Interview mit Wolfgang Niedecken von BAP in Bonn

(Wolfgang Niedecken)

23.02.2005 von Thomas Kröll

"Und Vier über den Durst"

Vor seinem Konzert mit der WDR Big Band Köln im Bonner Brückenforum hatte Musicheadquarter die Gelegenheit zu einem Interview mit BAP-Chef Wolfgang Niedecken. Er beschreibt darin ausführlich die Zusammenarbeit mit der Big Band, nimmt aber auch Stellung zu vielen anderen Themen. Etwa zu seinem eigenen Selbstverständnis als Rockmusiker, zur Zukunft und Vergangenheit von BAP, zu Neonazis, Fussball im allgemeinen oder zum 1.FC Köln im speziellen. Mit Wolfgang Niedecken sprach Thomas Kröll (alle Fotos von Denis Hoffmann).

"Ich merke, dass mir meine jüngeren Kinder so langsam immer dunkler orangene Karten zeigen."

Die Frage nach dem Zustandekommen des Projektes „NiedeckenKöln“ lassen wir an dieser Stelle mal außen vor. Erstens kann ich mir vorstellen, dass das mittlerweile sowieso jeder weiß...

Wolfgang Niedecken: Weiß es jeder?

Es ist jedenfalls mittlerweile überall nachzulesen. Auf der anderen Seite hast du die Frage wahrscheinlich auch schon fünfhundertmal beantwortet.

Niedecken: Ja gut, man kann sagen, die ist schon hundertmal beantwortet worden. Aber was meinst du, wie oft ich schon die Frage beantwortet habe, wieso BAP auf Kölsch singt? In 29 Jahren mindestens achtundzwanzigtausend Mal (lacht). Nein, es war Zufall, dass dieses Projekt zustande kam. Ich wäre von selber nicht drauf gekommen. Jetzt ausgerechnet nach so einer arbeitsreichen Zeit. Du musst mal überlegen, was wir alles seit 1998 gemacht haben. Wir haben das „Tonfilm“-Album gemacht, dann haben wir den Film mit Wim Wenders gedreht, dann ein Studioalbum „Aff un Zo“ herausgebracht, dann das Live-Album zur „Aff un Zo“-Tour. Dann haben wir das nächste Studioalbum produziert, das war „Sonx“. Also, ich wäre nie auf die Idee gekommen so ein Album wie „NiedeckenKöln“ unbedingt jetzt machen zu müssen. Wenn es nicht durch diesen Zufall beim Düsseldorfer Rhein-Ruhr-Bewerbungstermin für Olympia dazu gekommen wäre. Und genau genommen ist es so, dass die Plattenfirma die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hat. Die sagten: „Was willst du denn noch alles machen!? Wie sollen wir das denn noch in die Medien kriegen? Man muss die Leute doch auch mal in Ruhe lassen mit irgendwas“. Aber weißt du, manchmal ist die Zeit einfach so, dass viele Dinge anstehen, die Spass machen und interessant sind.

Nun gab es die Herbsttournee mit der Big Band, jetzt seid ihr wieder auf Tour. Im vergangenen Jahr war BAP auf „Sonx“-Tour. Hast du nicht Angst, dass die Leute irgendwann mal sagen könnten: „Ach nee, nicht schon wieder Niedecken“?

Niedecken: Das ist die Gefahr, aber offensichtlich läuft`s ja. Das Album ist ein Erfolg, die Konzerte sind rappelvoll. Zwischendurch hatte ich noch eine Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle und ein Buch rausgebracht. Momentan ist einfach unheimlich viel los. Aber ich muss sagen, ich sehne mich jetzt so langsam auch mal nach einer ruhigeren Zeit, wo ich dann auch mehr Zuhause sein kann. Ich merke, dass mir meine jüngeren Kinder immer häufiger dunkel orangene Karten zeigen. Ich muss ein bisschen kürzertreten, auch wenn wir dieses Jahr wieder ins Studio gehen.

