Interview mit Wolf Maahn in Bonn

(Wolf Maahn)

12.11.2010 von Thomas Kröll

Seit nunmehr 28 Jahren setzt Wolf Maahn immer wieder erfolgreich Impulse in der deutschen Musikszene. 1982 erschien sein Solo-Debüt "Deserteure". 1985 trat er als erster deutscher Künstler im legendären "WDR Rockpalast" auf. Aktuell ist Wolf Maahn mit seinem vierzehnten Studioalbum "Vereinigte Staaten" auf Tour. Ob Rock oder R&B, laut, leise, elektrisch oder akustisch - Maahn tut es mit Leib und Seele. Vor seinem Konzert in der Bonner Harmonie unterhielt sich MHQ-Chefredakteur Thomas Kröll mit ihm über Social Networks, seine Rolle bei "Unter uns", Rauchgewohnheiten und natürlich über Musik (die Livefotos machte Till Bodnik-Vedder, maahnews.de).

Was verbindet dich mit Bonn? Außer der Tatsache, dass du heute Abend zuhause schlafen kannst.

Wolf Maahn: Bonn ist so nahe an Köln, dass es da so viele Erlebnisse gibt, die man hier gehabt hat, wenn man so viele Jahre in dieser Region hier zubringt. Angefangen bei Frauen, mit denen ich zusammen war und die in Bonn gewohnt haben über erste Konzerte in den damaligen Bonner Rheinterrassen bis zu Riesendemos. Da war ja auch mein erster Auftritt nach der Food Band als Wolf Maahn und Die Deserteure. Das war auf dieser gigantisch grossen Demo damals, als Präsident Reagan kam, um nochmal den NATO-Doppelbeschluss zu verkünden. Man sprach von ungefähr 400.000 Leuten. Die konnte man natürlich nicht alle sehen, aber was man sah, war Himmel und Menschen. Es gab eine relativ kleine Bühne und alle die damals Zeit hatten, waren da und haben gespielt. Es gab einen kleinen Warm-Up am Abend vorher im Bonner Loch. Da waren dann auf einmal Amps aufgebaut und da wurde mitten im Bonner Loch eine Mischung aus Demo und Musik abgeliefert. Da kam auch Joseph Beuys dazu. Aktuell bedeutet Bonn für mich natürlich auch Konzerte in der Harmonie. Die Harmonie ist einfach ein toller, super geführter Laden. Das sind Musikliebhaber, was für mich immer wichtig ist. Die Akustik ist sehr gut und das Publikum in Bonn ist eben auch, ich würde sagen, Top Ten in Mitteleuropa.

Ihr seid jetzt mit Unterbrechungen seit März auf Tour und deine Bühnenshows sind immer sehr intensiv. Wie hältst du dich da fit?

Wolf Maahn: Weißt du, wenn ich auf die Bühne gehe, fängt einfach der Spass an. Und wenn du Spass hast, ist es nicht mehr stressig. Du machst einfach was du willst und es ist das Schönste was du machen kannst (grinst). Man hat heutzutage so viel Scheiß um die Ohren und für Musiker wird das Leben auch nicht einfacher, weil man inzwischen seine Labels hat und sich zumindest partiell auch um Konzertabwicklungen kümmert. Man redet viel mit Managern und das ganze Leben in Deutschland hat mit Marketing zu tun. Dauernd kommen irgendwelche blöden Marketingfragen. Auf der Bühne weiß man wieder, wozu man unterwegs ist und das alles macht.

Bist du abergläubisch? Hast du bestimmte Rituale, bevor du auf die Bühne gehst? Ähnlich wie ein Fußballer, der zuerst mit dem rechten Fuß den Rasen betritt?

Wolf Maahn: Ja, ich brauche auf jeden Fall so fünf Minuten Ruhe vor der Show. Das ist nicht so viel verlangt, aber trotzdem manchmal schwierig, wenn die Zeitabläufe eng sind. Man hat natürlich seine Rituale sich umzuziehen, vielleicht ein paar gymnastische Übungen, die entspannend sind. Wichtig ist halt, komplett alles abzuschütteln und wie neugeboren auf die Bühne zu gehen. Oder sich spätestens durch die Musik in diese Ungezwungenheit einer Rock-Performance fallen zu lassen.

Du warst auch solo auf Tour und jetzt wieder mit kompletter Band. Welche Konstellation gefällt dir besser? Oder anders gefragt: Gibt es Vor- und Nachteile?

