Interview mit Till Kersting im Kölner Blue Shell

(Till Kersting)

20.04.2009 von Thomas Kröll

Till Kersting wurde von der Kritik bereits als "Geschenk für die Gitarren-Szene" gefeiert und von den weiblichen Fans als "Sexiest Guitarist Alive" bezeichnet. Ende März erschien sein zweites Album "Waiting For Tomorrow" und sein bisheriger Werdegang liest sich so spannend wie ein Abenteuerroman. Seinen Auftritt im Blue Shell nahmen wir deshalb zum Anlass, um dem Wahl-Kölner vor dem Konzert mal ausführlich auf den Zahn zu fühlen. Unser Redakteur Thomas Kröll traf im Backstagebereich des legendären Clubs an der Luxemburger Strasse auf einen sehr sympathischen, bestens gelaunten und vor allem überaus auskunftsfreudigen Till Kersting (unteres Foto links). 

Wenn man deine Bio liest, dann stellt man fest, dass in deinem Leben bisher ja bereits unglaublich viel abgelaufen ist. Du bist in Kassel aufgewachsen, dann warst du zehn Jahre im Zirkuswagen in Portugal unterwegs, später Teil des Roncalli-Zirkus...

Till Kersting: Das war so eine Zwischenphase. Kurz bei Roncalli, da haben meine Eltern gelernt, wie der ganze Laden läuft und dann den eigenen Zirkus gegründet. Als ich dann viel später schon lange hier in Köln als Musiker gearbeitet habe, kam Roncalli quasi als Dejá-Vu zurück in mein Leben. Für Roncalli habe ich die letzten drei Winter wieder gearbeitet.

Tuesdays war eine weitere Band von dir...

Till Kersting: Das war ein sehr angenehmer Job für zwei Jahre bei der EMI. Davor gab es noch das "Theater der Keller", wo ich zwei Jahre die Theatermusik gemacht habe.

Nun ist es ja so, dass wahrscheinlich noch nicht allzu viele Leute etwas mit dem Namen Till Kersting anfangen können.

Till Kersting: Nee, weil das eigentlich erst seit zwei Jahren in der Öffentlichkeit ist. Vorher habe ich ja immer ohne meinen Namen gearbeitet. So wie so viele andere Musiker, die immer nur Sideman sind. Die erste Platte kam 2006 und seitdem erst gibt es Till Kersting.

Dann erzähl doch einfach mal ein bißchen was über dich. Einige Punkte haben wir ja schon angeschnitten.

Till Kersting: Okay, fangen wir vorne an. Das Ganze geht los in der Kindheit. Mein Stiefvater und mein Onkel waren damals schon Musiker in Kassel. Und die haben in einer Rhythm`n`Blues Band gespielt in derselben Altersgruppe wie die Stones oder die Beatles. Die sind also mit denen aufgewachsen, waren gleich alt und als das alles nach Deutschland rüberschwappte, haben die beiden sich irgendwo Instrumente organisiert und eine Beat-Band gegründet. Da liegen meine Wurzeln. Ich war als vierjähriger Pimpf schon immer bei den Konzerten dabei. Das war mein erster Einfluss, wo ich dachte, Musik ist schon ziemlich cool, Partys und Frauen und der Gitarrist war der Held (lacht). Das war prägend. Diese Kindheitserinnerung war ausschlaggebend dafür, dass ich ein Instrument gelernt und in der Schülerband gespielt habe und einfach irgendwann sicher war, dass es das ist, was ich später auch machen möchte. Bevor es dazu kam, gab es noch diese Zirkusgeschichte. Meine Mutter ist mit meinem Stiefvater nach Portugal ausgewandert...

...wegen Tschernobyl, habe ich gelesen.