Und die nächste BAP-Tournee?

Niedecken: Die gibt es dann erst nächstes Jahr.

"Da werde ich mal vorher in den Dom gehen und eine Kerze aufstellen."

Im Januar habe ich einen Zusammenschnitt eines der Big Band-Konzerte im WDR gesehen. Ich glaube, aus der Philharmonie in Köln. Was für mich dabei rüberkam war, dass alles sehr locker und entspannt abläuft. Fast schon liebevoll. Wenn du auf der Bühne stehst und die neuen alten BAP-Songs hörst, welche Gefühle hast du dabei?

Niedecken: Also das ist unterschiedlich. Durchweg bin ich verblüfft, was Mike Herting (Arrangeur der WDR Big Band, d. Red.) da für Arrangements zustande gebracht hat. Da sind Stücke dabei, mit denen ich schon seit Jahrzehnten auf der Bühne stehe, aber auch Titel von denen ich vergessen hatte, dass es sie überhaupt gibt. Ich bin wirklich verblüfft, was dem Mike zu all diesen Titeln eingefallen ist. Ich kenne den Mike schon länger, da war ich noch als Maler und Grafiker in der Kölner Südstadt zugange. Und Mike spielte schon mit Härte 10 und der Headband und hatte verschiedene andere Projekte. Dann kam er immer zu mir und wollte irgendwelche Cover und Plakate gestaltet haben. Ja, und irgendwann kriegte er mit, dass ich auch noch Musik machte. Mike ist schon ein absoluter Crack. Und ich bewundere bei allen Musikern der Big Band, wie du eben sagtest, dieses Liebevolle. Ich freue mich, wie gerne die das tun. Nach den zwei Konzerten in der Philharmonie zum Schluss des ersten Tourteils, da war in der Band so eine richtig traurige Stimmung vorhanden. Scheiße, ist das schon wieder vorbei. Alle haben mich gebeten, ob wir nicht noch ein paar mehr Konzerte machen können. Am 28. Mai spielen wir zusätzlich noch auf der Kölner Domplatte und da bete ich jetzt schon für schönes Wetter. Ich glaube, da werde ich ausnahmsweise mal vorher in den Dom gehen und eine Kerze aufstellen (lacht).

Als du dieses Projekt entwickelt hast, die BAP-Songs im Big Band-Gewand zu spielen, gab es da nie die Befürchtung, dass du damit die traditionellen BAP-Fans vielleicht vor den Kopf stoßen könntest?

Niedecken: Ob du es glaubst oder nicht, über so was denke ich nicht nach. Ich mache Sachen so, wie sie meinen Kriterien entsprechen. Und wer das dann mag, der mag`s und wer es nicht mag, der muss dann halt mal aussetzen und hoffentlich beim nächsten Mal wieder hinhören. Es gibt bestimmt BAP-Fans die sagen: „Och nä, das gefällt mir nicht“. Das kann ich auch völlig akzeptieren. Da hab ich überhaupt kein Problem mit. So habe ich das immer gehandhabt.

Heißt also, wenn du deine Ideen entwickelst, denkst du weniger an die Leute die das mal hören, lesen oder sehen werden, als vielmehr an dich selbst in dem Augenblick.

Niedecken: Das muss man auch. Man muss sich ja selber ausdrücken, man muss sich selber definieren in dem, was man tut. Das ist das Wunderschöne, wo man die feine Unterscheidung zwischen einem Beruf und einem Job macht. Ein Beruf ist etwas, wozu du dich berufen fühlst, wo du ganz persönlich von dir etwas einbringst. Und einen Job, den erledigst du halt. Das was ich mit der Musik tue, habe ich erst als Hobby betrachtet, aber es wäre ja mittlerweile kokett, das immer noch zu behaupten. In einem Hobby tut man auch nichts, was man nicht will. Und wenn es dann zum Beruf wird, dann muss man höllisch aufpassen, dass es nicht zu einem Job wird.

