Interview mit Glen Hansard und Markéta Irglová im Kölner Hopper Hotel

(The Swell Season)

09.09.2009 von Simon Baranowski

Seitdem Glen Hansard und Markéta Irglová, auch bekannt als The Swell Season, einen unglaublichen Erfolg mit ihrem Independent Film “Once“ hatten und dazu noch den Oscar für den besten Filmsong einheimsten, kommt das Duo kaum noch zur Ruhe. Ausgedehnte Touren in immer größeren Hallen, mehr Interviews und damit auch eine größere Aufmerksamkeit sind die Folgen. Zwischen all den Terminen und dem Hin und Her haben die beiden aber dennoch Zeit gefunden ein neues Album aufzunehmen. Nach dem selbstbetitelten Debüt 2006 und dem Soundtrack zum Film 2007, steht Ende Oktober nun mit “Strict Joy“ das nächste Werk in den Regalen. Um ein bisschen Werbung zu machen sind The Swell Season noch kurz auf einer Promotiontour durch Europa unterwegs, um dann anschließend in die USA zu fahren, wo schon wieder die nächsten Livekonzerte anstehen.

Im Hopper-Hotel nicht unweit vom Dom in der Innenstadt von Köln treffe ich im Innenhof den aus Irland stammenden Glen Hansard und die gebürtige Tschechin Markéta Irglová. Tee, Kaffee und Plätzchen stehen bereit. Trotz der vielen Interviewtermine machen die beiden einen sehr entspannten und sympathischen Eindruck.

Musicheadquarter-Redakteur Simon Baranowski (rechts) im Gespräch mit Glen Hansard und Markéta Irglová von The Swell Season

Wie geht es euch?

Glen Hansard: (amüsiert) Wie geht es uns? Hm… Großartig denke ich, danke.

Wo kommt ihr gerade her und warum seid ihr heute in Köln unterwegs? Alles nur Promotion? Euer neues Album kommt ja Ende Oktober auf den Markt.

Markéta Irglová: Ja, wir sind gestern in Berlin gelandet und haben einen Pressetag dort gemacht. Und heute sind wir halt hier. Deutschland war immer gut zu uns, da ist es klar, dass wir auch mal was zurückgeben wollen. Es ist toll hier mit den Leuten zu reden.

Glen Hansard: Es wäre einfacher gewesen, hätten wir die ganzen Interviews und so übers Telefon gemacht. Aber manchmal ist es halt einfach besser den Leuten gegenüber zu sitzen, ein Stück mehr sich selber zeigen, zu dem steht was man gemacht hat. Und bei einigen Leuten ist es uns auch wichtig mit ihnen persönlich zu reden. Dies ist sozusagen eine Pressetour. Eine wohl eher ungewöhnliche Idee, die Idee herum zu reisen und Interviews zu geben.

Markéta Irglová: Unser Album kommt ja auch bald heraus. Das ist dann natürlich der Hauptpunkt. Und wir haben nicht wirklich die Möglichkeit solche Termine später wahrzunehmen. Wir sind dann erst in den Staaten, dann haben wir schon Weihnachten...

Glen Hansard: Ja, und auf Tour haben wir es nicht so gerne Interviews und solche Promotionangelegenheiten zu machen. Da wollen wir uns mehr auf die Musik konzentrieren und gehen dem eher aus dem Weg. Also wir vermeiden dann eher diese beiden Sachen zu vermischen.

Euer neues Album heisst “Strict Joy“. Was für eine Art von Freude wollt ihr ausdrücken damit? Ist “strict“, als strenge übersetzt, ein Synonym für kontrollierbar oder ähnlichem? Ich meine, ihr habt ja Songs auf eurem Album die nicht gerade viel Freude ausdrücken.

