Interview mit Xavier Rudd in Frankfurt

(Xavier Rudd)

09.09.2007 von Sascha Knapek

Der Multiinstrumentalist Xavier Rudd füllt in seinem Heimatland Australien große Hallen. Sich ausschließlich in dieses gemachte Nest zu setzen ist allerdings nicht sein Ding. Jahr für Jahr reist der Globetrotter von einem Land ins andere, spielt außergewöhnliche Livekonzerte und unterbricht seine Tournee scheinbar nur zum Aufnehmen neuer Platten. Ob er seine Chilltunes-Mischung aus Folk, Reggae, Blues, World-Music und Singer/Songwriter-Elementen vor 200 oder 2.000 Zuschauern spielt, ist dem oft barfuss durch die Gegend laufenden Musiker dabei nicht so wichtig.

Vor dem Konzert in Frankfurt hatte Musicheadquarter die Möglichkeit zu einem Interview, das Sascha Knapek mit Xavier Rudd führte (alle Fotos von Claudia Grover).

Xavier, in wenigen Stunden gehst du auf die Bühne. Hast du dir schon überlegt welche Songs du heute Abend spielen wirst und wie können wir uns den Prozess vorstellen in dem du die jeweiligen Setlisten zusammenstellst?

Xavier Rudd: Ich mache das meistens immer direkt vor der Show. Eigentlich habe ich immer eine gewisse Struktur für jede Tour und wechsele höchstens ein paar Songs aus oder versuche vielleicht mal was Neues.

Als du ins Studio gegangen bist um deine neue Platte „White Moth“ aufzunehmen, hattest du da bereits eine klare Vorstellung wie sich das Album anhören soll, oder hat sich das im Lauf der Zeit und der Zusammenarbeit mit deinem Co-Produzenten David Ogilvie (David Bowie, Marilyn Manson..., d.Red.) erst entwickelt oder sogar geändert?

Xavier Rudd: Nein, ich hatte da schon ein glasklares Bild im Kopf. Ich nehme nichts auf bevor ich mich dafür bereit fühle, bevor alles Sinn macht. Was das Kreative anbelangt ist es meine Welt, das ist fertig wenn es ans Aufnehmen geht. Bei der Produktion können Sachen geändert werden, da kann man auch mal was ausprobieren. Darin ist Dave großartig, er hat schon so viele Aufnahmen hinter sich. Er hat viel gute Energie, ist ein lustiger Kerl und hat den ganzen Ablauf sehr angenehm gestaltet.

War er als Co-Produzent deine erste Wahl?

Xavier Rudd: (denkt nach) Mein Manager hatte ein paar Optionen, Dave war eine davon. Ich habe mit ihm telefoniert und er schien ganz cool zu sein. Ich war in der Hinsicht sehr offen, denn ich weiß eh was ich will wenn ich ins Studio gehe. Was das Kreative und die Songs angeht brauche ich niemanden der mir dabei hilft. Ich brauche jemand der eine bestimmte Atmosphäre erzeugen kann und so was in der Richtung.

Auf „White Moth“ hast du ein paar eher konventionellere Instrumente miteinbezogen, die auf deinen letzten beiden Platten nicht vertreten waren. Ich denke da zum Beispiel ans Schlagzeug und die Hammond Orgel. Wie kam es dazu?

Xavier Rudd: Ich hatte bei diesem Album mehr Zeit. Ich hatte mehr Zeit verschiedene Dinge auszuprobieren. Ich habe so lange Zeit alleine gespielt, dass es ganz schön war mal mit anderen Leuten zusammen zu spielen. Der Drummer (Dave Tolley, d.Red.) ist jetzt auch mit mir auf Tour und es macht riesigen Spaß mit ihm zusammen zu spielen. Ich denke das Ganze hat sich einfach so entwickelt.

Da du gerade von deinem neuen Kollegen auf der Bühne spricht: Deine Liveshows bestehen seit kurzem nicht mehr ausschließlich aus dir, sondern auch aus Dave, deinem neuen Schlagerzeuger/Percussionisten. Wie beeinflusst das deine Auftritte und was hat dich dazu bewogen ihn mit auf die Bühne zu nehmen?

Xavier Rudd: Definitiv die neuen Songs auf „White Moth“ auf denen er spielt. Ein paar von den alten Sachen haben wir auch neu arrangiert und wir spielen ganz neues Zeug an dem ich gerade arbeite. Die Hälfte einer Show spiele ich alleine und die andere Hälfte mit ihm. Es macht mir Spaß, eine Art neuer Weg und Dave ist großartig, fantastisch. Er ist die erste Person die mir über den Weg gelaufen ist, die ich andauernd mit mir auf der Bühne haben wollte.