Wolf Maahn: Es ist schon anders insofern, weil das Publikum dadurch, dass es nicht so viele Events auf der Bühne gibt, sondern nur die Akustikgitarre und meine Vocals, einfach viel lauter zu hören ist. Das animiert sie auch mehr zum Mitsingen. Gerade bei meinem letzten Solo-Konzert in Bonn dachte ich, ich könnte die modernen Fischer-Chöre gründen, mit neuem Repertoire und auf Tour gehen (lacht). Das ist bei Solo-Konzerten natürlich toll. Auch für die Leute, weil die Leute singen gerne. Eigentlich könnte ich ganze Stücke lang aufhören zu singen und sie würden es übernehmen. Das passiert ja auch immer, wenn ich Texte vergesse. Mit Band haben die Stücke natürlich eine ganz andere Farbe. Auch da geht das Publikum mit. Es ist nicht so schnell die Atmosphäre, sich auch mal zu unterhalten, was ich bei Solo-Konzerten ja gerne mache. Ich rede eigentlich was mir gerade so einfällt. Das mache ich eigentlich bei Bandkonzerten auch, nur nicht so viel.

Dein aktuelles Album "Vereinigte Staaten" ist ja nicht nur hierzulande ein grosser Erfolg. Auch in den USA konntest du dich damit in den Amazon Download-Charts platzieren. Eine Überraschung selbst für dich, nehme ich an!?

Wolf Maahn: Doch, doch, das war äußerst überraschend. Wir haben ja auch einige Wolf Maahn-Fans in Amerika und da haben wir eine Mail bekommen, wo uns einer darauf aufmerksam gemacht hat. Er konnte aber nicht sagen, warum und wieso. Aber wir haben einen anderen Hinweis von jemandem aus dem Raum Boston, der sagt, ein grosser Radiosender hätte auf jeden Fall das Titelstück gespielt. Jetzt wissen wir nicht, was ist das für ein Radiosender und was hat der Tolles erzählt, damit es so einen kleinen Rush ausgelöst hat. Und man fragt sich natürlich, was wäre denn jetzt, wenn hundert Radiosender das Stück spielen würden. Also wenn ein Radioeinsatz dann bedeutet, dass man fast in die Top 100 geht, dann ist das schon erstaunlich. Vielleicht kriegen wir noch Hinweise. Auch jetzt wieder über eure Seite. (Anm.d.Red.: Wer also etwas zur Aufklärung beitragen kann, der schicke uns einfach eine Mail. Wir leiten dann alle Hinweise an Wolf Maahn weiter!)

Eine gewohnt intensive Performance: Wolf Maahn live in Bonn!

Was ich extrem spannend fand, dass du dich für das neue Album von einer Reise in die Arktis hast inspirieren lassen. Du hast dabei auch einen Huskie-Trip durch die Wildnis unternommen. Es gibt beeindruckende Bilder davon. Kannst du mir da von deinen Erfahrungen erzählen oder ist das Thema mittlerweile durch?

Wolf Maahn: Das ist in vielfacher Weise eine prägende Erfahrung. Konkret mit dem Album hat es damit zu tun, dass mir bei dieser Schlittenhundtour zum Beispiel der Albumtitel eingefallen ist. Als sich meine Führungshunde immer gestritten haben, man aber merkte, dass der Drang, mich von A nach B zu bringen doppelt so gross war wie ihre Auseinandersetzungen. Sie mussten sich irgendwie einigen. Und das erinnerte mich an so viele Situationen zwischenmenschlicher Art, dass das eigentlich so eine Art Naturgesetz ist, dass man sich eben durchraufen muss, diese Gegensätze und diese gegensätzlichen Laufrhythmen überwinden muss. Das ist für mich einfach ein ganz tolles Bild. Das geht in unserer Beziehung, also von Angelika (Wolf Maahns Frau, d.Red.) und mir los und geht hin bis zu Politikern, die oft einfach anders ticken. Die Vereinigten Staaten, also die echten, wurden ja unter grössten Mühsalen und Streitereien gegründet und der Prozess geht weiter, wenn wir zum Beispiel an die Problematik der illegalen Einwanderer denken.

Jetzt bist du wieder zurück und wir alle wissen ja wie das ist. Wenn einen der Alltag wieder im Griff hat, fangen Erinnerungen an zu verblassen. Würdest du einen solchen Trip also nochmal wiederholen und wenn ja, würdest du irgendetwas anders machen?

Wolf Maahn: Ja, es ist sehr wetterabhängig. Wenn du natürlich über vier Tage Schneesturm hast, dann kannst du alle deine Pläne sofort in der Pfeife rauchen. Du darfst keine Pläne machen (lacht), du musst hinfahren und dich von deinem Instinkt leiten lassen. Das ist eigentlich da oben das Beste. Darüber hinaus hat Angelika ja super viel gefilmt und Fotos gemacht. Die gucken wir uns an und kriegen dann schon noch irgendwie ein bisschen den Nachklang.

Auf der anderen Seite nutzt du verstärkt Social Networks wie Facebook oder Twitter. Wie wichtig ist dir das?

