Interview mit Daniel Wirtz im Kölner Luxor und anderswo...

(Wirtz)

09.06.2008 von Thomas Kröll

Eigentlich sollte dieses Interview bereits Mitte Mai beim Auftritt von Daniel Wirtz in Köln stattfinden, als der 31jährige Frankfurter im Rahmen seiner „11 Zeugen“-Tour im Luxor gastierte. Vor der Show trafen wir uns im kleinen, aber gemütlichen Backstagebereich und redeten bei Cola und Erdnüssen eine Stunde lang ganz entspannt über Gott und die Welt (ein Konzertreview findet ihr übrigens hier). Leider stellte sich im Nachhinein heraus, dass mein MD-Recorder kurz nach Beginn unseres Gespräches unbemerkt den Geist aufgegeben und so gut wie nichts aufgenommen hatte. Glücklicherweise war der symphatische Deutschrocker aber sofort bereit sich meinen Fragen noch einmal zu stellen. Also verabredeten wir uns etwa drei Wochen später erneut am Telefon und dieses Mal funktionierte auch die Technik tadellos. Daniel Wirtz erzählt hier ausführlich über sich und seine Musik, sein Verhältnis zu den Fans, über seine Pläne oder die Zukunft von Sub7even. Und er wagt eine Prognose für das Finale der Fussball-Europameisterschaft.

Ich würde noch mal gerne bei der Tour anfangen. Die Tour lief bis Mitte Mai mit diesem denkwürdigen Konzert im Luxor. Kannst du jetzt ein abschließendes Fazit ziehen? Bist du zufrieden mit dem Verlauf?

Daniel Wirtz: Kurzes Fazit: Es war überwältigend für mich. Das war so gut, dass ich im Herbst direkt noch mal elf Städte in Angriff nehme, in denen ich jetzt nicht war. Aufgrund der Ticketverkäufe, die ich jetzt vorzuweisen habe, wird es wahrscheinlich auch etwas einfacher sein, mal in Städte zu kommen, die vorher noch gesagt haben, na mal abwarten wie sich das entwickelt. Von daher waren bei den Konzerten schon überraschend viele Leute und eine gute Stimmung. Viel kann man erst mal nicht mehr draufsetzen. Du kannst jetzt nur noch doppelt so viele, dreimal so viele Leute nehmen, aber im Hinblick auf diejenigen, die da jetzt schon am Start waren, auch textlich gesehen, weiß ich nicht, wie man es noch schöner machen kann.

Vielleicht hast du mein Konzertreview gelesen. Das Konzert im Luxor fand ich ehrlich grossartig. Das war richtig geil.

Wirtz: Ja, hab ich gelesen. Und man muss ja auch immer die Relationen sehen. Eigenes kleines Label (Wirtz Musik, d.Red.), wir machen nicht gross Werbung, kein Radio, ein paar Online-Magazine, die Werbung gemacht haben, zwei Songs auf MySpace, das wars. Also da hätten auch 20 Nasen stehen können. Es gibt genügend andere Bands wo dann 20 Nasen da sind. Das war schon super.

Im Luxor hast du mir von einer geplanten Reihe von Akustikkonzerten in Kinos erzählt. Die Idee ist also erst mal gestorben, oder?

Wirtz: Nein, die würde ich dann noch eventuell hinten dranhängen. Ich bin ja froh, wenn ich hier nicht zu Hause rumhängen muss. (lacht) Der Plan war, dass wir so im Oktober mit der kompletten Band noch mal in zehn oder elf Städte gehen. Hannover, Karlsruhe oder Bielefeld, es ist ja auch noch viel übrig wo ich jetzt nicht war. Diese Kinogeschichte wäre dann nur mit einer Gitarre oder zwei Gitarren. Das ist dann natürlich ganz nackt. Irgendwie fünf kleine Geschichten um die Jahreswende herum. Das würde ich gerne auch weiterhin versuchen zu realisieren.

Die Idee klingt klasse. Wenn das klappt, wäre das bestimmt eine wunderschöne Sache.

