(The Living End)
Vor zehn Jahren gelang The Living End mit ihrem Gemisch aus Punk, Rockabilly und Rock der Durchbruch. Seitdem ist einiges passiert in der Bandgeschichte: Viele Hit-Singles, Gold- und Platinauszeichnungen, Welttourneen und eine stetig wachsende und glückliche Fanschar. Am 12.06. erscheint ihr fünftes Studioalbum "White Noise" endlich auch hierzulande. Inzwischen sind Sänger und Gitarrist Chris Cheney, Scott Owen (Kontrabass) und Schlagzeuger Andy Strachan eine der verehrtesten und respektiertesten Bands Australiens. Dazu trugen nicht zuletzt ihre exzellenten Live-Qualitäten bei, die das Trio bei seinem Konzert Ende April im Kölner Gloria erneut eindrucksvoll unter Beweis stellte (hier ein Review). MHQ-Redakteur Thomas Kröll traf sich vor dem Gig mit Andy Strachan und Scott Owen im Backstagebereich des Gloria, um bei einem Kölsch ganz entspannt über die alten und aktuellen Zeiten zu sprechen.

Unser Redakteur Thomas Kröll eingerahmt von Andy Strachan (links) und Scott Owen (rechts) - Foto: Tim Wermeling
Wenn ich richtig liege, dann wart ihr vor acht Jahren zum letzten Mal in Deutschland.
Andy Strachan: Seitdem ich in der Band bin (seit 2002, d.Red.) waren wir noch nie in Deutschland. Die Jungs haben ihre letzte Tour hier 2001 beendet, für mich ist es also das erste Mal. Sehr aufregend.
Warum ist es aufregend für dich?
Andy: Es ist einfach ein grossartiges Land. Chris und Scott hatten mir vorher schon viel Gutes darüber erzählt. Aus den verschiedensten Gründen konnten wir leider nicht früher hier touren. Die meiste Zeit in den letzten Jahren waren wir in Amerika unterwegs. Es war einfach eine Frage der Zeit und auch des Geldes. Mit dem neuen Album haben wir uns vorgenommen ganz viel in Europa zu touren. Wir sind deshalb aufgeregt, weil wir glauben, dass "White Noise" unser bisher bestes Album ist und wir gespannt sind, wie es bei den Fans in Europa ankommt. Das Publikum gestern abend in Amsterdam war verrückt danach. Unglaublich! Diese Show war ausverkauft und ich glaube das Konzert morgen in Berlin ist auch ausverkauft. Also scheint das Album schon mal Aufmerksamkeit erweckt zu haben.
Ich habe mir "White Noise" auf dem Weg hierher im Auto angehört...
Andy: Und du hasst es.
Ja (alle lachen). Nein, es klingt grossartig. Der Produzent diesmal war John Agnello, der bereits für Sonic Youth oder Dinosaur Jr. gearbeitet hat. Wie gross war sein Einfluss auf das Album? Ich finde, es ist sehr viel rockiger als eure vorherigen Alben.
Andy: Absolut. Musikalisch standen die Songs schon zu 99 Prozent vor den eigentlichen Aufnahmen und wir waren sehr glücklich damit. Wir haben zu Hause hart dafür gearbeitet und insgesamt vierzehn Clubshows unter falschem Namen gespielt, um sie auszuprobieren. Wir nannten uns The Longnecks. Wir waren wirklich zufrieden mit dem Ergebnis. Johns Einfluss war seine Persönlichkeit. Wir haben uns sehr wohl gefühlt bei den Aufnahmen im Studio. Man konnte auch mal ein Bier trinken und gemeinsam lachen. Es hat einfach Spass gemacht mit ihm. Er ist niemand, mit dem es schwierig ist zu diskutieren. Seine Persönlichkeit hat uns einfach überzeugt. Und wenn man mit solch einem angenehmen Produzenten zusammenarbeitet, kann man auch gute Resultate erzielen. Das war sein grösster Einfluss.
Ihr habt das Album in nur vier Wochen in Hoboken, New Yersey aufgenommen. New Yersey ist ziemlich weit weg von Australien. Braucht ihr diese Distanz von zu Hause um euch ganz auf die Arbeit konzentrieren zu können oder war es das erste Mal, dass ihr es so gemacht habt?
