Alice Cooper & Whitesnake – Live In Germany 2008
Wenn Heroen des Hardrock zum Gipfeltreffen rufen, dann müssen große Hallen her. Vor zwei Jahren waren es Alice Cooper und Deep Purple, die sich ein Stelldichein gaben. Aktuell lädt der Schockrocker aus Detroit gemeinsam mit Whitesnake ein. Auch die Vorzeichen haben sich ein wenig gewandelt. Das aktuelle Album „Along Came A Spider“ gibt dem US-Musiker und passionierten Golfspieler soviel Auftrieb, dass Whitesnake um Mastermind David Coverdale den ersten Konzertteil gestalten müssen. Eine weise Entscheidung, wie sich vor allem aus soundtechnischer Sicht rausstellen wird.
Die britischen Hardrocker sind seit 30 Jahren im Geschäft und nutzen die aktuellen Konzerte, um ihre Geschichte mit einem wahren Hitreigen durch die Jahrzehnte zu feiern. Allein David Coverdale ist seit 1978 dabei. Die übrigen Bandmitglieder stießen in den Jahren 2003 bis 2007 zur Gruppe, so dass immer die Gefahr besteht, dass Whitesnake zum Soloprojekt des gealterten Coverdale mutieren. Allerdings besteht da nicht wirklich eine Gefahr, denn auch die hervorragende Gitarrenfraktion mit Doug Aldrich und Reb Beach weiß sich neben dem omnipräsenten Frontman sehr gut in Szene zu setzen. Meist allerdings beherrscht Coverdale die Bühne – rennt, springt und schreit. Seine Gesangsstimme ist nicht mehr die beste, doch an den Gerüchten, dass einige Passagen vom Band eingespielt werden, ist auch nichts dran. Vielmehr nutzen die Jungs einfach die Möglichkeit, dass andere Bandkollegen im Backgroundgesang teils kräftig zur Tat schreiten. So kann es schon mal vorkommen, dass Timothy Drurys Stimme lauthals ertönt, wenn Coverdale sich durch eine hohe Passage quält. Das ist durchaus legitim und tut dem Konzertgenuss keinen Abbruch. Der Set startet mit „Best Years“ und „Fool For Your Lovin‘“ sehr rockig und Whitesnake wissen die Massen schnell zu begeistern. Auch ich als bekennender Coverdale-Skeptiker lasse mich schnell eines Besseren bekehren und muss die Qualität des Konzerts überrascht eingestehen. Allein der Sound könnte besser sein. Ich will man dem Mischer zugute halten, dass er eventuell versuchte, Coverdales stimmliche Probleme stellenweise instrumental zu übertünchen. Wenn man aber den glasklaren Sound 90 Minuten später bei Alice als Referenz nimmt, dann ist das stellenweise Krachen in den Boxen kaum verständlich.
Zur zweiten Hälfte des Auftritts steigt die Hitdichte rapide an: „Is This Love“, „Ain’t No Love In The Heart Of The City“, „Here I Go Again“ und ein fulminanter Abschluss mit „Still Of The Night“ sprechen Bände. Nach 85 Minuten und einer Zugabe geht ein gutes erstes Konzert des Abends zu Ende. Unverkennbar ist natürlich David Coverdale als Ausnahme-Frontman, der aber auch den sich völlig verausgabenden Instrumentalisten genug Raum gibt, ihr Können zur Schau zu stellen. Das „Guitar Duel“ in der Konzertmitte hat mehr als nur Showcharakter. Hier stehen Ausnahmeinstrumentalisten auf der Bühne. Und wenn man weiß, dass Aldritch als zweiter Songwriter neben dem Fronter fungiert, ist doch noch eine rosige Zukunft zu erwarten.