Wolf Maahn: Ich glaube, dass die Sache mit den Social Communities eigentlich genau so ist wie mit Drogen. Die Tücke liegt in der Dosis. Ich meine, es gibt Leute, die haben 40.000 Freunde und hängen nur noch davor. Sind 14 Jahre und sozial im wirklichen Leben vereinsamt. Ich würde mal sagen, für die breite Masse ist das einfach eine schöne Kommunikationsform und auch eine schöne Freizeitbeschäftigung. Es ist nicht besonders sportlich oder gesund, aber es ist teilweise auch wirklich interessant. Ich denke, als Musiker, auch in unserer Medienlandschaft, musst du auch im Internet einfach verstärkt aktiv werden. Weil es weder im Radio noch im Fernsehen eine bemerkenswerte Anzahl von verschiedener Musik gibt, die man da erleben kann.

Vor allen Dingen wenig Rockmusik.

Wolf Maahn: Ja, wenig Rockmusik. Im Fernsehen so gut wie gar nicht mehr. Auch die Sendeplätze für den "Rockpalast" sind viel schlechter als sie mal waren. Und ich rede ja gar nicht von zweimal im Jahr "WDR-Rocknacht". Was ich bis heute nicht verstehe ist, dass die da wegen der Quote sowas Prestigeträchtiges absetzen, was der ARD europaweites Ansehen eingebracht hat. Aber das hat ja damals sowieso keiner verstanden. Es würde der ARD bestimmt gut stehen, gerade den Öffentlich-Rechtlichen, wenn die solche vielleicht nicht mehrheitsfähigen, aber doch in breiten Kreisen der Bevölkerung wichtigen Themen quotenunabhängig behandeln würden.

Wolf zündet sich eine Zigarette an und bricht vorher den Filter ab.

Ich sehe gerade, du brichst den Filter ab. Das mache ich auch immer, weil ich mir einbilde, dass ich sonst vom Rauchen Kopfschmerzen kriege.

Wolf Maahn: Das hat den Grund, dass ich erstmal weniger rauchen will. Wenn der Filter ab ist, rauche ich die nur bis hierhin (er zeigt auf etwa die Hälfte der übriggebliebenen Zigarette). Und zweitens habe ich gehört, dass man bei Light-Zigaretten oder überhaupt bei Filtern irgendwie tiefer inhaliert und ich will nicht so tief inhalieren. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Auf jeden Fall sind die nicht mehr so lang (lacht).

In den letzten Jahren hast du auch immer wieder als Schauspieler auf dich aufmerksam gemacht, zuletzt in "Das Lied von Schillers Glocke". Als wir uns vor zwei Jahren das letzte Mal unterhalten haben, hattest du gerade am "Promi-Dinner" teilgenommen. Und seit September sehen wir dich in 16 Folgen von "Unter uns". Baust du dir da gerade ein zweites Standbein auf?

Wolf Maahn: Diese "Schiller"-Sache war der Einstieg in eine ganz andere Welt. Es hatte zwar auch mit Musik zu tun, aber nicht mit meiner Musik. Trotzdem war diese Musik auch sehr interessant, das waren mehr klassische Elemente, aber auch Rockelemente. Vor allem das Schauspielerische habe ich da durch härtere Probephasen für mich entdeckt. Wie das überhaupt geht. Lustigerweise kam halt danach die Anfrage dieser Soap. Und das ist natürlich eine tolle Chance, wenn du als Schauspielanfänger so ein Angebot bekommst, bei 16 Folgen mitzumachen. Wobei die dann auch von Anfang an gesagt haben, dass ihnen auch die Musik wichtig ist. Das ist natürlich was, das ich gerne höre, dass da eben Musikliebhaber sind, die sagen, sie finden die Platte toll. Und die wird ja auch immer wieder szenenweise eingespielt und tönt aus dem Radio. Zum Ende meiner Mitwirkung in der Serie, das ist jetzt schon gedreht, habe ich eine Performance mit Band innerhalb der Handlung sozusagen. Wo drei Songs in so einer Serie gespielt werden. Das finde ich einfach toll. Besonders wenn die Darsteller sich zu meiner Musik küssen. Das ist schon eine Ehre, wenn du das mit emotionalisieren kannst.

Nach einem denkwürdigen Konzert in der Harmonie (v.l.n.r.): Volker Vaessen (Bass), Wolf Maahn, Christoph Kähler (Drums), Oliver Jäger (Keyboard) und Roger Schaffrath (Gitarre).

Und so kommt Rockmusik auch nochmal ins Fernsehen.