"Ich habe mich selber immer wieder hinterfragt."

Wo wir gerade beim Thema sind. Es gibt den Musiker Wolfgang Niedecken, den Künstler und Buchautor, das Projekt „Gemeinsam für Afrika“, das Big Band-Projekt usw. Ich habe BAP seit 1979 eigentlich stetig verfolgt, natürlich mal mehr, mal weniger. Was mir dabei immer aufgefallen ist, was man auch hier hört, dass du immer sehr entspannt und vor allem auf dem Teppich geblieben bist. Trotz dieses ganzen Erfolges, den du hast. Wie schafft man das?

Niedecken: Ich habe Glück gehabt, dass ich, als wir 1982 überregional bekannt wurden, schon über 30 war. Und dann kommst du eher damit klar, als wenn dich das in jungen Jahren erwischt. Viele von diesen jungen Gestalten, die bei irgendeiner Castingshow vor eine Kamera geraten, die wissen vor lauter Unsicherheit gar nicht, wie sie damit umgehen sollen. Die fallen auf viele falsche Freunde rein. Natürlich kann auch ich nicht sagen, dass ich bisher in meinem Künstlerleben alles unbeschadet verkraftet hätte. Da sind auch Sachen dabei, wo man selber unsicher ist. Wo man im privaten Bereich Sachen anstellt von denen man nachher denkt, Mensch wie konntest du das machen. Bloß, ich hab mich selber immer wieder hinterfragt, das auf jeden Fall. Das fällt natürlich umso leichter, je reifer du bist.

Kommen wir noch mal auf das Big Band-Projekt zurück. Auf dem Album sind 13 Stücke drauf. So wie ich das verstanden habe, sind ja noch einige mehr aufgenommen worden.

Niedecken: Es ist noch eins mehr aufgenommen worden. Wir haben aber hier im Programm vier Stücke über das Album-Repertoire hinaus. Vier Stücke über den Durst.

Und diese vier sind erst im Laufe der Auftritte entstanden?

Niedecken: Nein. Wir haben erst mal das Album aufgenommen, da waren es eben 14 Stücke. Dann haben wir „Verdamp lang her“ weggelassen, zugunsten von „Wie schön dat wöhr“. Dann haben wir zusätzlich „Müngersdorfer Stadion“ in dieser Reggae-Version aufgenommen. Erstens ist das ein Stück, das ganz viel mit Köln zu tun hat. Und zweitens war das bei dieser Düsseldorfer Veranstaltung, wo alles anfing, eines der Stücke, das ich mit der Big Band aus der Hüfte gespielt habe. Nach dem ersten Tourteil haben wir gemeinsam mit Mike überlegt, dass wir eigentlich noch zwei Stücke brauchen könnten. Noch ein Brett und noch ein ruhigeres. Dann haben wir „Jupp“ dazu genommen mit dem wunderbaren Bass-Saxophon-Intro. Ich wusste gar nicht, dass es die Dinger gibt. Unfassbar! Da hast du tatsächlich das Gefühl, da kommt ein Penner an (lacht). Und als zweiter Titel kam „Ein für allemohle“ vom „Sonx“-Album. Wo ich sehr froh drüber bin, weil „Ein für allemohle“ haben wir bei der „Sonx“-Tour vielleicht zwei- oder dreimal probiert, irgendwie ins Programm zu kriegen. Aber immer war an der Stelle irgendwas anderes wichtiger. Und jetzt ist es wirklich wunderbar im Programm drin und es macht großen Spass, das zu spielen.

"Da würde ich mich auch schwarz ärgern, wenn ich nur im Karneval meine Brötchen verdienen könnte."

Der Erfolg mit Big Band und Album ist gross. In unserer heutigen sogenannten Spaßgesellschaft ist Erfolg ja nicht immer gleichzusetzen mit Qualität. Was bedeutet Erfolg für dich? Ist das etwas, worüber du dich definierst oder bist du davon unabhängig?