Till Kersting: Ja, das war mit ausschlaggebend. Das war 1986, aber den Gedanken auszusteigen, gab es schon vorher. Als Tschernobyl dann passierte, war es nur sowas wie der letzte Auslöser um die Zelte wirklich abzubrechen. Neben vielen anderen Gründen war das ein Grund für meine Mutter zu sagen, wir packen die Familie in einen Bus, hauen ab und steigen komplett aus. Dann blieb es aber nicht bei dieser Aussteigermentalität, denn nach einem halben Jahr rumfahren und Dauerurlaub machen, geht dir das natürlich irgendwann alles tierisch auf den Zeiger. Also kam der Gedanke an ein Kulturprojekt auf, weil mein Stiefvater war ja Schlagzeuger. Und meine Mutter konnte schon immer gut managen. Also haben die beiden erste Kontakte zu Roncalli geknüpft und da sollte mein Stiefvater eigentlich Schlagzeuger werden. Hat aber nicht geklappt, weil der alte Schlagzeuger irgendwie doch nicht aufhörte. Nach einem halben Jahr des Wartens war das dann für die Familie so zermürbend, dass sie es selbst in die Hand genommen haben. Anfang der Neunziger Jahre haben wir dann ein eigenes Zelt gekauft, einen Packwagen, einen Küchenwagen, wie man sich das so vorstellt. Aber halt ohne Tiere, sondern nur Artisten und Phantomime und Tanztheater. Der Clou war, dass das Konzept Zirkus umgedreht wurde. Nicht die Artisten bestimmen was läuft und die Musik richtet sich danach, sondern umgekehrt. Die Musik war so Siebziger Jahre angehauchter Free-Jazz, neue Musik, total improvisiertes Zeug, keine Regeln und möglichst jeden Abend ganz anders. Da habe ich mehr über Musik gelernt als nachher durch Harmonielehre.

Was hast du da in der Zeit gemacht?

Till Kersting: Ich habe als Lichttechniker angefangen, da war ich Zwölf. Im Winterquartier waren wir immer in Kassel und da war meine Stammschule. Als ich 13 war, wurde in der Schulband der Platz des Rhythmusgitarristen frei. Dann habe ich mir überlegt, ob ich das machen soll. Vorher habe ich noch lateinamerikanisches Tanzen gemacht und danach noch Stepptanz. Einfach so als Orientierungsphase. Ich habe mir dann meine erste Strat und einen kleinen Fender Amp gekauft. Nach einem Jahr in der Schülerband ergab sich dann die Möglichkeit, dass ich beim Zirkus einsteige. Direkt eine Band zu haben und 300 Gigs im Jahr zu spielen, das war schon cool.

Und warum hast du dann irgendwann Köln zu deiner Heimatstadt auserkoren?

Till Kersting: Kassel wurde halt irgendwann vom Gefühl her zu klein. Lokalpatriotismus ist gut, reicht aber nicht. Da hatte ich angefangen mit vielen Jazz-Bands, Blues-Bands oder Soul-Coverbands Musik zu machen und konnte damals eigentlich schon besser von Musik leben als heute. Als Schüler wohnst du eben noch zu Hause und hast entsprechend wenig Unkosten an der Backe. In Kassel habe ich dann mein Abi noch durchgezogen und danach kam der Zivildienst. Ich dachte, okay, das ist jetzt der perfekte Absprung, um allen Freunden adieu zu sagen. Also habe ich gesagt, ich muss unbedingt nach Köln, weil da meine Zivildienststelle ist. In Wirklichkeit war das zwar eine freiwillige Entscheidung, aber ein guter Grund, um allem mal den Rücken zu kehren und neu anzufangen. Köln war eigentlich eine Empfehlung von älteren Musikern, die gesagt haben, also wenn, dann ist Köln die Musikstadt. Als ich 1998 hier ankam, war aber eigentlich alles schon vorbei (lacht). Was ich im Nachhinein festgestellt habe ist, dass tatächlich unglaublich viele Musiker in Köln wohnen, es aber leider keine lokale Kultur gibt, die hier wirklich gefördert wird. Also ich sehe hier selten Kölner Bands in Köln spielen. Da fehlen auch die Plattform und die Auftrittsmöglichkeiten. Jedenfalls im Rock`n Roll- oder Pop-Bereich. Du trittst hier in Köln auf, wenn du auch in anderen Städten auftrittst. Dann ist das wie bei uns jetzt. Du bist auf Tour und dann ist das ein Tourtermin. Aber dass du sagst, du hast hier einen Steady-Club, der dich featured und wo du jede Woche spielst, das gibt es nicht. Das gab es aber in Kassel. Und in Köln ist mir dann der Teppich unter den Füssen weggezogen worden, weil ich dachte, in so einer grossen Stadt kannst du bestimmt noch viel mehr spielen als in Kassel. War aber nicht und finanziell war das wirklich ganz bitter. Doch dann kam zum Glück das Theater und da konnte ich zwei Jahre arbeiten. Das löste sich dann direkt ab mit der EMI und Tuesdays. Eine zusammengewürfelte Band für den Grand Prix, die noch einen Sänger brauchte. Keiner steht im Vordergrund, einfach eine Gruppe mit drei Frauen und drei Männern. Das ist ein super Job gewesen. Wir haben damals richtig aufwendig produziert. Durch Tuesdays bin ich auch ein besserer Sänger geworden. Ich war immer Gitarrist und Gesang gab es bis dahin nur so nebenbei. Bei Tuesdays drehte sich das dann. Die Gitarre war egal, die wollten nur meine Stimme haben. Du gewinnst ein bißchen mehr Selbstvertrauen und das hat mir danach auch beim Songschreiben geholfen.

