lebenseinstellung.

Steven Wilson nach dem Interview mit MHQ-Redakteurin Shirin Kasraeian Backstage in der Live Music Hall (alle Fotos: Shirin Kasraeian).

Hi Steven! Danke, dass du dir die Zeit nimmst. Wie war die Tour bisher?

Steven Wilson: Sie ist bisher sehr gut gelaufen. Ich habe viel Spaß gehabt! Es war ein großer Schritt für mich, unter meinem eigenen Namen mit der Band hinauszugehen. Wäre die Show schrecklich angekommen, wäre es meine Schuld gewesen. Aber zum Glück ist sie es nicht, es klappt alles super. Sechs Shows haben wir bisher gespielt und Abend für Abend wird es besser. Das Feedback vom Publikum ist bisher fantastisch gewesen.

Werdet ihr während der Tour noch die Setlist ändern?

Steven Wilson: Nein, es handelt sich hierbei um eine Show. Die Analogie wäre der Besuch eines Musicals. Alles ist sehr genau strukturiert, der Ablauf, die Filme, der Flow, die Choreographie ... Die Songs sind in einer bestimmten Reihenfolge angeordnet, um das alles zu ermöglichen. Es ist nicht die Art von Show, wo wir rumprobieren, hier was auslassen, da was hinzunehmen. Es ist kein Rock'n'Roll-Gig. Die Songauswahl zu ändern, wäre ein ziemlich großer Eingriff. Wenn ich auf eine zweite Tour gehen sollte, würde ich natürlich mehr Material mitbringen, aber nicht, was diese Tour betrifft. Hier gibt es jeden Abend die gleiche Abfolge von Songs.

Wie lange hast du an “Grace For Drowning” gearbeitet?

Steven Wilson: Länger als ich je an etwas gearbeitet habe, nämlich anderthalb Jahre – von Januar 2010 bis Mitte dieses Jahres. Ich habe noch nie so lange an einem einzigen Projekt gesessen.

Wie kam es, dass du anstelle von zwei Alben ein Doppelalbum veröffentlicht hast?

Steven Wilson: Ich habe über zwei einzelne Veröffentlichungen nachgedacht, aber letztendlich kam alles aus derselben Quelle der Inspiration und gehörte zusammen. Es fühlte sich wie ein großes künstlerisches Statement an, es als ein Ganzes zu veröffentlichen. Eine Sache, die ich aber auf jeden Fall tun musste, um es zugänglicher zu machen, war, es in zwei eigenständige Hörerlebnisse zu splitten. Jede CD hat ihren eigenen Titel, ihr eigenes Konzept, ihren eigenen Flow. Ich bin kein großer Fan von achtzig-Minuten-langen Platten – bei einer Ambient-Platte mag es vielleicht okay sein – aber auf einem Album wie diesem gibt es so viele Informationen, so viel, was man aufnehmen muss Â… du musst dich darauf einlassen, dich konzentrieren. Meiner Meinung kann man nicht verlangen, dass die Leute das 85 Minuten lang tun. Daher habe ich das Material gesplittet. Für mich fühlt es sich an, als wären es zwei Alben in einem Paket, zumindest spreche ich so darüber.

In wie fern unterscheidet sich “Grace For Drowning” von deinem ersten Solo-Album “Insurgentes”?