Wirtz: Näher gehts ja nicht, auch für mich persönlich. Ich meine, wir spielen natürlich auch gerne vor 100.000 Leuten, aber letztendlich hab ich mehr davon, wenn ich wirklich ganz nah an demjenigen dranstehe, der mir dann zurückgibt was ich da singe. Das gibt mir als Person auch viel, viel mehr.

Auf deiner MySpace-Seite gibt es seit ein paar Tagen ein neues Live-Video. Gab es auf der Tour irgendwas Besonderes, außer dass es voll war und Spass gemacht hat? Irgendeine besondere Kiste die dir im Kopf geblieben ist?

Wirtz: Jeder Abend für sich war auf seine Weise etwas besonderes. Was ich durch die Bank noch nie so hatte war, dass die Leute so im Text drin waren. Ich hatte zum Teil auch sehr viel selbst die Augen zu. Zum einen weil ich mich auf die Gitarre konzentrieren musste und auch noch grade singen wollte. Auf diesem kleinen Live-Video auf der MySpace-Seite sind Sachen drauf, die wir mit der Handycam gemacht haben. Wo der Matthias (Hoffmann, Daniels Produzent, d.Red.) in die Leute reingefilmt hat und wir gesehen haben, wie emotional die auch an den Liedern hängen. Also so was habe ich mit Sub7even in zehn Jahren nicht gesehen. Da waren toughe Typen, die Tränen in den Augen hatten und so was von berührt waren. Und durch die Bank haben alle mitgeschrieen. Ich denke, das ist halt der Unterschied, wenn man deutsch singt oder englisch. Dass die Leute im Deutschen jede Silbe raffen und einen ganz anderen Zugriff auf die Lieder haben.

Ich habe gelesen, dass du im Juni die beiden Foo Fighters-Konzerte in Berlin und Düsseldorf eröffnen solltest. Was ist daraus geworden?

Wirtz: Eigentlich sollte das so sein. Deren Promoter hier aus Deutschland hat uns zufällig in Hamburg gesehen, fand das geil und wollte uns mit auf die Tour packen. Aber ich habe immer gesagt: Abwarten, ich glaube das erst, wenn ich im Bus kurz vor dem Gelände aussteige. Und es war Glück, dass ich das gar nicht erst so an mein Herz heran gelassen habe. Denn letztlich haben sich die Jungs dann doch entschieden eine befreundete Band aus den Staaten dazu zu nehmen.

Ja, Flogging Molly spielen da jetzt.

Wirtz: Genau. Also wie gesagt, zum Glück dachte ich immer, ja ja erzählt ihr mal und so. Zum Glück war das für mich noch keine so emotionale Kiste, dass ich mich da jetzt geärgert habe oder traurig war. Es wäre natürlich ein Traum gewesen aber nun ist es halt nicht so und das ist auch okay. Es gibt nicht viele andere Bands, wo ich mir wünschen würde, da mal spielen zu können. Das wäre wirklich schon fast zu traumhaft gewesen. Ich glaube, jeder in Deutschland will da gerne drauf und dass die dann gerade einen nehmen, der so klein unterwegs ist, hätte mich jetzt auch gewundert. Naja, nächstes Mal, Herr Grohl. (lacht) Wir sehn uns.

Was mir so durch den Kopf ging als ich die Meldung gelesen habe war, ob das in so einer grossen Location schon funktioniert hätte. Ich meine, es ist ja schon ein Unterschied zwischen der Wuhlheide oder dem ISS Dome im Vergleich zum Beispiel zum Luxor.

Wirtz: Ach, das wäre mir in dem Fall total egal gewesen. Das wäre einfach ein Highlight gewesen. Der erste Satz, der glaube ich von oben runtergekommen wäre, hätte gelautet: Leute, es ist echt schön hier zu stehn, aber seid mir nicht böse wenn ich hier heute ab und an mal verkacke. Ich meine, für mich ist das persönlich mal was ganz Großes. Ich hätte es einfach für mich genossen und die Band genauso. Ich glaube, wir alle Vier haben alle Platten von den Foo Fighters.

Bleiben wir noch mal kurz bei der Tour. Wie sieht so ein typischer Tourtag bei dir aus?

