6-Zylinder

Acapulco

14.05.2009 TUFA (Tuchfabrik) / Trier

Von: Andreas Weist

6-Zylinder Trier

Endlich verirrten sich die Pioniere der deutschen A-cappella-Szene mal wieder in den Trierer Raum. Die Kleinkunstbühne der TUFA hat in den letzten 26 Jahren (so lange sind die Münsteraner schon ohne Instrumente unterwegs) eine Reihe von Auftritten der Stimmvirtuosen erleben dürfen. Doch so gespannt wie jetzt bezüglich der neuen Entwicklungen war ich noch nie. Hat die Gruppe doch gerade im vergangenen Jahr eine Reihe von Besetzungswechseln hinnehmen müssen, die erst einmal verdaut werden wollen. Immerhin verließen im Sommer 2008 mit Nicolas Leibel und Tilo Beckmann zwei Gründungsmitglieder das Ensemble, um neue berufliche Wege einzuschlagen. Auch Beatbox-Experte Marco A. Billep strich nach nur zwei Jahren die Segel, um eine Musicalkarriere zu starten. Können Jos, Thomas und Henrik diese Lücken stopfen? Sie können! Zunächst mit der Rückkehr von Winne Voget, der nach 2 Jahren Pause wieder zu der Gruppe gestoßen ist, und durch Matthias Ortmann, der neu gecastet wurde. Die Zylinder machen also zu fünft weiter – ohne allerdings ihren Namen zu ändern. Muss auch nicht sein, denn mit Soundmeister Dieter Steffan am Mischpult haben sie den idealen sechsten Mann in der Hinterhand, dessen sensibles Händchen an den Reglern das Klangerlebnis perfekt macht.

Die neue Show heißt "Acapulco" und Bass Henrik Leidreiter erklärt zu Beginn, wie es zu dem Titel kam: "So viele Menschen sagten zu uns, ihr macht doch so Acapulco. Gesang ohne Musik. Das Programm ist ein Kompromiss. Wir nennen unser Programm Acapulco, dafür sagt ihr nicht mehr, dass es keine Musik ist." Der Opener trägt den Titel "Let’s Get Loud" und der Name ist Programm: Vom ersten Ton an wird das Publikum zum Mitmachen angeregt. Ein feiner Einheizer. Matthias Ortmann kann mit "Mexico", dem bekannten Klassiker der Les Humphries Singers, schon im zweiten Stück von seinen Soloqualitäten überzeugen. Eine wundervolle Tenorstimme hat der Neue, die sich perfekt in den Sound der Zylinder einfügt. Erstmals sind diese ja ohne Countertenor unterwegs – man vermisst ihn aber auch (ehrlich gesagt) nicht. Die hohen Töne werden durch ein homogenes Klangbild obsolet. Und auch die in den letzten zwei Jahren verstärkt ins Spiel gebrachten Beatbox-Elemente werden von Bass Henrik dezenter aber dadurch pointiert eingesetzt.

Nächstes Highlight ist "Das Spiel", im Original von Annett Louisan, jetzt aber aus Männersicht textlich ganz neu gedeutet. "Wir wolln doch nur spieln" wird polyphon und recht naiv eingesungen – und bekommt mit "Wir wolln doch nur spüln" zum Schluss eine unerwartete Kehrtwendung. Die choreographischen Elemente mit fünf über die Bühne tänzelnden Männern sind einfach göttlich. Überhaupt nehmen Comedy-Elemente breiten Raum ein. Wenn beispielsweise Thomas Michaelis das Hauptmikro übernimmt, kommt zwangsweise ein parodistisches Element in die Songs, auch bei durchaus ernstgemeintem Liedgut wie dem Nat King Cole-Klassiker "Straighten Up And Fly Right". Winne Voget besingt die Vorteile von Pauschalreisen und Henrik darf mit sonorer Stimme den Song "Ja, Schatz" des Kabarettisten Bodo Wartke interpretieren – eine Moritat über einen Mann, der zu Hause böse unterm schlappen steht und Mordgedanken hegt.