Steven Wilson: Nun, das erste schöpfte aus der Musik, die ich hörte, während ich als Teenager in den achtziger Jahren aufwuchs. Die meisten meiner Freunde und ich hörten Bands wie The Cure, Joy Division, Cocteau Twins, sogenannte Post-Punk-Musik, und ich liebte diese Musik, als ich klein war. "Insurgentes" bezog sich also auf die Musik, die just zu der Zeit veröffentlicht wurde, in der ich aufwuchs. Dieses Album dagegen bezieht sich auf die Musik, die ich als Teenager entdeckte, als ich in die Vergangenheit zurückging - vor allem durch die Plattensammlung meines Vaters und durch die Sammlung meines besten Freundes. Wir sprechen also über die Musik der frühen siebziger Jahre, vor allem über die große Rolle, die Jazz-Musik für diese Generation von Musikern spielte. Ein großer Teil der sogenannten Art-Rock und Progressive-Rock-Musik der frühen siebziger Jahre wurde von Musikern gemacht, die keine Ausbildung als Pop-Musiker hatten. Es waren Jazz-, Klassik-, Blues-Musiker, die Rockmusik kam erst später. Und ich finde, das gibt der Musik aus jener Zeit eine ganz besondere Qualität, die jetzt aber sehr schwer wiederherzustellen ist, denn jetzt wächst jeder mit Rock-Musik auf, selbst die Hardcore-Jazz-Musiker sind mit Led Zeppelin, The Who und The Beatles aufgewachsen und kennen die Sprache der Pop-Musik. Es gab also nur eine sehr kurze Periode in den frühen siebziger Jahren, wo das nicht der Fall war und es diesen unglaublichen Ausbruch von Kreativität gab. Und ich habe zu versuchen versucht, das ein wenig zu reproduzieren, indem ich Jazz-Musiker herbeiholte, um etwas zu spielen, was im wesentlichen Rockmusik ist. Ich glaube, es gibt dem Ganzen eine andere Note.

Wie ist es mit Musikern wie Fripp zusammenzuarbeiten und wie groß ist die Rolle, die die Gastmusiker bei dir spielen?

Steven Wilson: Der Einfluss von Robert und King Crimson ist ziemlich offensichtlich auf dieser Platte, aber er ist nicht wirklich selbst dabeigewesen. Steve Hackett ist dabei. Es gibt noch andere King Crimson Musiker; Pat Mastelotto, Tony Levin, Trey Gunn, Rob selbst ist eher ein stiller Mitarbeiter, weil seine ganze Herangehensweise an Musik die Inspiration für so vieles auf diesem Album war. Daher nehmen die Leute wahrscheinlich oft an, er hätte am Album mitgearbeitet. Wenn ich mit Musikern zusammenarbeite, möchte ich mich davon überraschen lassen, was sie mitbringen. Ich sage nie "spiel diese oder jene Note!", eher sage ich sowas wie "hier ist ein Stück Musik, zeig mir, was du hast." Wenn man so verfährt, bekommt man normalerweise etwas, woran man selbst nie gedacht hätte. Es ergibt keinen Sinn, mit jemandem zusammenzuarbeiten, wenn man ihm das, was er normalerweise macht, nicht erlaubt. Die Gastmusiker spielen also eine große Rolle. Ich sehe mich eher in der Rolle des Regisseurs, der die Ergebnisse und die jeweiligen Eigenschaften, die jeder Musiker mit sich bringt, dirigiert und zusammenführt.

Du bezeichnest oft die Musik von Ennio Morricone als eine Inspirationsquelle. Ich denke auch an David Lynch und Cronenberg, wenn ich “Grace For Drowning” höre.

Steven Wilson: Ja, surreales Kino, europäisches Kino - amerikanische Regisseure, die in der Tradition des europäischen Kinos arbeiten. Cronenberg, David Lynch, Stanley Kubrick, sie alle arbeiten in der europäischen Tradition. Ich stehe nicht wirklich auf Hollywood, ich liebe europäisches Kino und das hat einen großen Einfluss auf mich, nicht nur die Soundtracks, sondern auch die Bildsprache und der Surrealismus.

Hört sich das Album deswegen zeitweise wie ein Soundtrack an? Und würdest du gerne in Zukunft Filmmusik schreiben?

Steven Wilson: Ich höre seit zwanzig Jahren, dass meine Musik sich gut fürs Kino eignen würde, und es stimmt, sie ist sehr bunt, oft instrumental und sehr atmosphärisch. Aber es gibt ein Problem mit Soundtracks: der Regisseur muss auf dich zukommen und nicht andersrum. Dass Trent Reznor jetzt die Musik für die David Fincher Filme macht, hat damit zu tun, dass Fincher ein Fan seiner Musik ist. So steigen Musiker in die Filmbranche ein, wie wenn z.B. Sofia Copolla Air fragte, ob sie die Musik zu "Virgin Suicides" machen wollten. Ansonsten wird es dann doch Hans Zimmer oder John Williams. Ich warte also auf den Tag, an dem ein Regisseur auf mich zukommt und sagt: ich mag die Sachen, die du machst, würdest du gerne den Soundtrack meines Filmes komponieren? Und ja, das würde ich liebend gerne tun.