Scott Owen: Es hilft schon, wenn man fern der Heimat ist. Du musst nicht über Alltägliches nachdenken. Du gehst ins Studio und lebst in einem kleinen Appartement. Du kannst dich also 24 Stunden am Tag auf das konzentrieren, was du tust. Aber der eigentliche Grund warum wir das Album in New Yersey aufgenommen haben ist der, dass John Agnello dort sein Studio hat. So konnte er das Optimale für uns rausholen.
Australische Bands wie ihr selbst, Powderfinger oder Silverchair sind ja in keinem anderen Land annähernd so bekannt wie in der Heimat. Sieht man mal von AC/DC ab. Fällt euch die Umstellung schwer, an einem Abend wie heute vor vielleicht 500 Leuten zu spielen und dann wieder vor 15.000?
Andy: Nein, weil unsere Bandethik sagt, dass es egal ist, ob wir vor fünf oder 5.000 Leuten spielen. Die Anzahl spielt überhaupt keine Rolle. Es ist auch egal wie gross oder klein die Bühne ist. Wir geben nie weniger als 100 Prozent. Es sind immer 100 Prozent oder mehr. Wir können gar nicht mit 50 Prozent spielen, das funktioniert einfach nicht. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Clubkonzerten und grossen Festivals. Aber wir geben immer alles und wir sind glücklich, dass es so gut läuft.
Eine andere interessante Sache ist, dass ihr eine Freundschaft mit den Toten Hosen aus Düsseldorf habt. Stimmt das?
Scott: (lacht) Ja, das stimmt. Wir haben sie vor ungefähr zehn Jahren kennengelernt, als sie auf der Warped-Tour in Australien spielten (ein 1995 gegründetes Punk- und Extremsportfestival, das jährlich mehrere Wochen durch die Welt zieht, d.Red.), an der wir auch teilgenommen haben. Sie haben uns daraufhin nach Deutschland eingeladen um mit ihnen auf Tour zu gehen. Das muss so 1998/99 gewesen sein, als sie ihre Die Roten Rosen-Platte aufgenommen haben. Wir haben sie zum letzten Mal vor acht Jahren hier in Deutschland getroffen, spielen aber am 17. Juni ein Konzert mit ihnen in Kempten.

The Living End komplett: Andy Strachan, Chris Cheney und Scott Owen (v.l.n.r.)
In Deutschland kennen wir eigentlich nur australische Rockbands. Gibt es noch andere Musikszenen in Australien?
Scott: Oh ja, es gibt eine sehr vielfältige Musikszene. Wir haben HipHop, vieles aus dem Pop- und R`N`B-Bereich.
Andy: HipHop ist eine lustige Sache in Australien, weil HipHop stark von den Texten abhängt. Ich denke, die Themen darin sind sehr stark auf Australien konzentriert. Aber wie Scott schon sagte, es gibt viele Stile. Zum Beispiel John Butler, der ja ursprünglich eigentlich ein Bluesmusiker ist.
Scott: Wir haben auch noch Dancemusic, Electronic Music, Rockbands, Punkrockbands... Man kann damit viel Erfolg in Australien haben. Doch der nächste Schritt ist sehr schwer. Nach Europa oder Amerika zu kommen ist ein grosser Schritt. Aber nicht viele Bands können davon leben, alleine in Australien zu spielen.
Andy: Es ist alles da, aber wir sind nunmal ein bißchen weit weg vom Rest der Welt.
Seid ihr in Amerika immer noch bei Adeline Records, dem Label von Green Days Billie Joe Armstrong unter Vertrag?
Andy: Nein, so wie es im Moment aussieht, wird "White Noise" in Amerika nicht über Adeline Records erscheinen. Wir sind momentan sehr auf Europa fokussiert. Das Album wird auch in Amerika veröffentlicht, aber bisher sind wir mit den angebotenen Deals noch nicht glücklich. Wir wollen einfach sicher sein, dass das Album dort die volle Unterstützung erhält und so sucht unser Management noch nach der besten Möglichkeit.
Green Day veröffentlichen ihr neues Album hier am 15. Mai und ich glaube, es ist eine Art Konzeptalbum geworden. Habt ihr über so etwas auch schon mal nachgedacht?
Andy: Ein Konzeptalbum? Chris hat tatsächlich zuletzt über so etwas gesprochen. Er hat da offensichtlich eine Idee.
