Interview mit Winger-Schlagzeuger Rod Morgenstein

(Winger)

10.04.2010 von Julia Wolf

Punkt 16 Uhr stehen wir vor dem Colos-Saal in Aschaffenburg, welcher mitten in der Fußgängerzone liegt. Die Sonne strahlt mit uns um die Wette, denn wir freuen uns riesig darauf, gleich den Schlagzeuger Rod Morgenstein von Winger zum Interview zu treffen. Drinnen werden wir herzlich empfangen und nach oben geleitet, wo wir auf den Tourmanager treffen. Auch dieser begrüßt uns herzlich und bittet uns Platz zu nehmen. So warten wir ca. fünf Minuten und werden dann zu Rod Morgenstein geführt.

Das Interview findet in einem schnukelig kleinen Raum (ohne Fenster) statt. Zwei Stühle, ein kleiner Tisch auf dem eine Uhr steht. Es ist eine dieser Uhren in Form eines überdimensionalen Weckers, wie man sie vor 15-20 Jahren in allen Farben zur Kommunion bekommen hat… und… sie geht nicht - haha, kein Zeitlimit also. Rod begrüßt uns ebenfalls sehr freundlich, irgendwie sind alle sehr herzlich und zuvorkommend, zudem gut gelaunt und lustig - einfach eine tolle Atmosphäre. Wir stellen uns kurz vor, nehmen alle Platz und los gehts…

Rod Morgenstein in seinem Element!

Rod, nachdem dies das letzte Konzert eurer Europatournee ist, freut ihr euch, dass ihr einen Monat frei habt (Anfang Mai geht’s in den USA weiter), oder laufen die Motoren noch auf Hochtouren und ihr könntet ein paar weitere Gigs spielen?

Rod: Nun ja, keiner von uns hat frei. Ich fliege morgen zurück in die USA, dann muss ich 400 km nach Boston fahren und am Montag bin ich in Boston an der Universität zum Arbeiten. Kip hat auch immer Projekte nebenbei, er ist immer beschäftigt. Im Moment im Bereich der klassischen Musik… er wird im Opernhaus von San Francisco zu sehen sein. Jeder in der Band arbeitet noch an verschiedenen Projekten, keiner wird Zeit zum relaxen haben (lacht). (Anm.d.Red.: Beach ist bekanntlich ja noch bei Whitesnake tätig und John Roth bei Giant.)

Würdest du sagen, dass diese Tour eine erfolgreiche war?

Rod: Absolut. Neben dem kurzfristig angesetzten Konzert vor ein paar Jahren in München war unser letztes Deutschlandkonzert 1991. Und trotzdem waren fast alle Konzerte sehr gut besucht, das Publikum war immer toll und ist mitgegangen. Es war wirklich genial!

Okay, kommen wir zu eurer neuen CD "Karma". Es ist ein verdammt gelungenes rockiges Album und bringt jede Menge Power rüber. Bis jetzt habe ich durchweg nur positive Kritik vernommen. Seht ihr das genauso, seid ihr selbst mit dem Album zufrieden?

Rod: Ja, sehr! Weißt du, wenn du in einer Band bist, ist das nächste Album immer ein Thema. "Winger IV" war ein Konzeptalbum. Zu dem Zeitpunkt ist soviel passiert, und Kip verkörperte dann die Ansicht eines Soldaten in Afghanistan auf dem Album… und nicht das typische Sex, Drugs and Rock and Roll-Ding. Und bei "Karma" war uns von vornerein klar, wir wollten ein hartes, rockiges Album, was Spaß macht… und das ist uns glaube ich gelungen.

Wer hat dem Album den Namen "Karma" gegeben und warum?

Rod: Kip. Ah, ich weiß nicht richtig. Manchmal wirft man einfach einen Namen in den Raum und - schwupps - das ist es. Und manchmal sucht man Wochen nach was Passendem. Diesmal war er mit einem schwupps da (lacht).

Ihr habt auch ein paar neue Songs auf der Setlist stehen - wie nehmen die Fans die neuen Songs an?

Rod: Großartig! So viele Fans haben die neuen Texte genauso mitgesungen wie die alten. Das war toll. Die neuen Lieder wurden wirklich immer sehr positiv aufgenommen. Das freut uns natürlich sehr und bestätigt uns in unserem Tun.

Ihr seid durch ganz Europa getourt, z.B. in Skandinavien, Süd-Europa und sogar in Russland und Polen. Gibt es große Unterschiede, wie das Publikum abgeht?

Rod: Also leider waren wir nicht in Russland, das Konzert musste abgesagt werden, weil Kip krank war. So viele Unterschiede sind da aber gar nicht, mal abgesehen von den unterschiedlichen Mentalitäten der verschiedenen Länder. Manchmal kommt man in eine große Hauptstadt und findet ein etwas zurückhaltendes Publikum vor und manchmal bist du in einer 5.000-Einwohner-Stadt und erlebst die beste Show seit langem. Hm, besonders verrückt und im Gedächtnis geblieben sind mir die Fans aus Athen, die haben uns sehr gefeiert. Verrückt!