Wirtz: Also es gibt ja Touren und es gibt Touren. Auf der Tour ist es tatsächlich so gewesen, dass der Anspruch an mich selbst war, auch gesanglich immer 120 Prozent zu geben. Dadurch dass alles selbst finanziert war und kein Label dahinter stand. Auf dem Album habe ich von Songtiefen bis zum höchsten Ton alles mitgenommen. Deshalb hatte ich den Anspruch an mich jeden Abend topfit zu sein. Und es war, glaube ich, auch das erste Mal, dass wir uns so ein paar Hanteldinger mitgenommen haben. Anstatt uns zu besaufen haben wir versucht tagsüber auch mal ein bisschen zu laufen, Sport zu machen, um uns auf den Abend vorzubereiten. Und abends dann zu geben was geht. Natürlich hatten wir Glück, dass das Wetter mitgespielt hat. Vom ersten Tag an war die Sonne auf unserer Seite. Nach dem Gig wurde zusammengepackt, mit dem Veranstalter noch einer angestoßen, dann ins Hotel gefahren und noch mit der Band zusammengesessen, um zwei, drei Sachen zu verarbeiten oder zu überlegen, was wir morgen geiler machen können. Ja, und am nächsten Morgen wieder relativ früh losgefahren zur nächsten Stadt, dann Soundcheck, zwischen Soundcheck und Show meistens noch ein bisschen draußen in der Sonne sitzen und abends dann ab auf die Bühne. Das haben wir uns echt total entspannt gegeben. Ich kann diese Sauferei mittlerweile auch echt nicht mehr, das macht mich total fertig.

Nach dem Konzert im Luxor hast du dich bestimmt noch drei Stunden im Foyer mit den Fans unterhalten. Das fand ich sehr beeindruckend. Also wir waren zwischendurch mal für vielleicht eine Stunde weg und als wir wiederkamen standst du immer noch da. Wie wichtig ist dieser Kontakt mit den Fans für dich?

Wirtz: Ich mache das jetzt so lange, dass ich weiß, dass es nicht normal ist, wenn die Leute an einem Montag, Dienstag, Mittwoch, also mitten in der Woche, bis zu 200 Kilometer fahren um unsere Band anzuschauen. Ich weiß ja von mir selbst, wenn ich ein Ticket habe, dass ich mich da trotzdem oft überwinden muss, damit ich mich auf den Weg mache. Von daher kann ich denjenigen die da kommen gar nicht genug Aufmerksamkeit schenken, um das zu honorieren. Geschweige denn, dass die die Platte kaufen und jeder noch ein T-Shirt mitnimmt. Das ist für mich einfach nicht normal. Wenn die sich so viel Mühe machen, gebe ich mir als kleine Gegenleistung mindestens genauso viel Mühe. „11 Zeugen“ ist ja ein sehr persönliches Album, auch die Texte sind sehr persönlich. Und in dem Moment, wenn die Leute da stehen und die Songs mitsingen, weiß ich, dass sie zumindest irgendwas ähnliches erlebt haben. Sonst könnten sie sich damit gar nicht so identifizieren. Also haben wir irgendwo eine Gemeinsamkeit. Ich hab immer ein Problem damit gehabt die Leute „Fans“ zu nennen. Fan kommt von Fanatisch, aber das sind ja alles gescheite Leute, die haben alle einen coolen Job und sind vom Kopf her total locker. Da stehen jetzt vielleicht 200 oder 300 Leute und wenn ich die irgendwo auf einer Party kennenlernen würde, dann könnte ich wahrscheinlich auch mit denen quatschen. Da ist ja auch keiner der irgendwie nervt oder sagt, ich will ein Kind von dir. Die stellen sich alle geduldig in die Schlange, total entspannt, jeder lässt den anderen auch noch die letzte Frage stellen. Und solange das so ist, mache ich das gerne mit.

Ich habe mir auch ein T-Shirt gekauft.

Wirtz: Ach du warst das. (lacht) Welches hast du denn genommen?

Ich habe mich von der hübschen Dame am Merch-Stand beraten lassen und mich dann für das mit dem runden Logo entschieden. Mit dem Vinyl-Logo. Das fand ich schön dezent.