Scott: Da muss auch eine gute Idee dahinterstecken, sonst hat es keinen Zweck. Ich bin eigentlich ein grosser Fan von Konzeptalben. Aber es ist harte Arbeit, das wirklich richtig gut hinzukriegen. Ein grosses Ziel, das ich gerne noch erreichen würde. Aber vorerst bleiben wir bei unseren 3-Minuten-Rock`n Roll-Schuhen.
"White Noise" ist in Australien bereits vor einem Jahr erschienen. Arbeitet ihr bereits wieder an neuen Songs?
Scott: Nein, nicht wirklich. Wir sind durch Australien getourt und jetzt hier und im Rest von Europa. Im Augenblick zählt für uns nur auf der Bühne zu stehen und die aktuellen Songs zu spielen. Und dann sehen wir weiter. The Living End waren schon immer eine Live-Band.
Ihr seid vor fünfzehn Jahren ja eigentlich als reine Coverband gestartet...
Scott: Ja, wir waren so eine Art Rockabilly-Coverband in Richtung der Stray Cats. Chris und ich waren 16, 17 Jahre alt, auf der Highschool und wir wollten die Musik unserer Idole spielen. Zuhause in der Garage.
Wenn ihr eure fünf Lieblings-Coversongs benennen müsstet, welche wären das dann?
Scott: (holt tief Luft) Auf jeden Fall "Rock This Town" von den Stray Cats, weil wir das bestimmt verdammte hunderte Male selbst gespielt haben. Dann AC/DCs "Back In Black" und irgendwas von Midnight Oil, die meine allererste Lieblingsband waren (lacht). Ach, es gibt so viele gute Songs...
Du musst auch keine fünf nennen. Gibt es denn einen aktuellen Song, den ihr gerne mal covern würdet?
Andy: Irgendein Dance-Song, den wir dann völlig verrocken würden. Vielleicht einen von Kylie Minogue. Das wäre lustig. Auf einigen Konzerten haben wir "Back To Black" von Amy Winehouse gespielt. Wir mögen die Farbe schwarz (lacht).
Ihr seid jetzt schon lange im Musikgeschäft unterwegs...
Scott: Ja, wir haben schon eine Menge gemacht. Chris startete mit einer Coverband, da war Andy noch in einer ganz anderen Stadt und in einer ganz anderen Band. Wir haben mal hier und mal da gespielt. Musik war uns schon immer das Allerwichtigste im Leben und hat uns drei ja auch zusammengebracht.

Vormerken: Das neue Album "White Noise" erscheint in Deutschland am 12. Juni!
In dieser langen Zeit gab es viele Veränderungen im Musikbusiness. Welche war für euch dabei die prägendste Entwicklung? Für mich zum Beispiel war es Grunge (zustimmendes Gemurmel). Das war wie eine Offenbarung. Gibt es für euch etwas ähnliches?
Scott: Ich erinnere mich gut an die Zeit, als Grunge auf der Bildfläche erschien. Für mich war es allerdings eher Electronic Music, die vieles verändert hat. Ich weiß gar nicht, wer damit angefangen hat. Prodigy vielleicht? Die Leute fingen an Ecstacy Pillen zu schlucken und die ganze Nacht zu tanzen. Wir haben eine wunderbare Kneipenkultur in Australien. Es gibt viele Rock`n Roll Bands, die durch das Land fahren und in den Kneipen spielen. Neun von zehn Australiern gehen am Wochenende in die Kneipe, trinken ein paar Bier und schauen sich eine dieser Bands an. Und plötzlich gingen alle diese Leute auf Danceparties. Das ist für mich die grösste Veränderung, die es in den letzten Jahren gegeben hat. Es ist gut, wenn es viele verschiedene Richtungen gibt, aber ich persönlich empfand das als eine Art Kulturschock. All diese Leute in ihren dunklen Klamotten, geschminkten Augen und dann diese monotone Musik (klopft einen Beat auf der Tischplatte). Was soll das? Nehmt euch eine Gitarre!
Wie war es bei dir, Andy?
Andy: Da gibt es einige Sachen. Zum Beispiel "Appetite For Destruction" von Guns N`Roses. Das war ein prägendes Ding in meinen Kreisen. Wir hatten nie zuvor etwas ähnliches gehört. Punk hat mich natürlich auch sehr geprägt. Vor Jahrhunderten haben die Sex Pistols damit angefangen, dann kamen plötzlich Bands wie The Offspring. Das hat die ganze Mode beeinflusst. Schuhe, Frisuren, T-Shirts... Ramones T-Shirts waren auf einmal überall. 90 Prozent der Leute, die sie trugen, wussten nicht einmal, wer die Ramones sind. Es war eben cool.