Dann aber der Meister Alice. Geheimnisvoll wird die Bühne zunächst durch ein großes Tuch mit dem berühmten Schriftzug verhüllt, dann folgt ein kurzes tödliches Schattenspiel und der Vorhang fällt. Cooper beherrscht die Bühne ich schwarzer Kluft, mit Totenkopfgürtel und geschminkt wie eh und je. Man sieht ihm die 60 Jährchen echt nicht an. Die Zeit der Totalabstürze ist längst vergangen und Alice hat die leidenschaftliche Hingabe zum Alkohol mit der Passion des Golfspielens getauscht. Viel gesünder – und hält fit, wie man sieht. Das Konzeptalbum „Along Came A Spider“ ist eigentlich ein Meilenstein in Coopers Discographie. Selten wurde eine Story musikalisch so gut umgesetzt. Das Album erzählt die Geschichte des Massenmörders Spider, der seine letztlich acht Opfer in Seide hüllt und ihnen eine Bein ausreißt, um sich den Torso einer Spinne zu basteln. Das Werk ist filigran um die Geschichte herum arrangiert, ohne dabei einzelne Songs besonders in den Vordergrund zu stellen – eigentlich wie geschaffen für eine umfangreiche Bühnenumsetzung, die viel von der Geschichte erzählt. Zu meinem Bedauern wagt Cooper das Experiment einer Neuausrichtung nicht und wählt von diesem Longplayer nur zwei Titel, darunter aber zumindest das starke „Vengeance Is Mine“ aus. Ansonsten bildet der Set einen Querschnitt durch die jahrzehntelange Hitgeschichte. Klar, damit geht man gegenüber der Hardrock-Gemeinde auf Nummer sicher. Dennoch hätte mich ein Ausflug in die Welt von Spider sehr gefreut.
Für die Fans gibt es in knapp 100 Minuten Länge die gewohnten Leckerbissen von „No More Mr. Nice Guy“ und „I’m Eighteen“ über „Woman Of Mass Destruction“ und „Dirty Diamonds“ bis hin zu „Welcome To My Nightmare“ sowie „Only Women Bleed“. Den krönenden Abschluss geben die Klassiker „School’s Out“ und „Poison“, die „Billion Dollar Babies“ in ihrer Mitte haben, bei dem der Protagonist des Abends fleißig Dollarnoten mit eigenem Konterfei unters Volk bringt.
Die theatralische Show ist wie immer großer Bestandteil des Konzerts. Als „Schauspielerinnen“ wirken Frau und Tochter mit. Es wird intrigiert und gemordet, eine Babypuppe massakriert, Alice in eine Zwangsjacke gesteckt – das Theater ist eigentlich immer gleich. Allerdings wird die Frankenstein-Sequenz zur Abwechslung mal durch eine Henkerszene ersetzt, in der Cooper auf der Bühne aufgehängt wird. Sieht gefährlich aus und ist äußerst wirkungsvoll. Der Gute weiß immer noch, wie man die Massen im Griff hält.
Doch auch die Liveband ist hervorragend. Vor allem Schlagzeuger Eric Singer ragt aus der Truppe heraus und legt göttliche Passagen und Soli hin. Als einziger ist er bereits seit 18 Jahren in Coopers Tross, die anderen stiegen im Lauf dieses Jahrtausends in die Band ein. Einen genialeren Livesound hab ich selten gehört. Der Klang war glasklar und alles bis ins Detail zu hören – ohne Krachen, ohne Rauschen. Einziges Manko war die ohrenbetäubende Lautstärke. Manche Mischer verwechseln dann doch immer noch guten Sound mit einem Lärm, der die meisten Zuschauer zu Ohrstopfen oder Notfall-Taschentüchern greifen lässt. Nicht selten beobachtete ich Leute in meiner Umgebung, die sich während harter Gitarrenpassagen dezent die Ohren zuhielten. Das muss doch nicht sein.
Alice Cooper ist weiterhin einer der charismatischsten Künstler weltweit. Ein Backkatalog, der seinesgleichen sucht, ein hervorragendes neues Album, die spannende Biographie „Golf Monster“ und dann noch Konzerte wie dieses in Frankfurt. Was will man mehr?