Crash Love Tour 2010 - Support: The Dear & Departed
Seit fast 20 Jahren bereichen die Kalifornier von AFI (kurz für “A Fire Inside”) die Musikszene. Eine fortlaufende musikalische Entwicklung durch die Jahre änderte auch stets die Anhängerschaft der Band. Spätestens seit “Decemberunderground” kristallisierte sich ein Rückgang der Hardcoreelemente und mit dem aktuellen Werk “Crash Love” wurde dies bestätigt. Somit stellten sich einige interessante Fragen für das Konzert in der Großen Freiheit Hamburg, wie in etwa wie sich das Publikum zusammensetzen würde, wie gefragt die Band noch sei und vor allem wie sie auftreten würde. Denn ebenso wie die musikalische Veränderung, änderte sich auch stets das optische Livebild der Band.
Auf den ersten Eindruck schien die Große Freiheit 36 nicht sehr gut besucht zu sein. Viel jüngeres Publikum füllte den vorderen Bereich, während die ältere Generation sich bevorzugt im äußeren Kreis aufhielt. Gegen 20 Uhr begann der Supportact The Dear And Departet und wärmten den noch nicht gefüllten Saal mit ihrer wave-angehauchten Alternativemusik auf. Eine leichte Assoziation mit The Cure oder gar Joy Division lag zeitweise in der Luft und das Publikum taute langsam auf. Frontmann Dan Under, der mit seinem zutätowierten Körper und seinem Styling optisch eher etwas an Rockabilly erinnerte, überzeugte mit seinem gefühlvollen und ausdrucksstarken Gesang. Die eingängige und ruhige Musik, sowie die Hingabe der Band schien bei den Anwesenden gut anzukommen, die zum Ende der Show laut jubelten und klatschten.
Langsam füllte sich auch die Große Freiheit, denn nun sollten bald AFI zu einem ihrer seltenen Deutschland-Konzerten die Bühne betreten. Nun bestätigte auch der gefüllte Raum, dass AFI nach wie vor ihre treue Fanbase in Deutschland besaßen. Menschen, die offensichtlich von Beginn an dabei waren, als auch jüngere Anhänger, die alles im Nachhinein mitverfolgt hatten blickten gespannt zum Treiben der Umbauarbeiten on Stage. Leider mussten sich die Fans noch bis 21.20 Uhr gedulden. Doch dann erlosch das Licht und die Bandmitglieder von AFI wirbelten unter lautem Jubel ins Rampenlicht und starteten sofort mit “Medicate” ihre Setlist. Das Bühnenbild gestaltete sich typisch AFI, sehr stylisch und dem “Crash Love” Cover Artwork angepasst. Auf der Basedrum prangte das Crash Love Herzlogo, im Hintergrund prangte ein farblich angepasster AFI Banner. Durch gold-braune Farbgebung entstand automatisch eine warme Atmosphäre. Frontmann Davey Havok, Meister der Verwandlung, der im Jahre 2006 noch mehr wie eine Transe aussah, erschien dieses mal im etwas männlicheren Outfit. Mit Dreitagebart, neuer Haartolle mit abrasierten Seiten und Jeans ließen lediglich die goldene Glitzer-Jacke, die auf sein Glitzer-Ohrstöpsel und die Glitzer-Boxen perfekt abgestimmt waren, seinen sonst so weiblichen Touch erkennen. Die übrigen Bandmitglieder beließen es bei stilvollem Schwarz oder Weiß. Das Publikum zeigt sich von der ersten Sekunde an textsicher und sang auch bei dem folgenden “Girl’s Not Grey” lautstark mit. Freudenschreie wuden laut, als bereits an dritter Stelle der Hit des Sing The Sorrow Albums “Leaving Song Pt. 2” erklang.
AFI hielten die gute Mischung an Altem und Neuem durchgehend bei. Härtere Töne wurden bei “Kill Caustic” angestimmt, um gleich darauf bei “End Transmission” wieder einen Gang zurück zu schalten – doch nicht ohne die auf der Bühne herrschende Energie zu verlieren. Auch das Publikum schien vor Freude schier überzuschäumen. Die Masse tanzte wild zu “Perfect Fit”, über das sich vor allem die älteren Fans sehr freuten. Davey ging völlig in seinem Element auf und präsentierte jeden einzelnen Song 200prozentig. Der chorale Einsatz bei “Beautiful Thieves” wurde vom Gesang des Publikums übertönt und Davey fiel theatralisch auf die Knie. Lediglich das zeitweise Knacken des Mikrofons störte minimal die ein oder andere Songstimmung. Und wieder ging es zurück in die “Very Proud Of Ya” Zeiten – zu dem punklastigen “Love Is A Many Splendored Thing” schall Davey ein lautes (natürlich nicht ernst gemeintes) “I Hate You” des Refrains vom Publikum entgegen.
Dann griff Jade Puget zur Akustikgitarre. Das Licht wurde gedimmt und Drummer Adam Carson begab sich von seinem Schlagzeug in den Vordergrund zu seinen Bandkollegen. Mit einem Ryhthmus-Ei gab er den Takt zu Jade’s Gitarre und einem auch gesanglich wundervoll vorgetragenen “On The Arrow” an. Eine sanfte, verträumte Stimmung machte sich breit, die im Folgenden lediglich durch “Death Of Seasons” umgekehrt werden konnte. Plötzlich herrschte Aufruhr, da der Versuch eines Circle Of Death gestartet wurde. Doch da die Menge sich scheinbar nicht ganz einig war, ob es ein Circle Of Death oder eine Wall Of Death werden sollte, verlief es sich schnell im Sand. Der sehr abwechslungreiche Song enthielt sogar das Album-Outro bis ins letzte Detail inklusive einem auf der Box knienden Davey, der auch noch die letzten Vocals hingebungsvoll ins Mikro stieß. Nach dem folgenden gute Laune Song “Miss Murder” verließen AFI kurz vor 22 Uhr die Bühne.
Doch es gab nur eine kurze Atempause für die Jungs. Nach wenigen Anfeuer-Minuten erschienen sie mit “Days Of The Phoenix” zurück. Bei der zweiten Zugabe “Love Like Winter” erwartete das Publikum eine Überraschung. Davey übergab die zweite Strophe an The Dear And Departed Frontmann Dan Under weiter, der plötzlich wieder mit auf der Bühne stand. Die beiden Frontmänner brachten den Song gemeinsam zu Ende. Ihre Stimmen harmonierten wunderbar zusammen und auch das Publikum ließ die beiden nicht im Stich. Mit “Silver And Gold” gelangten AFI dann leider zum endgültigen Schlusspunkt ihrer Show. Dankbar badete Davey im lauten Applaus bevor AFI die Bühne verließen.
An diesem abend kamen mit Sicherheit alle auf ihre Kosten. AFI hatten mit ihrer abwechslungsreichen Songwahl als auch der qualitativ hochwertigen Show für einen Genuss von Augen und Ohren gesorgt. Die Fans schritten gut gelaunt zum Ausgang und bereits wenige Stunden nach dem Konzert ließen sich begeisterte Kurz-Mitschnitte auf youtube finden. Schade, dass Deutschland nicht öfter die Chance bekommt, AFI für eine Tour empfangen zu dürfen.