Hast du einen Lieblingssong auf „White Moth“ oder einen den du besonders gerne live spielst?

Xavier Rudd: Hmm, nicht wirklich (denkt nach). Wahrscheinlich „Footprint“. Ja, der liegt mir besonders am Herzen. Aber ich mag sie alle, auf die eine oder andere Art sind sie für mich alle speziell.

„Von Zeit zu Zeit besuchen mich starke Seelen oder Geister und das entlädt sich dann in Musik“.

Gibt es Stücke auf „White Moth“ die du live gar nicht spielst?

Xavier Rudd: Lass mich nachdenken (denkt bestimmt um die zehn Sekunden nach und kratzt sich dabei am Kinn). Auf dieser Tour habe ich einige von ihnen noch nicht live gespielt. Aber als das Album neu rauskam habe ich einige Konzerte in Australien gegeben bei denen ich die Platte von Anfang bis Ende gespielt habe. Also habe ich sie alle schon mal live gespielt. Andere Tourneen, andere Songs. Manchmal hat man auch einfach weniger Zeit und so Sachen. Von den ruhigen Stücken spiele ich nicht so viel, die Leute machen immer den Eindruck dass sie tanzen wollen.

Für dich als Songwriter, worin liegt der Unterschied zwischen sehr persönlichen Texten, wie zum Beispiel dein Song „White Moth“, oder Texten über Geschichten und Erfahrungen anderer Menschen, wie beispielsweise in deinem Song „Land Rights“?

Xavier Rudd: Ich fühle oft, dass meine Musik von einem anderen Ort kommt. Es ist als ob ich manchmal das Vehikel für andere Seelen bin. Von Zeit zu Zeit besuchen mich starke Seelen oder Geister und das entlädt sich dann in Musik. Wenn das passiert, habe ich darüber keine Kontrolle, es geschieht einfach. „Land Rights“ ist so ein Song. Bei anderen Sachen ist es einfach eine persönliche Reflektion die von mir kommt. „Land Rights“ handelt von der Geschichte eines heiligen Ortes im nordöstlichen Arnhem Land in Australien. Den Ort an dem diese Geschichte passierte gibt es seit dem Beginn der Zeitrechenkultur der Aborigines. Der Gründungsvater „Wuyal“ machte bei seiner Reise hier Halt. Bevor die weißen Menschen nach Australien gingen war es außerdem ein Ort an dem die Yolngu Tauschhandel mit Leuten aus Indonesien oder Papua-Neuguinea betrieben haben. Jedes Jahr wurden dort freundlich Waren untereinander getauscht und von dem besagten Platz aus hielten die Yolngu nach ihren ankommenden Freunden Ausschau. Es war außerdem noch ein heiliger Platz für Zeremonien. Dort sind starke Geister und als ich von diesen Leuten zu diesem Ort gebracht wurde und sie mir die Geschichte mit der Bergbaufirma erzählten (mehr zur Geschichte der Yolngu findet ihr unter http://en.wikipedia.org/wiki/Yolngu - d.Red.) hat mich das sehr beeindruckt. Als ich wieder nach Hause geflogen bin habe ich den Text auf meinen Boarding-Pass geschrieben. Irgendetwas hat durch mich gesprochen und es sprudelte aus mir heraus. Es sind solche Momente bei denen diese Dinge einfach aus mir rauskommen. Ich versuche nicht bewusst etwas zu kreieren, irgendwas in mir spricht und „boom“. So ist das in etwa.

Vor ein paar Jahren habe ich gelesen, dass du darüber nachdenkst ein Album mit Techno-Beats aufzunehmen. Steht das noch zur Debatte?

Xavier Rudd: (lacht herzhaft) Ja! Aber keine Techno-Beats, eher so eine Art organischer House-Rhythmus mit akustischen Instrumenten. Es ist nur eine Frage der Zeit wann ich so was machen werde. In bin in letzter Zeit so viel auf Tour, dass ich für solche Sachen kaum Zeit habe. Aber irgendwann werde ich so was machen.

Auch Gesang, oder nur Beats?

Xavier Rudd: Vielleicht mache ich ein bisschen Backgroundgesang. Viele Samples, ich werde wahrscheinlich viele Sachen samplen.

