Für ne Moment - Interview mit Wolfgang Niedecken

(Wolfgang Niedecken)

12.05.2011 von Pascal Kraus

Der BAP-Frontmann, Bildende Künstler und Autor Wolfgang Niedecken hat mit seiner Band dieser Tage das siebzehnte Studioalbum veröffentlicht. Am 30. März ist er sechzig Jahre alt geworden und derzeit mit seiner im Frühjahr erschienenen Autobiographie "Für ne Moment" auf Lesetour. Da es am Rande seiner Lesung "Wolfgang Niedecken liest & singtÂ…" am 5. Mai in Offenbach leider aus zeitlichen Gründen nicht geklappt hat ein persönliches Gespräch zu führen, erklärt er sich freundlicherweise bereit an seinem freien Tag die Fragen unseres Redakteurs Pascal Kraus am Telefon zu beantworten. Wir erreichen Wolfgang Niedecken in Lörrach um die Mittagszeit und es entwickelt sich ein sehr angenehmes freundliches Gespräch, in dessen Verlauf auch die Bildende Kunst im Allgemeinen, Literatur, das Geheimnis von Keith Richards´ guter Figur, die "Heiligen Drei Könige" und Mick Jaggers Kräutertee zum Thema wird.

2011 ist ein besonderes Jahr für Wolfgang Niedecken: Er feiert seinen 60. Geburtstag und gleichzeitig das 35-jährige Bandjubiläum von BAP!

Herr Niedecken, Sie befinden sich gerade in Lörrach und haben nach zehn Tagen jeden Abend Lesung einen Tag frei. Ist das tatsächlich ein Tag zum Ausruhen oder stehen da Gespräche wie dieses an?

Wolfgang Niedecken: Ich habe schon ein paar Gespräche gemacht, danach fahren wir dann weiter Richtung Bodensee und haben den heutigen Abend frei, mal gucken was wir da machen - vielleicht gehen wir mal ins Kino. Der Rhythmus hat sich jetzt eingependelt. Ich sollte aber langsam mal sehr, sehr früh schlafen gehen, denn die Abende sind sehr lang die wir da zu bewältigen haben: Es geht um acht Uhr los mit einer kleinen Einführung, die der Oliver Kobold (Co-Autor von "Für ne Moment", d.Red.) hält, dann spielen - inklusive Pause dazwischen natürlich - bis kurz nach Elf. Die Signiererei hat mittlerweile auch Ausmaße angenommen, das ist unfassbar. Ich komme mittlerweile keine Nacht mehr vor Mitternacht aus der Halle. Dann ist das Adrenalin unterwegs und bis man dann schläft, das dauert dann. Irgendwann geht sowas schon leicht an die Substanz. Also ich sollte jetzt mal möglichst viel schlafen in der Zwischenzeit.

Ich habe es auf dem Tourplan gesehen, es ging wirklich einen Abend nach dem anderen so und jetzt ist der erste Tag der mal "frei" ist.

Niedecken: Also das ging. Mit Disziplin bekommt man das hin. Was ich auf jeden Fall nicht durfte ist anschließend noch einen Schlummertrunk nehmen. Das hätte mich dann aus der Kurve gehauen.

Aber Sie sind das ja auch schon ein paar Jährchen gewohnt...

Niedecken: Ja, ja. Aber ehrlich gesagt mit der Schlagzahl und wenn man mit der Band unterwegs ist, dann sitzt man schon gerne nochmal an der Hotelbar rum undÂ…

Â…und bestellt sich einen Bierkasten mit Öffner!

Niedecken (lacht und wiederholt auf kölsch): En Kaste Bier unne Öffner, ja. Aber richtig auf die Kacke hauen, das geht mit der Schlagzahl auch nicht. Und ehrlich gesagt macht man das auch nicht unbedingt in meinem Alter. Das ist eine Geschichte, die gehört in die etwas raueren Jahrzehnte.

Was war denn der Anlass für das Schreiben einer Autobiographie mit der Sie jetzt unterwegs sind? Sozusagen die Initialzündung für das Ganze?