Irgendwann war es ja dann mit Tuesdays vorbei...

Till Kersting: Ja, dann musste ich irgendwas machen. Ich hatte noch ein wenig Kohle zur Seite gelegt aus dieser Zeit und musste mich nun neu orientieren. Ich hab mich ja nie gekümmert. Ich war nie in dieser sogenannten Szene unterwegs, dass ich Leute gebraucht hätte oder die mich. Ich war immer so hermetisch abgeschottet mit meinen Projekten. Ein halbes Jahr hatte ich finanziell Luft und bis dahin musste ich Gas geben und Leute kennenlernen. Auf der Tour mit Michelle damals mit Tuesdays habe ich deren Musiker kennengelernt und die haben mich wiederum anderen Musikern vorgestellt. Ich habe schon parallel zu Tuesdays angefangen eigene Songs zu schreiben und ein halbes Jahr nach dem Ende von Tuesdays hatte ich tatsächlich so 12 bis 13 fertige Songs. Dann haben wir angefangen eine Band zusammenzustellen. Da hat damals noch Hardy Fischotter hier aus Köln Schlagzeug gespielt und die Backingvocals mit Grant Stevens, mit dem ich auch viele Texte zusammen geschrieben habe. Das war insgesamt eine 8-Mann-Band. Wir haben ein Demo gemacht und einen fetten Gig im Limelight in Junkersdorf gespielt. Hammerlocation, hat nur mittlerweile leider wieder zugemacht. Dann ging es los mit Plattenfirmenaquise. Ein halbes Jahr lang. Es hat nichts geklappt, gar nichts. Das war 2005 und genau der Zeitpunkt, wo keine Plattenfirma mehr Geld in neue Leute investiert hat. Das habe ich gehörig unterschätzt. Es endete dann damit, dass ich das erste Album "Changing Faces" komplett selbst produziert habe. Bert (Smaak, d.Red.) kam als Schlagzeuger dazu. Wir haben die Platte in drei Tagen in den Hansa Haus-Studios in Bonn eingespielt. Das war ein Schnellschuss. Ich hatte nicht viel Geld. Aber ein fertiges Produkt! Das Cover habe ich auch noch selber zusammengezimmert und dann angefangen, das rauszuschicken. Und dann hat sich Zyx ziemlich schnell gemeldet. Die gründeten gerade ein neues Label namens Peppercake und deren Aufgabe war es, deutsche Künstler zu finden, die Blues machen, aber nicht reinen Blues. Crossover eher. Und da passte ich rein wie der Arsch auf Eimer. Das hat auch gut funktioniert. Nur der Medienrummel war minimal, weil die auch keine Kohle hatten um da gross Werbung zu machen oder einen Promoter zu engagieren. Mit dem zweiten Album ("Waiting For Tomorrow", d.Red.) habe ich mich musikalisch dann so verändert, dass ich da auch gar nicht mehr reinpasste.