Niedecken: Kommt drauf an, was du als Erfolg ansiehst. Wenn es nur die Masse macht, würde ich mich schon schwarz ärgern. Weil wir uns mit BAP und allem, was wir so treiben, wirklich ganz viel Mühe geben. Das steht eigentlich in keiner Relation zu dem vielen Schrott, der teilweise die Radiokanäle verstopft. Aber so darf man das nicht sehen. Ich sehe es als Erfolg an, dass es mir jetzt gestattet ist, nach so vielen Jahren priviligiert zu arbeiten. Ich darf das tun, was ich gerne tue. Und die Leute registrieren das, kaufen das, kommen in die Konzerte und ermöglichen mir ein wunderbares, selbstbestimmtes Leben. Wenn ich das jetzt nur an Umsatzzahlen festmache, bin ich auf dem Holzweg. Dann würde mir nix Neues mehr einfallen, ich würde keine Risiken mehr eingehen, es würde alles ungeheuer langweilig. Und wenn es mir langweilig wird...

...dann wird es gefährlich.

Niedecken: Ich kenne das auch gar nicht, ehrlich gesagt. Ich weiß gar nicht, was Langeweile ist. Ich habe eher immer zuwenig Zeit. Ich will immer mindestens drei Dinger gleichzeitig machen und auch noch ein vernünftiges Buch lesen. Aber für diese Freiheit muss man dankbar sein! Gerade BAP geht regelmäßig hoch in die Charts. All die Jahre gehen wir immer schön auf Top 1 oder Top 2. „Sonx“ ist „nur“ auf Platz 3 gekommen. Aber nach all den Jahren, da bringst du ein Album raus und gehst auf Platz 3. Das ist doch der Hammer! Für die Zeitung ist das natürlich keine Meldung mehr, dass BAP direkt auf Gold geht. Das ist zu normal. Nimm jetzt mal irgendeine von diesen gehypten Kapellen, die die Journaille so hochschreibt, wenn die von 0 auf 3 kommen. Dann tobt doch jedes Mal ein Sturm im Blätterwald los. Aber wenn wir ein Ding rausbringen, das geht von 0 auf 3? Ja, na und? (lacht)

Spürt man da auch irgendwann mal Neid?

Niedecken: Überhaupt nicht! Man muss auch gönnen können.

Nein, ich meine nicht, ob du neidisch bist auf andere. Aber du sagst, dass du in einer priviligierten Position bist. Du verdienst dein Geld mit Dingen, von denen andere Leute nur träumen. In Deutschland herrscht ja oft dieser Neidfaktor. Spürst du davon etwas?

Niedecken: Bei den wirklich guten Kollegen merkst du das nicht. Bei Leuten, die gewissenhaft ihre Arbeit tun und gottseidank gibt es in Deutschland einen Haufen guter Musiker, da bleibt es sachlich, fachlich und das ist auch okay.

"Die hätte wahrscheinlich auch lieber im Kettenstrahl vor diesem Arschloch gekotzt."

Ein Stück auf „NiedeckenKöln“ ist „Arsch huh, Zäng ussenander“, der Anti-Rassismus-Song. Diese ganze Nazikiste ist immer noch und immer wieder aktuell. In Sachsen ist ja gerade wieder einiges passiert. Hast du mal darüber nachgedacht, eine ähnliche Aktion gegen Rassismus wie 1992 auf dem Kölner Chlodwigplatz durchzuziehen?

Niedecken: Wer soll denn da spielen?

Ich muss die ja nicht suchen...

Niedecken: Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und den Neofaschisten in Deutschland muss auf einer sachlichen Ebene bleiben. Die muss argumentativ geführt werden. Und nicht immer mit den alten Rezepten. Jetzt kommt Udo Lindenberg um die Ecke und beseitigt das Nazi-Problem. Ich will nicht kneifen. Wenn es dran ist, bin ich gerne dabei. Aber ich glaube wirklich nicht, dass das die Lösung dafür ist. Außerdem gibt es für die jüngere Generation ganz andere Identifikationsfiguren als die Musiker meiner Generation.