Glen Hansard: Im Grundgedanken ist es schon Freude die wir da vermitteln wollen. Die Freude die man aus dem Gegenteil herauszieht. Der Titel kommt von dem irischen Schriftsteller und Dichter James Stephens. Seine Herangehensweise ist noch viel tiefergehend als unsere. Was viele Poeten und Songwriter ja machen, ist, dass sie sich auf eine Art Reise begehen. All das schlechte durchleben und daraus aber eine Art Freude herausholen. Da transformiert sich dann etwas. Wenn du über Schmerz und Kummer schreibst, genießen das einige Hörer sogar. Das ist der Punkt. Du vertiefst dich in die Worte, und aus dem Schwarzsehen wird alles strahlend auf einmal. Stephens hat einen Satz gesagt, der das alles ausdrückt: “Because the poet makes grief beautiful“. Diese Idee traurige Songs zu schreiben und damit Freude zu transportieren. Ich habe mich früher immer sehr komfortabel gefühlt mit der melancholischen Musik die ich gehört habe, wenn ich dann mal traurig war.

Wie wichtig ist es für euch Singles zu veröffentlichen? Eure erste Single, “In These Arms“ gab es ja als kostenlosen Donwload  im Internet. Ist es nur ein Appetizer für Fans und Zuhörer?

Glen Hansard: Das ist einfach das Business wie es läuft. Ich verstehe, dass solche Dinge gemacht werden müssen, wo Leute an etwas herangeführt werden sollen. Wir haben “In These Arms“ dann ausgesucht, weil es ein eher einfacherer Song ist. Ein radiotauglicher Song ist es eigentlich nicht. Du kannst zugreifen oder es sein lassen.

War es eure Absicht eine Art Rahmen zu bilden auf dem neuen Album? Zuerst “Low Rising“, wo es den Anschein hat, dass Liebe oder das Leben gerade so funktionieren und stetig wachsen und dann am Ende “Back Broke“, wo alles wieder zusammenfällt?

Glen Hansard: Irgendwie schon, ja… das haben wir mit Absicht gemacht. Obwohl “Back Broke“ mehr als spiritueller Song gedacht ist. Es ist aus der Sicht einer Beziehung zu dir selber heraus geschrieben. “Back Broke“ handelt von der Selbstoffenbarung, der Suche nach Antworten, Aussagen wie “Ich bin erschöpft“, “Ich bin leer“, “Bitte hilf mir um weiterzumachen“. Wie so ein Fragezeichen zum Ende hin. Ich hoffe es ist ein positives Fragezeichen und kein allzu dunkles. Es passte einfach am besten ans Ende des Albums. Und ich wollte unbedingt, dass dieser Track drauf ist.

Ihr habt einige Songs von “Strict Joy“ bereits auf der letzten Europa Tour gespielt. “Low Rising“, “Back Broke“ und “I Have Loved You Wrong“. Wie lange existieren diese Songs schon? War es somit ein längerer Prozess das Album fertig zu stellen?

Markéta Irglová: Das ergibt sich einfach. Einige Songs sind halt älter, die anderen etwas neuer. Einige Songs fielen uns damals schon ein und so haben wir dann direkt ein Studio aufgesucht, um diese dann auch sofort aufzunehmen. So dass wir unsere Ideen direkt auf Band hatten. Die Platte ist dann insgesamt in drei Sessions entstanden. Und jetzt ist es endlich fertig. In meinen Augen hätte es nicht einfacher und relaxter verlaufen können als so.

Also habt ihr teilweise die Songs schon damals aufgenommen?

Glen Hansard: Ja, das waren die ersten Songs die wir aufgenommen hatten, auch weil wir sie dann live spielen wollten.

"Ich denke die Oscars waren der Höhepunkt in unserem Leben bisher. Das haben wir beide sehr festgehalten, diesen Moment. Es war was, was wir niemals erwartet oder gar geplant hatten. So schön kann das Leben sein" (Markéta Irglová)

Warum hat Markéta eigentlich nur zwei Songs auf dem neuen Album geschrieben? Könnt ihr mir das erklären?

Glen Hansard: Weil ich so ein Kontrollfreak bin. Ich erlaube keine Kreativität… Nein, ich wollte wirklich, dass Markéta mehr ihrer Lieder auf dem Album unterbringt, aber Markéta...

Markéta Irglová: Am Ende gab es halt Songs mit größerer Priorität. Und es war auch keine Zeit mehr. Ich fühle mich völlig okay damit. Natürlich wäre es schön gewesen mehr eigene Songs untergebracht zu haben, aber es ist nicht schlimm. Ich fühle mich sowieso eher in der Rolle des Unterstützers. Auch live auf der Bühne. Ich genieße die Kombination mit Glen so wie sie ist gerade sehr. Für ein zwei Songs ist es großartig auf der Bühne nach vorne zu kommen. Hätte ich mehr eigene Songs auf dem Album, müsste ich live also auch mehr nach vorne treten. Da bleibe ich aber lieber an meinem Klavier im Hintergrund sitzen.