Wirtz: Ich bin ja auch sehr für dezent, nur viele wollen halt möglichst groß den Namen drauf, am besten schwarzes Shirt mit weißer Schrift und die Tourdaten noch hinten. Ich selbst bin eher einer, der auch gerne mal ein Bandshirt anzieht, wo nicht direkt riesengroß der Name draufsteht. Eher so ein bisschen Understatementmäßig. Cool ist dann, wenn einer ankommt und sagt: Hey Alter, geile Band. Da weiß man direkt, aha der kennt sich aus.

Du hast das Album schon angesprochen. Ich kannte vorher ja gar nichts von dir. Und ich finde „11 Zeugen“ von vorne bis hinten klasse. Vorher warst du bei Sub7even, jetzt bist du solo unterwegs. Im Titelsong beschreibst du die elf Songs quasi als deine Kinder. Das klingt, als wäre das Album auch so eine Art Geburt für dich gewesen. Kann man das sagen?

Wirtz: Der Grundgedanke war, dass ich mir einfach mal ein paar Sachen von der Seele schreiben musste, die sonst vielleicht im hohen Alter Krebs erzeugen. Das schreibe ich mir dann am besten in Verbindung mit Melodie von der Seele. Rein interessehalber wollte ich eh gucken wie meine Stimme kommt wenn ich Deutsch singe. Dann habe ich den Matthias kennengelernt und wir beide hatten soviel Gänsehaut dabei, dass wir dachten, das könnte vielleicht auch irgendjemand anderem noch gefallen. Also haben wir angefangen erst mal an dem Album zu arbeiten. „11 Zeugen“ war wirklich der letzte Song der entstanden ist nach den eineinhalb Jahren, wo ich da textlich und gedanklich dringesessen hab. Und der erklärt eigentlich nur, wie viel Gefühle, Emotionen, Ehrlichkeit und Liebe ich in die Sache reingesteckt hab. Ja, das wird dann zu so einer Art Kind. Ich meine, andere haben Kinder, ich mache halt Musik. Das hat mich so angefixt, dass ich plane da auf jeden Fall was nachzulegen. So langsam merke ich auch wie das Ganze, auch das mit der Tour, verarbeitet ist. Der Kopf geht wieder auf und hier und da habe ich schon neue Ideen auf Papier festgehalten. Da geht auf jeden Fall noch was.

Am Anfang von „Wo ich steh“ hört man eine Anrufbeantworteraufnahme, auf der dich jemand als Vollhomo beschimpft. Ist das echt?

Wirtz: Die Geschichte war eigentlich die, dass der Song so gut wie fertig war. Da gab es halt diese Mittelpassage und ich fand damals diesen Song von Status Quo ziemlich geil, wo sie in dem Video diese Sequenz haben, dass sie rausgehen und in der Toilette miteinander schnacken. Und dann gehen sie wieder rein und der Song geht auch weiter. Thematisch habe ich mir dann vorgestellt, dass bei dem Song an der Stelle am besten so ein Hesse total über mich abledert. So wie es halt ist. Die können ja so schön schimpfen. Der Wunsch war Badesalz mal anzuhauen, ob die da nicht Bock drauf hätten. Genau in dieser Zeit hatte ich dann an einem Morgen diese Nachricht auf meiner Mailbox, die von meinem Kumpel Tom draufgesprochen worden ist. Wir haben eine sehr nette und direkte Art miteinander umzugehen. (lacht) Als ich das gehört habe, hab ich mich erst mal weggeschrieen. Im Studio haben wir dann ungelogen zwei Stunden gebraucht bis wir das sauber von der Freisprechanlage auf dem Mikro hatten ohne uns ständig kaputtzulachen. Das Mikro musste sehr laut sein, damit man das Wort überhaupt versteht. Ich durfte kaum atmen, damit man meinen Atem da nicht hört. Der Matthias fing schon beim Abspielen hinter seiner Glasscheibe auf der anderen Seite vor Lachen an zu schreien. Und da konnte ich dann auch direkt schon wieder abbrechen und das Ding wieder von vorne starten lassen. Dann habe ich den Tom angerufen und gesagt: Hey, kannst du heute abend mal vorbeikommen, ich ziehe hier grade etwas ab und du musst mir dein Okay geben, dass ich das benutzen darf. Er wusste gar nicht mehr, dass er mich überhaupt angerufen hatte. Er ist aber dann abends vorbeigekommen und hat sich das, glaube ich, 70 oder 75 Mal angehört und sich auch jedes Mal weggepisst vor Lachen und mir dann sein Okay gegeben. Generell sind bei dem Album nur gute Sachen passiert. Das was wir brauchten war immer sofort da. Das hat sich irgendwie durch das ganze Album durchgezogen und bei dem Song war dann auch genau das da was wir gewollt haben. Ich habe gedacht, wenn ich das irgendeinem erzähle, das glaubt mir kein Schwein. Die denken alle das wäre ein Fake.

