(The 69 Eyes)
An dem wohl populärsten Gothic Festivals Deutschlands, dem M’Era Luna, bot sich uns die Möglichkeit ein Interview mit Jyrki69, dem Sänger der 69 Eyes zu führen. Leider um 15 Minuten verspätet, stillt er freundlich und aufmerksam unseren Wissenshunger.
Wie lange dauerten die Aufnahmen zu eurem aktuellen Album „Angels“ und ist irgendetwas Außergewöhnliches geschehen währenddessen?
Jyrki: Es ist immer ein langwieriger Prozess. Zum Beispiel jetzt in diesem Moment in dem wir miteinander sprechen, habe ich bereits neue Sachen für das nächste Album. Wir planen ziemlich bald damit rum zu experimentieren. Wenn also das nächste Album rauskommen wird, kann man davon ausgehen, dass ich jetzt schon Songs dafür geschrieben habe. Wie auch immerÂ… es ist immer ein langer Prozess.
Ich denke die gesamten Aufnahmen dauerten ungefähr ein Jahr. Irgendwas um die 12 Monate rum. Hauptsächlich weil wir einige Songs während der Aufnahmen geändert haben und am längsten dauert es immer bei meinen Vocals.
Was auch noch dazu kommt sind solche Dinge wie die Zusammenarbeit mit Apocalyptica. Es kann passieren, dass wenn du dich dazu entscheidest mit anderen Bands zusammen zu arbeiten, diese am Tag der geplanten Aufnahmen kurzfristig keine Zeit haben. Und dann kann es wieder bis zu mehreren Monaten dauern, bis die Band ins Studio kommen kann.
Wenn ich also sage fast ein Jahr bedeutet das nicht, dass wir täglich im Studio saßen. Es ist einfach eine lange Zeitspanne von dem Zeitpunkt bei dem man mit dem ersten Songaufnahmen beginnt bis zum Ende.
Bei den letzten Alben wurde der Song, den wir zuerst aufgenommen haben auch gleichzeitig unsere erste Single. Letztes mal war es „Lost Boys“ und dieses Mal „Perfect Skin“. „Perfect Skin“ war ein Song, den ich schon seit 2 Jahren im Kopf hatte. Es braucht eine lange Zeit und wir machen alles gemütlich. Gott sei Dank nehmen wir in Helsinki auf. Naja, wir sind am überlegen ob wir unsere nächste Platte irgendwo anders aufnehen sollen, aber ich weiß nicht ob das funktionieren wird. Denn dann müssten wir uns an genaue Deadlines haltenÂ… aber vielleicht wäre das auch ganz gut für uns.
Vielleicht sitzen wir das nächste Mal hier und ich erzähle dir, dass wir dieses Mal in ein anderes Studio gingen und es uns gut getan hat. Aber diesbezüglich sind wir etwas langsam. Ich bin da nicht unschuldig, denn ich bin immer zu spät. Oft schreibe ich die Lyrics am selben Tag, an dem ich ins Studio gehe. Manchmal sogar im Studio selbst wenn ich gerade die letzten Parts eines anderen Songs singe. Manche Songs fallen auch nicht leicht. Ich habe oft eine Idee und irgendwas will einfach nicht passen.
Er wächstÂ…
Jyrki: Ja, der Song wächst und passt nicht von Beginn an. Aber eigentlich genieße ich den gesamten Prozess und ich wünschte es würde nie enden. Es ist cool im Studio zu arbeiten und es ist cool Songs zu schreiben.
Zwei Jahre danach erinnere ich mich nicht mehr an viel. Es ist komisch, wir haben acht Scheiben rausgebracht und ich kann mich nicht an die einzelnen Songs auf den Alben erinnern. Aber ich kann mich gut daran erinnern, was derzeit in meinem Kopf vorging, was ich fühlte, mit wem ich gerade ausging und sogar was für Klamotten ich in der Phase trug. Es ist wie eine Art Tagebuch.
