(The Weakerthans)
Im Rahmen des Konzertes im Wiesbadener Schlachthof trafen wir uns mit Weakerthans Gitarrist Stephen Carroll zu einem kurzen Gespräch. Draußen regnete es und nach dem Finden der richtigen Türe platzten wir in den Soundcheck der Vorbands House And Parish und Jonas Goldbaum. Im Catering Bereich trafen wir dann Stephen Carroll, der sehr relaxed noch an seiner Gitarre zupfte. Die Weakerthans waren für neun Termine zu Gast bei uns in Deutschland. Grund genug sie mal vor einer Show kurz zu erwischen. Das Interview führte Simon Baranowski zusammen mit Sascha Knapek.

Stephen Carroll (The Weakerthans)
Hallo Stephen.
Stephen Carroll: Hi.
Euer aktuelles Album heißt „Reunion Tour“. Wie seid ihr auf den Namen gekommen? Ist es vielleicht ein kleiner Seitenhieb auf die mehr oder minder berühmten Bands die zurzeit auf diesen Reunion-Zug aufspringen?
Stephen: Wir versuchen für den Titel unserer Alben eigentlich immer den passenden Track zu finden, der dann auf diesem auch drauf ist. Wie in diesem Fall „Reunion Tour“. Ein Song, der den Gesamteindruck des Albums wiedergibt. Davor war es „Reconstruction Site“ und davor „Left And Leaving“. Es hat weniger mit der eigentlichen Reunion-Geschichte anderer Bands zu tun. Wenn dann ist es eher so, dass wir uns nach einer gewissen Zeit wieder im Keller zu Aufnahmen treffen. Dann ist es für uns immer wieder wie eine Reunion.
Der Song „Utilities“ existiert schon eine ganze Weile und ist seit längerer Zeit auch Bestandteil eurer Live-Sets. Warum habt ihr euch entschieden den Song mit auf „Reunion Tour“ zu packen?
Stephen: Der Song wurde ja bis dato nicht veröffentlicht und wir fanden einfach, dass er in das Konzept des Albums passt. Ein guter Song fürs Ende der Platte. Und so kam er dann halt drauf.
Auf euer erstes Album „Fallow“ von 1998 hat es auch ein Propagandhi Song, „Anchorless“, geschafft. Live findet man in eurem Set aber auch den Track „Gifts“, der ebenfalls aus der Propagandhi-Ära – bei denen Sänger John K. Samson den Bass spielte – stammt. Warum wurde „Gifts“ nicht auch zu einem Weakerthans Song? Immerhin stammt er auch aus Samsons Feder?
Stephen: Nun, wir mögen diesen Song. Er ist wundervoll. Aber die Zeit ist einfach vorbei, um darüber eigentlich noch zu diskutieren. Beim ersten Album war ich ja noch nicht dabei, leider, denn ich mag „Fallow“ echt gerne. So bleibt „Gifts“ lediglich ein Bestandteil unseres Live-Repertoires.
Wie entwickelt sich eigentlich ein Weakerthans Song? Wo findet ihr die Inspiration, die Geschichten, die Bilder oder was auch immer, die ihr dann für wertvoll erachtet? Zum Beispiel euer Song „Big Foot!“, in dem die wahre Geschichte und die musikalische Interpretation ja eher gegensätzlich sind. Wo betreibt ihr derartige Recherche?
Stephen: Nun, den Song „Big Foot!“ hat John in Anlehnung an eine Dokumentation geschrieben. Er ist der Titeltrack. Zwei andere Songs basieren auf Bildern des Malers Edward Hopper, die wir auf einer seiner Ausstellungen gesehen haben. Da wollte John erst ein ganzes Album basierend auf den Bildern von Hopper machen. Letztendlich war das aber zu eintönig und wir blieben bei zwei Songs. „Hymn Of The Medical Oddity“ basiert dagegen auf einer realen Geschichte aus unserer Heimatstadt Winnipeg. Man nimmt halt von allen Seiten etwas auf und John hat ein Talent dafür das dann so in Worte zu fassen.
Habt ihr mal daran gedacht eine Akustikplatte oder eine Akustikshow zu spielen? Viele eurer Songs würden sich ja dafür eignen und vor ein paar Jahren habt ihr ja mal im kanadischen Radio ein annähernd akustisches Set gespielt.