Du hast ja auch mal gesagt, dass du froh bist, dich aus "dem Sumpf deiner Vorbilder" befreit zu haben.

Till Kersting: Als ich angefangen habe Gitarre zu lernen, habe ich noch viel Blues und Jazz gehört. Es war alles triolisch und swingte alles. Deshalb war auch der Sound des ersten Albums noch so in diesem Sound meiner Vorbilder verankert. Schließlich hatte ich den jahrelang gehört. Das war aber nicht der aktuelle Stand meines Musikgeschmacks. Beim ersten Album hatte ich noch das Bedürfnis, dass alte Songs, die ich teilweise mit 16 geschrieben hatte, da mit drauf kommen. Erst dadurch habe ich an diese ganzen alten Ideen auch erst einen Haken machen können und war wieder frei im Kopf für neue Ideen und neue Kompositionen. Und das habe ich mit dem zweiten Album umgesetzt. Dass das dann stilistisch so die Grätsche auseinander gemacht hat, das habe ich selber auch nicht erwartet. Das ist einfach so passiert. Und ich bin noch lange nicht angekommen. Ich habe jetzt schon klare Vorstellungen davon, wie das dritte Album aussehen soll. Die Reise ist nicht zu Ende. Jedes Album ist immer so eine Art Momentaufnahme und für mich ist es jedes Mal der Megahorror das zu mischen und dann zu sagen, jetzt ist es fertig.

Warum Horror?

Till Kersting: Weil du etwas abschließst, was nicht abzuschließen ist. Musikmachen ist ja nicht wie ein Bild zu malen. Eigentlich ist Musikmachen für mich etwas Vergängliches. Morgen ist ein neuer Tag und du kannst denselben Song noch etwas besser machen. Und das widerspricht eigentlich diesem Lebensgefühl, Aufnahmen zu machen.

 

Du hast auch mal gesagt und das fand ich sehr lustig, "Rock`n Roll ist immer ein bißchen härter als Angeln". Allerdings habe ich nicht verstanden, was das bedeuten soll.

Till Kersting: (lacht) Das ist ein Zitat meines Onkels, mit dem bin ich aufgewachsen bin und ich werde es weiter in die Welt tragen. Angeln ist für mich extrem entspannend. Angeln ist für mich heile Welt (lacht). Und Rock`n Roll ist für mich oft überhaupt nicht heile Welt. Kar macht einen das glücklich, wenn man Rock`n Roll erlebt. Aber diese ganzen Umstände drumherum wie zehn Stunden in einem stinkenden Tourbus zu hocken und keinen Cent zu verdienen dort, wo man gerade hingefahren ist. Oder du kommst irgendwo hin und es sind nicht vier Einzelzimmer sondern ein Vier-Bett-Zimmer geworden. Dann kommt immer dieser Running Gag "Rock`n Roll ist immer ein bißchen härter als Angeln", also immer in diesen Extremsituationen.

Schöner Spruch! Und jetzt habe ich ihn auch verstanden. Das zweite Album ist auf dem Markt und wie du sagst, hast du schon Ideen für das nächste Album. Was würde denn passieren, wenn du merkst, dass es irgendwann mal nicht mehr weitergeht?