Hauptsächlich ist die ganze Aufnahmeprozedur auch so gemächlich, weil wir es so wollen. Das nächste Mal – das ist vielleicht eine deiner nächsten Fragen – habe ich eine Menge Ideen und ich höre bereits schon Musik, die diese Ideen nähren könnte. Dieses Mal möchten wir alles ein wenig schneller über die Bühne bringen. Denn es erscheint wie eine unglaublich lange ZeitÂ… „Devils“ erschien ursprünglich 2004 und das ist verdammt lange her. Aber andererseits sind wir gleich danach auf Tour gegangen und haben nun letztendlich „Angels“ rausgebracht.
Jetzt wollen wir aber versuchen den Zeitabstand so kurz wie möglich zu halten.
Was denkst du selbst über „Angels“? Bist du mit dem Endergebnis zufrieden?
Jyrki: Ich habe mir die CD an sich schon eine Weile nicht mehr angehört. Ich höre ein paar Songs auf myspace. Ich schau mir an wie oft welcher Song gespielt wird und ob ein paar Fans es kommentieren. Dann schaue ich welches der Lieblingssong der Leute ist.
Doch es ist etwas komplett anderes wenn du die Songs live spielst. Ich habe Ideen was man mit den Songs tun könnte wenn man sie live spielt. Und dann sehe ich unmittelbar die Reaktionen. Ich sehe ob es überhaupt auf irgendjemanden eine Wirkung ausübt.
Die Songs erwachen zum Leben. Wie bei Geppetto und Pinoccio. Zuerst war Pinoccio aus Holz und dann kam die gute Fee und haucht ihm Leben ein. „Ich lebe – ich bin ein Junge!“ – „Ich lebe – ich bin ein Song!“. Der Song bekommt eine Bedeutung und ich verstehe den Song besser.
Manche Songs wurden noch nie live gespielt und manche werden auch nie live gespielt werden. Aber ich habe ein Gespür für die Songs entwickelt. Ich meineÂ… obwohl ich ein Teil der Songproduktion bin, kann ich nicht erklären woher die Ideen stammen. Es liegt in meiner Hand und ich brauche keine Erklärungen dafür. Es ist wieÂ… ich gehe irgendwo entlang und plötzlich fliegen mir die Ideen aus dem Nichts zu. Ich greife sie auf und vielleicht hat irgendjemand auf der Welt gerade die selben Gefühle zu dieser Zeit und denkt dann „Wow, ganz genau. Ich mag diese Frau – genau wie du es in deinem Song beschreibst!“. Und schon hat der Song seine Bestimmung. Es ist als würde ich meinen eigenen Kreuzzug führen und meine Geschichten erzählen. Es ist wieÂ… ich weiß einfach nicht woher die Ideen kommen. Manchmal haben sie einen Bedeutung und manchmal finden auch die Hörer eine Bedeutung in dem Song.
Wir haben auch ein paar Songs auf dem Albumwie z.B. „Ghost“. Wir haben das mit Absicht noch nicht live gespielt. Die Zeit ist reif, wenn der Song als Single veröffentlicht wird. Und es scheint der Lieblingssong von vielen zu sein, wie uns die Plattenfirma mitteilte. Wir haben ihn noch nicht live gespielt, da wir versuchen nicht das gesamte Album vorweg live preis zu geben.
Ich denke das Album ist ein wirklich professionelles 69 eyes Werk. Es gibt eine Menge Themen und auch ein paar neue Stile. In gewisser Hinsicht sind die Songs alt, denn wir recyceln eine Menge Dinge. Doch in gewisser Weise sind sie auch neu, denn wir möchten alte Dinge zurück bringen und die Leute an etwas erinnern.
Der Tourmanager kommt vorbei, um uns darauf aufmerksam zu machen, dass die Zeit abläuft. Nachdem Jyrki ihm sagt, dass wir zu spät angefangen haben, bekommen wir noch 10 weitere Minuten zugesagt.
Jyrki: Yeah sorry wir spielen ziemlich früh. Falls ich zuviel redeÂ… ich versuche immer mehrere Fragen auf einmal zu beantwortenÂ… manchmal sagen die Interviewer zu mir „Hey du hast alle meine Fragen mit deiner ersten Antwort beantwortet!“
Nein kein Problem, das ist super so. Da wir nicht mehr viel Zeit haben werde ich einfach ein paar Fragen rauspicken ohne bestimmte Reihenfolge.Die letzten beiden Alben sind zurückgekehrt zu einem rauheren Sound – wie eure früheren Werke. Kannst du (vielleicht deswegen) einen Unterschied im Publikum erkennen?