Götz Alsmanns "Kleiner Schneemann" passt zwar nicht so ganz zur Jahreszeit, wird aber mit per Mund erzeugtem Bläserklang und vokalen Percussionelementen genial an die Zuhörer gebracht. Jos Gerritschen besticht mit einer Gänsehaut erzeugenden Version von Springsteens "Hungry Heart" und beweist einmal mehr, welch hohen Wiedererkennungswert seine Stimme hat. Und wenn dann Michaelis als westfälischer Kartoffelbauer die Bühne entert, um mit den Anwesenden das "Westfalenlied" anzustimmen und den "Englishman in New York" zum Bekenntnis "Ich bin Westfale und geh nicht fort" umzudichten, bleibt kein Auge trocken. Nach 60 Minuten beendet der Klassiker von John Denver "Thank god I’m a country boy" – instrumental begleitet mit Rasenrechen, Schippe und Klappstühlen – den ersten Teil.

Für Teil zwei gibt es mit "Loco in Acapulco" ein weiteres Themenstück, bevor Michaelis wieder ran darf und bei dem an die Blues Brothers angelehnten Song "Heidi", der "die Story von Heidi dem Model" erzählt, die Leadstimme übernimmt. Das Programm wird einerseits eine Hommage an die großen Singer / Songwriter der letzten Jahrzehnte und bietet andererseits lustige, spritzige Einsprengsel, die den Abend nie lang werden lassen. Die Mischung ist perfekt. Sei es "Jump In The Line" mit südländischer Attitüde und gekonntem Hüftschwung, der Joel-Klassiker "Abtaun, Girl", der sich jetzt mehr den anstehenden Haushaltstätigkeiten zuwendet, oder die Eigenkomposition "Damenwahl". Und zwischendurch immer wieder Jos – "The Voice" – der schmachtend "Adios le pido", das herzzerreißende "Change The World" und mit stimmlicher Brillanz "Under The Moon Of Love" zu Gehör bringt. Ein Fest für die Sinne, bei dem man nur andächtig zuhören kann.

Thomas Michaelis glänzt mit einer schauspielerischen Leistung als "Stiller Zecher" und auch im Zugabenteil darf er als "Zementmixer" sein komödiantisches Können unter Beweis stellen. Neben diesen beiden Zylinder-Klassikern soll natürlich auch "Auf Wiedersehn in Garmisch-Partenkirchen" nicht fehlen, das schon seit Jahrzehnten ein absolutes Highlight im Repertoire ist. Insgesamt gab es allerdings recht wenige Altlasten aus vergangenen Programmen, sondern eine äußerst frische Darbietung neuer Arrangements – vorgetragen mit viel Esprit und Elan. Neuzugang Matthias hat nach 130 Minuten reiner Showlänge das Schlusswort und beendet mit "When I Need You" ein Konzert der Spitzenklasse.

Das Zugpferd der neuen deutschen A-cappella-Bewegung ist gut wie eh und je. Klar gab es Durchhänger, beispielsweise zur Zeit der "101-Tenöre"-Show, die so gar nicht den hohen Erwartungen entsprach, und aufgrund der Unsicherheit aufgrund diverser Besetzungswechsel im vergangenen Jahr. Doch wer jetzt die Zylinder in ihrer Fünferbesetzung erleben kann, wird positiv überrascht sein. In Trier gab es Standing Ovations schon vor der Zugabe und das Publikum war absolut begeistert. Auch ich als langjähriger Kenner (und Bewunderer) der Truppe kann unumwunden sagen, dass es das beste A-cappella-Konzert war, das ich seit langem gesehen habe. "Acapulco" ist ein rundes Programm aus einem Guss und wer Vokalmusik mag, tut gut daran, sich einen Abend mit der Speerspitze des Genres zu gönnen. Nächste Gelegenheit in der Trierer Region ist das Konzert am 12. September in der Hochwaldhalle Hermeskeil. Ich freu mich drauf!

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