Wenn du eine Textidee hast, wie sieht dann der weitere Prozess aus bis daraus ein fertiger Song entsteht? Oder ist das jedes Mal anders?

Wirtz: Das ist komplett unterschiedlich. „Wo ich steh“ war zum Beispiel textlich zu 99 Prozent in zehn Minuten runtergeschrieben. Das ging komplett durch. Jeder Reim hat gepasst. Manchmal läufts halt so. Ich hab jetzt einen Song, der aufs zweite Album soll. Da steht jetzt schon die Melodie, die Akkorde und das ganze. Innerhalb von einer Stunde war das einfach fertig. Ich habe schon bestimmt wieder 15 oder 20 Seiten voller irgendwelcher Ideen geschrieben. Aber es ist noch nicht richtig, weißt du. Das muss am Ende ein Text sein, wo du denkst, den kann ja jeder schreiben. Bei mir ist es auch meistens so, dass ich anfange viel zu gross zu denken. Gerade so kleine Geschichten, die es dann aber genau treffen, sind Sachen, da muss ich wirklich lange für arbeiten. Ich nehme immer das Beispiel des Parfummachens. Wahrscheinlich musst du Tausendmillionen von Rosenblättern auspressen bevor du den Tropfen hast, der es dann ausmacht. Und genauso ist es bei mir auch. Ich schreibe unwahrscheinlich lange um diesen Kern rum und komme immer näher, immer näher. Irgendwann ist dann mal ein Satz da und der kommt dann zum zweiten. Ich weiß jetzt schon, diese Nummer wird der Oberburner, aber ich arbeite da garantiert noch drei Monate dran bis dieser Text dazu passt und das richtige Gefühl transportiert. Da muss man halt durch. Bei mir steht als erstes immer die Gitarre mit einer Melodie. Die Worte habe ich aber noch nicht. Also lege ich mir mit irgendwelchen Phantasieworten oder „hm hm“ oder „yeah yeah“ diese Emotion halt da drauf. Ich habe schon überlegt, ob ich es genau in der Form auf Platte mache wie ich es jetzt da habe. Da könnte dann jeder seinen eigenen Text drauf schreiben. Das wäre aber wohl doch zu einfach. (lacht) Erstmal geht es darum mich selbst zu berühren und wenn ich das geschafft habe kann ich vielleicht da draußen einen mitnehmen, den ich auch berühren kann.

Jetzt hast du dein eigenes Label Wirtz Musik, du warst gerade auf Tour, du schraubst an neuen Songs. Bleibt da überhaupt noch Zeit für ein Privatleben? Triffst du dich abends mal in Frankfurt mit deinen Kumpels auf ein Bier oder geht ihr jetzt auch mal in irgendeinen Biergarten und guckt Fussball oder so was?