Jyrki: Nun die Karriere der 69 eyes schmilzt nicht oder läuft ab. Wir haben einfach ein neues Level erreicht. Ich denke, dass unsere Fans nach wie vor unsere Entwicklung schätzenÂ… wir haben auch noch nicht DAS ultimative 69 eyes Album geschaffen. Natürlich ist das jetzige auch ein ultimatives Rock n Roll Album, das sich etwas wie die klassischen Rockalben anhört. Aber es ist nicht das absolute 69 eyes Album, sondern wir haben lediglich das nächste Level erreicht.
Ein weiterer Schritt ist, dass wir derzeit für ein wenig Aufruhr in England sorgen. Wir spielen schon seit Jahren in Europa – speziell in Deutschland – und nun geht es endlich in England voran. Wir haben eine Plattenfirma und Management dort.
Wir haben diese Rock n Roll Songs auf unserem album. Der Song „Rocker“ – den wir heute nicht hier spielen werden, denn das ist kein passender Song für ein Gothic Festival – ist unser rauhester Rock n Roll Song, den wir seit Jahren gemacht haben, zusammen mit „Frankenhooker“. Das ist der Lieblingssong in England. Das Kerrang Magazin hat ihn zu einem der grundlegenden Songs des Albums erkoren. Das ist wirklich interessant. Hier war es zum Beispiel „Ghost“.
Um auf deine Frage zurück zu kommen. Das Publikum ändert sich nicht. Es gibt eine Menge Leute, die unsere Vergangenheit kennen. Manche Leute möchten nur die alten Songs von uns hören. Aber ich denkeÂ… ich habe dieses Rock n Roll FeelingÂ… ich hatte es schon zuvor und nun fühle ich es immer stärker. Wenn du dich an die Zeit zurück erinnerst, als The Cult ihr Album „Love“ rausbrachten und das nächste war „Electric“. Ich denke es war an der Zeit etwas zu ändern. Um sich mehr wie sich selbst zu fühlen. Wir planen unsere Alben nicht, aber ich hatte dieses Feeling. Ich bin froh darüber, dass wir so loyale Fans haben. Ich glaube manchmal treiben wir sie dazu, dass sie einiges in Frage stellen oder schocken sie. Wir haben uns vor Jahren einen Spaß daraus gemacht aber nun habe ich angefangen sie zu respektieren und ich möchte sie nicht vor den Kopf stoßen.
Es ist nicht so dass wir eine eigenartige Macke hätten. Aber es ist lustig sie zu schocken und ein blondes Girl auf das Albumcover zu packen. Aber wir bereuen nicht, was wir getan haben. Ich denke nicht, dass wir etwas falsches getan haben oder dass wir etwas verpasst haben. I hoffe einfach, dass die Leute die Energie haben uns zu vertrauen, denn wir haben eine Menge großartige Ideen. Ich schätze die Leute waren von diesem Hollywood Thema des Albums geschockt, aber wir hatten einfach unseren Spaß.
Es ist interessant was für Reaktionen aus Amerika kommen, nachdem wir ein paar Auftritte dort hatten. Es gab dort eine Menge Leute und sogar Bands, die unsere Musik mochten.
Ich habe also tausende von Ideen und Nervenkitzel. Von dem neuen Album und von neuen Dingen die noch kommen werden. Es ist nicht voraus kalkuliert oder Business. Es ist einfach unser eigener kreativer Kopf.
Was sind die besten und schlechtesten Erinnerungen and die Tour mit Cradle of Filth? Sei ehrlich.
Jyrki: Eigentlich müsste man meinen ich hätte ein paar persönliche Dinge, die ich die besten Zeiten meines Lebens nennen würde. Aber ich würde sagen diese Tour war die beste Zeit meines Lebens. Ich genoss die gesamte Tourphase und ich wünschte ich könnte diese Zeit nochmal erleben.