Aber man hat doch zum Beispiel in Dresden gesehen, dass eine große Demo denen schon deutlich machen kann: „Paßt auf Leute, so geht das hier nicht“.

Niedecken: Ja, das ist auch gut. Das ist hervorragend. Das ist das eine, was man tun kann. Sich in einer Demonstration dagegen stellen. Das ist notwendig. Trotzdem wird man um eine sachliche Diskussion mit denen nicht drumherum kommen. Die werden sie immer verlieren, weil sie einfach im Unrecht sind. Es geht nicht mehr, dass man einfach nur „Pfui Nazis“ sagt und glaubt, damit ist das Problem beseitigt. Man muss sich damit auseinandersetzen. Und nur dadurch wird man es auch schaffen, dass es nachher keine Märtyrer gibt. Ich erinnere mich an den Wahlabend in Sachsen. Als auf einmal die Nazis in den sächsischen Landtag eingezogen waren. Die Moderatorin stellt eine Frage, der Typ fängt an sie zu beantworten, nach zwei Worten gehen alle anderen vom Tisch weg und die Moderatorin zieht dem das Mikrofon weg. In dem Augenblick hat sie einen Märtyrer erschaffen. Das darf man nicht machen. Ich kann die Frau verstehen, die war ratlos und wusste nicht, was sie machen sollte. Die hätte wahrscheinlich auch lieber im Kettenstrahl vor diesem Arschloch gekotzt. Kann ich schon verstehen, war aber nicht geschickt.

Anderes Thema. In deinem Buch „Immer weiter“ berichtest du viel vom Touralltag, von Hotels, von Soundchecks usw. Wie kriegt man das hin, über dem ewigen Touren nicht in so eine Art von Monotonie reinzurutschen?

Niedecken: Das macht jeder anders. Ich hab unterwegs zunächst mal reichlich zu tun. Aber ich habe auch immer irgendein Buch bei mir, das ich lese. In den Phasen, wenn eine Abhängezeit ist, gehe ich in meine Garderobe, suche mir ein gemütliches Plätzchen und lese. Das ist schonmal gut. Aber es hat sich durch die Jahre auch geändert. Da hat es schon Jahre gegeben, wo mein erster Familienversuch zuhause in die Brüche ging. Man ist nie da und auf einmal wurde ein anderes Leben geführt als das, was wir mal geplant hatten. Ich habe meine erste Frau kennengelernt bevor das mit BAP anfing. Und auf einmal hast du dann keinen Bock mehr nach Hause zu fahren und dann wird`s natürlich stressig. Das grosse Partyleben, wo man, dann auch in dem Alter zwischen 30 und 40, eher zuschlägt als mit 53. Wenn ich mir jetzt irgendwann mal den Gong gebe, da habe ich drei Tage was von (lacht).

"Ich denke da eher an einen geruhsamen Lebensabend mit Bungee-Jumpen."

Und wie lange willst du das noch machen?

Niedecken: Ganz einfach, solange es Spass macht. Man kann das nicht machen, wenn es keinen Spass macht. Dann wären mir die Konzerte selber langweilig. Wie willst du denn drei Stunden auf der Bühne stehen, wenn du dich langweilst? Das ist doch der Horror! Das Auf-Tour-sein, für Leute zu spielen, war für mich immer die Kür. Da musst du erst mal die Pflicht vorher gemacht haben, nämlich ein Album aufnehmen, sonst kannst du nicht auf Tour gehen. Und das ist auch das eigentliche, was eine Rock`n Roll-Band tun sollte. Für Leute zu spielen. Das ist ein chemischer Prozess, der da in Gang kommt, wo sich was ergänzt. Zwischen Band und Publikum, da geht was hin und her, da kommt irgendwas zusammen.