Wirtz: Privatleben ist insofern schon mal gut, weil ich momentan keine Beziehung führe. Jede Frau würde da wahrscheinlich komplett ausrasten. Das weibliche Geschlecht braucht ja immer eine gewisse Aufmerksamkeit.  Tagsüber habe ich aber andere Dinge im Kopf. Was musst du labeltechnisch machen, die Planung schon für den Herbst, Buchhaltung und diesen ganzen Scheiß, Merchandise läuft auch alles von hier. Die ersten zwei Stunden des Tages sind meistens MySpace, nachts dann auch noch mal drei Stunden MySpace und eMails. Wenn ich es dann noch schaffe mal kurz laufen zu gehen oder sonst anderthalb Stunden Sport zu machen, ist der Tag eigentlich auch schon wieder rum. Nachts kommt dann das Kreative. Mal die Gitarre zu nehmen, Riffs zu sammeln, Songideen zu sammeln. Dass der Kopf halt am Start ist. Tja, dann ist es teilweise drei, vier Uhr und dann geht man schon wieder schlafen, weil spätestens um Zehn klingelt hier dann auch wieder das erste Mal das Telefon. Ich habe zum Glück ein paar Freunde, die es mir nicht übel nehmen, wenn ich mich mal eine Woche oder einen Monat überhaupt nicht melde. Die dann auch einfach mal vorbeikommen und sagen: So Alter, du kommst jetzt einfach mit ob du willst oder nicht. So waren wir zum Beispiel gestern zusammen im Studio und haben das Fussballspiel geguckt und ein paar Bier getrunken. Danach auf den Sieg noch schön ins Restaurant, was gegessen, draußen gesessen und mal gequatscht.

Du verfolgst die Europameisterschaft also schon als Interessierter oder nur weil man im Moment sowieso nicht dran vorbeikommt?

Wirtz: Nee, nee, das würde ich auch gucken, wenn es sonst keiner gut findet. Ich spiele auch privat sehr gerne Fussball. Das ist schon ein Sport, wo ich auch gerne mit dem Herzen dabei bin.

Dann machen wir doch gleich mal die alles entscheidende Frage für heute...

Wirtz: Deutschland! Deutschland im Finale gegen Italien, aber diesmal werden wir die einfach weghauen. Das habe ich schon mit meinen italienischen Freunden hier abgecheckt und das geht auch in Ordnung. Wir gucken das auch zusammen und derjenige der verliert bezahlt halt einfach die Rechnung am Ende. Jetzt bin ich erst mal gespannt wie die Jungs gegen Holland spielen. Man muss seinen Finalgegner ja auch schon mal studieren, damit man genau im richtigen Moment die richtigen Sachen brüllen kann. Beim Spiel in der Vorbereitung gegen Serbien habe ich noch gedacht, da müsste man die Annahme und das Passen noch mal üben, aber inzwischen sind die Jungs richtig gut drauf. Also ich glaube fest daran. Und die Kroaten haben auch nicht sehr überzeugt im ersten Spiel. Für Donnerstag tippe ich auf ein 3:1 für Deutschland.

Das ist ja schon mal ein mutiger Tipp. Übrigens ist Deutschland gegen Italien auch mein Finaltipp. Wir können das ja dann später überprüfen. Wenn ich deine weiteren Pläne jetzt noch mal zusammenfasse, dann hast du gesagt, es gibt im Herbst eine weitere Tour, diese Kinogeschichte ist auch nicht völlig vom Tisch...

Wirtz: Ich weiß natürlich nicht wie flexibel da die Kinos sind. Ich gebe den Wunsch dann einfach an die Bookingfirma weiter und hoffe, dass sie den umsetzen können. Ich fände es halt brutalst geil. Wenn da so 70 oder 80 Leute sind und wenn einer aufs Klo muss, dann wartet man halt kurz und quatscht ein bisschen mit den restlichen 69. Drück die Daumen, dass es klappt und dass die Kinobesitzer in Deutschland nicht auch einen Stock im Arsch haben und sagen, nee, bei uns läuft halt eher Schrott.

Sub7even liegt also jetzt erst mal völlig auf Eis?