Till Kersting: Da habe ich überhaupt keine Zukunftsangst. Wieviel wir von dem aktuellen Album verkaufen oder wieviele Gigs wir noch spielen, ist völlig unabhängig von der Frage, ob es ein drittes Album geben wird oder nicht. Ich habe mich mit Rough Trade und dem neuen Deal jetzt so aufgestellt, das ich eh im Grunde machen kann was ich will. Das ist schon mal ganz schön (lacht). Ich werde natürlich keine Volksmusikplatte rausbringen, sondern an meinem Sound weiterschrauben. Und wenn es finanziell nicht reicht, dann reicht es eben nicht. Dann bin ich halt nächsten Winter wieder bei Roncalli (lacht). Oder ich spiele Studiojobs ein. Das mache ich ja jetzt auch. Alleine von dem Album könnte ich meine Miete nicht bezahlen. Dieser ganze Kostenapparat mit Produktion, Release, auf Tour gehn, Musiker bezahlen, Techniker bezahlen, das ist viel Geld. Da stecke ich jetzt meine Kohle rein. Und wenn ich wieder Geld brauche, halte ich meinen Arsch wieder für andere hin. Ich mache Studiojobs für VOX oder RTL oder für andere Künstler. Für mich als Gitarrist gibt es immer Möglichkeiten. Aus vielen Puzzleteilen halte ich da mein Sozialleben zusammen, finanziell wie auch freundschaftlich. Das ist wie ein riesiges Patchwork. Und je mehr Geld ich durch andere Projekte verdiene, umso mehr kann ich dann natürlich wieder zur Seite legen und in meine eigenen Sachen investieren. Es ist zwar sehr anstrengend, weil ich quasi ein Doppelleben führe und ich glaube auch nicht, dass man diesen Zustand lange aushält. Aber ich bin letztes Jahr 30 geworden und denke, dass ich das noch fünf Jahre so weitermachen kann. Man kann es nur so lange machen, wie das Feuer brennt. Ich freue mich auf das dritte Album und hoffe, dass ich einen langen Atem habe. Stetig zu wachsen ist für mich viel wichtiger, als auf jedem Album möglichst einen Hit zu haben. Aber ohne die Hilfe meiner Promoter hätte ich es zum Beispiel nicht in die "Gala" geschafft, wo du denkst, es ist ja auch mal ganz nett beim Zahnarzt auszuliegen (lacht). So wie sich das jetzt schon vom ersten zum zweiten Album weiterentwickelt hat, ist schon sehr ermutigend.

Welche Musik hörst du privat?

Till Kersting: Grundsätzlich höre ich tatsächlich gar keine Musik. Ich kann es nicht ertragen, ich werde irre. Ich bin echt froh, wenn ich meine Ruhe habe, denn ich frickele ja selbst schon den ganzen Tag an Musik herum. Das spiegelt sich sogar bis ins private Weggehverhalten. Dass du sagst, lass uns in ein nettes Café gehen, wo Laid Back-Atmosphäre ist und einen leckeren Rotwein trinken und halt nicht in den Club wo "Uzi Uzi" ist. Aber wenn ich Musik höre, dann versuche ich ein paar Lücken aufzuarbeiten. Im Rock- und im Indie-Bereich, mit denen ich mich nie beschäftigt habe. Ich habe nie The Cure oder Led Zeppelin gehört. Aber das kann ja nicht sein. Ich kann ja nicht ohne diese Band in die Kiste steigen. Dann gibt es natürlich Empfehlungen. Ohne dass ich wusste wer das war, bin ich in Hamburg ins Uebel & Gefährlich gegangen und hab da Jamie Lidell gesehen. Der verkauft seine Platten und sein Image als Soulsänger, macht live aber was komplett anderes. Das war so geil, weil ich überhaupt nicht wusste was mich erwartet. Und ich habe an den Gesichtern von der Hälfte der Leute gesehen, dass die sich komplett verarscht vorkamen und das fand ich fast schon wieder grossartig.

Ich habe Jamie Lidell vor ein paar Monaten als Support-Act von Elton John in der Kölnarena gesehen. Das war auch total skurril. Die Kölnarena war komplett bestuhlt und da war halt auch das entsprechende Publikum mit Anzug und Krawatte. Und dann kam Jamie Lidell im Morgenmantel auf die Bühne und fing an rumzuzappeln. Für die Leute war das ein Kulturschock.