Werdet ihr wieder eure Liveshows auf www.playedatlastnight.com veröffentlichen?

Glen Hansard: Von dem Gedanken haben wir uns eigentlich entfernt.

Aber es war eine nette Idee.

Glen Hansard: Ja, das stimmt.. Aber irgendwie mag ich das nicht, dass Livemusik so eingefangen wird.

Nachdem ich letztes Jahr in Köln bei eurer Show war, habe ich mir das Konzert dann runtergeladen und bin heute noch sehr dankbar, dass ich diesen Moment dadurch besser festhalten konnte. Eine schöne Erinnerung.

Glen Hansard: Ah, ok… interessant auch mal diesen Standpunkt zu hören.

Ihr habt “Strict Joy“ mit den Frames aufgenommen, deiner anderen Band Glen. Werden die Jungs euch live auch unterstützen?

Glen Hansard: Wir haben ja schon mit vielen verschiedenen Musikern gespielt. Eines Tages entschieden wir uns dann aber das mit den Frames zu machen. Wir sind befreundet und kennen uns gut. Das passt einfach. Sie kennen die Songs, sie kennen uns. Es ist also klar, dass sie uns nicht nur im Studio unterstützen, sondern auch auf Tour. Wir vereinen uns dann irgendwie alle zu The Swell Season. Es ist der natürlichste Weg und fühlt sich bei allen gut an.

Gab es denn mal irgendwelche Diskussion zwischen euch beiden und den Frames? Ich meine, nach dem Film "Once" schien es, als sei The Swell Season erfolgreicher als The Frames. Gab es Probleme, Neid oder Auseinandersetzungen?

Glen Hansard: Auseinandersetzungen würde ich nicht sagen, aber zu Beginn als Markéta und ich anfingen zu spielen war es nur natürlich, dass wir alle ein wenig unruhig geworden sind. Ich wollte es dann so hinbiegen, dass meine Band auch was von dem Erfolg abbekommt. Und es hat ganz gut funktioniert. Die Frames sind ja auch nicht vorbei, die gibt es ja noch. Wenn dieses Kapitel zu Ende ist, entscheiden wir, was als nächstes kommt. Momentan fühlen sich alle wohl mit der Situation.

Was passierte nachdem ihr 2008 den Oscar für den Besten Filmsong gewonnen habt? Habt ihr euch persönlich und musikalisch verändert? Oder seid ihr dieselben Charaktere wie vorher?

Markéta Irglová: Ich denke die Oscars waren der Höhepunkt in unserem Leben bisher. Das haben wir beide sehr festgehalten, diesen Moment. Es war was, was wir niemals erwartet oder gar geplant hatten. So schön kann das Leben sein. Wenn du das alles richtig aufnimmst, dann darfst du dich auch mal selber toll finden. Die Oscars waren so ein Augenblick. Es war zudem eine Art Schlüssel für uns, um einfach mehr Leute zu erreichen. Dass wir uns auf einer großen Bühne vor einer großen Menge Zuschauern präsentieren konnten. Das ist es, was die Oscars verändert haben. Auf einmal waren wir in der Position größere Hallen zu füllen, in den Staaten, in Europa, auf der ganzen Welt. Wie eine Art Plattform. Es kommt uns immer noch wie ein Traum vor. Eine Welt, der wir eigentlich gar nicht zugehörig sind. Aber für diese eine Nacht war es vollkommen okay. Ich habe es immer als Möglichkeit gesehen davon was zu behalten und für den weiteren Weg zu nutzen. Es ist toll zurückzublicken und daran zu denken was für eine schöne Möglichkeit für uns kreiert wurde.

Glen, es sieht so aus, als wenn du eine besondere Beziehung zu deiner Akustikgitarre hast? Kannst du uns die Geschichte erzählen, die eventuell dahinter steckt? Und gibt es eine ähnliche Beziehung zu einem Instrument bei dir Markéta?

