Acapulco Show
A-cappella-Musik hat eine lange Tradition in Deutschland. Angefangen bei den Comedian Harmonists in den 20er- und 30er-Jahren bis hin zu den Wise Guys heute, die es mit ihrem letzten Album „Radio“ immerhin auf Platz 3 der deutschen Media-Control-Charts schafften.
Wenn man die heutige A-cappella-Musik betrachtet, waren die 6-ZYLINDER in Westdeutschland und die PRINZEN (vorher HERZBUBEN) in Ostdeutschland Wegbereiter einer Welle von Gruppen und Ensembles, die sich in kleiner Besetzung an modernen Stücken versuchen und dabei neben der melodischen Hauptstimme in den übrigen Stimmen begleitende Instrumente nachahmen. Heute wird die Szene von jungen, frischen Bands wie BASTA (Köln) und VIVA VOCE (Ansbach) beherrscht. Dennoch macht es immer noch großen Spaß, sich ein Konzert der 6-ZYLINDER anzusehen, ohne die der Erfolg der aktuellen Gruppierungen nicht denkbar wäre.
Die 6-ZYLINDER bestehen in leicht wechselnder Besetzung seit 1983 und haben mit ihrem ersten Studioalbum „Vokal total“ im Jahr 1989 die A-cappella-Szene revolutioniert, da zum ersten Mal poppige und rockige Songs als Grundlage für chorische Arrangements verwendet wurden. Seitdem haben sie eine Reihe verschiedener Programme aufgeführt, die sich immer an bestimmten musikalischen Richtungen orientierten. Sei es „Zwing, Zwang & Sohl“ mit souligen Klassikern, „Brunftzeit“, mit fetzigen deutschen und englischen Beziehungsliedern, oder „.singen“ mit einem eher getragenen, zum Teil französischsprachigen Repertoire.
Das neue Programm trägt den Titel „Acapulco“ und man könnte es grob als Hommage an internationale Singer und Songwriter wie Nat King Cole, Johnny Cash, Bruce Springsteen aber auch Götz Alsmann bezeichnen. Nach dem überraschenden Ausstieg von Bariton Winne Voget hat man sich mit Marco A. Billep von der Berliner Formation TUNEFISH frisches Blut in die Gruppe geholt, der vor allem im Bereich des „Beatboxing“ einen neuen Wind wehen lässt.
Das Konzert beginnt mit dem Opener „Acapulco-Show“, bevor Bass Henrik Leidreiter erklärt, wie es zu dem Titel kam: „So viele Menschen sagten zu uns, ihr macht doch so Acapulco. Gesang ohne Musik. Das Programm ist ein Kompromiss. Wir nennen unser Programm Acapulco, dafür sagt ihr nicht mehr, dass es keine Musik ist.“
Die 6-ZYLINDER machen Musik. Daran besteht kein Zweifel. Und wer sie live erlebt, der spürt, dass sie immer noch zurecht den Ruf als Pioniere der deutschen A-cappella-Musik tragen. Es sind die neuen Trends, die hier entstehen. Nici Leibel interpretiert „Mexico“ von den Les Humphries Singers auf unnachahmliche Weise, bevor in madrigaler Form „The Goslings“ von Sir Fredrick Bridge vorgetragen wird oder Tilo Beckmann in perfekter John Travolta-Manier zu „Stayin’ alive“ aufruft. Das holländische Bandmitglied Jos Gerritschen schließlich zeigt seine enormen stimmlichen Fähigkeiten mit Belafontes „Jump in the line“ und „Hungry hearts“ vom Boss, bevor Nici mit einer herzerweichenden Version des Siegel-Klassikers „Ja, Ja der Chiantiwein“ die Pause einläutet. Letzterer Song sicher ein Zugeständnis an die reichlich anwesenden Vertreter klassischer Chormusik, die einfach mal sehen wollen, „was man noch so machen kann“.
Nach der Pause geht es weiter im Takt mit „Find the cost of freedom“ von Crosby Stills Nash & Young, das die sechs Mitstreiter auf ungewöhnliche Weise vortragen, indem sie sich auf der Bühne im Kreis zusammenstellen und gegenseitig ansingen. Jos glänzt erneut mit „If I could change the world“ von Eric Clapton und dem wundervollen „Kiss from a rose“ (im Original von Seal). Für das nicht anwesende holländische Publikum gibt es „Ding a dong“ der 70er-Jahre-Grand-Prix-Gewinner Teach-In aus Holland und endlich trägt Countertenor und Bariton Thomas Michaelis mit einer beeindruckenden schauspielerischen Leistung Hermann Leopoldis „I bin a stiller Zecher“ vor und lässt sich dabei auch nicht von kleinen Widrigkeiten wie umfallenden Weingläsern aufhalten.
Die Höhepunkte kommen zum Schluss. Jos Gerritschen, der mit seiner Stimme das Konzert in den entscheidenden Momenten beherrscht, trägt „Under the moon of love“ vor und verwurstet dann gemeinsam mit Marco A. Billep den Jennifer Lopez-Heuler „Lets get loud“ zum teils deutschen „Jetzt wird’s laut“. Im Zugabenteil dann zur Freude des Publikums die Klassiker „Thank god I’m a country boy“ von John Denver – instrumental begleitet mit Rasenrechen, Schippe und Klappstühlen, das unvermeidliche „Auf Wiedersehen in Garmisch-Partenkirchen“ und der jazzige „Zementmixer“, teilweise getanzt von Thomas Michaelis. Nici beendet mit einem herzzerreißenden „When I need you“ ein wundervolles Konzert und die 6-Zylinder beweisen, dass sie noch nichts verlernt haben und zurecht von der FAZ als „Lokomotive des A-cappella-Zugs“ bezeichnet wurden.
Zeigt den Sängern von heute weiterhin, was alles möglich ist, und die Chormusik wird auch in Zukunft ihren Platz in der Musikwelt behalten.