Till Kersting: Ich liebe den Typen. Der hat auch eine super Band mit ganz tollen Musikern. Und er singt einfach fantastisch. Dann hat er sein Riesen-Mischpult da vorne und kann das alles in Echtzeit loopen und filtern. Hammer! Ganz grosser Künstler. Was ich gar nicht höre, ist ähnliche Musik wie meine eigene. Es gibt Leute, die sagen, das erinnert sie an Lenny Kravitz oder an Bruce Springsteen. Vom Aussehen und der Stimme an die Sachen, die Springsteen früher gemacht hat. Ich habe keine Ahnung, was dieser Mann früher gemacht hat. Da sind wir wieder bei der Bildungslücke. Ich werde mir also irgendwann mal eines seiner ersten Alben kaufen und mir das anhören. Ich versuche eher andere Sounds wahrzunehmen und mich davon beeinflussen zu lassen, dass ich auf andere Ideen komme. Da brauche ich mir halt nichts anzuhören, was einem ähnlichen Sound entspricht wie dem, der aus mir selbst herauskommt.

Zum Abschluss noch die Frage, wie die Tour bisher gelaufen ist und was du dir von dem Konzert heute abend versprichst. Es ist ja sozusagen ein Heimspiel für dich.

Till Kersting: Das Heimspiel hatten wir eigentlich schon am Freitag in Kassel. Es gibt also zwei Heimspiele. Wovon ich mir mehr versprochen hatte war Hamburg. Die Markthalle ist eine geile Location, ein geschichtsträchtiger Laden. Für die Presse war es aber noch zu klein. Das heißt, die Location allein hat nicht ausgereicht. Ich habe kein Feature bekommen, keine Ankündigung und gar nichts. Die Presse hat komplett geblockt. Trotz toller Promoterin und alles. Manchmal gibt es halt kein Durchkommen und Plakatieren in Hamburg kannst du auch vergessen, das ist einfach zu teuer. Es gab einfach null Werbung für diesen Gig. Mit dem Ergebnis, dass da irgendwie 30 Leute standen. Die Spass hatten und wir hatten auch Spass, aber sowas ist finanziell natürlich ein Desaster. In den kleineren Städten kommen die Leute einfach. Da gibt es nicht so dieses Konkurrenzdenken wie in der Großstadt. Kassel war natürlich ein Bombenerfolg. Es war voll und alle hatten Spass. Es ist eine grosse Hilfe, wenn die Leute darauf aufmerksam werden, was man tut. Kritik ist auch eine grosse Hilfe in dem Zusammenhang. Es geht echt nicht darum, den Bart gepinselt zu bekommen. Von heute erwarte ich mir ein grosses Klassentreffen von Freunden. Ich hoffe, es wird tierisch voll. Da geht es gar nicht ums Geldverdienen, sondern darum, dass all die Freunde, mit denen ich hier Musik mache oder die ich privat kenne, auch alle kommen. Und die kommen auch alle umsonst rein und bringen hoffentlich noch andere Leute mit. Die erste Rutsche war jetzt der Norden, den wir abgeklappert haben. Das ist jetzt rum. Heute mit Köln haben wir die goldene Mitte und im Laufe der Woche geht es noch weiter mit Mannheim, München und Nürnberg. Und dann ist es auch gut. Dann muss ich erstmal schlafen (lacht).

Naja, wenigstens heute abend kannst du ja mal zuhause schlafen. Wie lange wart ihr dann insgesamt auf Tour?

Till Kersting: Insgesamt war es der ganze April. Aber wir haben auch viele Pressetermine gehabt. Showcases oder Präsentationen, die jetzt nicht öffentlich waren. Oder ich alleine. Dass man nur mit der Gitarre unterwegs ist und die Band zuhause bleibt. Das war schon gut. Aber ich merke auch, dass ich jetzt so langsam müde werde. Ich bin froh, dass ich nicht krank geworden bin. Heute kann ich dann vor allen Dingen auch mal was trinken und muss nicht mehr fahren (lacht). Heute wird gefeiert. Heute ist der Abend für Freunde!

Vielen Dank Till Kersting für das überaus nette Gespräch!

Und wer jetzt neugierig geworden ist, wie das Konzert in Köln denn nun letztendlich ablief, der kann das Ergebnis hier nachlesen.

 

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