Stephen: Ja, das ist in der Tat mal eine Überlegung wert. Ich würde dem sofort zustimmen, aber ich glaube die anderen in der Band sehen dem etwas skeptischer entgegen.
Ihr seid jetzt schon öfter in Deutschland unterwegs gewesen. Gibt es irgendeine favorisierte Stadt oder Location?
Stephen: Ja, wir lieben Deutschland. Alle sind hier sehr freundlich zu uns und wir haben viel Spass. Die deutsche Presse ist ebenfalls sehr nett zu uns gewesen, immer schon. Ich glaube Hamburg und Berlin sind für uns schon was Besonderes. Wir fühlen uns da wohl und kommen schon seit zehn Jahren immer wieder dorthin. Unsere deutsche Fanbase ist im Vergleich zu anderen Ländern einfach riesengroß, unglaublich.
Hat das auch mit den entstandenen Freundschaften zu deutschen Bands, wie Tocotronic, Tomte oder Kettcar zu tun? Wie ist euer Verhältnis zu Deutschland? Ihr seid ja auch öfter in kleineren Städten wie Trier oder Heidelberg zu Gast.
Stephen: Natürlich haben die Freundschaften damit was zu tun. Gerade wenn man die Leute trifft oder mit ihnen zusammen spielt ist es umso witziger und macht einem Freude und dadurch lernt man auch mehr von dem Land kennen. Wir sind nun mal sehr weit von zu Hause weg und da tun solche Freundschaften sehr gut. Dadurch sind wir halt einfach gerne hier und haben schon eine besondere Beziehung zu Deutschland.
Wie unterscheidet sich denn eine richtige Tour in Deutschland von sagen wir mal einer in Kanada?
Stephen: Hm, eigentlich unterscheiden sich die Touren nicht sonderlich. Du bist in einer Stadt, stehst dann abends auf der Bühne und spielst. Mal ist es gut, mal nicht so. Natürlich ist man in Kanada zu Hause, da ist dann ein heimisches Gefühl mit verbunden. Aber wir fühlen uns hier ja auch sehr wohl.
Wie reagiert ihr eigentlich darauf, wenn ihr bei einer Show im Publikum nur grinsende und fröhliche Menschen seht? Könnt ihr irgendwie nachempfinden, was eure Musik eigentlich für einige Leute da draußen bedeutet?
Stephen: Es ist immer schön zufriedene Menschen bei unseren Shows zu sehen und es motiviert einen zusätzlich ein gutes Konzert abzuliefern. Je freundlicher und fröhlicher es im Publikum zugeht, desto besser sind wir drauf. Und es erfüllt einen dann so richtig, wenn man sieht, was man alles erreichen kann. Es ist einfach schön.
Wenn du mal nicht auf der Bühne bist, was rotiert in deinem CD Player?
Stephen: Lou Reed, Lou Reed, Lou Reed. Ich liebe diesen Mann und seine Musik einfach. Außerdem momentan noch Doc Watson, Folkmusik wie er sie macht mag ich sehr gerne. Andere fallen mir gar nicht ein im Moment.
Was liest du gerade?
Stephen: Aus gegebenen Anlass lese ich gerade ein Fachbuch, aber das ist nicht sonderlich aufregend. Ansonsten versuche ich in letzter Zeit vermehrt Klassiker zu lesen. Als ich noch jünger war hab ich hauptsächlich zeitgenössische Autoren und moderne Western gelesen. Jetzt ist es an der Zeit die schönen, alten Klassiker in Angriff zu nehmen. Kurzgeschichten von Raymond Carver lese ich auch sehr gerne.
Was können wir von der Show heute Abend erwarten? Vielleicht einige Raritäten wie zum Beispiel „Ringing With Revolution“ oder konzentriert ihr euch hauptsächlich auf die neuen Songs?
Stephen: Haha, ja eine gute Idee. Es wird eine gesunde Mischung sein. Ein Drittel neue Songs und der Rest gemixt aus den drei Alben davor. Lasst euch überraschen.
Wir bedanken uns für das Gespräch, Stephen!
Mit freundlicher Unterstützung von Dennis Saia (Starkult)!