Niedecken: Na ja, wenn man weiß, dass man demnächst sechzig wird und man auch die Mechanismen des Marktes kennt, dann weiß man, dass man da eine relativ große Medienbeachtung hat. Ich zäume das Pferd jetzt mal von hinten auf. Wenn man eine Autobiographie heraus bringen will, dann braucht man eben Medienbeachtung und wenn der Zeitpunkt dann günstig ist, dann sollte man den auch nehmen. Also, wir haben vor ungefähr fünf, sechs Jahren zusammen gesessen, der Oliver (Kobold, d.Red.) und ich. Wir sind ja viel zusammen, und dann hat er irgendwann gesagt "Du weißt ja, daß wir demnächst mal eine vernünftige Autobiographie machen müssen", und dann haben wir vor zweieinhalb Jahren angefangen damit und für jedes Kapitel zwischen drei Tagen und einer Woche zusammengesessen, das Band laufen lassen und erzählt. Nachfragen waren natürlich gestattet, wir sind vom Hölzchen aufs Stöckchen gekommen und aus diesem Material hat der Oliver das Buch gewebt. Das ist natürlich ein Glücksfall. Das kann man nicht machen mit jemandem, der vom Management eines Künstlers den Auftrag bekommt: "Mach mal den Ghostwriter für die Autobiographie von XY". Dann kommt was ganz anderes dabei raus. Dann kommt so ein Ding raus, das fängt wahrscheinlich im Kreissaal an, zählt die größten Erfolge auf und ist dann eigentlich sowas wie ein nie endender Promotiontext. Den braucht ja keiner.

Das gefällt mir persönlich am Buch ganz gut – ich bin noch nicht ganz durch muß ich gestehen – dass es keiner strikten Chronologie folgt.

Niedecken: Sowas ist auch Unsinn. Das ist schon die erste Falle in die man tappt, daß man da chronologisch rangeht. Da hängt man eigentlich schon am Fliegenfänger. Dann muß es noch möglichst vollständig sein und dann wird es ganz schnell zu einer Aufzählung von den großen Erfolgen – höher, größer, schneller, weiter – und dann wird es ein Nachschlagewerk. Das braucht man nicht.

Sie hatten also geplant eine Autobiographie zu schreiben, der Zeitpunkt war dann günstig mit dem "Runden". Was bedeutet die Veröffentlichung Ihrer Autobiographie für Sie persönlich unabhängig vom Zeitpunkt?

Niedecken: Einer der schönsten privaten Aspekte dabei ist, daß ich mal was hinterlassen kann, wenn meine Kinder oder Enkel mal nachlesen wollen, wie der Alte eigentlich drauf war. Mit dem Ding können sie dahinter kommen. Ich habe natürlich viel lieber, sie wissen es von mir wie ich ticke. Ich glaube schon, daß meine Kinder wissen wie ich ticke. Aber ich werde ja nicht unbedingt bei meinen Enkeln die Gelegenheit dazu haben, es ihnen vorzuführen. Irgendwann schlägt das Verfallsdatum gnadenlos zu.

Jetzt lesen Sie jeden Abend aus dem Buch und da gibt es auch Geschichten, die mitunter schmerzhaft waren, die nicht immer leicht waren in so manchen Lebensabschnitten. Werden da beim Lesen und Beschäftigen mit dem Text alte Wunden aufgerissen oder klickt man das weg? Wie gehen Sie damit um?

Niedecken: Das Buch ist ja schon eine Auswahl aus der Auswahl, aus der Auswahl. Das Buch ist auch 200 Seiten länger geworden als wir ursprünglich dachten. Jetzt sind es 528 Seiten geworden und das ist immer noch bei weitem nicht alles. Wir überlegen in der Tat momentan, ob wir langsam mit einem zweiten Teil anfangen. Da sind so viele Geschichten, so viele Sachen auch liegen geblieben oder welche, die uns jetzt einfallen und über die wir gar nicht geredet haben. Man hätte mühelos mit der Arbeit am nächsten Buch beginnen können und ich glaube das werden wir auch tun.

Das hört sich interessant an...

Niedecken: Ja, das werden wir wahrscheinlich tun.

An manchen Stellen, also mir geht es zumindest so, schwingt wie auch in den Songs von BAP so ein Gefühl der Wehmut mit. So etwas wie "...was man schon immer tun/sagen wollte – aber nicht dazu kam...". Gibt es da ganz prägnante Beispiele für so verpasste Gelegenheiten?