Wolf Maahn: Ja sicher. Das ist ein neuer Trend, eine neue Plattform für Musik im Fernsehen. Mando Diao, 2raumwohnung und Luxuslärm haben das jetzt gemacht, Christina Stürmer hat es gemacht. Letztlich gibt’s das schon seit Elvis. Der hat auch früher glaube ich nicht so auf das Drehbuch geguckt, sondern wollte seine Musik in seinen Filmen haben. Interessant, wie diese Serie funktioniert. Es gibt auf der einen Seite schon den Zeitdruck, der immer da ist und so gross ist, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Die Dreharbeiten sind wirklich wie ein Formel 1-Rennen. Und auf der anderen Seite versucht jeder da, oder zumindest viele, auch etwas Wertiges zu schaffen. Innerhalb dieses kurzen Zeitrahmens und der fünf Minuten zum Proben. Da haben sich Leute vorher Gedanken gemacht, es wird blitzschnell kommuniziert, die Schauspieler haben sich für sich Gedanken gemacht. Dann ist das halt auf so einer halben Improvisationsebene. Innerhalb von fünf Minuten werden alle Ideen ausgetauscht und zack wird gespielt und schon abgedreht. Das ist völlig anders wie bei "Schiller", wo ich fünf Wochen erstmal probe, bevor ich die erste Aufführung habe. Also, das fand ich schon sehr spannend. Das ist auf jeden Fall nichts, was ich mein ganzes Leben lang machen würde (lacht), aber es ist eine tolle Talentschmiede. Ich habe gemerkt, warum da auch viele Schauspieltalente draus hervorgehen. Eben weil die echt durch eine harte Schule gehen.

Bei unserem letzten Interview haben wir auch über zwei Buchideen gesprochen. Ein Songbook und ein Buch mit Kurzgeschichten. Das Songbook gibt es ja inzwischen. Wie sieht es mit den Kurzgeschichten aus?

Wolf Maahn: Ach jaÂ… schön, dass du mich daran erinnerst (lacht). Ich meine, ich hab ja noch ein bisschen Zeit. Im Moment habe ich keine Zeit (lacht). Vielleicht habe ich irgendwann mal keine Lust, alle zwei Jahre eine Platte zu machen und schreibe lieber ein Buch. Also, ich habe inzwischen noch mehrere Ideen, was man schreiben könnte. Man muss auch mal aussortieren, welche Ideen für einen zeitlich und von dem, was man kann, überhaupt tragbar sind. Ich habe im Schreiben sowas perfektionistisches. Auch durch Texte natürlich, wo ich immer gucke, dass jede Zeile nicht nur gut klingt, sondern auch was sagt. Da wird viel gefeilt und ich glaube, so ein Buch würde bei mir sehr lange dauern. Ich übe gerade, auch über Facebook, so eine Spontansprache aus der Hüfte zu schreiben. Denn wenn ich rede, dann hab ich die ja. Ich habe immer das Gefühl, sobald ich etwas aufschreibe, ist das etwas für die Ewigkeit. Und ich glaube, bei einem Buch muss das nicht der Anspruch sein.

Du giltst mittlerweile als Kölner, obwohl du in Berlin geboren und in München aufgewachsen bist. Feierst du Karneval? Der steht ja seit gestern wieder verschärft vor der Tür.

Wolf Maahn: Ich gerate manchmal in Situationen, wo ich spontan mitfeiere. Aber ich nehme mir nichts vor und versuche auch eigentlich immer wieder dem aus dem Weg zu gehen. Ehrlich gesagt, ich muss zu betrunken sein, um die Musik, die ich da höre, auch immer zu genießen.

Gehst du eigentlich selbst auch noch auf Konzerte von anderen Künstlern?

Wolf Maahn: Sehr gute Frage. Das ist etwas dünn geworden. Ich war neulich bei Silbermond, wollte auch die Band mal besuchen. AnsonstenÂ… was war das letzte Konzert, das ich gesehen habe? (überlegt) Roachford, auch sehr toll! Aber da war zuletzt noch was Tolles. Was war das denn nur? Oh ja. Anne Clark, im Gloria! Bei Festivals sieht man natürlich auch andere Bands oder im Mai waren wir drei Wochen in Italien, da habe ich mindestens vier gute Bands gesehen. Elisa zum Beispiel. Die ist schon ein großer Star in Italien. Eine sehr, sehr feine englisch singende Songwriterin. Die haben schon tolle Locations in Italien, gerade wenn es Open Air ist.

Wenn du jemandem ein Wolf Maahn-Konzert schmackhaft machen müsstest, was würdest du demjenigen sagen?

Wolf Maahn: Ich würde sagen: Komm tanken!

Perfekt! Vielen Dank für das sehr nette Gespräch, Wolf!

Ein dickes Dankeschön geht auch nach Hamburg an Daniela Lehmann von der Promotion-Werft, die uns dieses Interview vermittelt hat!

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