Steven Wilson live, Teil 1.

Ich wusste nicht, dass es nur so herum funktioniert...

Steven Wilson: Naja, ich habe jetzt einen neuen Deal mit Universal Publishing, und sie haben gesagt, dass sie in meinem Namen auf Regisseure zugehen werden, man weiß nie...

Schreibst du jemals Liebeslieder?

Steven Wilson: Nein, ich schreibe Trennungen (lacht) Â… eine Sache, die für meine Musik gilt, ist: ich schreibe nie, wenn ich glücklich oder gut gelaunt bin. Wenn ich schreibe, dann als einen Akt des Exorzismus oder der Katharsis – um mit den dunkleren und negativen Dingen fertigzuwerden. Ich würde daher nie über das Verliebtsein schreiben, sondern über das Am-Ende-sein. Auf dem Album gibt es einen Song mit dem Titel “Like Dust I Have Cleared From My Eye” – es geht darum, eine Beziehung beiseitezuschieben, als hätte sie nichts bedeutet. Oberflächlich gesehen sagt er, dass die Beziehung nichts bedeutete, aber zwischen den Zeilen sagt er, dass sie alles bedeutet hat. Ich finde, es gibt verschiedene Phasen einer Trennung. Da ist die Wut, die Melancholie, die Depression, die Nachbeben Â… und ich habe in all diesen Phasen geschrieben. Aber ich glaube, ich habe nie wirklich über die schönen Seiten geschrieben. Ich glaube auch nicht, dass ich darin besonders überzeugend wäre.

“Belle de Jour” klingt wie ein Liebeslied...

Steven Wilson: “Belle de Jour” ist nach Luis Buñuels Film benannt, der sehr pervers ist – irgendwie handeln alle Songs und Filme von Liebe, von Obsessionen und von der Natur des Menschseins. So gesehen sind das alles verdrehte Liebeslieder. Sogar ein Song, in dem ein Serienkiller in ein Haus einbricht und eine Familie fesselt und vergewaltigt, wie in "Raider II", handelt auf eine sehr verzwickte Art und Weise von Empathie und Liebe oder als was immer man es bezeichnen möchte – es gibt sehr unterschiedliche Ausprägungen von Liebe und Leidenschaft.

In “Raider II” gibt es diesen Serienkiller und in dem Song “Index” geht es um den unheimlichen Sammler. Sind diese Songs eine Art Fallstudien?

Steven Wilson: Mich faszinieren Dinge, die ich nicht verstehe. Das gilt für Songs, die ich über die Drogenkultur geschrieben habe, die ich nicht verstehe, oder über die Besessenheit von der virtuellen Welt, was ich auch nicht verstehe. Und Serienkiller sind ein anderes Thema, das immer wieder in meinen Songs auftaucht. Unheimlich faszinierendes Thema, und ich bin nicht der einzige, der davon fasziniert ist, das sind wir alle, man braucht sich ja nur das Fernsehprogramm mit den ganzen Krimis anzuschauen. Mich fasziniert aber auch, die vielen verschiedenen Arten von Serienkillern zu sehen, mehr über ihre Obsession und ihre Motivation zu erfahren. "Raider" handelt von einem Typen, der Teil einer Familie sein möchte, und um das zu erreichen, bricht er in ihre Häuser ein, fesselt sie und isst mit ihnen zu Abend und schaut Fern, bevor er sie vergewaltigt und umbringt. Das ist ziemlich bizarr! Und der Sammler ist ein Typ, der im Grunde Schmetterlinge sammelt und sie unter Glasscheiben packt und dieselbe Philosphie auf die Art und Weise überträgt, wie er Frauen und andere Menschen behandelt. Eine ganz andere Art von Krankheit, und das fasziniert mich. Ich denke, am Ende sind wir doch alle pervers, ich meine, jeder von uns hat seine eigene sexuelle Neigung in seiner Art, wie er auf andere zugeht. Jeder ist pervers, ich glaube zumindest nicht, dass es sowas wie ein normales sexuelles Begehren gibt. Aber wenn es so extrem ausgeprägt ist und düster und verzerrt ist, ist es für mich unendlich faszinierend.