Und wenn es dann irgendwann den Rockmusiker Wolfgang Niedecken doch nicht mehr geben sollte, stelle ich mir als logische Folge die Präsidentschaft beim 1.FC Köln vor.

Niedecken (lacht): Nä, auf keinen Fall! Ich denke da eher an einen geruhsamen Lebensabend mit Bungee-Jumpen (lacht). Nein, also sagen wir mal, wenn es irgendwann ruhiger würde, dann würde ich mehr ins Atelier gehen.

Also hat die FC-Präsidentschaft keine Chance?

Niedecken: Nein, auf keinen Fall. So schön das auch ist, dort all diesen Komfort zu haben. Wenn ich zum FC möchte, dann ruf ich dort an, dann krieg ich meinen Platz. Und ich möchte sehr oft zum FC. Ich bin fast jedes Heimspiel da. Es ist fast schade, dass mir ist dabei so ein bisschen meine Fussballfan-Naivität abhanden gekommen. Ich weiß schon zuviel.

Du meinst aus dem Innenleben des Vereins?

Niedecken: Ja, ich gehe schon viel zu rational an Fussball ran. Und Fussball ist ja eigentlich eine Möglichkeit, die es einem gestattet, seinen rationalen alltäglichen Zwängen zu entkommen und sich einzubilden, man hätte unheimlich Ahnung. Was konnte ich früher schön schimpfen über was da passiert war. Das kann ich alles nicht mehr. Ich weiß um die Zusammenhänge. (lacht). Fussball hat ja auch deswegen so einen Riesenerfolg. Weil es einfach Abermillionen von Bundestrainern gibt und die Identifizierung so hoch ist. Auch ein Linker kann Fan von so einem Kapitalistenverein wie Schalke oder Dortmund sein. Wenn dir der Verein in die Wiege gelegt worden ist, was willst du da machen? Meinst du ich würde, selbst wenn der FC in der 5. Liga spielt, dann Leverkusen-Fan werden?

Was können wir in diesem Jahr noch von Wolfgang Niedecken und BAP erwarten?

Niedecken: In diesem Jahr werden BAP im Sommer noch ein paar Festivals spielen. Und ich lese die „Dylan Chronicles“ als Hörbuch auf Deutsch. Die CD kommt zur Leipziger Buchmesse raus. Dann mache ich erst mal drei Lesungen mit den „Dylan Chronicles“. Spiel dazwischen auch ein paar Dylan-Songs, allerdings auf Englisch. Im Oktober gibt es dann eine kleine Tour: „Wolfgang Niedecken singt und spielt Bob Dylan“. Zwischendurch sind wir im Studio und dann schauen wir mal.

Also ein neues BAP-Album wird es in diesem Jahr definitiv keines geben?

Niedecken: Würde ich nicht so sagen. Würde ich nicht für unmöglich halten.

Und hast du schonmal wieder über eine Neuauflage der Leopardefellband nachgedacht?

Niedecken: Leopardefellband wäre jetzt ein völliger Unfug. Weil BAP spielt jetzt so, wie ich mir BAP immer gewünscht habe.

Was sind das für Festivals, die ihr für den Sommer geplant habt?

Niedecken: Das sind eher kleinere Festivals, die die Funktion haben, uns im Zusammenspiel zu halten. Ich stehe überhaupt nicht drauf, eine Band aus den Augen zu verlieren. Denn dann stehst Du nach einem halben Jahr auf einmal im Proberaum und fängst wieder bei Null an. Lieber schön aufeinander eingegroovt bleiben! Die Besetzung wie sie jetzt ist, ist ein Traum.

Wir bedanken uns bei Wolfgang Niedecken für das überaus nette Gespräch!

Mit freundlicher Unterstützung von Gabriele Schuh (Konzertbüro Schoneberg), Sabine Heister und Stephan Gorol (Gorol & Partner Eventagentur).

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