Wird das dann ein reguläres Xavier Rudd Album oder denkst du darüber nach es unter einem anderen Namen zu veröffentlichen oder etwas in der Richtung?

Xavier Rudd: Ein anderer Name? Ich weiß nicht. Einfach mehr Sachen in die Richtung von „Message Stick“ auf „White Moth“.

Im August hast du einige Konzerte für die Dave Matthews Band in Amerika eröffnet. Während der Shows kamst du bei deren Set auf die Bühne und hast ein paar Songs mit ihnen gespielt. Wie entstand diese Idee und habt ihr das geübt oder hast du einfach improvisiert?

Xavier Rudd: Ich hab einfach improvisiert. Dave sagte, „Hey, kannst du nicht hochkommen und mit uns spielen?“, und da bin ich einfach mit auf die Bühne und hab gespielt. Es hat Spaß gemacht, sie sind eine großartige Band und richtig gute Musiker. Es war mit die beste Zeit, die ich bisher mit anderen Musikern auf einer Bühne erlebt habe. Sie sind alle sehr talentiert, einfach unglaublich. Das Ganze war einfach klasse. Er kam, hat mich gefragt und ich bin hoch und hab mitgespielt.

"Ich komme aus kleinen Verhältnissen im Busch und in meinem Privatleben versuche ich meinen ökologischen Fußabdruck möglichst klein zu halten".

Du engagierst dich sehr für den Umweltschutz und dafür, dass man die Erde mit Respekt und Würde behandelt. Wie versuchst du das für dich in deinem Alltag umzusetzen und was für Maßnahmen ergreifst du persönlich um in deinem Leben so wenig wie möglich zur Umweltverschmutzung beizutragen?

Xavier Rudd: In meinem Privatleben oder auf Tournee?

Beides.

Xavier Rudd: Ich komme aus kleinen Verhältnissen im Busch und in meinem Privatleben versuche ich meinen ökologischen Fußabdruck möglichst klein zu halten. Im Moment bauen wir ein Haus das sich komplett aus recycelten Materialen zusammensetzen lässt. Die Wände sind aus Strohballen, wir nutzen Solarenergie. Wir nehmen keinen Strom aus dem Netz, alles kommt aus den Solarzellen. Wir haben auch eine Wurm-Farm in die wir unseren grünen Abfall und Früchtereste und solche Sachen werfen. Die Würmer verarbeiten es und so kommt es wieder an die Oberfläche. Wir haben kompostierende Toiletten und viel recyceltes Material. Das Ganze ist aufregend, weil wir unsere Kinder in diesem Konzept aufwachsen lassen. Sie müssen komplett dafür verantwortlich sein wie sie leben. Umso besser ihre Ernährung ist, desto effizienter funktioniert die Wurm-Farm. Du kannst dich also nicht schlecht ernähren, sonst geht das ganze System kaputt. Auf die Bäume über unserem Haus müssen sie wegen der Solarenergie auch aufpassen. Tourneen sind hart, das komplette Gegenteil, eine ziemlich giftige Angelegenheit. Dieselbusse für die Tour, große PA-Anlagen. An vielen Orten, speziell in Amerika, kann man nicht recyceln. Aber wir versuchen viel zu tun. In Amerika benutzen wir für den Bus Bio-Diesel. Überall wo wir hinkommen versuchen wir zu recyceln. Na ja, wir versuchen es nicht nur, wir machen es auch, nur müssen wir manchmal alles in große Tüten packen bis wir einen Ort finden an dem man recyceln kann. Wir haben organisches Merchandising, wir tun einfach was wir können.

Während deiner Tourneen kommst du ziemlich rum auf der Welt. In welche Länder würdest du gerne einmal reisen, in denen du bisher noch nicht getourt hast

Xavier Rudd: Südamerika, Japan (denkt nach), Südafrika. Nächstes Jahr geht’s aber nach Südafrika, Japan und auch nach China. Es gibt auch noch Teile von Europa wo ich gerne einmal hin würde. Ich gehe eigentlich überall gerne hin, es ist ein Geschenk. Es gibt viele Künstler die gute Musik machen, aber nicht jeder bekommt die Chance das zu tun was ich tue. Ich bin glücklich über alles was kommt.

Als du angefangen hast und dein Geld mit Musik verdienen wolltest, wie haben deine Eltern und Freunde reagiert und haben sie dich in deinem Vorhaben unterstützt?

