(The John Butler Trio)
Seit gut zehn Jahren geht John Butler dem Musikerhandwerk nach. Über das Sprungbrett „Straßenmusiker“ kam Butler in das Musikbusiness und betreibt dies mit eigenem Label („Jarrah“) und weltweit ausverkauften Konzerten mittlerweile äußerst erfolgreich. Viele Menschen legen die Musik des John Butler Trios unter dem Kunstwort „Roots“ ab. Eine gelungene Mischung aus Rock, Folk, Reggae, Blues und einer Prise Pop beschreibt es aber um einiges besser. Mit dem brandneuen Album „Grand National“ im Gepäck (ein Review findet ihr hier), machte das australische Trio kürzlich auch in Deutschland Halt und begeisterte am 18. und 19. April die Zuschauer in Berlin und Köln gleichermaßen.
Vor dem Konzert in Köln hatte Musicheadquarter die Möglichkeit zu einem Interview, das unser Mitarbeiter Sascha Knapek mit John Butler führte.
John, du hast deine Musikerkarriere als Straßenmusiker in Fremantle, Australien begonnen. Kannst du uns etwas über diese Erfahrungen als Straßenmusiker erzählen? Wann hast du angefangen darüber nachzudenken Platten aufzunehmen und auf Tour zu gehen?
John Butler: (überlegt) Als ich ungefähr 20 war fand ich heraus, dass ich durch die Gitarre eine Art „Instrumentalstimme“ hatte. Von der Straßenmusikerszene in Fremantle und der dortigen Straßenkultur war ich immer schon fasziniert. Als ich diese Stimme fand, dachte ich mir ich könnte es ja mal mit dem Musizieren auf der Straße ausprobieren. Also lieh ich mir von Freunden einen batteriebetriebenen Verstärker, ging raus und verdiente innerhalb der ersten Stunde auf der Stelle 30 Dollar. Ich bekam viel Aufmerksamkeit und die Leute schienen wirklich zu mögen was ich da tat. Ich machte weiter und weiter und der größte Traum zu der Zeit war als Straßenmusiker durch das ganze Land zu ziehen. Nach und nach fragten mich die Leute nach Tapes, also nahm ich ein paar Tapes auf. Dann bekam ich ein paar Auftritte und fing wieder mit dem Singen an. Eigentlich habe ich mit dem Singen und Gitarrespielen angefangen als ich 16 war. Irgendwann habe ich diese Geschichte mit der „Fingerpicking“-Technik herausgefunden und mit dem Singen für ein paar Jahre aufgehört. Nach ungefähr einem Jahr als Straßenmusiker habe ich dann angefangen zu singen und dazu meine instrumentalen Parts auf der Gitarre zu spielen. Von da an hat alles angefangen. Ich wollte eine CD mit einer Band aufnehmen und anfangen Shows im Ort, im Staat, im Land, auf der ganzen Welt zu spielen (grinst).
Die Gitarren die du spielst sind keine gewöhnlichen. Wie hat das angefangen und wie kam es zu deinem Interesse bezüglich dem Experimentieren mit vielen verschiedenen Arten von Gitarren?
John Butler: 12-saitige Gitarren haben mich von je her interessiert. Ich bekam eine als ich 16 wurde. Ab da fing alles an und ich begann mich für Künstler wie Jeff Lang und Tony McManus zu interessieren. Ich hatte außerdem diese Slide-Dobro Gitarre, eine wie auf dem Cover dieses Dire Straits Albums („Brothers In Arms“, d. Red.) die mir meine Großeltern geschenkt hatten. Das Interesse an Slide-Gitarren war immer schon da, ich wusste nur nicht wie man sie spielt. Und nachdem ich Leute wie Jeff Lang habe spielen sehen, interessierte ich mich noch mehr dafür, zu lernen wie man die Slide spielt. Mit 21 habe ich dann angefangen es zu lernen und ich wurde mit der Zeit immer besser. In jedem Haus in dem ich bisher lebte war auch immer irgendwo ein Banjo, also fing ich auch damit an immer regelmäßiger zu spielen. Leute wie Gillian Welch inspirierten mich dabei sehr. Und jetzt spiele ich Slide- und Akustikgitarren und Banjo.