Glen Hansard: Nun, im Laufe der Zeit… Ja, da ist schon eine bestimmte sehr intime Beziehung zu meiner Gitarre. Allein deshalb schon, weil ich sie so lange spiele. John Carney, der Macher von “Once“, sagte zu mir, dass er mich mit genau dieser alten und abgenutzten Gitarre im Film sehen will. Es war halt immer das Instrument was ich benutzte. Seit dem Film ist meine Gitarre - dieses Stück Holz, dieser Gebrauchsgegenstand - immer mehr zu einer Ikone geworden…

Eine Art Markenzeichen…

Glen Hansard: Auf jeden Fall. Es ist ein Teil des Images. Aber mittlerweile steckt auch sehr viel Druck dahinter. Egal wohin ich reise und die Gitarre dabei ist, habe ich Angst, dass sie kaputt geht. Es ist manchmal schon etwas heikel. Andere Gitarren spiele ich demzufolge eher ungern. Da fühle ich mich gar nicht mehr so wohl. Es ist wie mit Schuhen die dir nicht passen. Diese Gitarre werde ich wohl bis zum letzten Tag benutzen.

Markéta Irglová: Ich weiß gar nicht, ob ich in der Richtung was Ähnliches habe. Zurzeit als die Oscars stattfanden haben wir in einem Musikladen in Los Angeles gespielt. In einem Gitarrenladen habe ich mir dann eine Gitarre geliehen. Weißt du, ich stand vor so einer Wand, wo all die Gitarren hingen. Da konnte ich mir dann eine aussuchen mit der ich dann am Abend spielte. Nach dem Gig sagte man mir, dass ich die Gitarre behalten darf. Dazu wurde mir ein unglaublich schöner Gitarrenkoffer geschenkt. Das hat für mich schon einen sentimentalen Wert, obwohl es erst etwas mehr als ein Jahr her ist.

Glen Hansard: Aber dieser Moment macht das Instrument zu was Besonderem.

Markéta Irglová: Ich habe auch auf vielen ganz tollen Pianos gespielt. Aber durch die Größe und den nötigen Platz den man dafür braucht ist es halt schwierig. Ich wünsche mir mal irgendwann ein richtig tolles Klavier, welches dann in den Generationen weiterlebt. Dass Glen seine Gitarre schon so ewig lange hat, gefällt mir.

Kommen wir schon zu den letzten beiden Fragen. Was hört und lest ihr zurzeit gerade?

Glen Hansard: Ein Freund von mir hat mir letztens eine CD in die Hand gedrückt. Noah and The Whale. Das finde ich wirklich toll. Sehr gelungene Lyrics und ausgefeilte Songs.

Markéta Irglová: Ich höre zurzeit eher so traditionelle irische Musik. Ich liebe die irische Sprache und das Umsetzen in die traditionelle Musik. Ich mag es zu lernen wie sie was betonen und wie sie reden. Das interessiert mich gerade sehr.

Und in was für Bücher guckt ihr rein?

Glen Hansard: Ich lese gerade ein Buch das nennt sich “The Brain That Changes Itself“. Ein eher wissenschaftliches Buch, in dem man lernt sich selber zu verändern und zu erkennen was möglich ist, um sich ein wenig umzugestalten. Ich mag eher diese praktischen Bücher. Danach folgt wohl dann das Buch was Markéta gerade liest.

Markéta Irglová: Ich befasse mich passend zu dem was ich höre gerade mit einem Buch über die keltische Mythologie. Diese Kultur und die Traditionen, das finde ich faszinierend. Hereinzuschauen in diese alte Geschichte dieser Nation.

Glen Hansard: Und für uns als Iren ist es wundervoll zu sehen, wie sich jemand von außen - in dem Fall Markéta - mit unserer Kultur beschäftigt. Es ist wahrlich interessant, dass Markéta sich damit befasst, was tief in mir verankert ist.

Okay. Vielen Dank. Das war es auch schon.

Glen Hansard: Wir haben zu danken.

Markéta Irglová: Ja, vielen Dank für das Gespräch.

Mit freundlicher Unterstützung von Dennis Saia (Starkult Promotion) und Alma Lilic (Epitaph Records).

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