Mit deinem Photographen Lasse Hoile hast du jemanden gefunden, der das nachvollziehen kann...

Steven Wilson: Ja, Lasse ist genauso fasziniert wie ich – und er hat darüber hinaus die Fähigkeit, es zu visualisieren.

Seit wann arbeitest du denn schon mit Lasse?

Steven Wilson: Fast zehn Jahre. Das hier ist das umfangreichste Projekt, an dem wir zusammen gearbeitet haben. Die Pläne gab es schon, als ich anfing, an dem Album zu schreiben, vor anderthalb Jahren. Ich wollte, dass wir mit den Bildern anfangen, sobald die Songs geschrieben waren. Lasse war die erste Person, der ich die Songs vorgespielt habe: "Hier ist ein neuer Song, was können wir visuell dazu machen?". Wir hatten trotzdem nicht genug Zeit, denn ursprünglich wollten wir zu jedem Song einen Film machen, aber am Ende waren es nur fünf oder sechs. Man hat nie genug Zeit...

Wie sieht die Zusammenarbeit aus?

Steven Wilson: Meistens erzähle ich ihm von meinen Ideen und davon, wovon die Songs handeln, dann unterhalten wir uns über Filme, er schickt mir Bilder oder youtube-Clips, bestimmte Filmszenen, die er gefunden hat, irgendwelche obskuren 50er Jahre Surrealisten-Filme Â… es findet also eine Art Dialog statt. Aber ich weiß meistens sehr genau, wie die visuelle Umsetzung aussehen soll. Und er geht dann hin und setzt das um.

Gastmusiker Nick Beggs am Bass - live in Köln.

Auf dem Cover von "Grace For Drowning" stehst du alleine da in einer ziemlich leeren Landschaft, die in orangenes Licht getaucht ist...

Steven Wilson: Im Sonnenuntergang. Das Bild wurde mit Hilfe einer Lochkamera direkt auf Polaroid aufgenommen, es ist nicht digital manipuliert worden. Es war einer dieser glücklichen Zufälle. Das Problem an einer Lochkamera, die ja im Grund nur ein Kasten ist, ist ja, dass man viel herumprobieren muss, 90 Prozent der Ausbeute ist Müll – wir haben also den ganzen Tag Fotos gemacht und gearbeitet, und die Sonne ging unter – und die Art und Weise, wie das Licht der untergehenden Sonne mit der Kamera und dem Polaroid reagierte, gab dem Licht dieses fantastische Glühen – wir nahmen das Polaroid aus der Kamera, guckten dabei zu, wie es sich entwickelte und wussten sofort: "Das ist das Cover!". Das war einer meiner Glücksmomente.

Fotografierst du selbst auch?

Steven Wilson: Früher ja, aber in letzter Zeit nicht, weil ich keine Zeit habe. Vor ein paar Jahren habe ich mir eine Kamera gekauft und damit Bilder gemacht. Ich habe ein gutes Auge, sonst würde ich nicht mit Lasse arbeiten, aber die Sache ist – wenn man mit Lasse arbeitet, der so viel besser ist, fragt man sich "wozu?". Warum sollte ich die Photos machen, wenn Lasse es zehn Mal besser kann. Ich konzentriere mich lieber auf die Dinge, in denen ich gut bin, also auf die Musik.

Ich habe erst gestern das Fotobuch bekommen, diese limitierte Version des Albums, und ich liebe es. Ist das Artwork ein essentieller Bestandteil des Albums?

Steven Wilson: Auf jeden Fall. Ich verstehe die Musiker nicht, die die Musik machen und bei denen dann die Kreativität aufhört. Für mich gilt: man macht die Musik, dann arbeitet man am Cover, gestaltet die Webseite, dann die Live-Show. Man präsentiert ja ein Stück Kunst. Und heutzutage muss Musik auf eine künstlerische Art und Weise präsentiert werden, sonst darf man nicht erwarten, dass die Leute dafür zahlen wollen. Sie laden es sich sonst einfach herunter. Wenn man dem Ganzen nicht diese fühlbare, ästhetische Qualität gibt, damit sie es besitzen und horten wollen, werden sie es nicht kaufen. Ich glaube, dass das etwas ist, worüber sich die Leute Gedanken machen sollten – nämlich wie sie ihre Musik auf eine schöne Art und Weise präsentieren können.