Am 8. April hast du zusammen mit Ben Harper auf einem Festival in Byron Bay, Australien gespielt. Wie kam es dazu, seid ihr Freunde?
John Butler: Ob wir Freunde sind? Klar, wir sind Freunde. Wir haben uns sozusagen eine Weile umkreist und auf denselben Festivals gespielt. Ich habe mir ein paar seiner Shows angesehen und sie haben mir sehr gut gefallen. Er hat sich auch eins unserer Konzerte angesehen und gesagt, dass es ihm sehr gefallen hat. Ben hatte dann die Idee sich mal zu treffen und schlug beim Treffen dann vor, dass ich mit ihm auf die Bühne kommen solle um einen gemeinsam Song zu spielen. Also ging ich mit ihm auf die Bühne und sang bei „Diamonds On The Inside“ mit. Das war es im Prinzip schon. Ich stand auf der Bühne, las den Text von einem Stück Papier ab und sang. Ben ist ein sehr liebenswerter Mensch und ein herausragender Musiker. Die Dinge die er tut sind mutig. Sich zum Beispiel mit jemandem zu treffen und dann direkt vor 3.000 Leuten auf die Bühne zu gehen um gemeinsam einen Song zu spielen. Das war großartig (lächelt).

"Bei uns ist alles irgendwie anders" (Foto: Warner)
Euer neues Album „Grand National“ wurde unter anderem von Mario Caldato Jr. produziert. Warum hast du ihn ausgewählt und was war an der Arbeit mit ihm anders als bei früheren Aufnahmen?
John Butler: Wegen seiner Erfahrung mit tollen Musikern wie den Beastie Boys oder Jack Johnson und seines Wissens in Bezug auf großartige Sounds habe ich mich für Mario entschieden. Soul, Pop, Reggae. Mario hat da überall Erfahrung. Außerdem war mir seine Perspektive sehr wichtig und es ist gut jemanden im Studio zu haben an dem man sich orientieren und anlehnen kann. Es passiert mir oft, einfach zu nah an der Materie zu sein. Seine Sichtweise war für uns dabei sehr wertvoll. Mario hatte großartige Einfälle und Ideen, er kreierte eine richtig gute, kreative und relaxte Atmosphäre.
Was magst du an „Grand National“ besonders und was macht für dich den Unterschied zu den früheren Platten aus?
John Butler: Ich mag die Klangvielfalt der Platte, sie ist sehr weitläufig in der Beziehung. Es gibt so viele verschiedene Sounds und Gefühle innerhalb des Albums. Von sehr leise bis extrem laut, einfach die Erkundung aller Richtungen und Stile die wir so spielen. Und natürlich mag ich vor allem die Songs, ich glaube wir haben uns vorher noch nie so auf die einzelnen Songs fokussiert.
Die Aufnahmen für das neue Album scheinen sehr produktiv gewesen zu sein. Ihr scheint viele Outtakes zu haben die es nicht auf „Grand National“ geschafft haben. Ich denke da an „Thou Shalt Not Steal“ oder „Recognize“. Gibt es Pläne für ein Rarities-Album auf dem vielleicht auch unveröffentlichte ältere Songs erscheinen könnten?
John Butler: (grinst) Das wäre cool. Eines Tages, wenn genügend Zeit ist, wäre das eine sehr schöne Sache.
Im Lauf der Jahre gab es in der Band auf der Drummer- und Bassistenposition einige Wechsel. Wie bist du auf deinen derzeitigen Drummer Michael Barker und deinen derzeitigen Bassisten Shannon Birchall gestossen und was macht sie in deinen Augen besonders?