Niedecken (überlegt): Das ist schwierig zu sagen. Ich kann mich wirklich nicht beklagen. Das würde ja bedeuten, dass ich anfange auf hohem Niveau zu jammern. Ich habe ein unglaubliches Glück gehabt, mein Leben sechs Jahrzehnte so führen zu können, dass ich, wenn ich übertreibe, sagen kann, ich lebe die ganze Zeit von meinem Hobby und kann damit meine Familie ernähren. Und sich dann zu beklagen, dass man was verpasst hat...? Natürlich wäre bei der ein oder anderen Weichenstellung vielleicht etwas anderes passiert, was auch interessant gewesen wäre. Vielleicht ein Aspekt, den manche BAP-Fans gar nicht so gerne hören, weil sie mit so einer romantischen Idee von BAP durch die Gegend rennen. Mit so einer "Sieben Zwerge-Vorstellung". Immer aus dem gleichen Näpfchen zu essen und am gleichen Tischchen zu sitzen. Wir haben uns darüber ja schon mit dem Cover zu "Pik Sibbe" lustig gemacht. Wenn ich also über vergeudete Gelegenheiten rede, dann würde ich sagen, das war diese Phase des Tauziehens innerhalb der Band. Die zehn Jahre das Klima bestimmt hat, die war zu lang. Die hätte man kürzer haben können. Dann wäre mit der gewonnenen Zeit etwas Ordentliches passiert, anstatt sich gegenseitig in Schach zu halten.

Sie schreiben auch, daß Sie im Laufe Ihres Lebens Weggefährten im "Motel Of Lost Companions" zurückgelassen haben. Was meinen Sie damit genau?

NiedeckenDas ist ein Begriff aus meinem Lieblingssong von Neil Young.

Oh, welcher denn? Von Neil Young habe ich auch einiges.

Niedecken (überlegt): Hhhmm, warte mal. Wie heißt der noch...? Ist auf jeden Fall auf dem Album "Rust Never Sleeps".

Ich google das mal nach. Kein Problem! "Rust Never Sleeps", das Album habe ich, da schau ich mal.

Niedecken: Ja, das ist mein absoluter Lieblingssong von Neil Young (die Google-Recherche ergab: Der Song heißt "Trasher", d.Red.).

Anfang März erschien Wolfgang Niedeckens Biographie "Für ne Moment" im Hoffmann und Campe Verlag.

Kleiner thematischer Sprung. Ich hatte im Vorgespräch kurz erwähnt, daß Sie vor ungefähr sechs Jahren mit einem meiner Kollegen gesprochen haben, zur Zeit der Buchveröffentlichung von "Immer weiter" und des Studioalbums "Sonx", der Zusammenarbeit mit der WDR Bigband und der anschließenden Tour. Damals sagten Sie, dass Sie sich nach einer ruhigeren Zeit sehnten. Sie sprachen von den dunkel-orangenen Karten Ihrer Kinder. Sind die Karten zwischenzeitlich rot geworden oder gab es dann doch ruhigere Zeiten?

Niedecken: Nein, ich muß wirklich sagen meine Familie bringt mir sehr, sehr viel Verständnis entgegen. Es hat eine Phase gegeben wo ich zuviel machen wollte, wo der 24 Stunden Tag nicht mehr ausgereicht hat. Wo ich mit einer Unverschämtheit aufgetaucht bin, nach dem Motto: So jetzt hat der Musiker alles gemacht, jetzt müßt ihr den Maler in Ruhe lassen. Das habe ich begriffen, daß das nicht geht. Meine Frau behauptet zwar, daß selbst das jetzt mittlerweile gehen würde, aber meine Frau hat das Buch jetzt natürlich auch gelesen und sie sagt, viele Sachen wären ihr jetzt viel klarer geworden. Das muß man sich mal vorstellen. Wir kennen uns seit über zwanzig Jahren, einem Vierteljahrhundert fast, haben fast erwachsene Kinder zusammen und sie sagt, dass ihr mit dem Buch einiges noch klarer geworden wäre. Es wäre also kein Problem wenn ich wieder malen wollte. Das würden alle mittragen. Das fand ich ganz süß. Wobei ich da Bedenken habe, daß das in der Realität wirklich so passieren würde. Denn das muß man wissen: Wenn ich mit Bildender Kunst zugange bin, dann bin ich ziemlich unausstehlich. Ich bin dann völlig in der Arbeit drin, darf überhaupt nicht gestört werden, bin schlecht gelaunt wenn etwas nicht so läuft wie es laufen soll und hadere mit allem. Das Schlimmste ist, wenn einer kommt und sagt: "Sieht doch gut aus. Ist doch prima. Was hast du denn eigentlich?".

...da fehlt noch ein Klecks Grün...

Niedecken (lacht): Das geht überhaupt nicht. Da komme ich mir direkt vor wie ein Dekorateur.

Bedauern Sie manchmal, daß der Maler Niedecken weitestgehend hinter dem BAP-Frontmann und Musiker Niedecken verschwunden ist? Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, wie ich finde.