Xavier Rudd: Ich war oft auf mich alleine gestellt. Ich hatte nicht viel Unterstützung von meinen Eltern. Aber in manchen Dingen war das sehr gut, denn so lernte ich unabhängig zu sein und Dinge selbst zu erledigen. In der Musikindustrie musst du so sein, du musst relativ stark sein, weil es manchmal ganz schön hart zugehen kann. Besonders wenn man anfängt. Du musst im Auto schlafen (lacht) und andere Sachen machen die nicht gerade viel Spaß machen.

Es gibt momentan eine Diskussion über das Format von Musik. Ich kann mich noch daran erinnern als Anfang der 90er Schallplatten quasi ausstarben. In absehbarer Zukunft geht es CDs wegen digitaler Formate und neuer Vermarktungstechniken vielleicht ähnlich. Was denkst du darüber und wie hörst du dir Musik am liebsten an?

Xavier Rudd: (überlegt) Bezogen auf den Sound mag ich Vinyl und CD. Aber das digitale Zeug hat auch keine schlechte Qualität. Wie nennt man die Dinger noch mal? MP3’s! Ich bin sehr unordentlich. Meistens verliere ich CDs die ich bekomme direkt wieder. Ich war schon immer so. Von den meisten CDs die ich mir gekauft habe, habe ich keine Ahnung wo sie sind. Ich habe jetzt einen iPod und das funktioniert ganz gut. Außer ich verliere ihn. Einen habe ich bereits verloren. Für Unterwegs ist das Ding prima und leicht mit sich herum zu tragen. Ich denke es ist cool, es ist Evolution, das Leben. Und man spart Müll.

Hast du schon mal darüber nachgedacht deine Alben auch auf Vinyl herauszubringen?

Xavier Rudd: Das würde ich gerne, aber es ist sehr teuer. „White Moth“ würde ich gerne auf Vinyl rausbringen. Danke dass du mich dran erinnerst, ich werde das mal in Angriff nehmen.

"Ich war oft auf mich alleine gestellt. Ich hatte nicht viel Unterstützung von meinen Eltern".

Du bist ein begeisterter Surfer. Was ist für dich das Besondere am Surfen?

Xavier Rudd: Surfen mache ich am liebsten. Ich vermute es ist eine Verbindung zu Mutter Natur. Es gibt nicht viele andere Sachen die man tun kann, die dich so nahe ranbringen. Du reitest einen direkten Energieimpuls von Mutter Natur. Es ist groß, es ist fassbar, du tanzt damit und manchmal kommst du in sie rein. Oft bist du die einzige Person die je mit diesem einzigartigen Energieimpuls in Berührung kommt bevor er in der Geschichte des Universums verschwindet. Es ist ein wundervolles Gefühl, es ist erdend.

Weltweit gibt es gewisse Stereotypen für Deutsche. Wir trinken Bier und essen Bratwurst mit Sauerkraut. Was hattest du für Erwartungen als du vor knapp zwei Jahren das erste Mal hergekommen bist und was hast du dann tatsächlich erlebt? Mittlerweile bist du ja schon zum fünften Mal hier.

Xavier Rudd: Ich liebe Deutschland. Die Leute sind sehr freundlich und entspannt. Sie sind ruhig und jeder macht sein eigenes Ding. Ich mag das sehr. An vielen Orten gehen die Leute sehr unfreundlich miteinander um. Nicht in Deutschland, die machen ihr eigenes Ding. Wenn du jemanden etwas fragst, versuchen sie alles um dir weiterzuhelfen. Sie sind sehr organisiert, Deutsche scheinen sehr organisiert zu sein. Alles ist... (Xavier macht ein paar Pfeifgeräusche und macht in der Luft kurze, abrupte Bewegungen mit den Händen). Das ist spitze, weil ich so unorganisiert bin (lacht). Was noch (überlegt). Es macht Spaß hier Musik zu machen.

Wird dein Song „Jack“ es jemals auf ein reguläres Studioalbum schaffen? Deine Fans lieben den Track.

Xavier Rudd: Vielleicht. Eines Tages vielleicht, wer weiß (grinst)? Es ist ein sehr alter und besonderer Song für mich. Leute fragen mich oft ob ich ihn spielen kann, aber das kann ich nicht einfach so. Ich muss den Song fühlen. Manchmal spiele ich ihn, aber nicht sehr oft.

Vielen Dank für das Interview!

Mit freundlicher Unterstützung von Dennis Saia (Starkult) und Sebastian Hubl (Brainstorm)!

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