Es war toll. Ich habe jetzt oft darüber nachgedacht und es war so cool Cradle of Filth jede verdammte Nacht live zu sehen! Sechs Wochen lang. Manchmal habe ich mir die Show nicht angesehen.
Im Ernst – es war als würde einer meiner größten Rock n Roll Träume wahr werden. Natürlich möchte jeder mit seiner Lieblingsband auf Tour gehen. Aber man passt nicht in jedes Lineup. Dies war der perfekte Platz für uns. 3 Inches Of Bloos war die dritte Band im Programm. Es war die beste Zeit für die 69 eyes. Die erste Zeit war vielleichtÂ… naja ich war ein wenig beschämt, dass wir eine Nacht durchgezecht haben obwohl es eine alkoholfreie Tour war. Aber bei der ersten Show kam Dave auf ein Bier in unseren Backstageraum. Die Kater waren furchtbar. Wir hatten ein paar üble Kater.
Ich weiß ich kann diese Zeit nicht wiederholen. Es wäre zudem auch langweilig für die Fans, wenn wir dieselbe Tour machen würden. Darum ist es nicht möglich und um es mal realistisch zu betrachten: das war eine once in a lifetime Tour. Aber es war verdammt cool. Wir sind echt dankbar. Und als wir den letzten gemeinsamen Gin Tonic tranken, sagte Dani dasselbe.
Ich war schon immer Cradle Of Filth Fan und habe ihre Alben und all das. Auch die neue Scheibe ist großartig und ich bin ein noch größerer Fan geworden. Ich meineÂ… ich habe alles gekauft, was es an der Tour zu kaufen gab.
Kanntet ihr euch denn schon zuvor?
Jyrki: Naja wir haben uns schon mal getroffen, aber wir kannten uns nicht gut.
Es ist vielleicht lahm nur positives Zeug zu sagen, aber es gab nicht schlechtes. Höchstens vielleicht, dass ich ab und zu ein wenig enttäuscht war, wenn Dave nicht mit auf eine Party gekommen ist.
Ich glaube auch, dass die Jungs ab und zu über mich gelacht haben, besonders Dave. Wenn man auf Tour ist möchte man zumindest jede zweite Nacht raus. Und natürlich ist es für uns am einfachsten in eine der Gothic-Bars zu gehen, denn die Hälfte des Publikums wird mit Sicherheit dort anzutreffen sein. Du bekommst dort etwas Zuspruch wie „Wow ihr seid hier an der Party?!“. Das ist cool. Also surfte ich ständig im Internet, um eine Site zu finden, die sämtliche Gothic Bars der Stadt verzeichnet. Ich habe immer geschaut ob irgendwo etwas los ist und nach einer Weile war das der Insider-Joke von Dave und den anderen. Denn ich war total ernsthaft bei dieser Sache und ihnen war es egal. Ihnen genügte auch ein Bier irgendwo in irgendeiner Bar.
Aber so bin ich halt. Das ist mir nicht peinlich. Ich bin wie ein hyperaktives Kind in dieser Beziehung.
Das ist doch gut, denn die meisten Bands würden erst gar nicht an so eine Party gehen!
Gibt es irgendeine Interviewfrage, die du nicht mehr hören kannst?
Jyrki: Was bedeutet euer Bandname? Und noch eine ist: Wie kann es sein, dass ihr Jungs so lange zusammen im selben Lineup Musik macht. Ist das nicht unüblich?
Wo hast du das aufregendste Publikum erlebt?
Jyrki: Das aufregendste Publikum ist immer am M’Era Luna oder auf anderen Gothic Festivals in Deutschland anzutreffen. Du kannst einfach nicht aufhören die Leute anzustarren. Du kommst auf die Bühne und denkst dir „Verdammt wo ist meine Kamera?!“ Denn es ist wie eine aufregende und wunderschöne filmartige Illusion. Du glaubst einfach nicht, dass das tatsächlich passiert. Ich hoffe das wird auch wieder dieses Jahr so sein.
Und aus unserer Sicht war es das M’Era Luna auch in diesem Jahr!
Wir möchten Jyrki für das ausführliche Interview danken, als auch dem Management die uns das alles ermöglicht haben.