Gibt es auch deswegen eine App zum Album?

Steven Wilson: Ich bin kein großer Fan bestimmter Aspekte der Internet-Revolution, ich finde, es hat in vielerlei Hinsicht der Kunst das Geheimnisvolle genommen. Ich mag es nicht, wenn Musiker darüber bloggen, was sie gefrühstückt haben. Aber gleichzeitig nähere ich mich allen Dingen so an, dass ich darüber nachdenke, wie man das auf eine interessante Art nutzt und die Ästhetik der Musik beibehält. Wir haben daher sehr hart an der App gearbeitet, damit sie zu allem passt, zu der Live-Show, zum Album, zur Musik und haben ihr exklusives Material verpasst. Meine Devise ist, sich für das kleinere Übel zu entscheiden. Ich kann mich der Tatsache, dass es diese Technologie gibt, nicht verschließen, ich kann es nicht einfach ignorieren, denn sonst werde ich nicht schaffen, die jüngere Generation zu erreichen. Man macht ja die Musik, um es mit so vielen Leuten wie möglich zu teilen. Was ich machen kann, ist, es zu akzeptieren und dann zu überlegen, wie ich es nutzen kann, um die Messlatte höher zulegen und zu zeigen, wie man damit kreativ arbeiten kann.

Du spielst selbst in den Videos von Lasse. Was hältst du von deinen schauspielerischen Talenten?

Steven Wilson: Ich habe solche Art von Performance-Videos noch nie zuvor mit Lasse gemacht und es war keine bewusste Vorgehensweise. "Index" war das erste Video, danach machten wir "Track One" und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich in den Videos sein sollte. Ich finde, das Ergebnis ist gut geworden. Es gibt immer verschiedene Arten, etwas zu machen, lip-synch-Videos können ziemlich billig rüberkommen, aber ich dachte, es muss irgendwie machbar sein, dass die Atmosphäre trotzdem erhalten bleibt. Ich bin kein Schauspieler, aber die Songs bedeuten mir viel und ich verstehe die Charaktere in den Songs - zumindest glaube ich das - daher bin ich ziemlich stolz auf das Resultat.

Steven Wilson live, Teil 2.

Manche Leute bezeichnen dich als einen Gott, den Mastermind, das Genie, wie ist das für dich?

Steven Wilson: Es ist offensichtlich, dass ich kein Genie bin. Ich stecke einfach nur viel Leidenschaft in das, was ich tue. Ein Genie wäre für mich Mozart oder Frank Zappa. Für jeden, der behauptet, ich sei ein Genie, kann ich jemanden im Internet finden, der glaubt, dass ich ein Arschloch bin. Die Meinungen sind beim besten Willen nicht einstimmig. Viele Leute denken, dass ich arrogant sei, und dass ich das, was ich tue, nicht tun sollte, dass ich es nicht verdiene, respektiert zu werden usw. Glaub mir, es gibt viele solcher Leute. Daher lege ich nicht jedes Wort auf die Goldwaage. Jeder hat ein bestimmtes Bild von mir. Manche denken auch, ich sei ein Workaholic, aber das bin ich nicht. Das, was ich tue, macht Spaß, das ist keine Arbeit. Es ist als wolle man mir sagen, dass, das was ich tue, eine Last ist und viel Stress. Aber so ist es nicht, es macht wahnsinnigen Spaß! Â… und wenn mich jemand nach meiner Meinung fragt, dann bekommt er sie auch, denn Musik ist meine Leidenschaft. Wenn mich jemand fragt, was ich von dem einen oder anderen Musiker halte, dann mache ich es nicht auf die amerikanische Art: “Hey, Mann, der ist voll geil, Alter!“, denn ich hasse diese verlogene Scheiße. Ich bin Brite! Wenn man mich also fragt, sage ich z.B., sorry, das ist nicht meins, es ist technisch, es ist kalt, spricht mich nicht an. Wenn sowas allerdings aus dem Kontext herausgerissen wird und im Internet erscheint, sind die Leute beleidigt. Die Leute sind überhaupt schnell beleidigt, wenn man seine Meinung äußert. Also glaub mir, es gibt viele Leute, die glauben, dass ich ein arrogantes Arschloch bin. Und dann gibt es andere, die finden, dass ich eine Art Gallionsfigur der progressiven Bewegung bin. Ich liebe es, mit Musikern der älteren Generation zusammenzuarbeiten, und irgendwie ist mir dadurch die Rolle zugefallen, ein Bindeglied zwischen der alten und der neuen Generation von Prog-Musikern zu sein. Ich bin stolz drauf, aber das hat mit Genie nichts zu tun. Es ist nur Leidenschaft.