John Butler: Es gibt viele Sachen die die beiden zu etwas besonderem machen (lacht). Sie sind liebenswerte Männer, großartige Musiker und können eine Vielzahl von verschiedenen Musikrichtungen unglaublich gut spielen. Beide sind professionell ausgebildet und haben schon in den unterschiedlichsten Gruppen wie Pop-, Rock- oder Latin-Bands gespielt. Mit denen kannst du alles spielen. Das ist mir sehr wichtig, denn meine Musik geht oft gleichzeitig in viele verschiedene Richtungen. Das letzte Album „Sunrise Over Sea“ wollte ich mit meinem Schwager Nicky Bomba am Schlagzeug einspielen. Als wir das fertig hatten schlug er mir Shannon als Bassisten vor. Und als wir dann auf Tour gehen wollten konnte Nicky nicht mitkommen, er hat seine eigene Band. Also schlug er Michael Barker für die Position des Schlagzeugers vor. Mein Schwager hat mir also beide vorgeschlagen. Nicky weiß worum es in meiner Musik geht und wo ich mit ihr hin möchte. Er schlug mir die Jungs vor und sie sind ein absoluter Glücksfall für mich.
Um das neue Album in Amerika zu promoten habt ihr viele Konzerte in verhältnismäßig kleinen und intimen Venues gespielt. Wie kam es zu der Entscheidung? Ihr hättet sicher auch Hallen die vier oder fünfmal so groß sind füllen können.
John Butler: Die Idee hatten mein Management und die Plattenfirma. Wenn du große Konzerte mit relativ vielen Zuschauern spielst wollen alle ihre Lieblingssongs hören. Aber wenn du eigentlich nur da bist um neue Songs zu spielen, sind das die Lieblingssongs von noch niemandem. Deshalb die Entscheidung für kleinere Venues.
Gestern Abend habt ihr ein spezielles Radiokonzert in Berlin gespielt. Wie war der Gig?
John Butler: Er war großartig, wir hatten eine Menge Spaß.

"Warum wir, die menschliche Rasse, uns selbst und andere unbedingt zerstören wollen ist eine elementare Frage, auf die ich keine Antwort habe" (Foto: Warner)
Wieviele Songs habt ihr ungefähr in eurem derzeitigen Live-Repertoire? Könnte theoretisch jeder John Butler Trio Song an einem Abend in eurem Set auftauchen wenn euch danach ist?
John Butler: Nein, nein. Manche müssten wir erst proben. Es gibt Songs, die spielen wir überhaupt nicht mehr. Wir bewegen uns nach vorne und nur sehr selten mal zurück, obwohl das manchmal ganz schön wäre. Aber manchmal ist es einfach nicht möglich zurückzugehen, wir müssen die neuen Songs proben und oft spielen damit wir sie so gut wie möglich spielen können.
Ist „Take“ eine Möglichkeit?
John Butler: „Take“ wäre möglich, obwohl wir es schon sehr lange nicht mehr gespielt haben. (John sieht sich im Raum um und erspäht seinen Drummer Michael Barker am Catering-Stand) Wann haben wir das letzte Mal „Take“ gespielt, Mike?
Michael Barker: Ungefähr vor einem Jahr?
John Butler: Vor einem Jahr? Ja, es ist schon eine Weile her. Wir könnten es spielen, aber wahrscheinlich nicht heute abend (grinst).
In Australien scheinst du ein relativ großer Star zu sein. In wie fern beeinflusst das dein tägliches Leben? Kannst du noch, sagen wir die Straßen von Melbourne hoch und runter laufen, ohne ständig angesprochen und erkannt zu werden?
John Butler: Ja das kann ich. Es kommt auf den Tag an. Manchmal fragen Leute nach Autogrammen und so was und manchmal nicht. Es ist interessant, wir sind ziemlich bekannt, aber auf eine komische Art und Weise doch noch irgendwie underground, es ist schwer zu beschreiben. Viele Leute haben noch nicht von uns gehört und viele Leute haben von uns gehört. Es gibt keinen Hype um uns, das ist etwas sehr schönes. Bei uns ist alles irgendwie anders.
Welche Platten befinden sich gerade in deinem CD-Player?
John Butler: Jose Gonzales, “Stadium Arcadium” von den Red Hot Chili Peppers, Eminem und (er überlegt relativ lange)... und ein paar andere Sachen (lacht), Gillian Welch zum Beispiel.
Mir ist aufgefallen das du eine Art Affinität zu Bäumen hast. Dein eigenes Plattenlabel „Jarrah“ ist nach einem Baum benannt, du hast einen Song namens „Trees“, du hast für die „Wilderness Society“ und „Greenpeace“ einmal auf einem Mammutbaum gespielt. Kannst du uns darüber etwas erzählen und allgemein etwas über die sozialen, politischen und Umweltthemen sagen, für die du dich einsetzt?