Wie muss man sich einen typischen Tag mit Winger on Tour vorstellen?

Rod: Erst einmal mit wenig Zeit (lacht). Eigentlich ist es so wie immer, man fährt mit dem Tourbus Stunden, bis man am nächsten Ziel ist, Soundcheck, Konzert, Schlafen, Bus fahren. Hier und da ein bisschen Sightseeing, aber das wars dann schon. Ich persönlich versuche aber so oft wie möglich mal raus zu kommen und was zu sehen. Aber manchmal ist man einfach nur erschöpft, das ganze Reisen ist auch sehr anstrengend. Im Großen und Ganzen lebt man aber für das Konzert und das Treffen mit den Fans, das macht Spaß und da freut man sich drauf. Aber da wir wirklich alle vier enge und gute Freunde sind, ist es trotz allem immer sehr harmonisch und lustig (lacht).

Wann hast du gelernt Schlagzeug zu spielen?

Rod: Ich weiß nicht wie alt genau ich war, aber es war als die Beatles ihren allerersten Fernsehauftritt in Amerika hatten… von da an war es für mich klar, dass ich Schlagzeuger werde. Ich hatte in meinem Leben nie einen anderen Job als Musiker. Und ich liebe meinen Job.

Was ist der Unterschied zwischen Winger in den späten 80ern und frühen 90ern und Winger heute?

Rod: Ich glaube, die Band heute ist einfach nur erwachsener geworden. Natürlich wirst du immer zurückschauen und dich fragen, verdammt, wie scheisse hast du eigentlich ausgesehen (lacht laut), aber so war das einfach. Vielleicht fragen wir uns das in 20 Jahren wieder, wenn wir zurückschauen. Musikalisch sind wir auf jeden Fall viel anspruchsvoller als zu Beginn unserer Karriere und natürlich erfahrener.

Was ist dein Lieblingssong von Winger?

Rod: Es klingt vielleicht komisch - es ist "She’s The One", wo ich nur die Bassdrum spiele… aber ich liebe das Lied! Von der neuen CD mag ich besonders "Witness". Sonst "Blind Revolution Mad" von "Pull" oder "Headed For A Heartbreak". Ich mag viele Winger Songs (lacht).

Und welchen Song spielst du am liebsten live?

Rod: Ich würde sagen "Headed For A Heartbreak" (auf kurze Nachfrage hin, wissen wir dann, dass wir den Song ein paar Stunden später auch live hören werden). Und dann vielleicht noch "Can’t Get Enough", auch wenn es wahrscheinlich das einfachste Lied ist, bei dem ich jemals an den Drums saß (Rod lacht und spielt uns den Takt vor). Hey, es muss nicht immer kompliziert sein, damit es gut ist.

Wie sieht es mit der Zukunft von Winger aus? Habt ihr spezielle Pläne?

Rod: Wir werden im Sommer jetzt erstmal durch Amerika touren und dann im Herbst vielleicht in Asien und danach Südamerika. Kip bekommt hier sehr viele Anfragen.

Dann unsere letzte Frage. Morgenstein – das klingt so deutsch...

...doch bevor wir unseren Satz zu Ende sprechen können, fällt Rod uns ins Wort. Er spricht den Namen zweimal deutsch aus (ungefähr "Moagenschdein" mit US-Slang), ruft etwas lauter "Morningstone, right?", lacht und erzählt uns eine lustige Geschichte zu seinem Namen. 1986 lebte Rod in Hannover und spielte in der deutschen Band Ceno, bei der auch Uli John Roths Bruder Zeno an der Gitarre stand. Er erklärt dann, dass man in den USA, wenn man so einen Namen wie Morgenstein hat und auf dem Wege ist etwas bekannter zu werden, seinen Namen ändert. Das hat er damals auch von seinem Vater empfohlen bekommen. Also fragte er die Jungs der Band, die alle Deutsch waren, um Rat. Laut Rod diskutierten sie danach heftig, aber nur auf deutsch, sodass er nichts verstand. Sie unterhielten sich fast fünf Minuten während er daneben stand. Und dann, von der einen auf die andere Sekunde drehten sich ihm vier Köpfe entgegen und stellten die Frage: "Hey, was ist so schlimm an Rod?". Wir lachen uns mit Rod beinahe kringelig - die haben tatsächlich gedacht, er will seinen Vornamen ändern...

Ein lustiges und gelungenes Ende des Interviews, an das ich mich gerne zurückerinnern werde. Rod ist ein sehr sympathischer, netter und feiner Kerl, der seinen Job über alles liebt und für die Musik lebt.

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