Wie würdest du den Leuten empfehlen, “Grace For Drowning” zu konsumieren?

Steven Wilson: Ich glaube, es ist ein Album, mit dem man sich beschäftigen muss – es klingt fürchterlich, das so zu sagen – aber man muss sich damit auf einer intellektuellen Ebene auseinandersetzen, und das meine ich nicht arrogant oder wichtigtuerisch. Ich will nur sagen, dass da viel passiert. Es ist keine einfache Musik, und man muss einen bestimmten Grad an Konzentration und Engagement aufbringen – was leider eine aussterbende Kunst ist, denn die Leute haben immer weniger Zeit, um Musik zu hören und immer mehr Dinge, die sie ablenken. Man verlangt viel, wenn man erwartet, dass jemand sich "Grace For Drowning" anhört. Aber ich denke, die Leute nehmen sich die Zeit und geben dem Album den Respekt, den ich erwartet habe. Eine Sache, die mir oft gesagt wurde, ist, dass sie vier fünf Durchläufe brauchten, und es verwundert mich, dass sie dem Album diese Zeit geben. Denn meistens entscheiden sich die Leute schon beim ersten Anlauf und kehren nie wieder zurück. Es ist großartig zu hören, dass sie genug darin finden, das sie fasziniert, auch wenn es nicht sofort Klick macht, aber dass es sie so neugierig macht, dass sie drei vier fünf mal zurückgehen. Das ist toll!

Eine ganz kurze Frage noch: Wie läuft das Projekt mit Mikael Åkerfeldt von Opeth?

Steven Wilson: Das Projekt ist abgeschlossen und wird wohl im Frühling veröffentlicht werden. Ich weiß nicht, ob es irgendwelche Shows geben wird, aber es wird einiges an Promotion geben.

Porcupine Tree?

Steven Wilson: Ich weiß es wirklich nicht. Mir macht das, was ich zur Zeit mache, sehr viel Spaß. Aber ich bin sicher, dass wir irgendwann wieder zusammenkommen.

Und eine letzte persönliche Frage: Du bist 43 und siehst aus wie 30, was ist dein Geheimnis?

Steven Wilson: Vielen Dank! Naja, ich bin Vegetarier, nehme keine Drogen, rauche nicht, bin sehr glücklich, ich habe keine Kinder, bin nicht verheiratet. Das sind ein paar Gründe. Und ich liebe, was ich tue. Es klingt sehr vereinfachend, das so zu sagen, aber mein ganzes Leben macht Spaß. Ich habe keine Familie und ich denke auch, dass es ziemlich anstrengend sein kann, zu versuchen, Arbeit und Familie miteinander in Einklang zu bringen. Manche Leute denken wahrscheinlich, dass es ein schreckliches Opfer ist, das ich bringe. Aber ich sehe das nicht so. Wie Milan Kundera sagt, habe ich die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, die liebe ich. Ich mag es, mich gut zu fühlen, und ich hasse es, einen Kater zu haben. Ich denke, ich bin ziemlich konservativ, was meine Lebensweise angeht.

Lieber Steven, vielen Dank für dieses Gespräch!

Steven Wilson: Das Vergnügen war ganz auf meiner Seite.

Danke auch an Marco Linke (cmm - consulting for music and media), der uns dieses Interview ermöglicht hat!

For the English Version follow this link!

Amazon, Musicload, Napster & AOL-Download

Amazon.de Musicload

Mehr zum Thema:

Musicheadquarter Twitter RSS Feed abonieren! Musicheadquarter bei Facebook
Tickets Night Of The Prog Festival
Digg Reddit Del.icio.us Facebook Twitter Google Yahoo! MyWeb Furl" BlinkList Technorati Mixx Windows Live MySpace Mister Wong
Sebastian Black