John Butler: (während der gesamten Antwort spielt John mit einer Art Blumenstab herum, den er mitgebracht hat) Zu der Sache mit den Bäumen kann ich nicht viel sagen, das ist einfach so gekommen, ich weiß nicht warum. Bäume produzieren Sauerstoff, das ist ziemlich cool (lacht herzhaft). Es geht mir nicht um irgendein Umwelt- oder Ökologieding, es geht darum Bestandteil einer positiven Bewegung zu sein. Sich einfach ein bisschen darum zu kümmern, dass die eigene Umwelt und die eigenen Freiheiten geschützt werden. Ich denke, dass ich mich am Schutz und der Konservierung dieser Güter beteiligen muss. Die Menschheit und Mutter Natur sind sehr eng miteinander verbunden. Ohne einen geschützten Planeten gibt es kein Leben. Es ist eigentlich nur ein Ansatz der aus gesundem Menschenverstand heraus entsteht. Ich mag saubere Luft, ich mag sauberes Wasser. Das hat nichts Politisches. Ich möchte nicht die ganze Zeit über mich selbst reden und andauernd sicherstellen, dass ich Platten verkaufe. Ich, Ich, Ich. Es sollte darum gehen, etwas zu einem besseren Planeten beizutragen. Das kann politisch sein, das kann ökologisch sein, aber in erster Linie ist es gesunder Menschenverstand. Und ich spiele hier die ganze Zeit mit dem Zauberstab meiner Tochter rum während ich das erzähle (lacht und schüttelt den Kopf).
In Berlin hast du gestern etwas über den Hintergrund des Songs „Gov Did Nothin’“ erzählt. Wie er den Wirbelsturm „Katrina“ und das anschließende Krisenmanagement der Bush-Regierung thematisiert. Im Bezug auf die jüngsten Ereignisse an der Virginia Tech Universität und das Thema „Gun-Control“ hat mich das Thema von Verantwortlichkeiten zum Nachdenken gebracht. Ist es nicht schrecklich, dass solche Taten in einer relativen Regelmäßigkeit passieren ohne dass die US-Regierung etwas Brauchbares gegen Waffenmissbrauch unternimmt?
John Butler: (überlegt und atmet tief durch) Tja, der ganze militärisch-industrielle Komplex in Amerika regiert sozusagen fast das Land. Sie finanzieren ihre Präsidenten, sie finanzieren ihre Kriege und machen eine Menge Geld mit dem Verkauf von Waffen. Sie machen Fortschritte (überlegt), nein das ist das falsche Wort. Sie erreichen viele ihrer Ziele, bestimmte Hände mit bestimmten Waffen auszustatten. Ob das nun die Taliban oder sozial und ökonomisch schlechtgestellte Individuen sind, die sich umbringen möchten. Ob ich denke, dass so etwas schade ist? Klar! Es ist schade, Waffen sind gefährlich und nur zu einer Sache zu gebrauchen, zum Töten. Mich würde wirklich interessieren zu was die menschliche Rasse fähig wäre, wenn wir Milliarden von Dollar in konstruktive Sachen stecken würden die uns zeigen was wir zusammen erreichen können. Aber anstatt dessen geben wir Milliarden von Dollar aus, um herauszufinden wie wir uns am kreativsten, schnellsten und am schönsten umbringen und ausrotten können. Es wäre spannend zu sehen, was wir erreichen könnten wenn wir all unsere Kraft in etwas Konstruktives und nicht in etwas Destruktives stecken würden. Es ist traurig zu sehen, dass menschliche Wesen alles Mögliche greifen, um ein anderes menschliches Wesen zu verletzen, sei es ein Messer oder eine Pistole. Warum wir, die menschliche Rasse, uns selbst und andere unbedingt zerstören wollen ist eine elementare Frage, auf die ich keine Antwort habe. Aber es ist eine die ich suche. Mein Song „Used To Get High“ handelt davon.
Wir bedanken uns für das Gespräch, John!
Mit freundlicher Unterstützung von Tomke Buisman und Achim Karstens von Warner Music Germany.