Niedecken: Das habe ich verarbeitet. Da bin ich mit fein. Das wäre ein Kampf gegen Windmühlen. Das werde ich nie erreichen. Und Kämpfe gegen Windmühlen sind - wie wir alle wissen - zwar hochromantisch, aber die brauche ich nicht.

Es geht viel um Literatur dieser Tage und Sie haben mal gesagt, daß Sie immer ein Buch dabei haben. Welches Buch lesen Sie gerade?

Niedecken: Immer! Momentan liegt eines da, das ich versuche unterwegs zu lesen. Es ist von Milan Kundera und heißt "Der Scherz". Das habe ich per Zufall entdeckt. Milan Kundera ist bekannt durch "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins", den Film fand ich auch sehr toll. Dieses Buch hier ist mir zugelaufen. Es stand im Regal in einem Ferienhaus, wo ich mit meiner Familie über Ostern war. Auf Gozo. Das Haus gehört Freunden, insofern kann ich das Buch, wenn ich es gelesen habe, auch wieder zurück schicken. Das kann ich wirklich sehr empfehlen. Ein ganz toller Roman!

Gibt es ein Lieblingsbuch?

Niedecken: Das kann man schwer sagen. Wenn jemand meine Autobiographie mag, dann soll er sich vielleicht mal von Orhan Pamuk "Das Museum der Unschuld" zulegen. Das ist ein sehr schönes Buch. Das kommt auch vor in meinem Buch.

Ich weiß nicht, ob Sie es noch hören können, oder vielleicht gerade doch, etwas was thematisch ein bisschen zu Ihnen passt: Im April ist das Buch "Bob Dylan - No Direction Home" von Robert Shelton nochmal überarbeitet neu rausgekommen. Schon gelesen?

Niedecken: Nein, habe ich noch nicht. Ich habe das Buch natürlich in der vorherigen Version im Schrank stehen. Auf Englisch und auf Deutsch. Sind da jetzt neue Erkenntnisse drin?

Ich habe es auch noch nicht gelesen, aber bereits bei mir im Schrank stehen und noch nicht reingeguckt.

Niedecken: Verstehe. Dann gehört es auch in meinen Schrank. Der Shelton ist ja auch ein guter Mann. Einer der wirklich einen Plan hat.

Soweit ich weiß, ist es die einzig authorisierte Biographie von Bob Dylan. Er hat da auch mitgearbeitet.

Niedecken: Da wird im Mai zu seinem 70. Geburtstag einiges kommen. Da wird es sich "knubbeln". Ich muß Platz schaffen. Ich kriege meine Bücher gar nicht mehr alle unter. Das ist unfassbar.

Dann geht es einem Wolfgang Niedecken genau wie allen anderen auch.

Niedecken (lacht): Ist doch schön.

Nochmal zum Thema Bildende Kunst. Mit Ihrer Installation "Kompass" beschäftigen Sie sich in gewissem Sinne mit der eigenen Identität. Sich klar machen woher man kommt und irgendwann zu wissen wer man war/ist. Wer ist Wolfgang Niedecken mit 60 Jahren?

Niedecken: Der erwachsen gewordene Niedeckens´Jung.

Aus der Südstadt.

Niedecken: Das reicht doch, oder? Ich bin nun definitiv erwachsen geworden. Erstaunlicherweise bin ich erwachsen geworden (Pause). Das ist aber ein gutes Gefühl. Ich habe mir Zeit gelassen mit dem Erwachsenwerden.

Bis sechzig oder schon früher?

Niedecken: Ich weiß nicht wann dieses Gefühl mit dem Erwachsenwerden eingesetzt hat. Irgendwann zwischen fünfzig und sechzig war das.

Und wie äußert sich sowas?

Niedecken: Dass man gelassener wird.

Die Dinge regen einen dann nicht mehr so auf.

Niedecken: Ja, aber ich kann schon noch sehr sauer werden, wenn es sein muß. Also es ist jetzt noch keine Entwarnung gegeben (lacht).

Das sind dann die Momente, in denen Sie ihr Hochdeutsch vergessen?

Niedecken: Ja, das ist dann volle Deckung.

Das neue BAP-Album "Halv su wild" ist seit dem 25. März im Handel!

Lassen Sie uns über die Zukunft sprechen. Es war ja bis jetzt vieles auch in der Vergangenheit. Wie sieht Ihre persönliche Zukunft aus? Wollen Sie mit BAP noch viele Jahre weiter machen oder sehen Sie sich irgendwann, wann auch immer, wieder mal als der Bildende Künstler, als der Maler im Atelier?