Und traurig, oder? All diese Leute in ihren Ramones Shirts, ohne zu wissen, wer die Band eigentlich ist.
Andy: Eine Tragödie. Das meine ich. Für mich war Punk immer etwas, das dich irgendwie anders gemacht hat als der Rest. Mit Punk stand man ein Stück außerhalb der Normalität. Mit einer eigenen Meinung, die man auch so vertreten hat. Heute ist Punk nur noch Mainstream. Wenn du heutzutage in Kalifornien lebst und nicht mindestens eine Tätowierung hast, bist du out. Aber das ist doch kein Punk. Vor ein paar Jahren sind wir mit der Warped-Tour durch Amerika gezogen. Und wir waren die einzige Band auf dieser Tour, die keine Tätowierungen hatte. Später haben wir uns dann spaßeshalber welche machen lassen, aber auch da wussten wir genau, was wir wollten. Der Punkt ist, dass wirklich jeder tätowiert war und wir uns fast schon lächerlich vorkamen. Die dachten alle wir wären keine Punks. Dabei waren wir angeblichen Nicht-Punks viel, viel mehr Punk als alle diese tätowierten Punk-Bands (lacht).
Ihr seid auf Tour, das neue Album wird veröffentlicht, die Songs sind in den Charts und ihr werdet langsam grösser und grösser. Habt ihr nicht manchmal Angst selbst zum Teil des Mainstreams zu werden wie die Ramones?
Scott: Nein darüber mache ich mir keine Sorgen. Es ist gut so, wie es ist. Wir bleiben mit beiden Beinen auf dem Boden. Wir verstehen uns untereinander sehr gut und wir haben einen sehr guten Manager, der auf uns aufpasst. Jeder respektiert den anderen. Ich glaube nicht, dass sich daran so schnell etwas ändert.
Andy: Und was soll schlecht daran sein, nach mehr Erfolg zu streben? Wir versuchen trotzdem, uns unsere Punk-Wurzeln zu bewahren. Aber wir müssten lügen, wenn wir sagen würden, dass wir nicht am liebsten jeden Abend in der Woche in einem vollen Stadion spielen würden. Außerdem haben wir auch eine richtig gute Crew. Die Leute, die mit uns arbeiten und uns helfen, wenn wir auf Tour sind. Es ist wie eine grosse Familie.
Du hast die Stadionkonzerte angesprochen. Vor acht Jahren wart ihr als Support für AC/DC auf Tour. Wenn die euch heute wieder fragen würden, ob ihr den Support für sie macht, würdet ihr zusagen oder euch lieber auf euer eigenes Ding konzentrieren?
Scott: Komischerweise habe ich mich heute schon mal mit jemandem über dieses Thema unterhalten. Nun, es gibt einen Ort und eine Zeit für solche Sachen. Manchmal verschwinden Supportbands nach einer Tour mit einer grossen Band vollständig vom Radar. Sie sind nicht mehr als die Hintergrundmusik für die Leute, die gerade ihre Sitzplätze suchen. Es ist schwer diese Leute für dich zu begeistern, wenn du eine unbekannte Band bist und sie eigentlich nur auf die Hauptgruppe warten. Andererseits ist es eine faszinierende Möglichkeit, so vielen Leuten deine Musik und deinen Namen zu präsentieren. Aber momentan konzentrieren wir uns ganz auf uns.
Okay, letzte Frage: Welche Platten würdet ihr auf eine einsame Insel mitnehmen? Vielleicht drei...
Scott: (lacht) "White Noise" von The Living End und davon gleich drei Exemplare (alle lachen). Nein, ich nehme ein Best Of von Bob Marley & The Wailers, ein Album von Midnight Oil und... (überlegt lange) "White Noise" von The Living End... Andy, mach du lieber weiter.
Andy: Ein Best Of von The Stranglers, Queens Of The Stone Age "Songs For The Deaf" und Pedicure Crank, aber die wirst du nicht kennen.
Sehr gut! Vielen Dank für das Interview!
Ein Dankeschön geht hiermit auch an Oliver Bergmann von Oktober Promotion und Tim Wermeling von Universal Music für die freundliche Unterstützung im Vorfeld und vor Ort!