Wirtz: Nee, die Jungs sind jetzt einfach mal ein bisschen mehr gefordert und sitzen hoffentlich gerade jetzt im Proberaum und schrauben mal an neuen Songs rum. Ich hab das Ruder ein bisschen mehr in die Hände von Spiros und Christos gegeben. Jetzt müssen die einen vorlegen. Mal so zehn geile Songs, die mich musikalisch so anticken, dass ich da Bock habe eine Line und einen Text drüber zu machen. Da muss jetzt einfach auch mal ein bisschen mehr Initiative von den Jungs kommen. Ich hab jetzt alles hier auf emotional gesetzt und wenn ich das gegen die Wand fahre, dann nutze ich auch Sub7even nichts mehr. Weil ich dann hier die Hand hoch mache und irgendwo abtauche. Nach Mexiko oder so. (lacht) Von daher ist jetzt meine Bitte an die Jungs zumindest mal was rauszuhauen. Ich meine, die können ja Songs schreiben. Klar ist das Arbeit, aber sorry, wer sagt er ist Profimusiker, der muss nicht nur im Stadion abhängen und Schalke gucken, sondern auch mal einen raushauen. Wenn andere acht Stunden am Fließband stehen, dann kann man sich auch acht Stunden in den Proberaum stellen. Da kommt immer was bei raus. Das war jetzt quasi die Ansage vom Spielführer an die Mannschaft.

Wenn deine Solokiste schief geht, dann würdest du es also rigoros ablehnen wieder bei Sub7even einzusteigen.

Wirtz: Ich bin ja noch genauso in Sub7even drin wie vorher auch. Das ist jetzt nicht irgendwie weniger. Wir haben nur gesagt, bevor wir mit dem Material jetzt noch mal ein Jahr lang unterwegs sind, sollten wir uns vielleicht wirklich mal hinsetzen und ein neues Album machen. Dafür muss man aber neues Material haben. Selbst die Hardcorefans kennen inzwischen schon die Setliste auswendig. Mit dem Soloding hatte ich jetzt schon solchen Erfolg, dass ich einfach Bock habe da weiter zu machen. Ich habe die Luft für mindestens drei Alben eingeplant. Wenn nach dem dritten Album immer noch keiner sagt, dass es cool ist, kann man echt aufhören. Das erste Album ist für mich bisher ein beachtlicher Erfolg und ich bin total stolz, dass das doch so gut geklappt hat. Auch die Texte so hinzukriegen wie ich wollte. Jeder der singt, kann ja mal auf Deutsch statt auf Englisch singen. Das ist wie ein anderes Auto zu fahren. Das hat nichts miteinander zu tun. Es fühlt sich im Hals ganz anders an und ist wie neu singen zu lernen. Ich habe mir diese Luft gegeben und gedanklich bin ich auch schon beim zweiten Album. Durch Arbeit kann man vielleicht eine zweite Hammerplatte raushauen. Solange es in der Form auch noch gesund wächst, ist es ja auch noch charmant. Wenn man über all die Jahre mal sieht wie dieser Zirkus funktioniert, ist das mehr als gelungen. Wir sind da alle guter Dinge. Ich habe ein Bombenteam, angefangen über die Band, die sich alle gut verstehen. Das sind alles coole Leute, da hebt auch keiner ab. Selbst wenn wir morgen vor 200.000 Leuten spielen würden, würde da keiner von durchdrehen, anfangen Kokain zu nehmen und total ausflippen. Der Kern ist in meinen Augen so was von stabil und gesund wie ich es noch nie in meiner Laufbahn hatte. Es braucht seine Zeit, aber es wird nicht aufzuhalten sein. Wichtig ist, dass weiterhin so viele gute Leute auf den Konzerten sind. Meine größte Angst wäre es, wie es die Plattenfirmen gerne machen, total gehypt zu werden. Dann ist es auf einmal Mainstream und dann kommt die Radioballade. Aber hier ist ja auch keiner der sagt wir müssen jetzt unbedingt in die Airplay-Charts. Wichtig ist einfach, dass auch weiterhin gute Leute das Zeug auf die Ohren kriegen, weitersagen und es auf den Konzerten so entspannt bleibt. Sobald der erste Teddy fliegt, würde ich das Buch zu machen. Da hab ich keinen Bock drauf.

Es ist zwar ein ausgelutschter Begriff, aber es ist schön, wenn man sich seine Ehrlichkeit und Authentizität noch so bewahren kann.

Wirtz: Nur so kann ich es mir vorstellen. Sonst könnte ich auch einfach einen Job machen, nur um am Ende des Monats mein Geld zu kriegen.

Wir bedanken uns für das sehr nette Gespräch!

Ein Dankeschön auch nach Hamburg an Ben Liepelt von Oktober Promotion für seine beharrliche Unterstützung!

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