Niedecken: Das kann doch alles miteinander vereinbart werden. Es muß nicht diese Ausschließlichkeit sein. Ich bin jetzt sehr froh, daß ich mit BAP so arbeiten kann wie ich arbeite. Dass man kontinuierlich arbeitet. Dass ich auch verschiedene Sachen machen kann. Ich kann mit der WDR Bigband spielen, ich kann alleine was machen, ich kann mit BAP spielen. Ich habe ja voriges Jahr diese kleine Tour gemacht mit Rhani Krija und Anne de Wolff, eine ziemliche "Undercover-Tour". Das durfte nicht an die große Glocke gehangen werden, damit es die Kreise von BAP nicht stört. Bei uns gilt immer: BAP ist der Flugzeugträger, das Flaggschiff. Drumherum muß alles darauf Rücksicht nehmen. Das machen auch alle.

Es gibt ja auch die berühmten "Heiligen Drei Könige". Das Ritual vor jedem Konzert. Die stehen ja jetzt auch irgendwie so kurz vor der Rente. Gäbe es da aus Ihrer Sicht legitime Nachfolger für den Posten?

Niedecken: Nein, die "Heiligen Drei Könige" gibt es nur in der Konstellation. Diese Nummer damals in Philadelphia bei "Live Aid": Bob Dylan, Keith Richards und Ron Wood. Da ist keiner von austauschbar. Das macht ja auch die Qualität dieser "Köppe" aus. Da gab es noch den vierten "Heiligen Drei König", der sich angesagt hatte. Das war Jack Nicholson. Auch in einem unfassbaren Zustand. Mein lieber Mann, ich möchte nicht wissen, was die sich da vor dem Gig rein gepfiffen haben. Die waren schon stramm unterwegs die Brüder(lacht).

Was man halt so erwarten darf im Rock´n´Roll Leben...

Niedecken: Ich nehme an, die haben am Tisch gerochen und Kräuterzigaretten geraucht.
Keith Richards´Lieblingsgetränk heißt ja "Nuclear Waste". Das ist eine Mischung, die ich im Buch auch beschreibe. Eine Mischung aus zwei Drittel Sunkist, dieses klebrige Orangen Sunkist-Zeug und einem Teil Wodka. Ich glaube das ist ein Brett, wenn man sich das gibt (beide lachen).

...und das jeden Abend nach der Lesung an der Bar.

Niedecken: Oh je... ich habe es noch nicht geschafft, es einmal zu probieren. Nur um mal dahinter zu kommen wie das denn eigentlich schmeckt. Ich könnte mir das Ganze mit ordentlichem Orangensaft vorstellen, aber nicht mit dieser Zuckerbrühe. Keith Richards hat mir das selber vorgeführt: Das wäre toll, es würde nicht ansetzen (beide lachen). Als er das sagte, habe ich gedacht: Okay, Orangensaft und Wodka, das geht ja. Und dann sah ich, was das war, was er da für einen Orangensaft rein kippte. Das waren so Tetra Pack Dinger mit Zuckerbrühe. Orangene Zuckerbrühe.

Das könnte man Sunkist mal als Werbung verkaufen: "Nuclear Waste" setzt nicht an. Von Bildern her zu urteilen stimmt das ja!

Niedecken: Ja. Die Stones werden jetzt nicht mit ihren Gesundheitsmaßnahmen rumrennen, aber ich glaube, da werden einige Herren an die Leine gelegt, wenn die nochmal spielen wollen. Sonst lösen die sich in ihre Bestandteile auf. Die sind ja nicht alle so gesund wie Mick Jagger. Das ist ja nun eindeutig der Gesundeste von denen. Ich sage, Mick Jagger war immer schon der Gesundeste, der Kopfmensch. Der den Masterplan hatte. Er steht bei mir im Verdacht, daß er auf diesen Fotos aus der "Exile On Main Street"- oder "Sticky Fingers"-Zeit, auf denen er mit einer Flasche Jack Daniels da steht, Tee in der Flasche drin hat. Gott sei Dank, denn wenn keiner den Plan gehabt hätte, hätten die Stones ihre ganzen Sachen nicht hingekriegt (beide lachen).

Wir sind jetzt leider durch mit der Zeit. Ich bedanke mich sehr herzlich dafür!

Niedecken: Es war mir ein Vergnügen. Bis demnächst.

Bis demnächst und ich wünsche noch viel Erfolg bei der Tour und vor allem mit dem Ausschlafen.

Niedecken (lacht): Ich werds versuchen. Danke.

Musicheadquarter bedankt sich ebenfalls sehr herzlich bei Simone Horn (www.wild-und-frei.de) für die Vermittlung dieses Interviews!

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